London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe
ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern
Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder
brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das
mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen
Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das
schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer
Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem
weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl.
Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin
aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten.
Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen
Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und
ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum
brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den
Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen
Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es
war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich
mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit
des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als
Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam,
weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte
auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von
einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge
reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte
Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand
diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.
»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn
wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und
der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. --
Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie
die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber
kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar
beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr
oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir
gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer
Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge
Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr
wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern,
die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben
verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch
über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen,
ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu
erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und
lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal
so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein
und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder,
unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen
Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder
bürstete noch einmal so rasch wie sie ...
So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer
glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde.
Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir.
Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde
läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet
würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf
in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das
Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit
einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang
herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die
Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen
haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren
die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ...
Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes
gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein
ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen,
wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch
englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere
Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen
der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte,
schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit
großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend
bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.
Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über
das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand.
Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher
Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften
einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren
Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner
Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte
und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie
klar. --
Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß
vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da
»Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange,
dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche
Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte
dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte.
Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach.
Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das
eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. --
Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die
Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald
die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag.
»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.
»Gewiß nicht!« sagte ich.
Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit
verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen
wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren
Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein
Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin
zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise
sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein
Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute
mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht
tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als
ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan
war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte
ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten,
niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So,
während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht,
und ich nannte es »Ruby«.
Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm
vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich
nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke,
die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus,
und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel
mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften
Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer.
Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache,
die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug
ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:
=When I consider how my light is spent
E're half my days, in this dark world and wide
And that one talent which is death to hide
Lodg'd with me useles though my soul more bent
To serve therewith my Maker and present
My true account, least he returning chide.
Doth God exact day-labour, light deny'd
I fondly ask; but patience to prevent
That murmur soon replies: God doth not need
Either man's work or his own gifts. Who best
Bear his mild yoke, they serve him best. His State
Is Kingly. Thousands at his bidding speed
And post o'er Land and Ocean without rest;
They also serve who only stand and wait.=
Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares
Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein
größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte
von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag,
an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen
Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte
durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich
blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht
stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach
dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle
wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:
=Ah! Love was never yet without
The pang, the agony, the doubt ...=
und dann einige Zeilen weiter:
=That Love had arrows well I knew
Alas! I find them poison'd too.=
Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches
mir im übrigen gar nicht gefiel.
In Keats war mein Lieblingsgedicht:
=I had a dove und the sweet dove died
And I had thought it died of grieving:
O, what could it grieve for? its feed were tied
With a silken thread of my own hands weaving;
Sweet little red feet! why should you die?
Why should you leave me, sweet bird, why?
You lived alone in the forest-tree,
Why, pretty thing! would you not live with me?=
Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und ich sagte es immer
leise vor mir her, wenn ich die Wäsche wusch oder den Boden scheuerte.
Überhaupt ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung,
die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. Der Gang eines Gedichtes
hat für mich etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die Süßigkeit,
die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile auf mich strömt, noch in
keiner anderen Form der Dinge gefunden.
In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein Freund hatte mir in den
ersten Monaten meines Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben,
doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. Manchmal ließ er mich
monatelang auf die Beantwortung meiner Briefe warten, und ich dachte,
er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich dann in solchen Stunden
empfand, kann ich nimmer beschreiben; wie ich täglich und stündlich
seine Nähe fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, auf etwas
Wunderbares wartete, das ihn mir bringen sollte. In diesem Glauben ging ich
so weit, daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, weil ich meinte,
er sei da ... Doch er war es nie ...
Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine Einladung nach Schottland
bekommen, könne mich aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,«
fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts von London gesehen haben, Sie
sich die Stadt ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie dazu
für die paar Wochen in das Heim gingen. Selbstverständlich trage ich die
Kosten hierfür.«
»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.
»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes Heim, und ich bin überzeugt,
daß Sie dort gut aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden.
Die Vorbereitungen zur Abreise wurden noch am selben Tage getroffen, und am
nächsten Tage brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und empfahl mich
der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.
Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den acht Betten. Ich kannte keines
der Mädchen und bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu
lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, wartete meiner eine
Überraschung. Jemand rief meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber
und fragte mich, wer das sein könne; welches der Mädchen mich denn kennen
könnte. Diejenige, die mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei
Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen Sie doch!« rief sie
lebhaft. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und
glaubte schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf einmal
einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere Bettnachbarin, das Mädchen mit
den großen glänzenden Augen und dem reichen braunen Haar. Es freute mich
nun doch, daß mich hier jemand kannte und begrüßte. »Suchen Sie eine
Stelle?« frug ich einmal während des Essens. »Nein,« antwortete
sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß sie deutsche
Korrespondentin sei.
Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, daß Sie es hier
aushalten können.« »Warum?« frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf
sie erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.
»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«
»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich an vieles gewöhnen,«
und als sie das sagte, wurde ihr Gesicht sehr traurig.
Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das
Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in
denen das Mädchen neben mir sang.
Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu
gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim
nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem
Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich
entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen
Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen
geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir
etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum
empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich
die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich
jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind,
um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu
können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die
hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch
ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien
befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche
empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese
Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den
steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank
lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe
zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken
zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute
dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen
Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune
Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue
Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt -- daß Gott noch an der
Schöpfung arbeitet -- daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht
sind.
Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls
Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes
Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs
aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute
durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren
Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen
zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem
einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen
beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.«
Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben
und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf
gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im
Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch
zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte
Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber
nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen.
Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie
den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte,
machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die
dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank
und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete,
daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft
wurden. -- Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter
darüberhin! --
Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück,
von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet.
Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich
nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich
zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen
konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich
überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd
zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich
schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber.
Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes
Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde
ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin
bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich
lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser
vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann
von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum
Schluß weinte sie.
»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach
Paris ging.«
Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen.
»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?«
»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel -- zu viel.«
Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und
einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen
Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und
ihr Lächeln ein gezwungenes war.
An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin
sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich
das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin
ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie
wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner
Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne
sie zu vollenden.
»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.
»Ja.«
»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich bei diesen Worten
über ihre Hand.
»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie ich noch nie einen
Menschen hatte reden hören. Dann schloß sie ihre großen, glänzenden
Augen, und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen Worte zu
hören, erzählte sie mir eine sehr traurige Geschichte. Als sie geendet,
weinten wir beide.
»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« frug ich endlich.
»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.
»Und lebt es?«
»Ich weiß es nicht.«
Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. »Wie ist das möglich,
Sie wissen nicht, ob Ihr Kind lebt oder nicht?«
Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, und mein Mitleid quoll
empor. »Sagen Sie mir alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht
erleichtert es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir alles; wie der Mann
sich nicht mehr um sie gekümmert, wie sie neun Monate lang gehungert
hatte, um ihr Kindchen bei sich haben zu können, -- wie sie endlich krank
wurde und das Kind fortgab, um es vor dem Hungertode zu schützen. Während
der Erzählung flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und
ich streichelte ihre Hände.
»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise.
Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris
ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder
einen Namen nennen zu müssen.«
»Und dorthin --?«
Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett.
»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein -- Nun können Sie ja das Kind nie
mehr finden.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen.
Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das
Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«
Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir
hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen
wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben
mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich
beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich
nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf
meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich
fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines
Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen,
glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar
meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und
an dem Reifen hing eine Nummer....
Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich
die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft
an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe
zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer
wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld
zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das
nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn
erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit
hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu
Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr
zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie
wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben
hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück
zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches
Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über
die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser
Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir
nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten
Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen
erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des
Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich.
Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu
suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte
mich von keinem Penny trennen.
Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen
Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und
dergleichen.
Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer
Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so
schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie
wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich
so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern,
und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben
und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den
Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich
dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag
für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie
entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und
Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das
immer sagte:
»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts.