Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre
spitze Nase heraus. »Dat Bäbb,« sagte sie lakonisch und wollte eilends
wieder zuschlagen, als fürchte sie, ein Atom Wärme möge von drinnen
entweichen.
»Haalt!« Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. »Et schreit
doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?«
»Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!« Die Alte wackelte
ärgerlich mit dem grausträhnigen Kopf. »Ihr haot wohl dat gruße Los
gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se
schpektaklen, se werd schuns rohig gänn!«
Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: »Wat es dat
for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot.« Er hüstelte und
schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu.
Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch, wieder schlug der
scharfe, gellende Jammerschrei an sein Ohr! Das Blut wich ihm aus dem
Gesicht, sein Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an.
Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in der das Josefchen
geboren worden. Aber da hatte die weise Frau am Lager gesessen, ein
Strom der Beruhigung ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen
Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger erhoben: »Dat elao
kömmt e su leicht dervon wie en Katz. -- Pittchen, kocht mer en Kaffee!«
Und jene da, abseits in der Kammer neben dem Stall, lag verlassen wie
ein hilfloses Tier. Peter rannte weiter, er konnte das Jammern, das
jetzt in ein ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das Herz
wurde ihm davon zusammengepreßt und die Tropfen herausgequetscht. Sie
traten ihm in die Augen.
Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich alles gewähren, auch
Hilfe in der Not! Der brauchte nicht zu leiden.
Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr sich in die Tasche --
verflucht, nur ein paar lumpige Kupferpfennige darin!
Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte Silberthaler! Dann konnte
er der Zeih ein Kleid kaufen -- noch mehr -- alles, was ihr Herz
begehrte! Dann würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden
um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen, nicht mehr weinen,
nein, sie würde die Arme um seinen Hals schlingen und unter Küssen
flüstern: 'Pittchen, mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!'
Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte herunter und vermischte
sich mit dem Naß seiner Augen. Und dabei überlief ihn ein Frösteln.
'Mir sein arme Leit', hatte die Schneidersch gesagt -- -- -- -- --
'Arme Leit -- armes Pittchen' pfiff der Wind ihm entgegen. Wie mit
Geisterhand strich es ihm über's Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam,
krepierte da hinten in der verlassenen Kammer --?! Wenn die Zeih ihm
untreu wurde --?! Er schüttelte sich wie im Fieber, eine unbezwingliche
Angst packte ihn und zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in
ohnmächtiger Wut. -- Geld, Geld!
Immer noch hörte er das Jammern, es mischte sich mit dem Sausen des
Windes und dem Brausen der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er.
Sollte er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust die weise
Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, Christenpflicht? Würde ihm
die Gutthat nicht vergolten werden vom himmlischen Vater, schon hier
auf Erden, bald, jetzt?
»Hahaha!«
Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich um, das eigne
Hohngelächter gellte ihm in den Ohren.
Der da oben -- haha -- ja, das hatte sich was mit der Vergeltung. Die
gab's nicht.
Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken konnte; war's nun
nicht endlich Zeit, daß er in der goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih
Kleider kaufen konnte, so viele die wollte?
Die Zeih, ja die -- hin, schnell! Der mußte er das Scharmuzzieren
legen. Nur schnell, sehen, was die macht! Dann hin nach Oberkail.
Dicht vor'm Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie trug einen Kamm
mit großen, blauen Steinen im Haar und ein bunt-schottisches
Knüpftüchelchen um den Hals. Sie schlenkerte den Rock und drehte sich;
sie wurde alle Tage hübscher, das sah er doch.
»Pittchen,« rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne blitzten. »Eweil
sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon ech gekaaft, dat Düchelchen« -- sie
verdrehte die Augen in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu
bewundern -- »dat haon ech zukritt.«
»Maanswäjen,« brummte er.
»Pittchen,« -- schon hing sie schmeichelnd an seinem Arm -- »kaaf mer
noch ebbes!«
Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend den Kopf.
