bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«
»Ich?«
»Ich meine wir -- doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten
nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit
so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich
habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht
nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht
zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt,
dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen
und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese
auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. -- Sobald ich also den Staub
dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien
angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich
eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen
wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in
Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. --
Bist du damit einverstanden?«
Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.
»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile
dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir
Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen
nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu
schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich
empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man
im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen.
Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit
du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe
kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren
anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der
Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit
zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir
alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln
erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«
»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«
»Ich fahre heute noch nach Wien.«
»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand
von seinen Lippen.
»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist.
Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch
eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen
solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem
andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung
bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so
herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. --
Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«
Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf
seine schönen weißen Finger.
»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend,
»aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«
Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.
»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens
verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen
bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz
unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns
alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung
absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig
vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien
laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist,
auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges
herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien
ankommen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht.
Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest
meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in
die Hand.
Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein
Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen
würde. -- Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine
widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große
Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke
war er fort.
Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen
an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn,
schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht
nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....
Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich
von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da,
zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens
erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine
Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des
Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder
auszunehmen.
Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher
als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die
Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich
hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen,
die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere
öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.
Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die
anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war,
erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der
Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke
setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor
meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber
konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch
konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.
Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die
verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die
Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.
»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich
glaube gar, Sie haben Heimweh!«
Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht,
daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu
lernen.«
»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«
»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar
nichts kann.«
»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie
mir bei der Arbeit helfen.«
»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.«
»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem
Beruf.«
»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.«
»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.
Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen
ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von
der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während
ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch,
dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte,
setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin
schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie
nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre
Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie
ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen
Sie lernen.«
»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«
»Also was soll es denn sein?«
»Ich weiß es nicht!«
»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.«
»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr
verwirrt und sehr verlegen.
»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?«
»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte
ich langsam, aber sehr entschieden.
»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an.
»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie
gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen
wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends,
nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen
würden.«
»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während
des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas
kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend
Stunde gibt.«
»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine
Lehrerin?«
Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine
Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.«
»Aber wird das nicht zu viel kosten?«
»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel
kosten wird.«
»Wieviel denken Sie denn?«
»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.«
»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«
»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das
ja nicht alles.«
»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.«
»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte.
Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen
wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu
berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum
bemeistern konnte.
Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon
anfing.
»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?«
»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.
»Von dem Englischen.«
»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich
wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.«
»Wo?« frug sie.
»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf.
Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser
Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer.
Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer
Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder:
»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben
können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht
nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?«
Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen
Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete
im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon
viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut
werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?«
»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.«
Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen
sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal
erledigt.
Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern
ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand
ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer
schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm
aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit
einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der
Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren
alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer
Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr
einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur
Hochmut darin gesehen hätte.
Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge
und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen,
da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen
eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte
nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber
nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die
Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in
das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit
nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog
schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie
von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als
ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die
Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße
zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah,
überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt
ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die
Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr
errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer
führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In
einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick
aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß
und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.
Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon,
daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke,
mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.
Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein
Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.
»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug
sie mich endlich, »ist dem so?«
»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«
»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in
Stelle.«
Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie
dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann
möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«
»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,«
und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.
Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte
mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken
hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und
Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«
Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, was es kosten würde, und
sie nannte nach einigem Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig
vorkam.
Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage nach Hause kam, ich weiß
nur, daß ich den ganzen Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel
der Kanne schlug.
Als ich der Köchin meine Unterredung mit der Lehrerin berichtete, war sie
ganz still. Nach einer Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es
schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das nicht sagen könnte,
da ich ja nie in meinem Leben Englisch gehört hätte, doch ich glaubte, es
sei nicht schwer.
Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich arbeitete die ganze Woche freudig
um des einen Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich hatte mir
auch ein Buch über die Anfangsgründe der englischen Sprache gekauft, und
so oft ich eine Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand und lernte
daraus.
Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über meinen Fleiß, doch
merkte ich bald, daß sie mir noch andere Dinge beizubringen wünschte als
bloß Englisch. Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr in dem Zimmer
saß, das für mich seinen Zauber nie verlor, fragte sie mich ganz
unvermittelt, warum ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein
könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich schämte mich ungemein
wegen der beiden Fragen und stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete
schon, sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes Benehmen
während der übrigen Stunde überzeugte mich vom Gegenteil.
Als ich damals nach Hause kam, fand ich die Köchin bereits im Bett. Sie
war erstaunt, daß ich mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern
in meinem Nähkorb herumsuchte.
»Was wollen Sie denn?« frug sie.
»Eine Schere.«
»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«
»O, nur für meine Nägel.«
»Welche Nägel?«
Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein
Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen.
»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?«
»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«
»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« --
Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin
verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an
meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen
Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch
mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung,
die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre
Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich
in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit --
so weit noch war.
Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich
eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte;
und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher
lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben
würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel
zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine
Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich
bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt
gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit
mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben
würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß
eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel.
Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte,
um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte.
Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne
aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe,
waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu
jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...
Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte
man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem
Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl
bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.
Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl
ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt
hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob
er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir
bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen
hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte.
Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und
meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu
können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er
mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher
hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den
Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun
meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen
konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im
Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war
jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu
sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch
weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder
hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte
nicht mehr daran.
Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich
die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den
Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir
war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die
Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über
verschiedene Dinge.
»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« frug sie mich eines
Tages.
»Wo sollte ich denn hingehen?«
»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, aber ein Mädchen
wie Sie sollte ihr Glück in der Welt versuchen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein Mädchen wie Sie ein ganz
anderes Leben führen sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«
»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«
»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch ganz gut, daß Sie so
gescheit wie hübsch sind.«
»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines Bruders denkend,
»ich dachte immer, ich sei sehr dumm,« dann, auf meine Hände blickend,
»und sehr häßlich.«
»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch das andere, und wenn ich Sie
wäre, würde ich in irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich
vorwärts käme.«
»Nach Wien?«
»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie einen plötzlichen Einfall
bekommen hätte, frug sie: »Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«
»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was sollte ich dort tun?«
»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, daß Sie dreimal
soviel bezahlt bekommen als hier und kein Dienstmädchen sein werden,
sondern ein Fräulein.«
Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es immer tat, wenn ich tief
bewegt war. »Aber,« sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für
eine solche Stelle sein?«
»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht raten.«
Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden und schickte sich zum Gehen
an. Sie reichte mir die Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf
Wiedersehen, und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe. Ich meine
es gut mit Ihnen.«
Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir jedes ihrer Worte; besonders
ging der eine Satz mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal
soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich rechnete in Gedanken ...
Dreimal zehn Kronen, das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen
jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich nie
aufbrauchen könnte; doch würde ich die Hälfte davon natürlich jeden
Monat nach Hause schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine Hilfe
hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, ging immer schlechter ...
»Du gütiger Gott,« betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen im
Monat wäre uns allen geholfen.«
Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und meine Frau hielt mir eine
sanfte Strafpredigt, die mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen
ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin meine Unterredung mit dem
Mädchen mitzuteilen; dann überlegte ich, daß es besser sein würde,
noch nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt aus der Sache etwas
würde.
In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach meiner neuen Freundin,
doch es vergingen fast acht Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich
lief hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren freundlichen
Gruß.
»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.