Unsere Damen schliefen ja wohl --

„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“

Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde

Ihrer Guitarre.

Zynthio gab das empfohlne Signal.

„Zynthio! Zynthio!“ -- rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? --

oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ -- Und bleich, athemlos

stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige

Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf

dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden

Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.

„Halte den Bösewicht auf“ -- schrie der ihr nachspringende Zynthio

dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei

versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne

los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose

theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen

Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete,

und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand

zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr

des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.

Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus

der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.

* * * * *

Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und

sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt,

durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine

Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang

der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die

Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. -- Einige hundert Schritt

von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen

sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben

bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger

Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte

der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren

bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.

Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen

Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung.

Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie

vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende

so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen

Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. --

Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter

Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und

eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das

Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem

Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen

die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den

Frevel sich hörbar schüttelten.

„Ha! verruchter Dieb!“ -- schnaufte der sich fassende Sakristaner

-- „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten

Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s

richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“

Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den

ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben;

dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu

Boden.

Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während

der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust

des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug

von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches

Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war,

auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel

und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein

von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und

nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in

die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die

Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn

anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit

des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen

hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt

bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. -- Doch hielt er es

für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche

Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens

sicherte. -- Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei

in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit

schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.

Der Raub war bereits vollbracht -- Furcht jagte ihn hinter und zwischen

die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur

auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien,

welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und

unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt

ihres Räubers zertrümmert lagen.

Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu

schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken

überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das

Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des

Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem

Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank.

Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der

mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten

Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an,

und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren

die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte

sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu

begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß

Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke

flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. --

Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die

noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers

vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen

Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den

er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.

Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer

Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im

Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes

Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche

Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt;

für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. --

Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst

die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie

aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten,

der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier

noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender

Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. -- Keine Klage körperlicher

Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte

nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe

der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht

geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde

entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen

Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang

der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.

Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen

Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach

heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen

zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte

ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die

Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.

* * * * *

„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die

schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen,

der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ -- keuchte der schon

seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der

endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken

einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er

wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so

bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.

Du stören? -- O wärest du früher gekommen! -- antwortete freundlich,

aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios

Arm; -- doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.

Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. -- Lies, meine gute

Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner

geringen Verlegenheit.

Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:

„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich

erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner

herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach,

welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen

Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen,

verloren hat -- supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um

den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die

dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte

für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen

in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu

Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich so ungern das Vergnügen

refüsiren, meine Freundin als ~Grande Maitresse~ unauflöslich

an unsern Hof zu fesseln -- er weiß, welchen Werth ich auf diese

Gefälligkeit legen würde, -- und doch kann er nicht umhin, auch

Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen,

besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister

Bendheim, das Gesuch unterstützt. --

Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! -- aber ich denke:

+Nein.+ -- Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem,

was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen

Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten

Forderungen meines Attachements für Sie. -- Dagegen erwarte ich von

Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse;

und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen

und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten,

mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken.

Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei

Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ -- --

Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein -- kann ich nicht mit dem

Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? --

„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete

Ereignisse wohlfeiler damit“ -- entgegnete die Gefragte.

Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman · 第 12 / 41 题