Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam

der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte

gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über

meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz

einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn.

Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht

weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich

an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte

seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich

rasch zurück.

Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im

Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine

Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine

neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren,

auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen

am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein.

Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er

am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen

hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit

wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das

Schweigen war mir unerträglich.

»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«

»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den

Kopf noch tiefer.

»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß

Sie etwas Zeit haben.«

Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des

Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.

»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen

Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu

manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«

Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte

er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am

besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. -- Ich

würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen

einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja

nichts zu erwähnen brauchen.«

Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche

gezogen und legte es auf den Tisch.

Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut:

»Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und

da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte

sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein

drohender.

»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie

eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«

Dann ging er hinaus.

Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum

erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah,

erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über

die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne

Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die

notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor

einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun

alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich

die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein

nach Hause.

Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die

Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen

Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch

wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben,

denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen.

Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh

erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen

dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt

hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch

kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich

selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.

Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit

zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich,

ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich

hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der

Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag,

deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch,

das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald

beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter

Stimme, aber von mir sprach man nicht.

Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war

nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in

die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu

machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich

hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz

gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah,

daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern

gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den

Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken

erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun

nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte

ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.

»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die

sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«

»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre,

könnte ich sie um Geld bitten.«

»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das

Geld sehr gern.«

Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr

Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends

wieder bekommen.«

»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen

Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«

Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir

vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen

andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß

ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.

Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und

wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der

Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn

ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und

ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr,

noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete

ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der

Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.

Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen.

Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein

großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung

ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß

auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige

Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir.

Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in

seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich;

dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er

hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß

eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf

und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht

so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich

mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange

bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn,

kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.

Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich

meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur

anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte

der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften

Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich

sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld

bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine

Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße

Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und

vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war

ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber

beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz

gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin

bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. -- Vielleicht

konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es

blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß:

noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.

Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde

später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend

zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch

heute bin ich todmüde.«

Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug

Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise

miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und

warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins

Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.

Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die

Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte

den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des

Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse

sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir

gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen

hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon

erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß

ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den

Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe?

Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie

die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten

nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«

Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das

Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen

Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke

auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich

fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der

Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick

stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich

jetzt zu meinem Geld?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges

Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie

mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die

Dame im Zimmer stand.

»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die

Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.

»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich.

»Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem

Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ...

Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht

wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles

Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein

Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und

als ich fertig war, wollte ich hinaus.

Die Dame aber vertrat mir den Weg.

»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis

Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«

»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja

haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«

Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur

Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit

ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen,

und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.

Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen

auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit

schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«

Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht

mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die

ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie

mir die Tür.

Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und

erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später

drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich

glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie

elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß

die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich

diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an.

Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich

den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben?

So fuhr ich weiter nach Langenau.

Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder

schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken

auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich

aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch

mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo

hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit

erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine

lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.

»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.

»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große

schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.

Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen

Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in

Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich

sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über

mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da

ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich

jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal:

»Vielleicht morgen.«

Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich

an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem

Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.

Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse

meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und

die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle

suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon

wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und

bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort.

Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente,

konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem

Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.

Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen,

als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte

sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem

ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich

fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und

öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte,

wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht.

Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren

Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es

seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis

fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern

drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen

Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam

schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich,

umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog

sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue

Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock

einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte

ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen;

doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die

Stelle annehmen möchte.

Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.

Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die

Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem

Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und

blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den

schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten,

die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine

Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los.

Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche

in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner

früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das

ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die

Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim

Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu

gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl

dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und

ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf

verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken

und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der

Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle

starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten

Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen -- allein.

Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch

dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig

neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur

Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich

wartete ...

Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er

schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg

leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich

empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur

eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir

war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne

eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben

angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das

mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem

abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen

Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war,

und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein

Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr

zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und

über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke

gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter

erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet,

um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken

mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen

Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte

Haltung.

»Sind Sie das neue Fräulein?«

Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die

Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.

»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«

»Das bin ich auch.«

»Sie sehen viel jünger aus.«

Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide.

Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große

stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da

es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie

so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde

nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich

beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen,

führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge

machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und

prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer,

hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht.

Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf

derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner

Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das

die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und

dergleichen.

Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und

versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten

folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie

antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich

steckten.

»Wo seid ihr?«

»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende

Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines

Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte

sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die

dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien,

schritt ich hinein.

In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein

vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und

die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte

mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand

mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und

setzte mich auf seine Aufforderung.

Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen

Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des

Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer

feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen

plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet,

von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten.

Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf

nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch

oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur

halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen

Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln,

das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern

verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese.

»Keine.«

Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.

»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«

Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich

sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket

mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.

Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben · 第 5 / 11 段