IV.

Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte

er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen;

behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.

Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich

gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen

rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm

ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.

Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein

Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne

Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen

Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen

Thälchen.

Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren

Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm

bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn

sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten

Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- --

-- -- -- -- -- --

Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen

und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie

in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid

gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.

Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann

beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause

geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er

sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom

alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel

sollte gepflügt werden, es pressierte!

»Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,« sagte Pittchen

wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in

sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit

Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da

kühl genug.

»Uf, dat es en Strawatz!« Er riß das Hemd auf der Brust von einander

und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett.

Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch

schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen,

und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie

bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid

hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon

in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie

sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe

Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr

der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag

das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen,

die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing

es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund

zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.

Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem

fremden Mannskerl allein fahren ließ?!

Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf -- da

-- es klopfte schon wieder!

Die Thür ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Pötsch

den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.

»Es dat Zeih net derhäm?«

»Nä!« Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so

viel nachzudenken.

Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. »Es dat

Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?«

Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.

Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte

aufgepaßt!

Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er

konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr

gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine

Kirsche.

»Wolltste ebbes vom Zeih?« fragte er viel freundlicher.

»Nä, von Eich,« sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange

in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm

und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.

Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen

Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein

Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi

als winziges Püppchen hing daran.

»Kuckt!« Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine

Schulter.

Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein

Stück abgebrochen. »Wat sollen ech dermit?«

»Heil maachen!«

»Dat kann ech net.«

»Ojeh« -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- »wän dat

zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr

könnt ales maachen!«

»Laoß mech gewärden[22],« brummte er.

»Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],« lachte sie. »Schnauzt mech

doch net e su ahf!« Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen

und streifte dabei zart seine Wange. »Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies

dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hährgöttche es

färdig!«

»Dau Fladdiererin,« schmunzelte er und strich ihr die Wange. »Saog ehs,

Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?«

»Nä, nä.« Sie that sehr verschämt. »Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil

noch vill zo jong!«

»Hm, hm.« Er betrachtete sie interessiert. »On dän Thomas Laufeld --

no?!« Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.

Sie schlug ihn auf die Finger. »Autsch! Bah, dän domme Jong.« Sie warf

die Lippen auf. »Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et

gitt'r aach noch annere -- haha!« Sie lachte hell und neigte sich ganz

zu ihm hinüber.

»Dao haste rächt in,« stimmte er zu.

Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit

der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren

-- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die

hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm

in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon

lichterloh!'

»Dau Racker,« sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den

Mund.

Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: »De Katz es net zo

Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih --«

»Dat Zeih,« unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen

von sich drängen.

»Ojeh,« kicherte sie, »dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän

Hähr waor e su onöwel net!« Sie sah ihn von der Seite an. »Puh, maacht

ken e su garschtig Visasch -- köß mech, sons kössen ech dech!«

Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen

Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht,

ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen -- das

war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren

Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie

lüstern auf neuen macht.

Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er

dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten;

und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.

Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter

der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos

trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem

nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das

Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.

Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas

Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre

altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf,

Peter stand sehr betroffen.

»Dau sollst erunner kommen.« Billa riß die Thür sperrangelbreit auf.

»Äwer tutswit[25]!«

»Maach, datste weg kömmst,« schrie die andre und ballte die Faust.

»Bäh.« Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit

Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. »Ech waaß ebbes! Helao, ech saon

et, ech saon et!«

Tina wie eine Furie hinterdrein.

»Kreizgewieder!« Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war

ihm vergangen.

»En hongrig Laus beißt am stärksten,« brummte er, und dann schloß er

seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm

geworden.

Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. --

'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur

Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt?

Was trieb sie?'

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Da -- »Kreizdunner,« fluchte er -- schon wieder Klopfen!

Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die

allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.

»Ech haon als ons Hubertche geschickt,« stammelte sie atemlos und

setzte sich auf einen Schemel, »wollt Ihr net kommen?«

»Gewiß, gewiß,« versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche

Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine

Wachtel.

»Et es pressant,« sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende

Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und

keuchte.

Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um

und musterte die armselige Stube.

»Dat Zeih es net zo Haus?« sagte sie dann.

»Nä.«

»Et es nao Manderscheid?«

»Jao.«

»Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?«

»Jao.«

»Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä,

su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!« Sie schlug die Hände

zusammen. »Es et menschenmiëlich?!«

Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau

mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ

ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!

»Su en armen Mahn,« rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht

beruhigen. Ȁwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen,

wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines:

Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech

aach derzu!«

Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht

gegessen.

