»Ihr wollt sälwer gären -- haha -- alde Schatehk!«
»Haha! Alde Schatehk!« Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber
das auf.
Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie
hatten längst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem
nachschnoberte. »Annemarei, dat es rächt! Laoß der neist gefaalen,
Annemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! Su
hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha!« Ein nicht
endenwollendes Gelächter pflanzte sich fort.
Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in
großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend,
mit flatternden Röcken und Geschrei.
Da wurden Haare gelassen!
Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt.
»Dau mannsdoll Mensch, dau -- saog et noch ehs -- dau!«
»Neid'sch, dir seid neid'sch! Alde Schatehk!«
»Liegnersch!«
»Wolltst sälwer gären!«
»Waart, ech will dech liehren!«
Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie
ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen aus. Ließen sie
sich einen Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie
wieder aufeinander.
Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter.
Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche
hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn
und die Steffes allein, die aufeinander losgingen.
Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die Hände in den Taschen
seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend
am Boden. Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der Nase, dann
schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch
ihre Feindinnen darunter -- rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum
hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!
Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bäschen
von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste
Nebenbuhlerin -- war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür
geschlichen? -- versetzte ihr eins.
»Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,« zischelte Tina hinter
zusammengebißnen Zähnen.
»Dau Rotznaos,« schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei
Jahr älter.
»Dau öwerstännige Kwetsch!«[26]
»Dau unreifen Appel!«
»Ech roppen der dein rot Börschten[27] aus!« Tina griff kräftig in die
goldnen Zöpfe.
»Vrun, Vrun,« rief Leis die Freundin zu Hilfe. »Komm ehs här! Gief dem
dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.«
»Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,« schrie Tina. »Ech saon der,
dat Leis -- Vrun, Vrun! -- et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom
Pittchen gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!«
»Wat?!« In einem Augenblick hatte sich das Blättchen gewendet, die
Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. »Beim Pittchen gewest? Mech für
en Naor halen? -- O dau falsch Dingen!«
Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf
einander losfuhren.
Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom
Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei -- der
schlief ruhig weiter -- und und brach sich schallend an der jenseitigen
Höhenwand.
Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur Bäbbi. Die stand
abseits und starrte mit großen traumverlornen Augen in's Gewühl. Früher
hätte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, -- aber jetzt?! Es war
alles untergegangen in der großen Sehnsucht.
Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr,
langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hände. Was that der
Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? -- -- Wär' er doch erst
wieder hier -- ach! -- -- -- -- -- --
»Steh uf,« schrie die alte Schneidersch sie an. »Schläfste?« Die Alte
hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie
hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß sich die
ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter,
diesen Dorn in ihrem Auge.
Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bäbbi
nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr
Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, so
lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was hätte der Lorenz für
Partien machen können, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein,
merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre -- ja, er hatte
sie satt, der Mutter hatte er's vertraut!
Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit düstren Augen
hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt -- Heulen, Schreien,
geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander
erregter Gestalten -- jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu
entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: »Hän haot dech saat, saat
bis zom Ekel, hän wünscht dech, wuh dän Peffer wächst,« flammte er auf.
Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht
glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang
sich aus ihrer gequälten Brust. Sie hob drohend die Sichel -- aber,
da, sie ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und
schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, daß der
Hören und Sehen verging.
Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit beiden Armen und
schrie laut.
Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm,
Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, totenbleich, die Lippen
fest aufeinander gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von
Befreiung, von Erlösung.
»Hör uf,« kreischte die Alte, »ech zeigen dech an! Ech fluchen der!«
Ununterbrochen fielen die Schläge.
»Hör uf, ech saon et dem Lorenz! --«
»Lorenz --!«
Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach;
der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als
erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren
ganzen Körper; sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu
tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hände vor's Gesicht.