VIII.

Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und

Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen

Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in

den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße,

verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen,

loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und

Zickzacklinien seinen Heimweg fort.

Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein

gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf

dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail

war er auch noch einmal eingekehrt.

Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so,

als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte

sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche

Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.

Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und

Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende

Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte

vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn.

»Gud gelaoden,« lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß

es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der

Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. »No, bei Eich werd et

eweil aach bal klimpern, wat? Saot« -- er flüsterte wichtig und spitzte

neugierig die Ohren -- »mir könnt Ihr't eweil dreist anverdrauen,

wän -- wän« -- der Schlucken stieß ihn -- »wän haot Eich -- ebbes --

ver--vermaacht?«

»Jongfra Maria!« Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu

umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. »Still, äwer still,

dat se 't net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt,

krieht mer de Krankhaat!«

»Wän haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wän?« Der Alte riß blöd die

Augen auf.

»Hei dän Däumerling,« lachte Peter und streckte seinen Daumen in die

Höhe.

»O dau Filu!« Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. »Ihr

spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!«

»Kann sein, kann aach net sein!« Peter zuckte die Achseln. »Äwer,

Krumscheid, hört ehs« -- er zwinkerte vertraulich -- »seid eweil e su

gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht

se met Zönsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waaßt jao schuns! -- E su

bal ech ausgezaohlt gänn!«

»Lehnen -- Dahler --?!« Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte

argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die

Thaler schützen.

Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle

Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.

Peter packte ihn fest unter den Arm. »Met Zönsen widder,« raunte er

ihm in's Ohr. »Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft,

gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil

kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier

Knöchelcher anzeln ufsuchen.«

»Jesses!« Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. »Kriehn

ech se dann aach widder, mein Dahlersch?« stammelte er ängstlich.

»Uf Ehr on Säligkaat,« sagte Pittchen feierlich. »Hopp! Maacht, gieft

Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!«

»Jeßmarijusep!« Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half

ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande

kommen.

Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine

schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin

waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf --

lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene;

die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das

fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an

den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen

Silberklang mehr.

Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die

Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig

Sinnlosen den abschüssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmütig bis in

die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett.

Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.

Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als

Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt

und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.

Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem

unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie

das eines toten Kindes.

Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich

nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen

aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen.

Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern

glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.

Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte

sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht

geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte

sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und

das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun.

So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen

Lieblichkeit.

Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß --

hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rätselhaft, wo

sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt

die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust

ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig

abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.

Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der

Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen

Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!

Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf

hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was,

amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne

Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!

Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die

Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er

mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief

über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.

Da knarrte die Thür; Peter trat ein.

Mit einem unterdrückten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals.

Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn.

Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. »Pittchen, mir maachen morjen

nao Oberkail, gäl? Dau giehst met mer danzen, gäl?« Sie flüsterte und

drückte ihn heftig an ihre weiche volle Brust.

»Watt dann?« Er sah sie verwundert an. »Wie kömmste e su im Momang dao

druf? Wän haot dir dat in dän Koap gesetzt?«

»Dat Tina waor hei,« sagte sie hastig. »Et saot, dau hättst em

versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei?« Sie

hielt ihm die Wange hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer

Kratz zog. »Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer ech giehn

met. Jesses« -- sie machte einen kleinen Hopser -- »ech hören se

schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, mir giehn daor?« Sie blinzelte ihn mit

schwimmenden Augen an.

»Dat Tina, dat frech Mensch,« murrte Peter und kratzte sich mißmutig

hinter den Ohren. »Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!«

»Olau!« Lucia lachte ihm in's Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter:

»Dän Küster waor hei, hän wollt kucken, wie weit datste als met dem

Kronleuchter wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, dän Hähr

Pastor däht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon

versucht --«

»Onnerstieh dech noch ehs!« Peter fuhr sie so heftig an, daß sie

betroffen zurückwich. Mit großen Schritten eilte er zur Kammerthür, zog

den Schlüssel aus seiner Tasche und stieß ihn in's Schloß; dann krachte

er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal herum zuschloß.

Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war

ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort.

Sie klopfte und schlug gegen die Thür. »Pittchen, hörste dann net?

Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!«

Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, daß er ihr

die Thür gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stieß. Er beachtete

nicht, daß ihr die Thränen in die Augen schossen; stumm und hastig

schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag

übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.

Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung über ihn; er ließ seinen

heißen Kopf, wie erschöpft, an Lucias Schultern sinken und umfaßte

ihren Leib. »Dat waor en Strawatz,« stieß er unwillkürlich heraus,

»hährjeh!«

»Wat dann?« fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz.

Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer tiefer.

Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die

Tänzer.

