»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und sah erstaunt auf mein

erhitztes Gesicht. Ich zwang mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich

neben ihr nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum warten, von dem

Gegenstande zu reden, der mir so nahe lag, doch mochte ich selbst

nicht davon anfangen. Sie aber schien gar nicht mehr an unsere frühere

Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit keinem Laut, doch war sie

freundlich wie immer. Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich

die Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir ein Herz und sagte

anscheinend ganz gleichgültig: »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich

über alles, was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und daß ich sehr

gern nach Budapest gehen würde.«

Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, und ihre nächsten Worte

bestätigten dies. »Mein liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid,

daß ich Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht Ihre sichere

gegenwärtige Lage bedrohen könnten.«

Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit

fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben

doch gesagt ...«

»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt,

was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht

hatte.«

»Ihre Mutter? -- So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?«

»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch

unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir

gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« -- sie betonte das

Wort: »sicheren« besonders -- »unzufrieden zu machen.«

»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein

genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.«

Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein

Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein

armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind

Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser

aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.«

Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich

weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein

leichtsinniges Mädchen.«

»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu

ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges

Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer

hineinfallen.«

»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«

Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und

sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts

geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht

beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag

heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich

habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« -- und

rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie

davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte:

Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.

Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich

nach Hause. --

... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und

stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer

einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied

von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause,

sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am

leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die

ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht

fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun

gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine

Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen

bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück

gefunden hätte.

Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer

an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war,

blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und

Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich

die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich

fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den

Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.

Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte

zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche

enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er

nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an,

daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit

nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler

oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten

Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete

ja auch, -- wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie

erreichen würden.

Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit,

die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich

faßte ich einen kühnen Entschluß -- so kühn, daß ich fast selber

darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest

mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für

einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag

meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das

würde ihn sicher sehr freuen.

Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff

angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus

lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine

Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter

zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich

alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten

wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle

dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem

Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der

Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die

Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten

Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.

Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die

ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich

die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung

große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und

Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch

gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel

mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und

ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier

unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den

unsterblichen Worten:

Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget

Und ich vor Leid verzweifle schier,

Dann greife ich nach meiner Feder

Und füll' mit Zeilen das Papier ...

In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse,

die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit

meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich

nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich

eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen,

hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen

Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so

etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen

Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte

ihn dann sprechen.

Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht

schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein,

in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren

aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß,

zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen

Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen.

Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht

erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen

schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei

ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe

bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner

Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. -- Ich hatte fast meinen

Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, -- es war mein Bruder! Ohne

noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er

bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links

und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er

auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der

Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie

er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner

Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich

mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und

kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr

elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein

neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete,

daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges.

»Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die

Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.

»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so

unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«

»Warum elendes Geschäft?«

»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir

Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise

weit unter mir stehen?«

»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler

geworden?«

Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben

und uns ansahen. »Ein Künstler -- das hätte ich dir wahrhaftig nicht

zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel

fallen?«

»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft

viele Jahre.«

»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler

werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«

»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner

Fähigkeiten die hervorragendste ist.«

»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel;

ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit

geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels

vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein

großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte

studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete

der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse

jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig

ist, um Großartiges zu schreiben.«

»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst

du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«

»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor,

»wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier

Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht

denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl

verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen

Arbeitstiere herabsinkt?«

Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach,

mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren

Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die

Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam

von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien

eine Stelle anzunehmen?«

Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.

»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist

du denn verrückt geworden?«

»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es

weiter zu bringen.«

»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine

solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«

»Wie meinst du das?«

»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu

beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine

Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche

eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du

ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt,

nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort,

als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist

das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf

dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes

unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort

von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung

erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«

Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein.

»Was soll ich denn tun?« frug ich endlich.

»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien

bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden;

vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause

bekommen.«

»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich

nicht.«

»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche

Heirat.«

Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte

ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.«

Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist

nicht zu helfen -- wann geht dein Zug?«

»Um acht Uhr abends.«

»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit

ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.«

»Ein Randewau?«

»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er

achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen

Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines

Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er

fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte

er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du

unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch

nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe

Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich

aufblickte, war er fort.

Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein.

Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle

stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den

Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:

Rendezvous

Engagement

Bureau oder Comptoir

Pardon

Toilette

Banquet

Melange

Carriere

Milieu

Rouge

Noir

Manicure

Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und

steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war,

setzte sich der Zug langsam in Bewegung....

Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an

mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten,

ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an

jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam,

stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in

der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch

das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf

dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich

zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine

Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.

»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen

Wagen haben?«

Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte

sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte

lieber gehen.«

»Wie Sie wollen, Fräulein.«

Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich

verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich

in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie,

in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein

Herz schlug mir zum Zerspringen.

»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte

Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen.

Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«

Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein

hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich

sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu

ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte

und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind,

bin ich es auch.«

Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche

Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden

würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.

»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie

gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre,

hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte,

daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das

keine Ungelegenheiten bereite.

»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den

verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid

und gab sie ihr dankend zurück.

»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.

»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.

»Also fertig?«

»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte,

grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die

Straße.

Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich,

auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst

unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich

zu mir.

»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe

ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in

keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein

lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich

ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl

fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald

herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen,

und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.«

Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich

heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe.

Endlich stiegen wir ab.

Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte

Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett

aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und

bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich

herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch,

doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange

warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch

während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch

junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen

und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar

nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit

Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an.

»Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich

wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich

wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht

erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde

zurückkehren wollten.«

»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.«

Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir

die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir

noch zu, und dann ging er.

Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer,

das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden

Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas

schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten

Tag.«

Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich

reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in

etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab,

und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich

damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute

und dergleichen mehr.

Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da

ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten

mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte

mich nicht mehr.

Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die

Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich

sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im

Kinderzimmer und stopfte oder nähte.

Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends

befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben,

was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich

hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt,

wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen

gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch

nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich

meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren

Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien

auch Damen.

Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um

sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem

soll ich sie schicken?«

Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich.

»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.«

Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu

fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch

keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir

aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und

sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches

auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich

jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang

in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu

zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine

Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide

reichte der Rest nicht.

Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben · 第 4 / 11 段