Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und
Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen
Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in
den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße,
verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen,
loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und
Zickzacklinien seinen Heimweg fort.
Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein
gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf
dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail
war er auch noch einmal eingekehrt.
Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so,
als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte
sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche
Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.
Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und
Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende
Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte
vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn.
»Gud gelaoden,« lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß
es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der
Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. »No, bei Eich werd et
eweil aach bal klimpern, wat? Saot« -- er flüsterte wichtig und spitzte
neugierig die Ohren -- »mir könnt Ihr't eweil dreist anverdrauen,
wän -- wän« -- der Schlucken stieß ihn -- »wän haot Eich -- ebbes --
ver--vermaacht?«
»Jongfra Maria!« Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu
umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. »Still, äwer still,
dat se 't net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt,
krieht mer de Krankhaat!«
»Wän haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wän?« Der Alte riß blöd die
Augen auf.
»Hei dän Däumerling,« lachte Peter und streckte seinen Daumen in die
Höhe.
»O dau Filu!« Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. »Ihr
spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!«
»Kann sein, kann aach net sein!« Peter zuckte die Achseln. »Äwer,
Krumscheid, hört ehs« -- er zwinkerte vertraulich -- »seid eweil e su
gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht
se met Zönsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waaßt jao schuns! -- E su
bal ech ausgezaohlt gänn!«
»Lehnen -- Dahler --?!« Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte
argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die
Thaler schützen.
Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle
Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.
Peter packte ihn fest unter den Arm. »Met Zönsen widder,« raunte er
ihm in's Ohr. »Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft,
gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil
kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier
Knöchelcher anzeln ufsuchen.«
»Jesses!« Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. »Kriehn
ech se dann aach widder, mein Dahlersch?« stammelte er ängstlich.
»Uf Ehr on Säligkaat,« sagte Pittchen feierlich. »Hopp! Maacht, gieft
Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!«
»Jeßmarijusep!« Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half
ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande
kommen.
Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine
schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin
waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf --
lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene;
die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das
fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an
den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen
Silberklang mehr.
Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die
Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig
Sinnlosen den abschüssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmütig bis in
die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett.
Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.
Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als
Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt
und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.
Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem
unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie
das eines toten Kindes.
Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich
nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen
aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen.
Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern
glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.
Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte
sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht
geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte
sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und
das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun.
So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen
Lieblichkeit.
Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß --
hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rätselhaft, wo
sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt
die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust
ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig
abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.
Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der
Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen
Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!
Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf
hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was,
amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne
Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!
Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die
Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er
mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief
über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.
Da knarrte die Thür; Peter trat ein.
Mit einem unterdrückten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals.
Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn.
Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. »Pittchen, mir maachen morjen
nao Oberkail, gäl? Dau giehst met mer danzen, gäl?« Sie flüsterte und
drückte ihn heftig an ihre weiche volle Brust.
»Watt dann?« Er sah sie verwundert an. »Wie kömmste e su im Momang dao
druf? Wän haot dir dat in dän Koap gesetzt?«
»Dat Tina waor hei,« sagte sie hastig. »Et saot, dau hättst em
versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei?« Sie
hielt ihm die Wange hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer
Kratz zog. »Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer ech giehn
met. Jesses« -- sie machte einen kleinen Hopser -- »ech hören se
schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, mir giehn daor?« Sie blinzelte ihn mit
schwimmenden Augen an.
»Dat Tina, dat frech Mensch,« murrte Peter und kratzte sich mißmutig
hinter den Ohren. »Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!«
»Olau!« Lucia lachte ihm in's Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter:
»Dän Küster waor hei, hän wollt kucken, wie weit datste als met dem
Kronleuchter wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, dän Hähr
Pastor däht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon
versucht --«
»Onnerstieh dech noch ehs!« Peter fuhr sie so heftig an, daß sie
betroffen zurückwich. Mit großen Schritten eilte er zur Kammerthür, zog
den Schlüssel aus seiner Tasche und stieß ihn in's Schloß; dann krachte
er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal herum zuschloß.
Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war
ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort.
Sie klopfte und schlug gegen die Thür. »Pittchen, hörste dann net?
Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!«
Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, daß er ihr
die Thür gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stieß. Er beachtete
nicht, daß ihr die Thränen in die Augen schossen; stumm und hastig
schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag
übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.
Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung über ihn; er ließ seinen
heißen Kopf, wie erschöpft, an Lucias Schultern sinken und umfaßte
ihren Leib. »Dat waor en Strawatz,« stieß er unwillkürlich heraus,
»hährjeh!«
»Wat dann?« fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz.
Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer tiefer.
Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die
Tänzer.
