Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen, in die Lachen und
Pfützen gesunken und da zerflossen; aber er strömte, auch nicht mehr
sichtbar, eine winterliche Kälte aus. Er steckte in der Luft, die
naßkalt und scharf wie mit Messern schnitt; er dräuete in dem Himmel,
der gleichmäßig grau und schwer über'm Thal hing.
Verschrumpelter schienen die wenigen Blätter, die Ebereschen hatten
ihre letzten Beeren verloren; Krähen kamen unruhig von den Bergen
herunter und saßen krächzend auf den Dachfirsten.
Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die Hütten waren dumpf wie
die Keller.
Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte Decke hatte er bis an die
Nase gezogen, aber er schlief nicht. Mit düstren Augen starrte er nach
Lucia, die am kalten Herd saß, das Kind an der Brust.
Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die Schultern gehängt,
fröstelnd zog sie ihn fest um sich. Sie war ganz blaß, nur ihre
Nasenspitze rot verfroren; jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete.
Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; über der linken Braue
hatte er eine mächtige Beule, das Auge war schwarz-blau unterlaufen.
Der Kopf schmerzte ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er
stöhnte.
»Willste ebbes, Pittchen?« Zeih sah nach ihm hin.
»Et es kalt, -- brrrr.« Er klapperte mit den Zähnen.
»Ech hoan ken Holz.«
»Verflucht!« Peter drehte sich nach der Wand um und sprach nicht mehr.
Sie sagte auch nichts.
In der Stube war's frostig, noch frostiger durch das Halbdunkel,
das darinnen herrschte; Zeih hatte einen Lappen vor das Fensterchen
gehängt, sonst pfiff der Wind allzu ungehindert durch die Ritzen.
In trauriger Mißfarbe schimmerten die nackten Wände, hie und da war
der Bewurf abgebröckelt, und der rohe Stein kam zum Vorschein. Im
Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten. Der Holztisch war lange nicht
gescheuert, Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord standen die
Schüsseln zerbrochen.
Lucia gähnte, es war ihr recht öd im Magen; prüfend sah sie sich um --
war denn gar nichts da, um die Flauheit wegzubringen und den Hunger,
der allmählich anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen? Ein warmer
Kaffee würde ihr gut thun. »Ha!« Sie schmeckte ihn schon in Gedanken.
Leise, um ihren Mann nicht zu stören, schlich sie auf den Zehen an den
Tellerbord. Auch nicht eine Bohne mehr in der Düte, kein Happen Brot
mehr da!
Trübselig starrte sie vor sich hin; da fiel's ihr plötzlich ein, hatte
der Peter nicht was gewonnen, gestern abend beim Kartenspiel? Daß sie
das vergessen konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler!
Vor Freuden machte sie einen Satz, daß ihr das Kind fast aus den Armen
geglitten wäre; sie lief an's Bett.
»Pittchen, hä, Pittchen, mir haon jao wat vergäß!« Sie lachte und fing
an, Hose und Rock, die am Fußende lagen, zu untersuchen. »Hei!« Sie
hielt triumphierend den Thaler in die Höhe, »eweil sein mir aus aler
Bredullich!«[34]
Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blöden Augen starrte er sie an.
Jetzt schien ihm plötzlich das Verständnis zu dämmern, mit einem Satz
war er aus dem Bett und zog ihr den Arm herunter. »Giefste här!«
Sie nahm das als Spaß und lachte vergnügt.
Er riß ihr unsanft das Geldstück aus der Hand. »Onnerstieh dech noch
ehs. Dän Dahler es mein!«
»Äwer Pittchen!« Ganz betroffen sah sie ihn an -- was war ihm denn?
Sonst behielt er doch nichts für sich!
Sie streckte wieder die Hand aus: »Gief doch här, ech moß ebbes kaafe
giehn. Et es su kalt hei, ons Josefche hust!«
»Laoß mech zofrieden,« murmelte er, sprang wieder in's Bett und hielt
den Thaler in der geschlossenen Faust unter der Decke versteckt.
»O Jesses, on ech haon e su en Appetitt!« Thränen füllten rasch ihre
Augen, aber sie sagte nichts mehr; Vorwürfe machen, war nicht ihre Art,
sie nahm's eben, wie's kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf ihren
Schemel.
Das Kind fing kläglich an zu wimmern; Peter sah das erbärmliche
Gesichtchen, so welk und alt wie das eines Alraunen. Er sah die dünnen
winzigen Hände, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hörte er das
Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den pfeifenden Atem. Er
sah auch, daß Zeih weinte. Die dicken Thränen rollten ihr über die
heut gar nicht blühenden Wangen. Sie kam ihm plötzlich ganz elend und
abgezehrt vor.
Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch's Herz; nur ein Wort hätte
es ihn gekostet, eine Handbewegung: 'Da hast du den Thaler', und sie
wäre aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenröte auf den
Wangen.
Nein, nein! Wie ein Verzweifelter preßte er den Thaler zwischen den
Fingern; er konnte sich nicht von ihm trennen. Der lag wie Blei in
seinen Händen, der klebte daran fest. Als hätte das tote Metall Leben
bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand -- es wurde größer und
größer, immer schwerer und schwerer, es nahm ihn ganz in Beschlag mit
Leib und Seele, es wuchs und wuchs. -- -- -- -- Und eine Stimme bekam
es, die flüsterte, nur ihm allein verständlich, flüsterte und flüsterte
-- -- -- -- -- -- -- -- --
Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie wurden darin
herumgewirbelt, wie welke Blätter im Gewittersturm. Düster hafteten
seine Blicke auf dem weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten
an den öden Wänden auf und nieder und fuhren unstet durch die kalte
armselige Stube.
Immer dringlicher flüsterte die verführerische Stimme, immer
verständlicher, immer klarer; und er lauschte ihr, den Kopf auf die
Brust geneigt, ganz versunken.
Es klopfte; er fuhr aus seinem Brüten auf.
Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr unter den Arm
geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt durch den ihm gewordenen Auftrag,
brachte er seine Botschaft vor:
»Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor in de Kerch kommen,
dän Kronleuchter es erunner geporzelt. Hän leit eweil uf em Boden!«
»Laoß hän liegen,« brummte Peter. Er war unwillig, wollte nicht
gestört sein; er mußte lauschen, der Stimme lauschen, die so
vernehmlich zu ihm sprach. 'Arm, arm -- warum brauchst du arm zu sein?
Es liegt nur in deiner Hand -- in deiner Hand --!' Ja, in seiner Hand
lag das Thalerstück, das kleine und doch so mächtige Ding, das, nur von
Menschenhand geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger,
wie der Herrgott im Himmel.
»Wat stiehste noch hei?« fuhr er den Knaben an. »Hei gänn kein
Maulaffen feil gehaal!«
»Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,« beharrte der Junge.
»Jao, gieh doch, Pittchen,« mischte sich die Zeih ein.
»Ech haon ken Zeit!«
»Äwer bei den Hähr Pastor,« sagte Lucia vorwurfsvoll, »bei dän
gaastlichen Hähr?! Daor muß mer doch giehn!«
»Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! Laoß mech zufrieden!«
Er hob die Hand gegen den Knaben.
»Maach, datste eraus kömmst!«
»Gieh daor, Pittchen,« redete Lucia zu. Sie hatte das Kind hingelegt
und faßte ihren Mann nun kräftig unter die Achseln. »Eweil kriehste
villeicht ebbes zu verdienen!«
»Ae, verdienen! Ech peifen druf!«
»O Jeß, dän Honger!« Zeih hielt sich den Leib und krümmte sich.
»De Gedärm sein mer eweil schuns binnewennig zusammengeschnorrt --
Pittchen, gieh doch!«
»In drei Deiwels Naomen!« Fluchend streckte er ein Bein aus dem Bett,
wie ein Pfeil schoß der Knabe zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel.
Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie ihrem Mann die Hose
hin. »Dein Buxen, Pittchen! Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!« Sie
half ihm in die Kleider.
Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine Gedanken waren weit weg.
Zwischen den zusammengezogenen Brauen saß eine grüblerische Falte; er
brütete in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit einem
lachenden: 'Färdig' die Mütze auf's Haar stülpte.
Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem Kopf, den Blick zu Boden
gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Füßen ging er
die Dorfstraße hinunter. Er beachtete kein 'Gutentag' und keinen Zuruf;
er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und
kräftig über den Schneiderschen Hof gellte.
Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim
Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düstrer
Blick wurde heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf.
Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, und um seine Augen
zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da,
Geräusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der
Tasche.
Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; der Reisende
fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um
die Ecke und sah ihm mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er
gewohnheitsmäßig den Finger in's Weihwasser, bekreuzte sich flüchtig
und trat in die Kirche.
Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände über'm Bauch gefaltet, auf
dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den
Trümmern des ehrwürdigen Kronleuchters.
Mitten in's Schiff war der heruntergestürzt; viele, viele Jahre hatte
er schon an der weißgetünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen
hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den
Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch höhere Weihe
verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond
und Sterne, hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch
im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins
hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz
gestiftet hätte.
Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich
gelöst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem
dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja,
ein ganzer Mauerstein.
Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden
nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schöne
Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen,
die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen
Lichttellerchen darunter, abgebrochen.
Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. Was würde das kosten,
ließ man einen Künstler kommen, der das wieder herstellen konnte?!
Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen!
Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die
Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf
die Schnupftabacksdose.
Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten,
von Pittchen.
Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den
Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum
Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen
mit den heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den in zwei
Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch
mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und
Hausgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte.
Warum denn dies nicht?
»Pittchen, holt Pittchen!«
Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er schon trübselig hatte
antreten wollen, noch einmal um.
Und nun war der Peter da. Die Hände in den Hosentaschen, mit
gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den
Schaden.
»Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e su!« Er wiegte den Kopf
und sah schläfrig drein, ohne jegliches Interesse.
»Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?« sprach der Pfarrer.
»Nä, nä, dat es net mein Metjä!«
»Seht einmal, Miffert,« -- der geistliche Herr bückte sich selber und
hob eins der abgebrochenen Stücke auf -- »ich denke, das ließe sich
wieder anlöten. Das ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so
was hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, was weiß ich,
das schlägt doch in Euer Fach!«
Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen auf den
Geistlichen; es war ein eigentümlicher Blick, ein schlauer Blick, in
dem zugleich plötzlicher Argwohn dämmerte. »Wat beliewt?« fragte er
lauernd. »Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon ganz simpel Schlosser
gelernt, met su ebbes Apartem haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä,
duh mößt Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech neist bei
maachen!«
»Aber Ihr könnt es doch versuchen,« bemühte sich der Pfarrer ihn zu
überreden. »Sie sagen alle, Ihr seid so geschickt!«
»Wän haot dat gesaot?« Peter warf einen unruhigen Blick um sich.
»Nun, nun,« -- der geistliche Herr lächelte arglos -- »das ist doch
keine Beleidigung! Du bist zu bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre
der Kirche versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden
deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin wird sich
deiner erbarmen.« Er hob die Hand. »Sei ohne Furcht.« Und dann in
minder weihevollem Ton: »Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in
der Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob Ihr davon
nichts zum Ausbessern verwenden könnt. Zinn schmilzt leicht; schön
verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden!«
Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters Augen. Er widersprach
nicht mehr.
In der Sakristei war es kellrig und roch nach Moder und Weihrauch;
Peter schloß die Thür hinter sich.
Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein in Schweinsleder gebundenes
Buch lag auf dem Tisch, lauter Requisiten für den Gottesdienst.
Peter entsann sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal
hineingeschlüpft war und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert
hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg.
Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum und blieben dann auf dem
alten Schrank in der Ecke haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er
hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen -- Zinn, Zinn! Bald hielt er's
in der Hand, ein Metall, aus dem sich was formen und gießen ließ, man
mußte es nur verstehen.
Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler in der Brusttasche. Der
war noch da! Er preßte die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an's
Herz.
Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem Schlüsselbund; endlich
hatte er den richtigen Schlüssel gefunden. Knirschend drehte sich der
rostige Bart im Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer
auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten Schrankthür
stäubte.
Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem Mulltüchlein, neben Kelch
und Hostienschrein; im zweiten Gefach ein paar Weinflaschen zur
Stärkung für den Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt
und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine verbeulte
Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen Enden herausragend, ein paar
in Stücke gegangene Altarleuchter.
Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich
über seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgerissen, rasch
atmend.
»Da,« sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar Leuchterarme hin, »nur
Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?«
Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; auf die
Taufschale sehen und sie über die Schulter des andren weg herauszerren,
war eins. »Nä,« sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in
der Hand und versteckte sie dann halb hinter'm Rücken, »dat haon ech
eweil aach noch nedig!«
»Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, mein Sohn,« schmunzelte
der Pfarrherr, erfreut über Peters Willfährigkeit. »Alles noch aus
dem vorigen Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere
Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße bedienen. Aber
die Heiligen werden es in deiner Hand segnen. Uff« -- er erhob sich
seufzend von den Knieen und stäubte seine Hosen ab -- »ist das eine
Ungelegenheit! Hätt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich
schlummerte! Nun geh, mein Sohn!« Er legte seine Hand, wie segnend, auf
Peters Schulter. »Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. _Quod
bonum felix faustumque sit._ Hol dir den Kronleuchter beizeiten ab, der
Küster wird dir helfen.«
Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn unter'm Rock
versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur
Kirche hinaus.
Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drängte
sich dicht an ihn, als suche sie Wärme bei ihm.
»Biste mer bees, Pittchen?«
»Nä,« murmelte er zerstreut.
Sie trippelte neben ihm her. »Pittchen, maachste am Sonntag met nao
Oberkail? Se danzen beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann« -- in
ihrem Blick lag eine glühende Verheißung.
Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spöttisch den Mund.