Er murmelte in sich hinein: »Mer kann jao eweil dat Läwen net mieh

mantenören.« Und dann fuhr er plötzlich auf: »Zeih, freu dech!«

»Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen!« Froh überrascht

drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Backe. »Nao Oberkail!«

»Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein Ruh!«

Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schloß er hinter

sich zu. -- -- --

Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer

lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.

Unter der Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif

in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges

Hinundhergehn und unterdrücktes Fluchen.

Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mußte!

Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext;

wär' der nur geblieben, wo der Pfeffer wächst!

Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig

zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthür klaffte.

Nichts zu sehen, von innen war er verklebt.

»Pittchen,« rief sie und klopfte.

Keine Antwort.

Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwört.

Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. Das pfiff und

ächzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der

Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. Der

wilde Herbststurm riß am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die

Hütte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht.

Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte.

Zitternd schlich sie in's Bett zurück. -- -- --

Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der

Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, an der ein großes Loch die Stelle

zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. »Dau,« murmelte sie drohend und

ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. »Brauchst dau erunner zo

porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil däht hän heit met mer

nao Oberkail giehn!«

So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen

heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn

störte.

Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch

einen schickte, der sie mitnähme!

Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich noch einmal; die

Haare glänzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid

sah doch noch erträglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen,

von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit

Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel

blitzten, wie pures Gold! 's war zwar nur blankgeputztes Messing, ein

Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte

Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch

noch mit dreingeben müssen.

Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthür,

stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus.

Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel die Dorfstraße

herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß

sie aus -- das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!

Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen ihm entgegen. Daß ihr

nur keine zuvorkam!

Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, aus allen

Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit

Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen.

Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam

auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer.

Der schöne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus

seinen blanken Augen und lachte über das ganze runde Kindergesicht, daß

sich die Grübchen in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.

Wen suchte er?

Nun war Lucia bei ihm. »Hähr Schandarm, Hähr Schandarm,« stammelte sie

atemlos, mit ihrem strahlendsten Lächeln.

»Verfluchtes Schwein -- pardon, wollte sagen: riesiges Jlück!« Er

legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines

Eroberers. »Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!« Er gab sich Mühe,

das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut

über die Begegnung, daß er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich

sich unternehmend den Schnurrbart. »Riesig erfreut!«

»Es et waohr?« fragte sie treuherzig. Die Häuser tanzten vor ihren

Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer

Glückseligkeit -- den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt!

Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim

Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber

nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die

schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am

Berg, wo das Fußfällchen[35] steht.

Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre Hütte; sie küßte und

bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich

nicht rühren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in's

Mäulchen.

Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt und dann an die

Kammerthür geklopft. »Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!«

Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hörte den

Schemel umpoltern.

»Ech giehn nao Oberkail, adjes!« Sie wartete keine Gegenrede ab,

schnell war sie auf und davon; die Thür ließ sie in der Eile offen, ein

starker Zugwind blies in's Haus.

Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn hinaufstieg,

folgten ihr viel neidische Blicke.

Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die

Weiber standen zusammen, Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und

schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehaßt.

Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte

merklich mit dem linken Fuß. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den

Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.

Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, sie hörte ihn

drinnen poltern und fluchen.

Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein

blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den

Backenknochen, seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten

übernatürlich.

»Zeih,« schrie er aufgeregt, »Zeih!« Für heute war er fertig, und nun

mußte er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was,

nur reden, reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.

»Zeih!« schrie er, daß die Wände widerhallten. Sie antwortete nicht,

nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung.

Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war's in der Stube -- die

Zeih nicht da, wo war sie?

Verstört fuhr er sich über die Stirn -- hatte sie's ihm denn nicht

zugerufen: 'nao Oberkail' --?!

Wie ein Keulenschlag traf es ihn in's Genick; er brüllte auf: »Nao

Oberkail!«

Und mit wem --?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?!

Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Hütte umher -- nach, ihr nach! Er

wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf er alles

durcheinander; am liebsten hätte er geweint, wie ein altes Weib.

Da kam Tina.

Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; schlau wie ein

Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie küßte ihn und streichelte ihn; sie

sah schön aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren

und frisiert wie ein Fräulein.

Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie

mitzunehmen?!

Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit ließ sie ihm

noch, daß er von neuem Feuer anzündete und das Kind loswickelte; die

Zeih hatte es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.

Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschloß das Haus

sorgfältig und legte sogar die morschen Läden vor.

Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die

hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollständig zum Gehen

gerüstet, nur die schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig

umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch

nach Oberkail, und schloß sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu

sein.

Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so

wütendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere

Seite.

Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz

sittsamlich ihr Hubertche an der Hand führend; gleich darauf die Traut,

die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von

früher her.

Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte

Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine

Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden

kurzen Rock. -- »Tina, waart! Waart!« Sie kreischte immerfort: »Helao,

ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!«

Das Weiberdorf · 第 28 / 49 题