Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte
er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen;
behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.
Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich
gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen
rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm
ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.
Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein
Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne
Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen
Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen
Thälchen.
Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren
Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm
bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn
sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten
Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- --
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Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen
und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie
in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid
gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.
Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann
beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause
geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er
sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom
alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel
sollte gepflügt werden, es pressierte!
»Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,« sagte Pittchen
wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in
sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit
Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da
kühl genug.
»Uf, dat es en Strawatz!« Er riß das Hemd auf der Brust von einander
und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett.
Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch
schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen,
und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie
bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid
hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon
in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie
sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe
Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr
der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag
das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen,
die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing
es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund
zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.
Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem
fremden Mannskerl allein fahren ließ?!
Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf -- da
-- es klopfte schon wieder!
Die Thür ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Pötsch
den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.
»Es dat Zeih net derhäm?«
»Nä!« Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so
viel nachzudenken.
Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. »Es dat
Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?«
Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.
Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte
aufgepaßt!
Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er
konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr
gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine
Kirsche.
»Wolltste ebbes vom Zeih?« fragte er viel freundlicher.
»Nä, von Eich,« sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange
in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm
und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.
Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen
Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein
Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi
als winziges Püppchen hing daran.
»Kuckt!« Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine
Schulter.
Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein
Stück abgebrochen. »Wat sollen ech dermit?«
»Heil maachen!«
»Dat kann ech net.«
»Ojeh« -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- »wän dat
zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr
könnt ales maachen!«
»Laoß mech gewärden[22],« brummte er.
»Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],« lachte sie. »Schnauzt mech
doch net e su ahf!« Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen
und streifte dabei zart seine Wange. »Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies
dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hährgöttche es
färdig!«
»Dau Fladdiererin,« schmunzelte er und strich ihr die Wange. »Saog ehs,
Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?«
»Nä, nä.« Sie that sehr verschämt. »Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil
noch vill zo jong!«
»Hm, hm.« Er betrachtete sie interessiert. »On dän Thomas Laufeld --
no?!« Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.
Sie schlug ihn auf die Finger. »Autsch! Bah, dän domme Jong.« Sie warf
die Lippen auf. »Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et
gitt'r aach noch annere -- haha!« Sie lachte hell und neigte sich ganz
zu ihm hinüber.
»Dao haste rächt in,« stimmte er zu.
Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit
der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren
-- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die
hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm
in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon
lichterloh!'
»Dau Racker,« sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den
Mund.
Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: »De Katz es net zo
Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih --«
»Dat Zeih,« unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen
von sich drängen.
»Ojeh,« kicherte sie, »dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän
Hähr waor e su onöwel net!« Sie sah ihn von der Seite an. »Puh, maacht
ken e su garschtig Visasch -- köß mech, sons kössen ech dech!«
Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen
Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht,
ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen -- das
war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren
Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie
lüstern auf neuen macht.
Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er
dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten;
und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.
Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter
der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos
trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem
nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das
Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.
Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas
Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre
altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf,
Peter stand sehr betroffen.
»Dau sollst erunner kommen.« Billa riß die Thür sperrangelbreit auf.
»Äwer tutswit[25]!«
»Maach, datste weg kömmst,« schrie die andre und ballte die Faust.
»Bäh.« Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit
Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. »Ech waaß ebbes! Helao, ech saon
et, ech saon et!«
Tina wie eine Furie hinterdrein.
»Kreizgewieder!« Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war
ihm vergangen.
»En hongrig Laus beißt am stärksten,« brummte er, und dann schloß er
seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm
geworden.
Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. --
'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur
Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt?
Was trieb sie?'
-- -- -- -- -- -- -- -- --
Da -- »Kreizdunner,« fluchte er -- schon wieder Klopfen!
Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die
allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.
»Ech haon als ons Hubertche geschickt,« stammelte sie atemlos und
setzte sich auf einen Schemel, »wollt Ihr net kommen?«
»Gewiß, gewiß,« versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche
Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine
Wachtel.
»Et es pressant,« sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende
Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und
keuchte.
Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um
und musterte die armselige Stube.
»Dat Zeih es net zo Haus?« sagte sie dann.
»Nä.«
»Et es nao Manderscheid?«
»Jao.«
»Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?«
»Jao.«
»Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä,
su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!« Sie schlug die Hände
zusammen. »Es et menschenmiëlich?!«
Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau
mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ
ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!
»Su en armen Mahn,« rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht
beruhigen. Ȁwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen,
wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines:
Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech
aach derzu!«
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht
gegessen.
