Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber

war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn

um Geld bitten? -- Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein,

und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest

entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich

den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem

Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die

ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten

Zeit. -- Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß

ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach

Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und

weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich

vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde

später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn

noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag

meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit

ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte,

erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß,

keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? -- Er war

ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte

ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen

können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen,

schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude,

daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo

er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder

Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu

wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so

leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er

hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe

aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand

und sagte kein Wort.

Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich

fragend an.

»Sprechen Sie,« sagte er endlich.

In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine

Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn,

daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse

mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich

ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich

befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich

mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte

das gütige Lächeln.

»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken

hinein.

»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.

»Wieviel?« drängte er.

»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß

hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei.

Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und

sah mich bittend an.

»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten

wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie

brauchen ...«

Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit

einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.

»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«

»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen

jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in

jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden

müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm,

legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ...

gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.

Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn

öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. --

Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose

Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger

und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen

Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach

wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der

Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er

noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus

seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden

noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging,

daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine

Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das

mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte,

bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer

bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte

Freundschaft war wiederhergestellt.

Heimlich aber war ich unzufrieden.

»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein

jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste

Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«

Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und

oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen

Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er

täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn

dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in

mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis

zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins

zusammenflossen und mir die Augen zusanken. --

Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer

konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine

halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war

das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte

heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen

lassen und endlich -- endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er

sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir

von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten

Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich

hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und

mein Herz wußte nur von einem Wunsche. -- Er braucht ja sein Betragen mir

gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß

er mich liebt. -- Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich

stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich

mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so

viel für mich?«

Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. --

»Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.

»Ist das alles?« frug ich ihn.

»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. --

Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz

klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die

mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual

gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in

mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase

hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß

ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«

Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen

gekehrt und maß kommende Jahre, -- Jahre, in denen wir uns gegenseitig

alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in

denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden

leiden würde ...

»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.

»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die

Hände. --

Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die

kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer

halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher

genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in

denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich

jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen

seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in

denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich

die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich

mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur

vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...

In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich

absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach

bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm

ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte

mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und

langsam gekommen waren. -- Wohin sollte das führen? -- Ich dachte an die

tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. -- Würden wir

unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die

spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten

totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht?

Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein

Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich

aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein

Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal

unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn

sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues,

verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine

Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich

alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte

die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag,

korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen

Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den

Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern

immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein

Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...

Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin

mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was

ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der

Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu

lernen.«

Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung.

»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich

eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und -- noch zögernder --

fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide,

daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten,

erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.

»Wohin?« frug er endlich.

Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ...

Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach

hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig

gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag

in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht.

Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen,

und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische

Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen

können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von

ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von

dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen,

verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom

seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang

aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...

»Wohin?« frug er noch einmal.

Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage

überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten,

lächelte ich.

»Nach England.«

»Warum nach England?«

»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen

möchte.«

»Haben Sie in London Bekannte?«

»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das

Reisegeld.«

Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.

»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« --

Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine

schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im

Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede

Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu

Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als

man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war

viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde

erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest

zum zweiten Male.

Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den

veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie

wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber

bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick

dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand

nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen,

einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch

und hatte weder Luft noch Licht.

Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich

nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin

für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen

würde.

Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf

eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir

mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun

hörte ich es wieder.

»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich.

»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja

mit einem der Kinder schlafen.«

»Wo sind denn die Kinder?«

»Fort, Geld verdienen.«

»Womit?«

»Sie tragen Zeitungen aus.«

»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.«

»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.«

Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich

nicht gesund werden.«

»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte

mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann

können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er

einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen

Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu

dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es

wird schon vorbeigehen.«

Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war

und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir,

doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer

Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder

und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte,

ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.

»Wer?«

»Karl.«

Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig.

»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit

keine Stelle.«

»Wo ist er denn?«

»Er lebt natürlich mit uns.«

Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die

Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«

Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie

ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete,

auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es

anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem

Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und

hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing

wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren

ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte

ihm die Hand.

»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er

früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr

gefallen wird.«

»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas

Ordnung ins Haus zu bringen.«

»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du

denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben

würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten

Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«

Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters

Stirne stehen. -- »Du!« rief er.

»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.

Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater.

»Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein

Wort.«

»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände

sinken und schritt rasch hinaus.

»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in

dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem

Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in

diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre

fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen

zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und

ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit

hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so

etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich,

trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten

unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo

in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein

Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen

sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider

enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume

bis an den Himmel reichten. -- Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht

eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir

ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie

ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie

sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein

Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an

einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe,

und ich habe eine Krone für jeden.«

»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber

hast.«

Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht

erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner

Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre

der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund

dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich

nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich

dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein

gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich

einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so

trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein --

der große Mensch ist ja immer allein -- meine Aufgabe vollbringen.«

Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem

Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater

geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm

doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für

heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein

Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.

Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die

Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald

aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder

Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde

war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge,

dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir

noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt

unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid

und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein

mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten,

leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb

und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ,

aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte,

daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und

nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben.

Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn

nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine

Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet.

Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital

geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja

antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er

zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er

ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin

gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. --

Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich

nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen,

nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen

halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. --

Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem

das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und

rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.

»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie

brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten

sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei

er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten

abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts

einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit

geballten Fäusten vor ihn hin.

»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in

eine schreckliche Wut.

»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere

verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr

allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie

sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin,

weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?«

schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit

mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,«

sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt

eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr

ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus

ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«

Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn,

die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut

griff und verschwand.

Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel

als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied.

»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue

Schürze vorband.

»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen

Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm

diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß,

daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen

und beobachtete ihn.

»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich

eigentlich gehen soll?«

»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.«

»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«

»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche

getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.«

Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr

dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu

können, erfüllte mich mit Entzücken.

Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben · 第 7 / 11 段