V.

»Bimmel, bimmel, bimmel« tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner

heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwänden in die

Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. »Bimmel,

bimmel, bimmel« -- Vesper.

Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre

Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem

Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote

Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten

ihr zu Füßen.

Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke

standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes

Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten

vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen

vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber

vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.

Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne

vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte

mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die

himmlische Strafe sein für den heutigen Zank?

Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen

Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen.

Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte,

Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert,

die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten -- manch

eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte

man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.

Da -- krach -- der erste Donner!

Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das

keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach,

krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze

niedersausende Schwerter.

»Jeßmarijusep!« Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten

sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust

und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.

»Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!«

»Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger

Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn --

se stieht als in Mandeln!«

»Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech

dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o

liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!«

Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch's Thal, von

einem Ende zum andren.

»Gegrüßet seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!«

»Meerstern, ich dich grüße,

Gottes Mutter süße -- --«

Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt

grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger

Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des

Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten

zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der

dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher

bewegen sich die Lippen.

»Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!«

»Maria, Moddergotts, bitt for ons!«

»O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!«

Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen

werden den Wunderthätigen gemacht.

Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen,

so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui.

Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach

Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder.

Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer

über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und

lachte.

Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und

tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken.

»Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,« sagte die eine. Und die andre:

»Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!«

Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen

sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander

auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen.

Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen

Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete

sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur

ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.

Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte.

Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie

auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht!

»Erbarm dech!«

Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie

hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie

hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!

Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem

Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der

da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn!

Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn

er nicht wiederkehrte!

Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände.

»Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will

dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon,

ech mucksen net! Komm widder, komm widder!«

Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie

gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithür

hatte sich geöffnet.

Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.

Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht

glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet,

im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen

abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von

Eifelschmitt!

»Ei, Lenzen Bäbb,« sagte er freundlich und tupfte die

Zusammengekauerte auf die Schulter. »Was machst du hier?«

Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. »Hähr Pastor -- Hähr!« Sie

stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der

jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so

hoffnungsvoll schimmerte. »O Hähr Pastor« -- sie stieß es heraus mit

einer Art Gier -- »wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!« Ihre Hände

haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie

drückte die Lippen darauf. »Hähr Pastor, zor Beicht!«

»Jetzt nicht, meine Tochter,« sagte er etwas verwundert, »nächsten

Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von

fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im

Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag« -- er

betonte nachdrücklich jedes Wort -- »von fünf bis sieben ist Beichte.

Behalte, nächsten Freitag!«

»Oh,« wimmerte sie, »Hähr Pastor!«

»Also am Freitag, meine Tochter!« Er hob mit einer segnenden Bewegung

die Hand zum Abschiedsgruß.

Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.

Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte

ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand;

ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil

durchbohrt -- 'das süße Herz Jesu'.

»Hier, meine Tochter!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie.

Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder

allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er,

wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg

lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.

Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild

nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses

Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr

helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich

fort.

Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern

nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er

wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er

mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber

die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen,

die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den

dunklen Ringelhaaren.

Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz

des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und

argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön

'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten,

mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen.

»Duht dat net!« Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an.

»De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh

liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!«

»Waorom net gaor,« sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.

Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken.

Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein

am Weg fallen. »Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?« stieß sie

hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens

Gesicht.

Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: »No, waorom dann

net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!«

»Maant Ihr? Maant Ihr werklich?« Sie preßte seine Hand. O wie gut that

ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und

lehnte die Stirn gegen seinen Rock.

»Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!« Ob schön oder häßlich, er konnte

kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen,

er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand.

»Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!«

»Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,« murmelte

sie mit finsterer Entschlossenheit.

Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb

hätte, was würde er dann thun -- -- --?!

Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah.

»Eweil giehn ech. Adjes!«

Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die

Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.

Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen

Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land

mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein

Wild, kein Vogel.

Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen,

wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem,

grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem

dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke

sickert.

Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige

Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem

Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: »Still!«

Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde,

ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem

Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen

Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt

einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über

den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den

Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.

Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit,

wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas

verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach

wölbt sich über ihn und um ihn.

Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch

bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih

allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren

-- -- --?!

Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er

sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --!

Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von

Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich

ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- hätte er's denn nicht

selber so gemacht? -- Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit

einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah

sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits,

Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der

Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu.

-- Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er

zärtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie

um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- --

»Kotzdonner noch ehs!« Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt

fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen!

Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.

Im dürren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen

-- und jetzt --

»Haalt,« schrie es hell.

Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.

Peter sah verblüfft drein.

»Helao,« lachte die wilde Tina, »hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil

sein mir de Sperrbarriär!«

Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina,

die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein

paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter's Knie langten.

Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom

nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie

schrieen alle:

»Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!«

Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.

»Hei gitt et net strawätzt[28]!« Tina hielt ihn fest.

Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den

quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen.

»Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!«

Das Weiberdorf · 第 19 / 49 题