Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten;
doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.«
»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«
»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du
fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon
sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen
wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die
Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem
Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte
den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille
Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine,
würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum
tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen,
ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.
Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun
geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich,
und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten
Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich
konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir
immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser
wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück.
Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich
bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte
beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle,
zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen
war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.
Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte,
zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte
ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer,
die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb
hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte
Schwäche mich wieder befiel. -- Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam,
setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen
Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein
Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn
Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße
Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich
aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß
trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit
trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur
ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere
Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht
und hätte überhaupt das alles nie begriffen. -- So litt ich weiter und
litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche
Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun
gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein
köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über
die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal
in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen
Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. -- Der
Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer,
der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens.
Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame
Ruhe. --
»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu
meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja
mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß
bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du
willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise,
»wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich
zuckte mit keiner Wimper.
»Nein, ich will nach England.«
Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer
schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder
den vorigen Ausdruck an.
»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme
aller Hoffnungslosen. --
Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In
zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat
ich ihn um das Reisegeld nach England. -- Zwei Tage später kam sein Brief.
Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim
Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal
sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles
in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so
schwer errungenen Sieg.
London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer
liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu
gleicher Zeit. -- Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne
jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem
allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen
durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine
Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. -- Aber
wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines
Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des
Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in
einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde
ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim
Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da
war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen
und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube
liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden
Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert
und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision.
Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir
lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und
tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern
endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr
auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der
Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen,
so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit
Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden
Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische
Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe
bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den
Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen
der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die
alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die
Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich
mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen
also eine Stelle?« frug sie.
»Ja.«
»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«
»Ja.«
»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim;
doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben
Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu
können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten
zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht
daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.«
Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt
hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war
ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen
Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der
Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem
eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte
ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt
und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige
Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht
Betten.
»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.
»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach
füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot
läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem
Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes
Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig
zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte.
Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse
wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal
ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen
Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich)
in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen
Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger
Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die
Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!«
Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll
neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie
sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend
nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das
Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine
Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten
unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren
Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen
aus der Schweiz.
»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand.
Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem
Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei
oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir
selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie
hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht
war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen
konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an
mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden
könnte.
»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«
»Das ist mir alles eins.«
»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas
bekommen.«
Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen
Mädchen am besten.
Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin
ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer
Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen
Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre
Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht
werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel
zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich
lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die
Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen,
festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen
einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen,
und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit
andächtigen Gedanken ...
Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich
merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet.
Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis
gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern
mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester
soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel
des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den
großen Zehen seines rechten Fußes.«
Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für
unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages
frei.
Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die
Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um
eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem
Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.
»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine
Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für
Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht
vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es
kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit
die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich
will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich
bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit
er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das
versprechen?«
Ich versprach alles.
»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden
können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen
Familie aufgenommen werden.«
Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als
ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und
meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf.
Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf
sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre
Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl
ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß
sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur
ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten
sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer
Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig
seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln
wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem
sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem
bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche
Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte
ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern
Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden,
ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im
geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte
ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte
ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.
»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie
mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten
alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich
aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie
vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.«
»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.
Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.
»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?«
»Natürlich.«
Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines
der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und
wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem
Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
»Aber was soll ich denn tun?«
»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich
hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten,
und sie sprachen nichts mehr zu mir.
Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten in ihren Körben und
Koffern nach einem Paar Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem
reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.
Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; ich hielt mich auf der
Straße hinter den Mädchen, weil ich dachte, sie schämten sich meiner.
Die Bemerkung der einen aber, sie könne es mir schriftlich geben, daß
ich in meinem Aufzuge keine Stelle bekommen würde, verfolgte und peinigte
mich, da ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich nicht die
Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Und das wollte
ich auf keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten von der
Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich zu schreiben, sobald
ich über die Verhältnisse etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken
beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger Aufmerksamkeit, nur
einmal, als wir über eine mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und
betrachtete entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, dergleichen ich
früher nie gesehen hatte. Es waren Möwen. -- Nach vielem Herumwandern,
das mich recht müde machte und mir meine Schmerzen in den Knien in
Erinnerung brachte, hielten die Mädchen vor einem großen Hause und
drängten sich hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, war ziemlich
geräumig, und auf den Stühlen und Bänken saßen Mädchen, die
anscheinend auch Stelle suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame
und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig in großen Büchern
schrieben. Die Mädchen wurden der Reihe nach vorgerufen, und nachdem
diejenigen, die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, gegangen
waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine trat zuerst vor und setzte sich
mit sehr viel Würde auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die
Frage der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug Zeit läßt,
meine Bekannten bei mir und außerhalb des Hauses zu sehen; ferner
übernehme ich nur ein Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf
Jahre sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische machte eifrige
Notizen. Die ältere lächelte freundlich und erklärte, daß sie gerade
nichts Passendes hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit einem
Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, was sie wolle und was sie
nicht wolle. Auch ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt,
daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen war und keine etwas
bekommen hatte, verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, als ob ich
gar nicht da wäre.
Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und begab mich nun auch zum
Schreibtisch.
»Sie sind wohl erst angekommen?«
»Gestern.«
»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, weil Sie so blaß
aussehen.«
»Ich bin immer blaß.«
»Welches sind Ihre Ansprüche?«
»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur recht bald irgendeine
Stelle haben.«
»Besitzen Sie Zeugnisse?«
Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch.
Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie
Hausarbeit scheuen?«
»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich.
Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile
darin.
»Würden Sie aufs Land gehen?«
»Mit größtem Vergnügen.«
Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.
»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein
Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten
im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre
vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin
da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?«
Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich
glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten.
»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie
warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.«
Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren
Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde.
Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig
Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört
hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre
Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für
meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum
Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog
sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich,
und ich verneinte der Wahrheit gemäß.
»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen
steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor
einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich
erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen
bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich
fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem
der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand
auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben
und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte
sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim.
Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von
meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht,
es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des
Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann
in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen
Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen
war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie
erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich
erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder
die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas
könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu
gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson.