O, sagte Zynthio -- die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon
anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. --
Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide
mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser
des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper
gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber
nicht fassen könne -- eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die
Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach
sich gezogen hätte. Sie würde -- so schloß er seinen Bericht -- ruhig
wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch
gründete. -- Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der
Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende
Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten
Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! -- So
beherrscht ihr edler Feuergeist -- indem er sich der Vollkommenheit
eines Seraphs schon gleich geschwungen hat -- diesen schwachen -- durch
die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper --
Und wird ihn aufreiben? wie? -- fragte stürmisch der Landrath.
Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in
einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. -- Wenn es darauf
ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr
theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen
Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete
doch ihre Wahl --
Ich -- hoffe nichts mehr! -- preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust
hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.
Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten
liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. -- Wenn die Gräfin denn
nie von einer Leidenschaft überrascht wird -- warf er ihm ein, so
bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.
Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio -- nur nicht
jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber
glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.
Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein
Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und Vernunft gewählt
hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es
innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.
Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen,
und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht
am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl
mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der
Comtesse -- von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft,
den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich
das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile
gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je
nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen
Grundsätzen beruhenden Richter seyn.
Doktor! -- so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles
anatomirt -- so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem
Mädchen sind. Behaltet Eure psychologische und philosophische
Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist
eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen,
verlösche wie ein Licht?
Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und
der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit
beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? --
Sie schreibt, sie ordnet viel.
Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?
Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der
Nacht ihrem Schreibpult.
Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.
Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart
wünschen, vernachläßigen.
Was sie zu ordnen hat, eilt nicht -- polterte noch immer Vater Elfen --
Ich kann es mir so ungefähr denken.
Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des
verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem
Tage -- behauptet die Rastlose -- alles in’s Reine gebracht haben zu
müssen.
Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst
von dem Tage an.
Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie
als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr
Vermögen zu schalten.
Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch
gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen
dermahlen die Gräfin? -- fragte der Doktor. -- Nun das wäre wenigstens
keine Trauer verkündende Anordnung.
Ich weiß es nicht! -- erwiederte Zynthio mit Achselzucken.
Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten
einen Rath -- ob es der dem Arzt Ueberantworteten anstehe, dem Herrn
des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme,
ihr diese Lust zu versagen? --
Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der
Aufgefoderte -- da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und
begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das
Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! --
Aufgepasst, Neffe! -- Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine
Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. --
Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das
minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden
zu haben, und fürchte -- man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen,
wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen
wollte.
Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.
Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um
L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im
Tanzsaal -- nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um
zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas
ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.
* * * * *
Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und
näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue
Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit
dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling
konnte sie ausrufen:
Steig empor, o Morgenroth, und röthe
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,
Säusle nieder Abendroth und flöte
Sanft in Schlummer die erstorbne Welt.
Morgen -- ach! du röthest
Eine Todtenflur,
Ach! und du, o Abendroth! umflötest
Meinen langen Schlummer nur.
Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste
bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen
dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen --
Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! -- sagte
sie, und bat das Anspannen zu bestellen.
Kind! ich begleite dich -- versicherte bedächtig die Generalin. Ich
hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.
O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr
zärtlich die dankbare Tochter.
Ueberraschen werden wir sie freilich -- meinte die Mutter -- Theodor
ritt schon diesen Morgen hinüber -- melden konnte er uns nicht, denn er
wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch -- denn jetzt
müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die
Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. -- Zwei, drei Stündchen
sind bald verstrichen! -- ermahnte die Besorgte noch, und trippelte,
sich zu der Ausfarth anzuschicken.
Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm
schmeichelnd die liebliche Freundin zu -- Sieh, wenn du fein vernünftig
seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse --
daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache
machen, und mit euch herumkutschiren werde! --
O Gott! -- Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! -- Ja,
Adelaide! -- längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! --
Sie haben mich ja Resignation gelehrt! --
Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! -- Wüßtest du, wie
glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit
eine Last -- ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern
legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit
theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen
erfüllen mußt! -- Bald, bald sprechen wir deutlicher hierüber. O
Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um
die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben -- Ich sage dir: dein Lohn
wird in deiner Liebe zu mir liegen -- denn du wirst erfahren, daß der
Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!