»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu

Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine

Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf.

Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der

Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer,

der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder

vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem

Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben

Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter,

sobald er mich traf. Ich bejahte es.

»Auch die kleine Geschichte Morgan?«

»Ja.«

»Gefiel sie Ihnen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch

die wogenden Kornfelder geht.«

»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«

»Warum das?«

»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«

Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen

Hut tief über die Stirne und lächelte. --

Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die

Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke

fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und

er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte

Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner

Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich

stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing

ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all

den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt

hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. -- Und etwas, das die

ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete

sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage

nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht,

schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder

ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen

und mit denen ich nicht wußte, was zu tun -- Bilder, die ich schön und

seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich

vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch

nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster

Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße

Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien

erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann

zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes

Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?«

frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir

vorbei.

»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«

»Warum?«

Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe,

die im Schafspelze herumlaufen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Ich will Sie warnen.«

»Vor wem?«

»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen

schenken.«

»Wen meinen Sie?«

»Mich.«

Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren

Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf.

»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«

Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus.

»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm

unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den

Weg käme.«

Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien,

und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang

nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor

mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher

durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang.

Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines

Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch

nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte,

jubelte noch. --

»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause.

»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«

»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?«

Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort.

»Darf ich?« frug ich noch einmal.

»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen.

»Und Sie werden mir zurückschreiben?«

Er zögerte wieder und länger als zuvor.

»Ich glaube nicht -- das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr

viel.«

»Nur manches Mal und nie sehr viel?«

»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«

»Warum?«

»Weil es Ihretwegen besser ist.«

»Warum meinetwegen?«

Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf.

»Sie sind feige.«

Darauf zuckte er mit den Achseln.

»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran

hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. -- Es ist

nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun,

was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen,

und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine

Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«

»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«

»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«

»Aber ich mache mir nichts daraus.«

»Aber ich.«

»Also doch Ihretwegen.«

»Nein Ihretwegen.«

Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam

mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst

schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den

ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte,

er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen

einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem

andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines

Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts

anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen

Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher,

vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid

in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine

Eltern? Arm -- bitterlich arm.

»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«

»Das können Sie nicht.«

Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.

»Warum kann ich das nicht?«

»Weil Sie mich brauchen.«

Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch

bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt

kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles,

was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich

hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als

es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene

Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten

und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und

Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach

Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten.

Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein

feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit

einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und

plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem

Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen

mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los

zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die

Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter,

angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen.

Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die

rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.

Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem

unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz,

ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all

die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte

ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und

meine Mutter gequält gelächelt hätte. -- Und plötzlich befand ich mich

wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen

hatten ...

»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die

am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich

und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme

ausstreckte, wie mich daran zu klammern.

Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte

beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch

enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer

nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal

ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer

eigentümlichen Weise erbeben.

Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine

Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich

höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er,

»nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen,

worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine

Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so

antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht

zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie

für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen

wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein

großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein

mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie

sie kleiden. -- Hier« -- er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche --

»können Sie genau sehen, was ich meine.«

Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte

aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er,

doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:

»Den Gedichten fehlt jede Form.«

»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine

Form haben?«

»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«

Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen

wie:

»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß

zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese

viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«

Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das

fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas

in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort,

das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch

einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging,

von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte,

nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten.

Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig

oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher,

ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen

Sprache, denn -- und nun lächelte er wieder gütig -- Sie machen in Ihren

Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine

Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was

Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«

Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends

durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die

Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten

müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts

dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete

in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich

ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich

schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«

»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«

Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie

aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin

enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden

Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«

»Wie wissen Sie das?«

»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt,

so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten

finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr;

doch plötzlich erwachte mein Trotz.

»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«

»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen

bleiben?«

Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu

sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders

die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das

eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug,

was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens

schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde

einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:

Am goldenen Rocken,

Aus Dunkel und Licht,

Ohn' Säumen und Stocken,

Horch, fühlst du es nicht?

Still sachte und leise

Nach ewiger Weise

Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.

Mit ruhigen Zügen

Und offenem Haar

Die Göttinnen fügen,

Nur Himmlischen klar,

Süßholder Gefühle

Liebreizende Spiele

Im menschlichen Busen uns wunderbar.

Und wirken und weben,

O, sorget euch nicht!

Noch während wir beben,

Schon knüpfen sie Licht,

Und ziehn uns die Säume

Frohglänzender Träume

Um's tränenbefeuchtete Angesicht.

»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes _Gedicht_, und ich gratuliere

Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit

einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder

Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu

werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich

ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten

Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.

Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann

mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem

Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog -- und fortfliegen

würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in

die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine

heiße Angst. -- Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern

zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle

Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche

Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete

-- diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und

das Herz zum Zittern brachte -- dieses rasche, süße Aufquellen einer

unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. -- Und

dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas,

das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein,

gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den

jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle

Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.

Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein

mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast

jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine

Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er

hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das

er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war

verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst.

Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und

schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar

nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich

nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig

streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen

auflehnte.

Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war

ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und

trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da

war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz

begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten

und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich

mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht.

»Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu

grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt

hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung,

die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten

verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein

paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und

ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und

Traurigkeit. Das also war mein Freund. -- Sobald ich die Kinder zu Bette

gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat,

mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte,

zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt

herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich

dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt,

nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich,

nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt,

einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit

und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich

es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.

»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend.

Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner

Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein

Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig

an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,«

sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«

Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:

»Niemals.«

»Aber es sind meine Briefe.«

»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«

Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und

die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir

zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang

ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine

Uhr.

»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«

Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich

ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt

mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. --

Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine,

vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht

seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in

liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes

Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht

schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der

nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon

führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso

geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung

zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen

und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren

Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und

bald kamen wir ins Plaudern.

»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach

aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen.

Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht

entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie

einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles

andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger

strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich

gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.

Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten

Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die

Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte

ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und

ganz leise mein Leid geklagt. --

Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern

mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den

Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in

einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser

Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren,

während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge

geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung

zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner

Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen

Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies;

aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war,

die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund

zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig

wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und

zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«

»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.

»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«

»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese

Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.

»Gewiß, wann immer Sie wollen.«

Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben · 第 6 / 11 段