»Dau moßt -- Pittchen, nor e klaan Andenken.« Schnell sah sie sich
um, dann strich sie ihm rasch über die Backe, ihr Ton war bittend:
»Pittchen!«
»Ech haon ke Gäld!«
»Dau Lappes!« Sie stieß ihn von sich, daß er gegen die Hauswand
taumelte.
Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß der Reisende auf dem
einzigen Polsterstuhl des Hauses, und auf der Bank, dicht neben ihm,
die Zeih. Sonst war kein Mensch im Zimmer.
Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte stand schon am
Boden. Der mußte der Zeih fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie
roter Mohn, ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.
Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig auf. »Pittchen! Eweil
kommste?! Hähr Reisender,« -- vertraulich legte sie ihre Hand auf den
Arm des Städters -- »wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr Mustren
nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat Kleid zo kaafen!«
War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß ihn ihr fast aus den
Falten; sie hörte nicht. Beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt,
studierte sie das Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.
»Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?« Sie legte zweifelnd den
Kopf auf die Seite.
»Nehmen Sie das blaue,« redete der Reisende zu, »die Elle kostet nur
ein Kastemännchen[30] mehr. Sie haben dafür aber ganz andre Ware. Ein
Kastemännchen spielt doch keine Rolle!«
»Nä,« sagte Lucia.
Peter gab ihr einen Puff. »Biste gäck?« raunte er ihr zu.
»Also das blaue?« fragte der Reisende.
»Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?«
»Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen, macht fünfundzwanzig Mark
fünfzig Pfennig, oder -- die neue Währung werden Sie hier noch nicht so
recht kapieren -- acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für dieses Kleid
ein Spottgeld!«
»Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?« Freudig erregt drehte sich Lucia
nach ihm um.
»Acht Thaler --?!« Er stand betroffen. Acht Thaler -- --! Die Stube
schien mit ihm herum zu tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler --
woher sollte er die nehmen?!
»Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!« Sie jauchzte fast.
»Komm -- eweil kann ech net -- ech -- net heit, en annermal --
villeicht morjen,« murmelte er verlegen. Er faßte über ihre Schulter
und schlug ihr das Musterbuch vor der Nase zu. »Pisack' mech net e su!«
Und dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: »Ech haon ke Gäld.«
»Ach was!« Der Reisende lächelte. »Für so'n hübsches Weibchen muß man
immer Geld haben!«
Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die Hände zusammen und riß
sie wieder auseinander, daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte
flehend auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin
zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre Brauen waren
zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; sie kehrte ihm den Rücken.
»Zeih, hör ehs!«
Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. Sie stand dicht vor dem
Reisenden -- der war ein großer hübscher Mann und paßte gut zu der
großen hübschen Frau -- und flüsterte ihm etwas zu.
Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als wäre der Ehemann garnicht
dabei, so ungeniert benahmen die sich! Immer dichter steckten sie die
Köpfe zusammen.
»Zeih!« Zitternd stieß Pittchen ihren Namen hervor.
Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte.
»Eweil maachste en End!« Miffert schlug auf den Tisch, daß die Gläser
klirrten.
»Seien Sie doch nicht ungemütlich.« Der Reisende zwinkerte der jungen
Frau zu und klopfte dem Erregten auf die Schulter. »Ich bitte Sie,
Herr Miffert, was ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern
entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen Thaler ab, das merken
Sie gar nicht, in achteinhalb Monaten sind wir quitt.«
»Nä.« Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er bemerkte doch, wie die
Zeih den Herrn zupfte.
»Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch mehr entgegenkommen
-- 's thut mir wahrhaftigen Gott leid, daß die junge Frau nicht das
Plaisir haben soll -- den halben Monat, die fünfzehn Groschen will
ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! Halb geschenkt!
Menschenskind, seien Sie doch nicht so stierköpfig! Wenn ich so'n
hübsches Weibchen hätte -- gelt, mein Kind?!« Er kniff Lucia in die
tiefgerötete Wange.
Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge; das Blut wallte
ihm so jäh zu Kopf, daß seine Augen undeutlich sahen. Ein wirres
Durcheinander wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. Und die
feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben: Geld, Geld! -- Und aus allen
Ecken kreischte es: Geld, Geld! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor ihm auf: »Gäl,
Pittchen, eweil kaafste't?«
Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner Hand und puffte ihn
mit dem runden Ellbogen leicht in die Seite. »Pittchen!« Tausend
Bitten, tausend Versprechungen lagen in dem einen Wort!
»Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so ungalant!«
»Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!« Peter wußte kaum mehr,
was er sprach. Ȁwer uf Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein
Lumpenpackasch. Här met dem Dreck -- wat kost de Welt, ech will se
zaohlen!«
»Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben, daß man Ihnen mit
wendender Post per Nachnahme das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!«
»Wohl, wohl,« nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz närrisch
vor Freude.
»Es 't waohr, es 't aach wirklich waohr? Kriehn ech dat Kleidche? O
Pittchen, ech haon dech e su liew!«
Das war's, worauf er gewartet hatte. Nun mit ihr allein sein, nun sie
herzen und drücken und sich betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur
Thür ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der Reisende vertrat
ihnen den Weg.
»Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier mutterseelenallein sitzen
lassen, bei dem abscheulichen Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe
ich Ihnen dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen Sie,
Miffert, wir trinken en Schöppchen!« Er pfiff und sang:
»Dann setzen wir uns hin,
Wohl auf das Kanapee,
Und singen: Dreimal hoch
Das Kanapee!
Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und
Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns
haben, haben wir Pli gekriegt. Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?«
»Dat es schien!« Zeih riß begierig die Augen auf. »Sein Se so gud,
singen Se't noch ehs!«
Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein
gelehriges Ohr.
Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum besten, sie konnte sich
gar nicht satt hören; ihre Augen tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten
sich, leis murmelnd, wie beim Rosenkranzbeten.
Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende hatte ihm
eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.
Der Nachmittag ging schon in den Abend über; die frühe Dämmerung stahl
sich in's Fenster, noch früher als sonst durch den finster umzogenen
Himmel und die regenschwangere Luft.
Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom
schlechtesten. Das war ein Mosel, der sich süffig trank, aber der's in
sich hatte; er lief durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben.
»Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?« fragte der Reisende. Die
hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr
allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung?! »Machen wir 'n
Spielchen!«
Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, wenn er jetzt
Geld hätte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn
'Fauteler'[31], und wenn er gewann, gab's jedesmal Prügelei. Fatal, nun
hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und
da mußte er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz!
Geld, Geld -- --! Seine Augen funkelten.
Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. Als hätte er Pittchens
Gedanken erraten, sagte er: »Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?«
»Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.« Peter mischte; die
verfetteten, vom Schmutz dick gewordenen Karten flogen durch seine
Hände, als seien es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick von
dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber
an. Solcher Dinger brauchte er acht -- nein, noch mehr, mehr! Er hatte
das Hungerleben satt.
Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger
aus; er nahm den Thaler in die Hand und betrachtete ihn.
»So gut wie neu,« sagte der Reisende, »und ganz echt. Unser Kassierer
hat sich mal 'nen falschen anschmieren lassen; den haben wir ihm an die
Kasse genagelt -- haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, wer mehr Glück
in der Liebe hat -- Sie oder ich!« Er sah dreist die junge Frau an und
lachte.
Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lächeln verzog
seine Lippen.
Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie eifrig der arme
Teufel bei der Sache war. Hätte man wohl einem hier aus dieser
'zurückgebliebenen, unkultivierten Gegend' so viel Gewandtheit
zugetraut? Und Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten; er
gewann.
Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte mit verschlafenen
Augen drein, der ungewohnte Weingenuß hatte sie müde gemacht; sie
lehnte sich hintenüber an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der
Reisende unter'm Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es sich gefallen, sie
rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm
an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.
Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an's Fenster, ein starker
Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß
er gegen das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten sich
kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und Ächzen, ein unheimliches
Wimmern in der Nacht.
Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen zirkelten sich
rote Flecken ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein; er trank wacker
aus. Er hatte einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der
gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles
doppelt. -- -- -- -- -- Da war das Thalerstück, nicht einmal, nein,
zwei, drei, vier, fünf, sechs, siebenmal -- hundertmal! Hei, die
Thaler! Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler -- wie die sich
in der Hand fühlten, glatt und rund! Thaler -- die klapperten im Sack;
herrliche Musik! Thaler -- die machten den Knecht zum Herrn, das arme
Pittchen zum reichen Peter! Thaler -- Thaler -- -- -- --!
Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war
ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf
dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes Glas
und trank es leer auf einen Zug.
»Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,« lachte der Reisende und legte
der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern. »Da, stecken Sie ein,
Sie haben ihn gewonnen!« Er schob den Thaler über den Tisch.
Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück fest in der
krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, daß der Herr jetzt
die Zeih küßte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem
runden Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den
Wänden, es füllte den Raum von der Diele bis zur Decke.
»Tha--ler,« lallte er.
»Ehr--lich -- ge--won--nen!« sagte der Reisende. Jede Silbe kam
zwischen einem Schlucken. Er war auch nicht mehr ganz nüchtern.
»Mei -- mei Kleid,« stammelte die Zeih.
Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende.
Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen
Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldene Talmikette und die
falsche Brillantnadel in seinem Schlips an.
Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ellbogen
aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände geklemmt und stierte vor sich
hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd
durch fühlte er ihn, bis auf die bloße Haut.
Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun wurde sie geöffnet, die alte
Schneidersch wankte herein. Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf
gezogen; geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter vor.
»Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha! Nur herein,
Hutzelweibchen,« schrie der Reisende.
Träumte der Peter, oder wachte er? Wie hinter einer dicken Mauer,
die den Schall dämpft, hörte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie
nicht, das Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, den Sarg
zunageln? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- --
Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme der Alten zeterte
nach dem Krumscheid, und als dieser kam, verlangte sie Branntwein, ein
halbes Mäßchen.
»Dat Bäbb es schwaach gefaal[32], eweil moß et ebbes Herzliches
einholen.« Sie kostete und leckte sich dann die Lippen. »Duh werd et
schuns noch ehmaol ufgerappelt gänn. Ah --!«
»Reiwt er aach ebbes unner de Naos,« riet der Wirt.
»Sauft hän net onnerwegs aus,« schrie Peter.
Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene machte, sich auf die
Schneidersch zu stürzen. »Wat haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et
krepiere laoßt, lao hinnen im Stall -- hä?«
Er rüttelte die Alte. »Wuh es de Weis-Fra, hä, dau schandluse, alde,
knahschtige[33] Hex?!« Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich
aus, das Mäßchen wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die
Diele.
Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch nieder und
tupfte mit dem Finger den köstlichen Fusel auf; sie leckte und
schleckte, am liebsten hätte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt.
Der Reisende wand sich vor Lachen -- war dieses arme Volk urdrollig!
Er lachte Thränen.
Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte niederschmettern?
Nein, er gab sich selbst eins vor die Stirn, daß er ein paar Schritt
zurücktaumelte.
»Wirt, geben Sie der Frau doch 'n ordentlichen Droppen für ihren
Durst,« rief der Reisende. »Hahaha! Auf meine Rechnung!«
Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und Mäßchen; fluchend riß
ihm Pittchen die noch halbvolle Buttel aus der Hand, setzte sie an und
trank sie leer. Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.
Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse, jetzt hörte
er nicht mehr Jammern und Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte
ihn der Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank über den
Tisch kollerte.
Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust hängend, torkelte er zur
Stubenthür.
Zeih sprang auf. »Eweil moß ech giehn, ech kann eweil net mieh hei
bleiwen!«
»Warum nicht gar?!« Der Reisende zog sie mit Gewalt nieder. »Jetzt
bleibst du erst recht hier, mein Schätzchen!«
»Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör kriehn, mei Pittche!«
»Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird er schon aufstehn.
Donnerwetter, was der Wind heult! -- Scheert Euch fort, alte Madam, so
verlegne Ware wird nicht mehr verlangt -- haha! -- -- -- auf meinen
Schoß, schöne Zeih!
Dann setzen wir uns hin
Wohl auf das Kanapee -- --«