»Olau, et es nor gud, dat dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau
bis e su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche, om dei Mädche
zo traktieren!«
Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ seinen Thaler um ein
weniges herausblinkern. »Kuckste eweil, dat ech net e su power bin, hä?
Wann ech nor will. Äwer« -- er schüttelte verneinend den Kopf, drehte
ihr den Rücken und ging mit großen Schritten davon; er lahmte heute gar
nicht, er ging so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der
Tasche trägt.
Mit offnem Mund sah ihm Tina nach -- einen Thaler, so viel Geld?! Wie
der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte
sie ihn am Rockschoß. »Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän Dahler? Sao't
mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!«
Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er verschmitzt.
»Geärwt,« flüsterte er ihr in's Ohr. »Pst, pst, Maul gehaal! Dau darfst
niemand neist dervon saon, ech kriehn noch mieh. Äwer« -- er schlug
sich selbst auf den Mund.
»Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,« versicherte sie.
»Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?« Sie schmeichelte ihm und
zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch
guten Schutz boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig.
Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde Freude bemächtigte sich
plötzlich seiner. Alles konnte er haben, alles! Mit einem Juchzer
schlang er den Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in die
Höhe. --
So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch nie in seinem Leben
gewesen. Aus allen Ecken stöberte er seine selten benutzten Werkzeuge
auf, schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als
bis er alle zusammen hatte.
In der Rumpelkammer neben der Stube, die nur durch eine Luke
spärliches Licht erhielt, richtete er seine Werkstatt her. Den Tisch
schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel.
Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie davon denken sollte. Als
sie den Einwand machte, daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage,
kniff er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter'm Kinn.
»Dau sollst et schuns kommod kriehn,« brummte er und lachte in sich
hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn auf dem Tisch. »Eweil
noch net, äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag, Dahlerpittchen,«
er machte einen Kratzfuß, »wat kost de Welt?!«
Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust und summte:
»Dahler, Dahler, dau mußt wannern
Von der anen Hand zor annern,
Dingderlink, Dahler dau -- -- -- --
Himmelkreizgewieder!« schrie er, zusammenschreckend, dann plötzlich
seine Frau an, »wat willste hei? Weibsbiller haon hei neist zo suchen!«
Er schob sie aus der Kammer und schloß zu.
Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter in's Dorf. Trotz des
unlustigen Wetters ständerte sie an den Thüren herum und schwatzte.
Diese und jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor
und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften.
Wie ein Lauffeuer hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte
eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, wußte man nicht recht; aber
man schwur darauf, wie auf das Amen in der Kirche.
Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht 'nein' und nicht 'ja' -- was
wußte sie denn davon? Aber sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig
zum Geben waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder zur Hütte
hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brot und Speck;
sie hatten für ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief
sie ein.
Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten schon den grauenden
Morgen an, suchte Pittchen sein Lager auf.
Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte ihn ein fahles,
seltsames Antlitz an. So hatte der Peter noch nie ausgesehen, er
erschrak vor sich selber. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt,
als hätten sie ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu
lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung befürchtet.
Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und löschte rasch das Lämpchen.
Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte Fensterchen und malte
helle, runde Lichtflecke auf die Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte
im Hemd, auf bloßen Füßen an's Fenster und zog den Lumpen fester vor,
prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, und verbarg den
Schlüssel hinter einem losgebrochnen Stein des Herdes.
Dann erst kroch er fröstelnd in's Bett. Aber er wurde nicht warm. Von
Schauern überrieselt, mit brennenden, weitoffnen Augen lag er, von
Zweifeln und Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?! -- -- --
-- Was hatte der Pfarrer gesagt? 'Die Himmelskönigin wird sich deiner
erbarmen!' -- -- -- -- »Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein
Arm, nä, noch dicker,« murmelte er. »Nä, zwa! On en Kleid von Seid, on
Messen for de armen Seelen im Fegfeuer.«
Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß die gefalteten Hände
auseinander -- so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen!
Seine Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen -- nur keine
Furcht!
»Wän net wagt, dän net gewinnt,
Wän net sucht, dän net findt,«
sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so ungerecht verteilt
sind, muß man da nicht selber suchen, sich was zu verschaffen? Wer
zuerst beim Weihwasser ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die
Heilige nicht selber den Weg gewiesen?
»Jao, jao,« -- er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdecke --
»unsre liebe Fra, gelowt sei se!« Die hatte das so gewollt; die war
dem Pittchen gut, wie alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen
lassen; die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die Hände
gespielt; die hatte dem armen Pittchen helfen wollen, die würde ihn
auch ferner nicht im Stich lassen.
Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren Falten auf seiner
Stirn glätteten sich.
Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf
und stöhnte, daß die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen
Hals schlang, bald schlief er sanft.
Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Küster schickte und
fragen ließ, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge?