»Bimmel, bimmel, bimmel« tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner
heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwänden in die
Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. »Bimmel,
bimmel, bimmel« -- Vesper.
Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre
Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem
Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote
Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten
ihr zu Füßen.
Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke
standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes
Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten
vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen
vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber
vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.
Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne
vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte
mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die
himmlische Strafe sein für den heutigen Zank?
Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen
Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen.
Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte,
Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert,
die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten -- manch
eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte
man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.
Da -- krach -- der erste Donner!
Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das
keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach,
krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze
niedersausende Schwerter.
»Jeßmarijusep!« Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten
sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust
und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.
»Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!«
»Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger
Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn --
se stieht als in Mandeln!«
»Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech
dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o
liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!«
Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch's Thal, von
einem Ende zum andren.
»Gegrüßet seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!«
»Meerstern, ich dich grüße,
Gottes Mutter süße -- --«
Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt
grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger
Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des
Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten
zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der
dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher
bewegen sich die Lippen.
»Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!«
»Maria, Moddergotts, bitt for ons!«
»O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!«
Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen
werden den Wunderthätigen gemacht.
Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen,
so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui.
Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach
Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder.
Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer
über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und
lachte.
Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und
tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken.
»Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,« sagte die eine. Und die andre:
»Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!«
Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen
sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander
auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen.
Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen
Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete
sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur
ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.
Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte.
Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie
auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht!
»Erbarm dech!«
Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie
hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie
hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!
Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem
Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der
da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn!
Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn
er nicht wiederkehrte!
Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände.
»Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will
dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon,
ech mucksen net! Komm widder, komm widder!«
Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie
gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithür
hatte sich geöffnet.
Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.
Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht
glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet,
im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen
abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von
Eifelschmitt!
»Ei, Lenzen Bäbb,« sagte er freundlich und tupfte die
Zusammengekauerte auf die Schulter. »Was machst du hier?«
Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. »Hähr Pastor -- Hähr!« Sie
stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der
jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so
hoffnungsvoll schimmerte. »O Hähr Pastor« -- sie stieß es heraus mit
einer Art Gier -- »wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!« Ihre Hände
haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie
drückte die Lippen darauf. »Hähr Pastor, zor Beicht!«
»Jetzt nicht, meine Tochter,« sagte er etwas verwundert, »nächsten
Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von
fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im
Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag« -- er
betonte nachdrücklich jedes Wort -- »von fünf bis sieben ist Beichte.
Behalte, nächsten Freitag!«
»Oh,« wimmerte sie, »Hähr Pastor!«
»Also am Freitag, meine Tochter!« Er hob mit einer segnenden Bewegung
die Hand zum Abschiedsgruß.
Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.
Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte
ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand;
ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil
durchbohrt -- 'das süße Herz Jesu'.
»Hier, meine Tochter!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie.
Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder
allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er,
wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg
lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.
Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild
nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses
Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr
helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich
fort.
Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern
nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er
wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er
mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber
die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen,
die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den
dunklen Ringelhaaren.
Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz
des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und
argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön
'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten,
mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen.
»Duht dat net!« Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an.
»De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh
liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!«
»Waorom net gaor,« sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.
Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken.
Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein
am Weg fallen. »Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?« stieß sie
hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens
Gesicht.
Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: »No, waorom dann
net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!«
»Maant Ihr? Maant Ihr werklich?« Sie preßte seine Hand. O wie gut that
ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und
lehnte die Stirn gegen seinen Rock.
»Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!« Ob schön oder häßlich, er konnte
kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen,
er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand.
»Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!«
»Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,« murmelte
sie mit finsterer Entschlossenheit.
Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb
hätte, was würde er dann thun -- -- --?!
Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah.
»Eweil giehn ech. Adjes!«
Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die
Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.
Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen
Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land
mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein
Wild, kein Vogel.
Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen,
wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem,
grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem
dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke
sickert.
Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige
Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem
Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: »Still!«
Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde,
ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem
Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen
Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt
einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über
den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den
Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.
Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit,
wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas
verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach
wölbt sich über ihn und um ihn.
Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch
bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih
allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren
-- -- --?!
Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er
sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --!
Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von
Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich
ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- hätte er's denn nicht
selber so gemacht? -- Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit
einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah
sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits,
Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der
Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu.
-- Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er
zärtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie
um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- --
»Kotzdonner noch ehs!« Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt
fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen!
Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.
Im dürren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen
-- und jetzt --
»Haalt,« schrie es hell.
Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.
Peter sah verblüfft drein.
»Helao,« lachte die wilde Tina, »hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil
sein mir de Sperrbarriär!«
Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina,
die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein
paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter's Knie langten.
Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom
nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie
schrieen alle:
»Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!«
Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.
»Hei gitt et net strawätzt[28]!« Tina hielt ihn fest.
Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den
quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen.
»Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!«