Stromaufwärts
Aus einem Frauenleben
von
Angela Langer
[Illustration]
1913
S. Fischer, Verlag, Berlin
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Herrn
_Otto Brandes_
in dankbarer Freundschaft gewidmet.
[Illustration: Angela Langer]
Vom Volke nahm ich's,
Dem Volke geb' ich's ..
_Angela Langer_
Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei.
In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und
noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten
herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren
Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen
feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran.
Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste
öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit
einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine
Ungeduld kaum zügeln.
Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen
zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern,
wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte
Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren
die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade
enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie
ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine
Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte.
Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder
das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu
verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl
mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den
zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem
Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir
in allen diesen Dingen, besonders im Essen.
Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf
Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam,
die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch
nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem
weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder
hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend
zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.
Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen
Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu
waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie
draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf
ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob
er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er
das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich
ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir
saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um
nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide
nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu
weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der
Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt
hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer
Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte.
Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer
geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine
Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes
Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war
schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns
schlafen.
Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr
beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten
Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz
schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte
zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch
wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen
Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den
schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön.
Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer
Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit
vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich
an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters
gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später
aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder
öffneten.
Es waren Feuerlilien.
Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große
Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte
oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis
es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und
konnte mich nicht satt daran sehen.
Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in
demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken,
daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum
gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder
offen zu sehen, war zu groß.
Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich
unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er
das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich
im Bett lagen.
Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude
hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das
meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und
besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein,
um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es
unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also
für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder
und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander
unentbehrlich.
Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich
freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen
Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte
mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am
festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben
ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich
war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl
scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse
und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu
haben, ja recht brav zu sein.
Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz
starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir
saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.
Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so
vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin
zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese
Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an,
und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin
werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die
Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde.
Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir
gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder
Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen
auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem
Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht
interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen
Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte.
Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte -- Hilda kam nur selten,
und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr
ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule,
doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.
Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war
mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere
wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten,
waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten
Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese
Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl
stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und
da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch
in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und
schalt uns immer: »dumme Dinger«.
Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine
nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade
unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn
unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz
schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick
und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein
Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die
Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte.
Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes.
Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer
Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns
Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur
mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts.
Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue
der Mutter Gottes anschauen zu können.
Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit
Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte,
und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich
fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich
gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum
anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und
sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte
ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden
Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau
hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige
Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor.
»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin.
Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt
haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte
bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das
Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände,
»Du kannst sie behalten.« -- Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich
nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und
mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte,
weil ich viel zu spät war.
* * * * *
Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die
Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür.
Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort.
Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so.
Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt
auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses
ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als
wohlhabende Leute zu gelten.
Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung
meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich
machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer
und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume
ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«.
Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein
Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder.
So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die
sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß
sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht
erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die
Pracht des Zimmers überwältigt hätte.
Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige
Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner
schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen
genossen.
In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große
Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner
Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug
einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir
setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von
meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder
sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der
Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und
feierlich: »Ja«.
Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden
beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und
anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend,
und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des
gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war
verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung.
Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. -- Plötzlich
zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« -- Ich war
tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich
ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden,
und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme,
»Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte
und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach
sie: »Das macht ja nichts.« -- Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald
wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam,
wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich
den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine
grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst
empfunden hatte, kam nie wieder. --
In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich
lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe
fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich
nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer
ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige,
das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber
nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit
denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab
für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger
Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen
dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts
war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen
Schülerinnen zu schwätzen. -- Oft genug wurde ich bestraft.
Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger
Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus
dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser
war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute
wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat
und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner
Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer
fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen,
herben Eindruck.
Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor
mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir
ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer
hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete:
»Gott hat die Welt erschaffen.«
»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt,
aus nichts etwas hervorbringen.« --
»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen
sterben.« --
Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten
mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die
Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« -- worauf es antwortete: »Alle
Menschen müssen sterben.« -- -- -- In solchen Augenblicken war mir
immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf
die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst
sterben müsse. -- Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran
dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte
dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein
solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut
aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da
sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten
sie mich auf ihre Art zu beruhigen. --
Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere
Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in
einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin
unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht
einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine
Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener
Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf
denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben
dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war,
daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn
durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem
Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort,
der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum,
der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine
Staude, deren Beeren endlich -- endlich erröteten, -- dann wieder eine
Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des
Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten,
näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der
Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben
dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. --
Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters
schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis
für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen
stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für
mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht
danach mit mir herum.
Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe
dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal
scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und
ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim
Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an
uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule
Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen
Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo
niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach
den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen
auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem
Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein
mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er
mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse
andächtig küßte. --
Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich
meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel
zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde
überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht
mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im
Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie
sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann
gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte
nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb
alles beim alten.
Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren
Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein
Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle
unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur
Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen
Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner
Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief
wie jeden andern Tag.
Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns
von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle
Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen,
doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett
und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das,
was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt,
wahr werde. -- Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am
Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum.
»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau
zurückgefahren sind.« -- Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie
glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. --
Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend.
Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften,
und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten
Freundinnen sehnte. --
Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter
»Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. -- Wir hatten auch ein
neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war;
sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie
bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute
sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr
Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand,
erwiderte sie, ich sei noch zu jung.
»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage
erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen
heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten
würde.
Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu
merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein
Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr
oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen
wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu
weinen nicht mehr auf.
Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf
einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes
Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte,
und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt
auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand
sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem
Kopf und blinzelte mich schläfrig an.
»Steh auf!« forderte ich trotzig.
»Warum soll ich denn aufstehen?«
»Weil ich mich setzen will.«
»Setz' dich doch auf den Boden.«
Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« schrie ich jetzt und
stampfte mit den Füßen, »der Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und
nach einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch gehört gar nichts,
es ist euch doch alles gepfändet worden. Ihr habt nichts als Schulden.«
Dann sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er zurückflog und
rannte davon.
Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst gar nicht begreifen; dann
aber erinnerte ich mich an meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige
Gesicht meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Scheu
und leise wie ein Verbrecher ging ich in das Wohnzimmer zurück und
setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter saß am Tisch mit dem
jüngsten Kinde im Arme und sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr
laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, bevor ich mich setzte.
»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie sofort.
»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, was die Leute sagen.«
Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für Dummheiten! Was sagen die
Leute?«
»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine Mutter stand auf und legte
das Kind auf das Bett, dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei
ins Leere.
»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. Ich sagte es ihr,
worauf sie tief seufzte -- sonst war es still im Zimmer.
»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach einer Weile, »wenn wir
wieder nach Langenau zurückgingen?« Ich war starr vor Staunen und jähem
Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz und hundert andere Dinge
fielen mir plötzlich ein und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.
»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich so freuen.«
In der folgenden Woche wurden unsere Möbel abermals aus den Zimmern
getragen und wieder zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, und
mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am Abend kamen wir in Langenau
an und fuhren zur neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand sah uns
kommen. -- Wir waren ein Jahr fort gewesen.
Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir nicht; sie lag ziemlich
tief, und an den Wänden lief das Wasser herab, wodurch sich viele
dunkelbraune Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, daß die
Wohnung recht feucht und ungesund sei, und daß sie nie gedacht hätte,
daß man so herabkommen könne. Darauf entgegnete mein Vater, daß sie sich
nur gedulden möchte, er würde schon trachten, etwas Besseres zu finden,
sobald nur das Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren Gegenstand
sprachen sie noch lange, und ich hörte, daß es sich um ein neues
Geschäft handle und daß man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, um
Kunden zu bekommen.
Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, weil sie eine gute
Strecke von dem Hause meiner früheren Freundinnen entfernt war. Dazu
befand sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar kein netter Hof
oder sonst ein Platz zum Spielen und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem
Hause noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte uns, immer recht
still zu sein, da sich sonst die andern Leute beim Hausherrn über uns
beklagen würden.
Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze laufen, um zu sehen,
ob sich etwas verändert hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine
zu sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief mich meine Mutter
zurück.
»Wohin willst du?«
»Fort.«
»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Pein. »Du
siehst, daß ich kein Mädchen habe und daß es hier aussieht wie Kraut
und Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt du die zwei Kleinen
mitnehmen.«
»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die Tränen in die Augen
traten. »Die sind viel zu klein und können unsere Spiele nicht spielen.«
»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun
können.«
Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als
es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl
jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die
beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung.
Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein
jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden.
Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten
wir langsam dahin -- viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige
Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten
begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und
zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich
schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten
mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich
wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für
eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande
galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. -- Mein ganzer Zorn
kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am
liebsten geschlagen.
Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand
ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick
herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten
Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise
kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen
die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor
Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und
gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke,
hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie
drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich
ihnen entgegen.
»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich
fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir
langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich
zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig:
»Wohin sollen wir gehen?«
»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein
Vater ist eingesperrt.«
»War,« verbesserte Hilda leise.
Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein
kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders
gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir
die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? -- Was kümmerte
mich jetzt die ganze Welt? -- Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und
wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen
angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen
heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der
Kleine mir recht schwer wurde. -- Es war auch schon Mittagszeit, und ich
wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner
Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom
Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den
Kindern nach Hause.
Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab;
als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem
Arm.
»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.«
»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter
folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische.
Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen
vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine
Gabel oder sonst etwas reichte.
»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause.
»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen
ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg,
nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die
Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie
hätte herausschlagen mögen.
»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und
könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu
gehen hättest.« -- Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis
jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu
gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor,
»bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«
»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«
»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten
Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich
der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie
bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie
mir, den Tisch abzuräumen.
Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt.
Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich
einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß
ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die
dritte zurück müsse. -- Meine Mutter hat nie begreifen können, warum
ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. -- Nun war ich wenigstens
nicht mit den »beiden« zusammen. -- Der Gedanke an sie war mir
unerträglich. -- Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern
und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. --
Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich
im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern
Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete
ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an
mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb
hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. -- In solchen
Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie
zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. -- Doch so oft ich dies
verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt
und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht
langsam, an mir vorüberging.
Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das
Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und
einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir
wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner
Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes,
wehmütiges Glück gewesen. -- Ich knirschte mit den Zähnen, wenn
ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht
Leopoldine. -- So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem
Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als
sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und
betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater
mehr) auch einsperren lassen möge.
Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an
ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig
daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends
hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch
prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. -- Leopoldine trug
jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter
als zuvor.
Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches
Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so
wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war
auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete
unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister
achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und
fühlte mich heimlich recht unglücklich.
Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es
unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und
Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es
eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche
sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich;
doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre
gegeben hätte.
Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei
diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise.
Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch
begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle
dampfte, war mir immer zum Weinen.
Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne
dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in
solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift
zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere
Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern
zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in
das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann
wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser
stille Wunsch unerfüllbar.
Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich
begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei
dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte.
Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr
als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte
von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach,
erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und
daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war
recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und
meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr
und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um
mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten
mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie
zuvor.
Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die
unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene
Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines
fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle
die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten,
schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann
nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte
aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand,
daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir
nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held
meiner Träume in Langenau nicht sei.
Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich
nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich
in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich
immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort.
Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich
ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts
hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es
wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte,
daß wer immer das sagte, recht hatte.
Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder
auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre
gegeben worden.
Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann.
Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen,
wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine
Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete
sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach -- weil ich eben nichts
anderes tun konnte.
Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen;
der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der
Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus
der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg
mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend
verbrachten.
Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine
Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich
so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen
konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte
fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände
des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die
den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch
an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß
er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise
verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte,
kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber
auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz.
»Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und
entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine
-- alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen
die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. -- Er
mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen
haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem
Schuppen. -- Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. --
Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige
Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in
keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat
seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant
gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor
der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all
die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer
Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie
verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht
höflichen Gruße ein.
Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über
einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich
heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser.
Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen
Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte
dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar
ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und
bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt
und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.
»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein
junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand
gehen könnte?« --
Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen
langsam sinken.
»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes,
bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in
Zimmer und Küche nützlich machen möchte.«
Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber
sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte -- oder so etwas war es
wohl --, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich
glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über
meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte.
Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte
sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« -- und
nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter
vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«
Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet,
daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen
würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie
denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste
Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und
zwang mich zur Ruhe.
Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch
öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines
Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr
Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl.
Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber
ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,«
sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es
in der Welt zugeht« -- und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht
machst du dein Glück.«
Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast
zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren
erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen,
sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten
würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem
Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten
könne.
Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das
Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte
daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte
mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem
braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.
Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand
am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten
Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und
wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem
meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der
Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit.
Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war
sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in
die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte
ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum
Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter
ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr
liebes treues Herz zitterte und zuckte.
»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück -- dieses Mal
mit Tränen in den Augen.