Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid
mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter'm Schenktisch.
Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden
Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde
die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich für zwei
Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank aus seinem
Glas und ließ sich die glühenden Wangen streicheln.
Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht
besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die
kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das
Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße,
Bänke umpolterten, Gläser in Scherben klirrten.
Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten,
Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen
feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, große Stücke
Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten
Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der
Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die
vom 'Pappa' mitgebrachten Puppen.
Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den kleinen Fenstern
putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen Kirchgang her über's
Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung
unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog's heute nachmittag
an; glücklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der
Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und
Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren
rot.
Die Sonne fiel schon schräg in's Thal und malte huschende, rasch
verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten Hauswände.
Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am
Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten
Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen
hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt.
Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts
vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen
Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen
und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel.
Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am
wenigsten stürmisch. Doch jetzt -- lautes Halloh!
»Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!«
Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend,
näherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die
Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche
halb gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rückten,
ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende der Bank nieder. Er
sagte nicht: »Röckt noch ebbes« -- er sagte: »Met Verlöw« und placierte
seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch.
»No, Pittchen,« rief Niklas Densborn, einer der älteren, der obenan
saß, »wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech
der, dau has jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!«
»Spaor dei Red,« schrie Thomas Laufeld, ein stämmiger Bursche mit
einer Stupsnase. »Dän kann dat Läwen jao bal net mieh mantenören[6]!
Kucktelhei dat Pittchen!« Er brüllte, um sich in dem allgemeinen
Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden
Miffert bei'm Handgelenk, streifte ihm den Ärmel zurück und hielt
gewaltsam den mageren Arm in die Höhe. »Kucktelhei, Haut on Knochen, ke
halw Pündche Fleisch!«
Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein
hübsches Gesicht lächelte noch immer. »Laoß de Dommhaaten,« sagte er
gelassen.
Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen.
»Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste
hei bei de Fraleider?! Kuck« -- er hielt seinen fleischigen Arm neben
den dürren des Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust,
daß es klatschte -- »dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer
net alleweil de Menscher am Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher[7]
Schmachtlappes, dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl« --
»Mein Fra aus em Spill,« sagte Miffert plötzlich und machte eine kurze
Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche -- da lag auch schon der
Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert.
Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den
Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften.
»Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,« brummte anerkennend
Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge
ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: »Et es en Schand, Peter,
dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt,
dat kömmt der lao zo paß. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei
owen kannste Hongerpoten kötschen!«[8]
Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der
nachlässigen Haltung, mit der etwas hängenden Lippe und dem schläfrigen
Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er die
Zähne von einander brachte:
»Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei« -- er wies auf sein lahmes Bein
-- »dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9] wie en
annern.« Seine Stimme wurde kläglich: »Ech haon dat Wieh im Enkel; ech
haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!«
»Ojeh, Alfanzerei,« schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch,
daß die Gläser sprangen, »wat micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel
-- haha, wän dat zweifelt![10] Laoß de Comedi, faules Luder! Schlaofen
on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu!«[11]
Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgestützt und
guckte in sein Glas.
»Hän es faul, faul, dat et stinkt!«
»Jao, jao,« stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei.
»Faul wie de Sünd! Sitzt im Dreck on röhrt sech net!«
»Ehnder gänn Brameln[12] Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,«
schrie irgend einer.
Die ganze Gesellschaft stimmte zu: »Jao, Brameln gänn ehnder
Weinbeeren, hahahaha!«
Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber
inwendig ordentlich stieß; er kniff die Augen zusammen und schüttelte
sich.
»Waorom sollen ech mech e su afrackern,« sagte er dann gutmütig, »dat
Läwen es korz, mir haon nor einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen
Hähren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch
krieht« -- er lachte verschmitzt und stieß einen leisen Pfiff aus --
»dat gilt en Dreck!«
Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen schläfrigen Blick, in
dem es zu funkeln begann, reihum gehen.
»Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech muß en Dauer met eich haon,
ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!«[13]
Er zuckte die Achseln.
Sie nickten betroffen. »Recht haot hän!« Auf viele Gesichter lagerte
sich ein plötzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie
im aufgewühlten Acker, die man vorher nicht gesehn.
»Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?« murmelte der Densborn
und ließ die Faust schwer niederfallen.
Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem
Seufzer: »Äwer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,«
schrie er plötzlich Pittchen an, »dau schandlusen Kerl.«
Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen Gesichter. »Mer moß
wissen, wän mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot!« sagte er.
Sie verstanden ihn nicht -- was wollte er damit sagen? Sie sahen nur
sein spöttisches Lächeln, und das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine
gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.
Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd über den Tisch.
»Wat? Wat? Esel --?! Esel haot hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog
dat noch ehs!«
Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. »Esel, Esel!«
Die Füße scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde
grollender. Die schönste Prügelei schien in Aussicht.
Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase:
»Maach!«
Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen
schoß ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: »Wat
willste? Wat haon ech dann gedahn?«
»Esel -- Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder.
Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste
ke Glied mieh röhre kanns!«
»Jesses, seid dir gäckig?!« Peter that sehr verwundert. »Esel -- Esel
-- wän haot ebbes von Esel gesaot?!« Er drehte den Kopf hin und her,
als ob er jemanden suche. »Su ebbes von Ausverschämtheit. Wän kann sech
onnerstiehn, ebbes von 'Esel' zo saon?!«
Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefühl. Sein Gesicht
trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit
offenem Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas.
»Zogott,[14] dir sollt läwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes!
Thom! Zogott!«
Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden.
Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die Hand. »Jao, et es en
dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm
Luder!« Er gähnte. »Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt
alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on de Weibsbiller sein mer bis«
-- er fuhr mit dem Handrücken unter'm Kinn her -- »bis heihin!«
Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke trafen ihn; da
war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu
haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen
wie aus den Augen geschnitten.
»Dau Faxenmaacher,« schrie Martin. »Glauwt net, wat hän babbelt! Dän de
Fraleider saat --?!« Er lachte zornig. »Dau Filu!« Er sprang auf und
ging drohend auf Miffert zu. »Hinner jeder Diehr sticht hän, an jeder
Schörz hängt hän! Waart, ech will dech Conduiten liehren!« Rot vor Wut
wollte er sich auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.
»Gemaach, gemaach, Martin,« mischte sich der Densborn ein, »laoß hän!
Mir wollen ke Streit anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste
maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On
Dag on Naacht allein! Mer moß en Dauer met ihnen haon. Dän elao« -- er
wies auf den Wirt hinter'm Schenktisch -- »dän on de paor annern alden
Knackstiebel kannste doch net für voll rechnen!«
Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit verstanden;
nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die
eingesunknen Backen auf. »Dau Lausbub,« schrie er herüber, »kömmst hei
erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst
vor Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer kucken. Gäl,
Nettche?!« Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe.
»Laoßt!« Das Mädchen schlug ihn derb auf die Finger. »Ech haon eweil
ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stück Dörrflaasch!«
Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.
Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt
zu entfernen. Er war schon an der Thür, da sprang ihm Mathes nach. »Hei
gebliewen,« schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ sich
drängen, er widersetzte sich nicht.
»Kucktelhei,« schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf
stieg, »dän Kalmäuser![15] Dat es dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach
haon! Frißt de Blumen in anner Leit's Gaarten! Äwer hol dech in Aacht,
dattste net ausgezaohlt giefs -- dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im
Koap! Ech dähten er net drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän
Deiwel Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! -- Dat Zeih, dat es en
staatsch[16] Luder, en schnipp-schnappig[17] Mensch, dat -- --«
Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes jäh verstummen, betäubt
taumelte er zurück.
Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr
von schläfriger Trägheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da,
mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger
Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann brüllte er: »Hal
dei Maul!« Seine erhobene Faust sauste nieder. »Dat es für dat 'Luder'
-- on dat« -- wieder hob und senkte sich die Faust -- »dat es für dat
'schnipp-schnappig Mensch' -- on dat -- on dat -- onnerstieh dech noch
ehs!«
Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder -- hierhin,
dorthin -- hei, waren das Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in
Stücke gehn.
Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung standen sie
alle. Aber jetzt brach's los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem
Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt,
wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten um, Gläser klirrten
zu Boden -- Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen,
Toben -- da -- die Thür ging auf!
Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende
Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln
und Schwirren -- die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre
üppige Fülle in Schatten stellend.
»Schkandal?« rief Lucia Miffert fragend.
Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren
Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt.
»Wat gitt et hei?« rief sie hell. »Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes!« Sie
teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus,
halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre
fünf Finger auf der Wange des Getroffenen ab.
»Dunnerkiel!« Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht.
»Kuckste,« lachte sie heiter, »dat kömmt dervon! Laoßt de Dommhaaten,
heit wolle mir Pläsier haon, ihr Mannsbiller!« Aus ihren schönen runden
Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre
weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. »Jesses, die
Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Könner! Hahahaha!«
Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke
raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle
Brust spannte, krachte in allen Nähten. »Hahahaha!« Wieder das Lachen.
Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler
zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thaten
sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen.
Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick
umher und wiegte sich lachend in den Hüften.
An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, jetzt wagten
auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen
hingen sich an die Burschen. »Danzen! Danzen!«
Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.
»Muhsik! De Muhsik!«
Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie
eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf.
»De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!« Die Kinder auf der Straße stießen
ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den
Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und
jauchzend zur Wirtshausthür.
Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die
Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken
Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber
rückten die Bänke längs der Wände -- nun war der Tanzsaal fertig. Der
schwenkende Rheinländer hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die
dreißig Paare auf einmal.
Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde auf die Füße
getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und
die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch
den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man
öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur
tanzten auch noch welche.
Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man
fühlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man
hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den
Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren
Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlichen
Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen
blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange;
kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten.
Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Röcke wurden
schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in's Gesicht. Ihr helles
Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am
dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.