Ein vielstimmiges. »Nä!«

»Wat wollt ihr dann?«

»Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!« Sie lachten und drängten sich um

ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Höhe.

Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit

Gewalt befreien?

»Wegzoll,« lachte Tina, »dau kömmst net ehnder dorch!«

»Net ehnder, nä, nä,« schrie der Chor.

Scherzend riß Miffert Tina an sich.

»E Küßche,« raunte sie ihm zu.

Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte Peter weiter, eine

nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig ließen

sie sich's gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden

Mädchenstimmen.

Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; je toller, je lieber,

die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er

weiter -- es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder

ein.

Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er hörte ihr leises: »Pst,

pst!« Sie winkte ihm.

Er that, als ob er's nicht sähe. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er

Eile. Er setzte sich in Trab. -- Donnerwetter, da kamen noch welche!

Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?!

Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden Äste drücken --

umsonst -- sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren

harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine

Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar

andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!

Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken hinabrieseln, und doch

war ein gewisses Wohlgefühl dabei. War er nicht der Herrscher über alle

die da?!

Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen an ihm.

»'n Aowend,« nickte er herablassend und wollte weitergehen.

Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer

dringender wie die andre.

Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich

trennten -- schon war er ein paar Schritte fort -- da drehte die Traut

noch einmal um: »Hä, Pittchen! Hä!«

Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.

»Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes saon, Pittchen!«

Da gab er Fersengeld.

»Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes -- haalt!«

Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter

sich hörte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas

Stimme darein? -- Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!

Er verließ den Weg und sprang über den Graben, quer durch's Unterholz,

daß dürres Reisig knickte und krachte und überhängende Zweige ihm in's

Gesicht stachen.

Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm der Schweiß ausbrach.

Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; wie mit Armen griff es

nach ihm, heißer Atem blies ihm in's Genick, Röcke rauschten und

raschelten -- hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der

Buchenwald, der rauschte so!

Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende;

unter den grünen luftigen Buchen war's weit heller, sanftes Licht floß

an den glatten Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich

flüsternd im Abendwind.

Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den Rock zurecht und

schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln und dürre Zweiglein hingen

daran.

Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich verspätet, aber sie

scheinbar noch viel mehr. -- Der würde er aber einen schönen

Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald

herumzutreiben!

Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Großlittgen ab,

und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im

Buchengrün sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck für

Liebespaare.

Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die Straße gefahren, der

braune Gaul mit hängenden Zügeln rupfte friedlich die Gräser am

Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly

zu Oberkail?! War der hier?!

Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen?

Zwischen den Stämmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?!

Jetzt Lachen -- das war die Zeih!

Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih saß auf der

Moosbank und neben ihr -- traute er denn seinen Augen recht? -- neben

ihr saß ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!

»Zeih!« Er rief es so laut, daß der friedliche Gaul einen Satz machte

und das Josefchen gellend aufschrie.

»Aha, der Herr Gemahl,« sagte der Gendarm und legte höflich die Hand an

den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich

zwei Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier

bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, daß man gegen die Männer

hübscher Frauen artig zu sein hat, und wären es auch die größten Lumpe

und Lüderjahne.

»Na, Herr Miffert,« -- er rückte in die Ecke der Bank und legte das

Seitengewehr über die Kniee -- »wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Nä,« sagte Pittchen kurz. »Komm, Zeih!« Er sah sie zornig an; sie

schien das gar nicht zu bemerken; umständlich nahm sie von dem Gendarm

Abschied und lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr

Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.

»Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech

metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor

zo Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem Wägelche redur zo

faohren. Duh haon ech et kommod gehaot!« Sie lachte vergnügt.

Peter sagte kein Wort.

Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren

Brustknopf der Uniform. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, wenn Sie den

Umweg über Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch

noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem

wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis

zum späten Abend. Für mein schweres Geld hab' ich mir den Wagen vom

Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.« Er gab sich ein sehr

wichtiges Aussehen.

Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.

Er machte eine einladende Handbewegung: »Steigen Sie nur auf, schöne

Frau!« Zu Pittchen sprach er mit Gönnermiene. »Für Sie ist auch noch

Platz, Miffert!«

Peter schielte ihn von unten herauf an. »Willste met de grußen Hähren

Kerschen äßen, maach, datste de Steiner net an dän Koap kriehst -- nä,

merci!«

»Was wollen Sie damit sagen?« Der Gendarm verstand den Dialekt noch

nicht und witterte immer gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er

versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck

zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. »Nanu, was wollen

Sie damit sagen?«

»Neist!« Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde an, aber in seinem

Innern kochte es: 'Waart, dir spielen ech aach als en Possen!' »'n

Aowend!« Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort.

»Tappert,« brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. 'Tappert,' das

war ungefähr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war

gleichbedeutend mit dem hochdeutschen 'Dummes Luder', und wurde hier

bei den 'dämlichen Bauern' mit Vorliebe von ihm angewendet.

»Autsch, reiß mech doch net e su,« schmollte Lucia, als sie ein Stück

weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. »Wat soll eweil dän

Hähr Schandarm denken?! Jesses, laoß mech doch los!«

Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei, mit

Thränen in den Augen. »Autsch, ech giehn jao schuns allein! Laoß los!

Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!«

Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein großes

Tuch gewickelte Bündel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war

verschnürt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt.

»Wat haste lao?« brummte er.

»Raot ehs!« Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen

glänzten vor Vergnügen. »O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes!

Waart, Pittchen, ech zeigen et der!«

Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf's weiche Moos und

begann es aufzuschnüren. »Dau sollst dein blao Wonner siehn,« schwatzte

sie dabei, »su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!« Sie

schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein

Kind.

Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem

dunklen Moos. Und daneben eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff,

unten mit bunter Blumenguirlande bestickt.

»Haste su ebbes schuns gesiehn?« stammelte sie entzückt; und dann

griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich das viel zu kleine

Seidenläppchen vor den starken Leib. »Wat werden se saon!« Sie jauchzte

förmlich.

Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine

plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen -- wie kam die Zeih dazu?

»Wuhär haste dat?« fragte er finster.

Das Weiberdorf · 第 20 / 49 题