Er murmelte in sich hinein: »Mer kann jao eweil dat Läwen net mieh
mantenören.« Und dann fuhr er plötzlich auf: »Zeih, freu dech!«
»Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen!« Froh überrascht
drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Backe. »Nao Oberkail!«
»Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein Ruh!«
Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schloß er hinter
sich zu. -- -- --
Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer
lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.
Unter der Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif
in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges
Hinundhergehn und unterdrücktes Fluchen.
Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mußte!
Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext;
wär' der nur geblieben, wo der Pfeffer wächst!
Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig
zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthür klaffte.
Nichts zu sehen, von innen war er verklebt.
»Pittchen,« rief sie und klopfte.
Keine Antwort.
Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwört.
Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. Das pfiff und
ächzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der
Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. Der
wilde Herbststurm riß am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die
Hütte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht.
Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte.
Zitternd schlich sie in's Bett zurück. -- -- --
Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der
Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, an der ein großes Loch die Stelle
zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. »Dau,« murmelte sie drohend und
ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. »Brauchst dau erunner zo
porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil däht hän heit met mer
nao Oberkail giehn!«
So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen
heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn
störte.
Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch
einen schickte, der sie mitnähme!
Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich noch einmal; die
Haare glänzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid
sah doch noch erträglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen,
von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit
Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel
blitzten, wie pures Gold! 's war zwar nur blankgeputztes Messing, ein
Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte
Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch
noch mit dreingeben müssen.
Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthür,
stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus.
Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel die Dorfstraße
herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß
sie aus -- das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!
Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen ihm entgegen. Daß ihr
nur keine zuvorkam!
Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, aus allen
Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit
Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen.
Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam
auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer.
Der schöne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus
seinen blanken Augen und lachte über das ganze runde Kindergesicht, daß
sich die Grübchen in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.
Wen suchte er?
Nun war Lucia bei ihm. »Hähr Schandarm, Hähr Schandarm,« stammelte sie
atemlos, mit ihrem strahlendsten Lächeln.
»Verfluchtes Schwein -- pardon, wollte sagen: riesiges Jlück!« Er
legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines
Eroberers. »Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!« Er gab sich Mühe,
das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut
über die Begegnung, daß er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich
sich unternehmend den Schnurrbart. »Riesig erfreut!«
»Es et waohr?« fragte sie treuherzig. Die Häuser tanzten vor ihren
Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer
Glückseligkeit -- den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt!
Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim
Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber
nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die
schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am
Berg, wo das Fußfällchen[35] steht.
Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre Hütte; sie küßte und
bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich
nicht rühren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in's
Mäulchen.
Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt und dann an die
Kammerthür geklopft. »Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!«
Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hörte den
Schemel umpoltern.
»Ech giehn nao Oberkail, adjes!« Sie wartete keine Gegenrede ab,
schnell war sie auf und davon; die Thür ließ sie in der Eile offen, ein
starker Zugwind blies in's Haus.
Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn hinaufstieg,
folgten ihr viel neidische Blicke.
Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die
Weiber standen zusammen, Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und
schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehaßt.
Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte
merklich mit dem linken Fuß. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den
Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.
Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, sie hörte ihn
drinnen poltern und fluchen.
Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein
blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den
Backenknochen, seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten
übernatürlich.
»Zeih,« schrie er aufgeregt, »Zeih!« Für heute war er fertig, und nun
mußte er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was,
nur reden, reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.
»Zeih!« schrie er, daß die Wände widerhallten. Sie antwortete nicht,
nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung.
Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war's in der Stube -- die
Zeih nicht da, wo war sie?
Verstört fuhr er sich über die Stirn -- hatte sie's ihm denn nicht
zugerufen: 'nao Oberkail' --?!
Wie ein Keulenschlag traf es ihn in's Genick; er brüllte auf: »Nao
Oberkail!«
Und mit wem --?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?!
Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Hütte umher -- nach, ihr nach! Er
wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf er alles
durcheinander; am liebsten hätte er geweint, wie ein altes Weib.
Da kam Tina.
Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; schlau wie ein
Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie küßte ihn und streichelte ihn; sie
sah schön aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren
und frisiert wie ein Fräulein.
Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie
mitzunehmen?!
Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit ließ sie ihm
noch, daß er von neuem Feuer anzündete und das Kind loswickelte; die
Zeih hatte es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.
Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschloß das Haus
sorgfältig und legte sogar die morschen Läden vor.
Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die
hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollständig zum Gehen
gerüstet, nur die schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig
umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch
nach Oberkail, und schloß sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu
sein.
Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so
wütendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere
Seite.
Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz
sittsamlich ihr Hubertche an der Hand führend; gleich darauf die Traut,
die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von
früher her.
Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte
Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine
Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden
kurzen Rock. -- »Tina, waart! Waart!« Sie kreischte immerfort: »Helao,
ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!«