»Kommt nor,« sagte sie dringend und kam auf ihn zu.

Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er

den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. »Dat es net zo

veraachten,« seufzte er.

Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. »On des Dauner Käs haon

ech aach noch derhäm!«

Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner

Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte

wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot,

ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander.

Von der Thür her sagte jemand: »Met Verlöw,« und die Kathrine Densborn

stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube.

»Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech

haon gekloppt on gekloppt!«

Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes.

»Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se

hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän

Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons

Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst;

eweil haste ebbes zo flicken!«

»Jesses Maria!« Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte

sie sich noch einmal um: »Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!«

Die Densborn lachte grimmig. »Dau denkst: 'Besser half geleiert, als

ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech

schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel

sticht!«

»O dau -- dau --« Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die

Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu.

»Gemaach, gemaach,« sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere

Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche.

Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.

»Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es

dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im

Omgang, on de Schienste weid on breid!«

Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte

nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es

schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau

lobte.

Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. »Womit kann ech ufwaarten,

Fra Densborn?«

Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten

Haut schmunzelte. »Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud

sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net

e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se

können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann.

Hei!« Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit

Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.

»Nä, wat Ihr geliehrt seid,« sagte sie bewundernd, als er die Adresse

schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das 'Densborn' zog. »Ihr

könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns

e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich

schullig, Pittchen?«

»Neist, neist,« beeilte er sich zu versichern; er war immer galant,

wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.

»Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim

Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.« Sie drückte

ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften

Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er

war erleichtert, als sie ging.

Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.

Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis,

und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren

Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte

geweint und geschluchzt und Pittchen an 'früher' erinnert.

Mit der einen lachen, die andere trösten und -- alle karessieren, das

war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war

ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und

schlief. --

In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker,

fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen

hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not.

Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie

hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund -- da schafften jetzt die

Weiber.

Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder;

die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der

Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann

in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen

Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt

unter'm kurzen Rock.

Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter

am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar

halbwüchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrüh' eine magere Kuh, die

mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.

Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die

Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen

Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.

Auch Bäbbi war bei der Arbeit. »Jesses,« sagte sie und richtete sich,

schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf.

Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn

raffte, keifte: »Voran gemaach! Sei net e su faul!«

»Ech kann net mieh!«

»Ech kann net mieh,« äffte die Alte nach. »Hammer dech dafor in de

schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld,

om onnötze Mäuler zo fudern!«

Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der

Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wüßt'!'

Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen

essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie

selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern

ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren.

Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte

schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als

Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit

ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten

Anschaffungen war etwas geblieben.

'Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm'!' Das war der

Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer

verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht.

Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wär'

er nur wieder da!'

In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich

an die Wand -- wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam

er!

Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib

traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.

Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden

jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige

Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den

leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz

schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend

durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei

drehte die sich um.

Tina lachte.

»Waart, dau frech Dingen,« kreischte die jüngere wütend.

Tina lachte noch immer.

»Hü, hott, meine Peerdches!«

»Ech sein net dein Peerd!« Billa warf sich in der Furche nieder.

»Hü, hott! Willste ziehn?!«

Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb

sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit

dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich

in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich

nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel.

Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm

gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen,

auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden

liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.

Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen;

jedoch nun wurde es Ernst.

Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafür riß er sie an den

Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der

andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut floß ihr aus der

Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.

Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der

sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt.

»Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß

krieht,« sagte eine.

»Jesses, hän haut se kappores!«

»Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!«

»Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!«

»Ä wat, Onkraut vergieht net!«

»Et blut jao!«

»Hilf! Hilf!« kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die

Äcker.

Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.

»Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!«

»Et es en Schand,« rief die Densborn, »dat dir dat Tina half dud

schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte

Karnallij!« Sie zerrte den Jungen am Bein.

»Laoßt hän nor,« schrie die Steffes gegen, »kömmert Eich erscht om

Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht.

Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel

soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale

Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich

derzu, Eich scheinheilig Luder!«

»Wat -- wat,« zeterte die Densborn, »Ihr wollt noch räden?! Su en

Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en« -- in der Wut versagten ihr die

Ausdrücke -- »dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm

es! Pfui!« Sie spuckte aus. »Su en --«

»Et es net waohr, et es net waohr,« kreischte die Steffes; sie war

blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin

zu. »Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha!« Sie lachte

krampfhaft. »Ihr wollt sälwer gären, Ihr« --

Das Weiberdorf · 第 17 / 49 题