»Kommt nor,« sagte sie dringend und kam auf ihn zu.
Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er
den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. »Dat es net zo
veraachten,« seufzte er.
Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. »On des Dauner Käs haon
ech aach noch derhäm!«
Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner
Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte
wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot,
ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander.
Von der Thür her sagte jemand: »Met Verlöw,« und die Kathrine Densborn
stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube.
»Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech
haon gekloppt on gekloppt!«
Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes.
»Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se
hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän
Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons
Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst;
eweil haste ebbes zo flicken!«
»Jesses Maria!« Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte
sie sich noch einmal um: »Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!«
Die Densborn lachte grimmig. »Dau denkst: 'Besser half geleiert, als
ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech
schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel
sticht!«
»O dau -- dau --« Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die
Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu.
»Gemaach, gemaach,« sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere
Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche.
Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.
»Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es
dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im
Omgang, on de Schienste weid on breid!«
Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte
nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es
schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau
lobte.
Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. »Womit kann ech ufwaarten,
Fra Densborn?«
Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten
Haut schmunzelte. »Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud
sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net
e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se
können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann.
Hei!« Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit
Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.
»Nä, wat Ihr geliehrt seid,« sagte sie bewundernd, als er die Adresse
schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das 'Densborn' zog. »Ihr
könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns
e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich
schullig, Pittchen?«
»Neist, neist,« beeilte er sich zu versichern; er war immer galant,
wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.
»Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim
Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.« Sie drückte
ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften
Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er
war erleichtert, als sie ging.
Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.
Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis,
und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren
Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte
geweint und geschluchzt und Pittchen an 'früher' erinnert.
Mit der einen lachen, die andere trösten und -- alle karessieren, das
war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war
ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und
schlief. --
In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker,
fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen
hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not.
Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie
hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund -- da schafften jetzt die
Weiber.
Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder;
die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der
Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann
in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen
Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt
unter'm kurzen Rock.
Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter
am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar
halbwüchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrüh' eine magere Kuh, die
mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.
Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die
Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen
Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.
Auch Bäbbi war bei der Arbeit. »Jesses,« sagte sie und richtete sich,
schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf.
Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn
raffte, keifte: »Voran gemaach! Sei net e su faul!«
»Ech kann net mieh!«
»Ech kann net mieh,« äffte die Alte nach. »Hammer dech dafor in de
schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld,
om onnötze Mäuler zo fudern!«
Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der
Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wüßt'!'
Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen
essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie
selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern
ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren.
Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte
schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als
Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit
ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten
Anschaffungen war etwas geblieben.
'Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm'!' Das war der
Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer
verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht.
Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wär'
er nur wieder da!'
In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich
an die Wand -- wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam
er!
Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib
traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.
Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden
jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige
Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den
leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz
schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend
durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei
drehte die sich um.
Tina lachte.
»Waart, dau frech Dingen,« kreischte die jüngere wütend.
Tina lachte noch immer.
»Hü, hott, meine Peerdches!«
»Ech sein net dein Peerd!« Billa warf sich in der Furche nieder.
»Hü, hott! Willste ziehn?!«
Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb
sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit
dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich
in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich
nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel.
Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm
gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen,
auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden
liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.
Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen;
jedoch nun wurde es Ernst.
Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafür riß er sie an den
Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der
andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut floß ihr aus der
Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.
Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der
sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt.
»Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß
krieht,« sagte eine.
»Jesses, hän haut se kappores!«
»Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!«
»Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!«
»Ä wat, Onkraut vergieht net!«
»Et blut jao!«
»Hilf! Hilf!« kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die
Äcker.
Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.
»Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!«
»Et es en Schand,« rief die Densborn, »dat dir dat Tina half dud
schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte
Karnallij!« Sie zerrte den Jungen am Bein.
»Laoßt hän nor,« schrie die Steffes gegen, »kömmert Eich erscht om
Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht.
Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel
soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale
Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich
derzu, Eich scheinheilig Luder!«
»Wat -- wat,« zeterte die Densborn, »Ihr wollt noch räden?! Su en
Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en« -- in der Wut versagten ihr die
Ausdrücke -- »dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm
es! Pfui!« Sie spuckte aus. »Su en --«
»Et es net waohr, et es net waohr,« kreischte die Steffes; sie war
blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin
zu. »Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha!« Sie lachte
krampfhaft. »Ihr wollt sälwer gären, Ihr« --