Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei
Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen,
der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen.
Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder
abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu
halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die
Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den
ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er
sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete
ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen
Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male
des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst
war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen
kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch
unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste,
ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise,
mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich
ihm gehorchen mußte. -- Das Mädchen war mir die liebste.
Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich
merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als
die meiner Eltern.
Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn
Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete,
wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel
scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr
Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht
Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn
fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar
Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir
daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein,
in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun
hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu
schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor.
Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir
nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch
einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal,
ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich
sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen
Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken.
»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige
Ihren Schatz ins Zimmer, heh?«
»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«
Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem höhnischen Grinsen. »Ist
es also schon so weit, daß Sie die Männer satt haben? -- Es hat Sie wohl
schon einer in die Tinte gebracht?«
Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den Rücken, und seitdem vermied
ich sie, wo und wie ich nur konnte.
Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen ich in Berührung kam: den
Bäcker, der das Brot brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das mir
die Lider niederschlug und die Wangen färbte, den Milchmann aus demselben
Grunde und die Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner
war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine acht Kronen noch immer
nicht erhalten und schrieb daher meine Gedichte, die sich in jener Zeit
noch reichlicher als früher einfanden, auf Düten, in denen sich Dinge wie
Reis und Mehl befunden hatten und die ich immer sorgfältig aufhob.
Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den Kindern nach Hause. Nachdem
ich den Kleinen in das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, um
die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, sah ich die Frau Direktor
an der Schublade stehen, in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die
Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener Düten in den Händen,
die ich so gut kannte. Innerlich war ich erschrocken und empört, doch der
Respekt, den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich hatte,
drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.
Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und Belustigung ansah, drehte sie
sich nach mir um und hielt die Düte hoch.
»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach sie, anscheinend nicht
im geringsten gestört, daß ich sie beim Durchsuchen meiner Sachen
überrascht hatte.
»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, »Das wäre ja nicht
der Rede wert gewesen.« Sie lächelte noch immer ein stilles, belustigtes
Lächeln.
»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«
»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.
»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle sehr gut.«
Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am
liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt
-- so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in
ihr einen Engel.
Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte,
betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte
mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld.
Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte
darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht
verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe
wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten.
Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als
er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau
heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln
abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.«
Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn
bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich
eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr.
»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig
zu mir?«
Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich
ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht
so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese
Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine
Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie
und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das
nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«
Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein
Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung.
»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine
verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.«
Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die
Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen,
und eine neue Scham überfiel mich.
»Es ist wahr,« sagte ich endlich.
»Daß Sie also doch jemand haben?«
»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«
»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein belustigt auf die Düte,
die nach Kaffee roch.
»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, wo er ist, ...«
und mit einer plötzlichen Kühnheit: »ich weiß nur, daß er ist.«
»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«
»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich zögernd, »in meinen
Gedanken.«
»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie schickte sich an, die Küche
zu verlassen, doch auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und
rief mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, wird er Ihnen nichts
schaden.«
Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf meinen Schrank, riß alle
Düten heraus und verbrannte sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das
letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann lehnte ich mich an die
graue Küchenwand und weinte bitterlich.
Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, jene Träume in jener grauen
Küche! -- Keine Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche
Sehnsucht nach ihm.
Wann würde er denn kommen? -- Wann? -- Wann? -- Wann würde er kommen,
um mich fortzunehmen, wie die Prinzen in den Märchen kamen, um eine
Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? -- Irgendwo und irgendwann
mußten wir uns doch treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist
der Weg noch lang?«
Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine Augen glitten dann
gewöhnlich über meine Hände, die mir so dick und rot erschienen. --
Wie -- wenn er mich aber nicht lieben würde? -- Doch schon im nächsten
Augenblick flog mir die eine oder die andere Zeile meiner Gedichte durch
den Kopf, und während mir vielleicht noch die Tränen in den Augen
standen, lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was hatten die
Hände -- diese Hände mit mir zu tun? -- Der Mann, von dem ich träumte,
war kein Mann, der ein Mädchen liebte, weil es schön war. -- Nein, er war
ein Mann, der mich lieben würde -- der weißen Gedanken wegen, der reinen
Sehnsucht wegen und um denjenigen Teil meines Herzens wegen, der beständig
dichtete und träumte.
Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in der Waschküche, die voll
Dampf war, als die Türe aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!«
rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht geschrieben, daß du
kommen würdest?«
»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, und als gestern wieder
nichts kam, da wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen bin.«
»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß ihre derben
schwarzen Schuhe ganz bestaubt waren und sie selbst recht müde aussah.
»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen Pause fügte sie zögernd
hinzu:
»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und wir müssen unsere Kreuzer
zusammenhalten, wenn wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«
Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und hielt die Tränen nur mit
größter Mühe zurück.
»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so gerne geben.«
Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.
»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden selbst, -- hast du dir
schon etwas erspart?«
Ich errötete bei dieser Frage.
»Nein,« sagte ich langsam.
»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter
rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« -- sie rechnete
wieder -- »das macht eine schöne Summe -- ich glaube, du bist
leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften
Vorwurf in den Augen an.
»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und
erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer
nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen
zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich
schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen
war, der mich hierhergebracht hatte.
Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie:
»Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen,
ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne
Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben
hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen
könntest.«
Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich
anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles
andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr
gerne annehmen,« sagte ich.
Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt
niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit
dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt
mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe
mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist
sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu
Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. -- Ist dir das so recht?«
Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.
Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die
Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte.
»Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, -- doch ich habe es ja immer gesagt,
daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe,
die neue Stelle wird Ihnen gefallen.«
Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder
in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als
ich auszog, mein Glück zu suchen.
Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und
versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß
das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen,
die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.
Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar
noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer
unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu
fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich,
so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich
auch eine Pfeife.
»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.
»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten
Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.«
Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,«
sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«
»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?«
»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«
Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die
Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand
ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von
neuem anfangen mußte.
Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch
für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es
schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen
nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner
Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er
doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß
ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr
schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich
beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder
Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen
Geschmack.
»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während
des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich
beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.«
»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone,
»für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu
sagen, viel zu fein.«
»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände
eines Prinzen hatte.
»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen
Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.«
»Hat man dich --?« frug ich und wagte nicht zu vollenden.
»Ja, darum lief ich davon.«
»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter
schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?«
Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf,
-- es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle
Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben
auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den
Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine
Lippen.
»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich
werde euch nicht zur Last fallen -- ich gehe nach Wien,« schloß er, sich
zu mir wendend.
»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?«
Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich
noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu
sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne)
habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine
Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande
geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich
einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von
geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form
des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige
Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann;
doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des
Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale
von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten
strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein
ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große
Kapital, das ihm der Zufall -- meine liebe Schwester,« wandte er sich
an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange
hinaus -- in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne
Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit
den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch
mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld
hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten
verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit
mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken
sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken,
die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der
unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen.
»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine
Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?«
»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als
diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich
in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren
wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern),
und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist
euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas
sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute
sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß
auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die
Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir,
wozu ich mich am besten eigne.«
Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.
»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider
nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische
Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen,
daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen
Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen
Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe
wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner
gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn
nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen
brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest
du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«
Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit
auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich
manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß
er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du
nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald
wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«
»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten
Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur
muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben,
eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach
zurückbezahlen werde.«
In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar
Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie
stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt
schlafen.«
Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte
Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu
geben.
»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«
»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen
die kleinen Kinder verhungern lassen!«
»So willst du lieber, daß ich verhungere?«
»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas
angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«
»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«
»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe
mir seither mein Brot verdient.«
»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht
und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«
Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und
stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich
mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu
können.«
Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets
ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich
aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war,
nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich
schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp
finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. --
Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter
lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im
Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und
weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. -- Was mich am
meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet
ihr mich im Kamp finden.« -- Ich stellte mir vor, wie er sich in
die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner
Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit
getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.
»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du,
er hat schon ...?«
»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste
Frauensperson in der Welt.« -- Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl
zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien,
da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.
Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das
Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein
und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute
begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber
meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.
Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen
in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor,
sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit
einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo
bist du die Nacht über gewesen?« -- Er schien über die Frage nicht sehr
erbaut zu sein.
»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite
tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner
Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«
Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin;
heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.
»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen
hinein, »jammert mich.«
Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch _er_ schien nicht
so zu denken. »Warum?« fragte _ich_ und bereute die Frage im nächsten
Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.