Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht aufgegangen, nur über den
Bergen im Osten rötet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das
Thal; von Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem Wasser. Die
Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.
Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild
früheren Glanzes. Drei Uhr.
So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf den Beinen. Heut
klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig bekleidet mit Hemd und
Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht
es nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben der Fenster
sind dick angelaufen.
Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und steigt mühsam durch die
schwere Luft zum farblosen Himmel.
Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd
und kochen den Kaffee; unter'm hängenden Kessel schwehlt das feuchte
Reisig, der Dampf beißt in die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist
kalt, das Herz schwer wie Blei.
Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wälzt sich in den Federn;
er kann gar nicht herausfinden, der Kopf ist ihm schwer vom letzten
durchzechten Abend. Er stöhnt und flucht.
Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, übernächtig,
hohläugig; die blühendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund
schmerzlich verzogen. Langsam tappen die bei der Kirmes müde getanzten
Füße.
Der letzte Morgen!
Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu wandern, und
die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast ungeschickten Händen hilft
die Frau dem Mann in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr
getauscht, die haben sich erschöpft in den paar Tagen -- und wozu auch?
Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen
Thal. So ist's nun mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt
man schon wieder sein Geschick auf sich.
Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren bringen Hut und
Stock und stecken dem 'Pappa' noch ein Brot und ein Stück altbacknen
Kirmeskuchen in's Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist
unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lärm zu.
Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so schleichen sie; winselnd
schnuppert der Hund herum und drückt sich dem Herrn an die Füße. --
In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute brannte noch das
Lämpchen; es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft
kam durch das schmale Fensterchen.
Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum
Schrank, immer vergaß sie noch etwas. Nackt und kahl engten die
rotgetünchten Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick
darüber hin, ein Grauen kam sie an, -- und war's gestern nicht noch
hier wie ein Paradies?!
Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann noch nicht gewöhnt; vor
zwei Tagen war erst die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den
Schemel am Tisch: »Wanneh kömmste widder?!«
Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt, und stierte in
seinen dampfenden Kaffeenapf. »Kreisch net, Bäbbi,« sagte er endlich;
aber es würgte ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.
Sie sagten nichts mehr.
Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell
-- schon zeigte er beinah vier. Eine fahle Dämmerung schlich durch den
düstren Raum; Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend erlosch.
»Eweil giehn ech,« sprach er und stand auf.
»Noch net!« Sie hing sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfaßt.
»Dau has noch Zeid, bleiw« -- krampfhaft packte sie seine Hand --
»bleiw noch ebbes!« Sie schrie laut auf: »Nor ein Minut!«
»Nä!« Er machte sich los. »De anneren waarten!«
»Ech siehn dech gewiß net widder -- Jesses Mari Juseb -- ech graulen,
wann ech stärwen moß!«
»Dommhaaten!« Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. »Haal dech
gesond, on schreiw bal, hörste?! Adjes, Bäbb!« Er setzte sich den Hut
auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie an
sich. »Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, biste gäckig?!
Bäbbche, mei liew Bäbbche!«
Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende Thränen flossen auf
seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte
er sich endlich los.
Ganz benommen taumelte er zur Thür -- noch ein Blick zurück, noch ein
Kopfnicken -- nun stolperte er über die Schwelle. Nun war er fort.
Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer -- da, horch! --
noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt
eilende Tritte -- jetzt nichts mehr!
Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee
und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. --
Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten
ihn, daß er sich nicht hatte trennen können. Auch viele Frauen und
Mädchen waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; mit
verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.
Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von Schwarzenborn, stand ein
Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze,
soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den nackten
Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand
letzte Umarmungen versteckt.
Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch
ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde
reichte, und dann: -- »Voran gemaach!«
Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon
manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr
ältester Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; 's war Zeit, daß
der fortkam.
Trapp -- trapp -- -- --. Hart tönen die Schritte auf dem holprigen
Dorfpflaster. Trapp -- trapp -- das klingt wie Hammerschläge auf einen
Sargdeckel.
Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle zurück. Leer sind die
Gärtchen, thränenschwer nicken die Blumen am Zaun. --
Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter
sind grau, alle Blicke trüb, traurig suchen sie den Himmel -- oben auf
dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle
ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast schwarz; scharf hebt
er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels.
Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; die wie träumend
hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen
von rosenfarbnen Bändern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen.
Alles Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme loht auf, voll,
stark, groß -- riesengroß -- sie leckt himmelan mit gierigen Zungen,
mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges
entfacht, schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet sich
weiter und weiter.
Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglüht, jeder
Dorn, jedes Blatt.
Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt!
Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein
Feuervorhang verhüllt den Himmel -- da -- jetzt -- jetzt hebt er sich,
er zerteilt sich! Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor
hinter'm Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz -- die
Sonne!
Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in
die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter;
die der Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der
Hand.
»Voran gemaach,« rief der Densborn und hob mahnend die Hand. »De Sonn'!«
Und Lorenz stimmte den 'Abschied' an; er mußte singen, da saß was auf
der Brust und in der Kehle, das mußte weg.
Er schmetterte der Sonne entgegen:
»Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer!
On die, die, die, on die Abreis' noch viel mehr!
Also fällt mir dieser Trost noch ein,
Ech kann net immer an einem Ort sein,
Mein Glück muß ech probieren,
Marschieren!«
Sie sangen alle mit:
»Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!
Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;
Wir wünschen euch zu guterletzt
Ein andern, der die Stell ersetzt,
Damit sei'n alle Wunden
Verbunden!«
Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber
schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein
wenig zurückblieb und die Seine auf offener Straße umfing.
Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den
Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stück Fels gezogen, da küßte
er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren
Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn
schon losgelassen hatte, stürzte sie sich noch einmal auf ihn.
Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: »Komm ehs,
Tina!«
»Frech Dingen!« Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber
diese ließ nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte
sie den Mund und lächelte den Burschen an: »Adjes, Thomas!« Der küßte
zuletzt das hübsche Kind auch noch.
Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie
das Zeichen des Kreuzes.
»Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kömmst! Zu Weihnacht --
vergeß net! -- für ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen
-- äwer, dat de Farf net schanschört![21] On für mech en Gedrucks, elf
Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, Nikla!«
»Adjes, Kättche! -- Hä, allons,« schrie der Densborn.
Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute in's Thal hinunter;
er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um's
Herz. »Adjes, Bäbb,« murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die
Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Pläsier
gab's auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause -- warum
denn grämen?!
Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. »Adjes, bring mer
ebbes Schienes met!« -- »Schreiw als bal!« -- »On dau aach!« -- »Bleiw
gesond!« -- »Grüß ons Könner!« --
Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht's! Trapp,
trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind
die Männer verschwunden.
Allein. -- Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene
Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf über's kahle Plateau; er
blähte die Röcke der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der Not
gehißt.
»Eweil sein se weg,« sagte eine und starrte trübselig hinter den
Entschwundenen drein.