Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und
die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind
und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt,
geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues
Kleid.
Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst
im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten
aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.
Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er
seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin
und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb
stundenlang aus; längst waren die andren zurück -- Peter hatte
aufgepaßt -- noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.
Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen
war's zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der
Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die
Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.
Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das
Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch
stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn' Unterlaß
geregnet.
Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt;
die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und
Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares
Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem
Gischt.
An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein
Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste
reckten -- hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine
Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest --; von den Dächern, die,
triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen.
Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer und unlustig.
Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, hörte er hinten vom
Stall her, über den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und
Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der
Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da
kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau saß am Tisch, hatte
ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten
Brotbröselchen von ihrer Schürze.
Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein
Tier.