recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich
verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller
Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der
Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er
heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ...
Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in
denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit
spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich
fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort
von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu
lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? --
Gewollt? -- Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen
dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort
wolltest, warum bist du denn gegangen?« -- Und ganz urplötzlich wußte
ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine
neue Qual. -- So im Hader mit mir selbst verging die Zeit.
Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem
ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen
Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich
waren. -- Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen
und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort
waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die
sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich
wiederkommen?« -- Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen
die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so
wunderbar, -- und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und
als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es,
und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte
die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein
eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach
und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu
haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff
mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer
nicht übergeben wollte.
In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen
Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine
Gestalt überragte die größten unter ihnen.
»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige
Lächeln und den besorgten Blick. -- »Ja, ich glaube,« sagte ich. -- Und
dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche
die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so
sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. --
Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem
persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken
hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und
ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder
Schmerz nicht ganz verbergen konnte.
Aber von diesen Zeilen lebten wir -- ich wenigstens. -- An diesen Zeilen
hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und
alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur
Pflicht zu überreden.
Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem
Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren,
und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem
Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich
des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein
Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer
so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch
irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die
Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch
eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu
wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich
dachte.
Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland
in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen.
Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir,
daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen
ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem
Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei
bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im
ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem
Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen
würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte.
So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen
Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer
zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich
stieg die Treppe schluchzend hinab.
In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich
auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun
wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht
tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem
ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die
Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen
Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit
in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so
dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. -- Was für eine
Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen,
die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz
gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich
machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu
können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »=under nurse= sein?« Ich
hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen
Begriff machen.
»Was ist das?«
»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich
genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die =head nurse= eine
Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.«
Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab.
»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst
hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut,
gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir
die Adresse und ich machte mich auf den Weg.
Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich
an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein
nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann,
im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen
Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr
lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich.
Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse,
ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die
=nurse= gesehen hätte. Da aber die =nurse= mit den Kindern ausgegangen
sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß
mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der
=nurse= gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen.
Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben
waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten.
Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die =nurse= vermutete,
versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem
Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die
schützende Weite suchten. Die =nurse= stellte den Stock wieder vorsichtig
in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu.
Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich
wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann,
was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach.
Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte
ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.
Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung
einer »=under nurse=« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun
bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier
Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ
mich das fühlen.
Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das
Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten
und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle
möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen
und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch
schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich
mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und
biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow
dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht;
sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt
hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen
im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin.
Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte,
wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit
machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein
Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So
oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war
sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne
Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie
am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von
dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit
keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in
der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und
wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in
der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser
Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern
und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu
erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten
und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht
haben ...
Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das
Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war
sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu
mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so
zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem
Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was
haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß
sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für
Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen
Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen
Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und
doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem
die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend
glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug.
»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen,
»sicher, er wird wieder gesund.«
»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren
tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin
löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ...
Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend
wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem
Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei
sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen
halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder....
Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich
eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief
war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch
etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten
Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner
Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von
Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er
Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle
mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu
widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich
ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig
für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen.
An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und
ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines
Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen.
»Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es
ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil
ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen
fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie
daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr
ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir
hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder
einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner
=boardinghouse= zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld
schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen,
um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ...
Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren
auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit
aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken
an die Zukunft ab und lernte ...
In dem =boardinghouse= ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste
gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen.
Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den
Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode
geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick
geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein
blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in
England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm
ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte,
wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über
das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie
bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte.
Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte
ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner
Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der
Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später
erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft
das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen,
und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine
Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte
eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte
und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann
nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune
verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft
drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie
jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie
vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei.
Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen
gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir
dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich
hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz
unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So
hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch
länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte,
das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte.
Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen
und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag
schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und
schüttelte sich vor Lachen.
»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem
Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das
ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«
Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein
französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich.
»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.«
»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein.
»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett
und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts
weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu.
Darauf lachte sie überlaut.
»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum
erwarten.«
»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie
noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das
nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich
wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.
Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am
nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet
hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende
Londons ein anderes Zimmer.
Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem
Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt,
es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu
benutzen.
Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den
grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später
unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber
nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke
stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte.
Ich befand mich wie unter einem Zauber -- wie unter der persönlichen
Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten -- und
längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von
einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und
sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum.
Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich
plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir
ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil
ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann
rasch und trat hinaus. -- Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine
andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen,
wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein
ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen
sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich
inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes
Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es
standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche
selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz
der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der
Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in
ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und
dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später
die Westminster-Abtei besuchte -- und ich tat das sehr oft --, brachte ich
erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von
dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen
berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen
herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte
ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt
hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten.
Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte,
weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich
oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.
Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden Beschaulichkeit
abgesehen, war jeder Tag ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe
fehlen, die englische Sprache gründlich zu erlernen und dichtete seit
einiger Zeit auch schon englische Gedichte, die, wenn sie mir auch
die Dankbarkeit der Engländer nie erringen werden, mir große Freude
bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber seine Anerkennung aus
und fragte mich nun öfters, was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte,
ob ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. Auf diese Fragen
antwortete ich aber nie, und als endlich die Zeit kam, in der ich darauf
antworten mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus überfiel,
als er seinen Meister verleugnete. »Denken Sie, daß ich zurückkommen
darf?« so frug ich ihn. Später trug ich den Brief zur Post, und als ich
zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine alten Teufel. »Ist etwas,
das gut ist, nicht fraglos, nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?«
In allen Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und neben diesem
Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag der Nacht. Die Tage schlichen
meiner zitternden Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche Angst
vor irgendetwas Unbekanntem. Was wird er schreiben? Und wann wird er
schreiben? So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, endlich kam
sein Brief. Er stak in einem blauen Umschlag und wog schwer in meiner Hand.
Ich konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen und wünschte
fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. Endlich aber las ich ihn, und ich
las ihn lange ... Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken
ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich um. Alle meine
Teufel waren fort; alle Angst, alle Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie
eine Wolke hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein Gefühl auf,
dem ich noch keinen Namen geben konnte, das wie ein vom Traum Erwachter
in mir herumschwankte und sich endlich mit festem Druck gegen meinen Hals
stemmte.
Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht auf die Arme, und so saß
ich lange. Als es dunkel und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem
Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal in der Nacht setzte ich
mich auf und entzündete eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe
an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.