»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, wie es geworden wäre,

wenn Sie aber wiederkommen, so weiß ich ja, wie es werden wird ... Nur

ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind kein gewöhnliches Mädchen.

Sie gehören dem Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ...

Und weil ich das begriffen hatte, schon als ich zum ersten Male mit Ihnen

sprach, habe ich getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan

habe; die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... und

ausgelacht ...«

Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still in meinem Bett ... Das

also war das Ende ... Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken

zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das holdeste Wunder des

Lebens zu mir kam, und jeder Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen.

Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das er mir geschenkt

hatte, sich wie ein glühender Stempel in meine Seele preßte und empfand

noch einmal alle Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... Und

ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans und an sein junges Weib ...

Ein ungleiches Ende, aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher

für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem Weibe oder zu seinem

schönsten Traume und zu seiner dauernden Sehnsucht macht? --

Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, begriff ich nun auch.

»Ja,« sagte ich, und ich sagte es ganz laut in das dunkle Zimmer:

»Unzufrieden, unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft befreit und

morgen an eine andere gekettet, wird er durch das Leben taumeln ...

Ewig verlangend, sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden Ekel

kosten ...

Aber über jede Begierde und über jeden Ekel da wird die eine Sehnsucht

stehen, die den Trunk verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des

Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm des Tages wird er sie

empfinden, aber wenn er des Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht,

wird sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«

Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die

Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ...

Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch

die Straßen Londons. Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch

oft und oft und noch lange, lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen

und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche.

Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße

Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum ersten Male in meinem Leben ließ

mich der Anblick kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er denn

überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch geworden, um unsere Leiden

fühlen zu können, aber er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur

die Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene Leidenschaften und

Sünden kannte er nicht. Seine göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche

Stärke, göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er von der

Natur eines Diebes, eines Räubers, eines Mörders, eines Meineidigen,

und trotzdem er aus Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden der

Liebenden? ...

Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt hinaus. Ich schritt auf

den Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber

dämmerte die Religion des Lebens, die älter ist, als die Lehre Jesus ...

und da, vor mir und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die

den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte;

Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, daß sie

gekämpft hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah,

daß sie überwunden hatten in ihrer Art ... Männer und Frauen, die in

der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jener

Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte ...

Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue

Liebe ... eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe,

der alle frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine Einsamkeit

zurückkehrte, da redeten die Steine ...

_Ende._

_Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig_

[ Hinweise zur Transkription

Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt

verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter

die Widmung verschoben.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 28:

"un  «" geändert in "uns.«"

(»der Stuhl gehört uns.«)

Seite 32:

"mir" geändert in "wir"

(und so schritten wir langsam dahin)

Seite 42:

"«" eingefügt

(alles was ich haben will, ist ein Kuß.«)

Seite 44:

"»" eingefügt

(»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen)

Seite 49:

"," geändert in "."

(und maß mich mit kritischen Blicken.)

Seite 58:

"«" eingefügt

(»Oh,« sagte meine Mutter)

Seite 68:

"»" entfernt vor "muß"

(muß ich dir leider Lebewohl sagen)

Seite 73:

"»" eingefügt

(»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen)

Seite 87:

"«" eingefügt

(daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«)

Seite 89:

"." eingefügt

(daß ich mein Glück gefunden hätte.)

Seite 152:

"sein" geändert in "seine"

(warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte)

Seite 154:

"«" eingefügt

(es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«)

Seite 160:

"«" eingefügt

(und ich habe eine Krone für jeden.«)

Seite 164:

"." eingefügt

(daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.)

Seite 164:

"«" eingefügt

(wenn du aufs Land gehen könntest.«)

Seite 165:

"«" eingefügt

(daß ich es aufbringen kann.«)

Seite 177:

"." eingefügt

(und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.)

Seite 187:

"icht" geändert in "nicht"

(Selbstverständlich war das nicht sehr viel)

Seite 199:

"»" eingefügt

(»vielleicht erleichtert es Ihr Herz)

Seite 201:

"dabe" geändert in "dabei"

(Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London)

Seite 213:

"andres" geändert in "anderes"

(Noch etwas anderes enthielt der Brief)

Seite 223:

"«" eingefügt

(wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«) ]

Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben · 第 11 / 11 段