„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches
Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf
die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“
Mein Gott! -- So -- ~de But en blanc~ --?
„Nicht ~de But en blanc~! -- Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“
Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an
Großmuth nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den
ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe
vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner
Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.
„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung,
über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle
verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende
Gräfin Wallersee nicht bedarf -- dünkt der Frau von Zach eben so
ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige
reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“
Doch -- ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben
Fürstin aufgenommen werden?
„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt
haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht
ihren Entschluß im voraus so berechnet hätte, wie er der nicht minder
edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“
Und der Hof? -- Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider
geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich
verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen
zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle
remplacirt hätte.
„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter
dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und
Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner
schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm
Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die
Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die ~malade
imaginaire~ spiele. -- Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich
unterstützen. -- Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust
ihrer gehofften ~Grande Maitresse~, wünscht Ihnen mit schwerem
Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und
der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter
tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer
Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung,
da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“
Adelaide! ist das dein Ernst? -- Wenn der Gebrauch der Bäder
nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige
Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar
auf immer uns zu exiliren?
„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“
Du bist bewegt -- deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?
„Diesen Morgen -- überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers
Parks“ --
Der Erbprinz? -- Mein Gott! ist er wieder angekommen?
„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im
Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner
Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche
Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“
Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft -- schlimmer als ich glaubte. Der
Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?
„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu
ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen
Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier
Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen,
willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten
Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“
Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte
starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers
den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte
sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?
„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen
Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer
Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle,
meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände
gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten
Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“
Freilich, freilich -- So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen
-- bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen
Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das
Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. -- O, der rasende
Roland! -- Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige!
Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.
Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz,
welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine
schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu
seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die
Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische
auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.
„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ -- sagte
Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm
mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem
Auge zitterte -- „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen?
Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und
Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“
Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters
wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er
über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten
Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend
gerechtet -- nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer
Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör
geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.
„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio -- „die schönsten
Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit
schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter
Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie
in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“
* * * * *
Mathilde an Adelaiden.
Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich
dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst,
so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst.
Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch
auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die
Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten,
welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen
Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. --
Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja
die ganze Haltung deines Schreibens. -- Stimme dich zur Harmonie mit
deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles
umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! -- Aber
wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt
die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen!
-- Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! -- ich weiß, und
du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer
so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.
Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze
-- auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des
felsenfesten Bundesgenossen Camillo! -- aber für mich schuf eine den
Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges
Antwortschreiben. -- Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf
meinen Werth bei dir -- aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage
eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und
mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio
fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben
und zu weben vermag -- überbringt dir dieses Paket.
* * * * *
Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du
entzieht sie mir. -- Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen
Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. -- O Adelaide! das
ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die
Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der
Kern ist bitter -- bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft
hätte bieten sollen. -- Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung
verloren. -- Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser
sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt
-- noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen
der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das
Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen
getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen
diese Menschen berechtigt glaubt -- und was dergleichen sanktionirte
Sentenzen mehr sind.
Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du
selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem
stolzen Zelter ausnimmst! -- Du schwingst dich mit der Geisteskraft
eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne
Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen
dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. -- Ich lebe nur dem
weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. --
Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen -- aber
ich umfasse es mit glühender Seele -- während dich das letztere in
sokratische Temperatur versetzt. -- Bedaure mich, wenn du schlußgerecht
Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig
bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch
nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden
habe. --
Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche
Standhaftigkeit in dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine
Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe
auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.
Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft --
der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen,
bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben,
und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz -- folglich versiegt nie die
Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt
mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner
Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin
vergeblich warten lassen werde. -- Verdamme ihn, wenn deine strenge
Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die
menschliche Billigkeit, gesiegt hat.
* * * * *
Am lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl
sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills
aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable
Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich -- die, je mehr ihm, außer dem
Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas
Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher
wurden.
Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen
Korrespondenten.
„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas
näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger
Arkane. -- Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche
Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls -- also ohne
Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? -- wem gehörts?“