entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den
Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich
genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen
Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe
zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese
mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park
zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken,
wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung
entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen
Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber
desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen
Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem
Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den
tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.
Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war
seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen
Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere
Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing;
die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem
eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine
spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling
gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel
geweint -- war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte
das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm
-- seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.
„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer
auch forttragen?“ -- frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön
gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne
Kind auf den Schooß legte.
„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das
Schwesterchen -- das sollst du recht lieb haben, und es einst
beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch -- wie
Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner
Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff
welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“
„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte
-- er wäre ihr Schutzengel.“
„Richtig, mein Kind! -- Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch
lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich
ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“
Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des
Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen
Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen
Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden
hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so
langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie
weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für
seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu
wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der
Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes
äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an,
seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine
Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen
Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken
versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels
Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er
jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur
von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem
festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte.
So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem
selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht
widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck
wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit
Adelaiden beschäftigt war.
Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin,
und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung
erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden
und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder
die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und
freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen
wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz
Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen
nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.
Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf
seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich
dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein
kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er
entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger,
mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie
küßte und sie seine gute Schwester nannte.
„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben
in unsere Familie!“ -- sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser
äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu
geben beschloß.
„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole
militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich
kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann.
Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth
machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen --
oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er
meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“
* * * * *
Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht
in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit
wankte -- das Resultat war Veränderung der Luft. -- Das Concilium
physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des
fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder,
als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange
Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für
unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so
weiten Reise -- besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren
Widerwillen hegte -- unterworfen haben, um den geliebten Alexis
begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen
seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es
der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen.
Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben
zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der
Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche
ihr die zarte Knospe Adelaide -- und die Freundschaft ihrer Fürstin
gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und
feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht
ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!
Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem
Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles,
was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds
von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens
betrogen zu haben -- die letzte Umarmung seiner holden Adelaide,
alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß -- die
Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern
Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns,
und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de
Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde
nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam
zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in
disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. --
Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla -- noch einmal drückte er
sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal
in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche -- und -- dahin rollte er;
Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf
dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu
erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun
laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über
das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in
Alexis Arme.
„Gott im Himmel!“ -- rief der Graf erschüttert -- „was ist aus dir
geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? -- die
herrlichste Blume dieses Edens“ -- --
„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir
verschmachtet, verblüht -- und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn
schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis
zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete
gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte
es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein
Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe
nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! -- „O
nur zu wahr sprach dieser Paluzzo -- rief er aus -- deutsche Weiber
lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane
unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ --
„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du
warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem
verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft
meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein
feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen
Fehlern und Schwächen reinigen. -- Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer
strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! -- Sey treuer liebender
Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich.
-- Gott ist gerecht -- aber auch barmherzig! er will den Tod des
Sünders nicht. -- Er nehme dich und die Deinen -- in seinen heiligen
Schutz -- und meine Seele -- zu Gnaden -- auf! -- Jesus, Maria --
erbarmet -- euch meiner!!“ --
Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte
Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er
fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam
für das Grab schmücken wollten.
„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! -- in den Händen
meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“
-- sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der
Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. -- „Kennen Sie mich
nicht mehr? fuhr sie fort -- die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse
Prospero -- jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
Milder wurden Alexis Züge -- „So wissen Sie, was ich verlohr, wem
dieses Opfer fiel.“
„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen
Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner
Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung
gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“
„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“
„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern.
Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke
wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“
Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug
meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten
in deinen Armen auszuhauchen -- schrieb Giuliane. -- Eile, denn ich
fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen
Sieg. -- Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an
den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen,
daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey,
so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache
Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir
mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich
überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf
folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter
enthalten. Kraft und unbefangne +Ruhe+ gebricht mir nur allzugewiß
in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab
sinken läßt. -- Mein Lebewohl empfängst du noch -- eine süße Ahndung
sagt es mir -- von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner
dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß
erstirbt. -- Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: --
Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf
deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit
dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst
geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die
Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den
Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen
sie.
Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an
deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner
Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach
Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde
soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses
entlocken. -- Seraphine trägt deine Züge -- ein forschender Blick
Ludmillens -- dein Bewußtseyn! -- Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit
der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre
Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme
eines redlichen geliebten Mannes, oder -- zeigt sich der Wille des
Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in
den stillen Mauern des Klosters zu widmen -- als Braut der Kirche zum
Altar. -- Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen
Segen.
Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! --
Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch
auf ihren Bruder erstrecken! -- Werde sein Retter, wie du es einst
seiner Mutter wurdest. -- Der feurige schwärmerische Knabe kämpft
gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St.
Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem
Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die
Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer
Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars -- in dem er zu seiner
Bestimmung vorbereitet werden soll -- zu enge sind -- -- --
„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken,
dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ -- rief Alexis mit
verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es,
für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu
ringen.
* * * * *
Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein
Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht.
„Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür
entgegen -- Excellenz haben gewonnen Spiel. -- Aber wie die Karten
gestern lagen, hätten Sie es verloren.“
„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr
nicht haben ziehen wollen?“ --
„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges
Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche
Klerisey regaliren und beschwichtigen.“
„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner
übrigen Betgenossen an?“
„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“
„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“
„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen,
denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die
Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun -- mit dem Schein
frommen Eifers läßt sich -- muß sich die übrige heilige Brüderschaft
abspeisen lassen. -- Ein massiv silberner Antonius von Padua,
anderthalb Fuß hoch -- mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn
eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig -- die Bestellung
kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts
Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist
unser.“
„Meinen heißesten Dank dem heiligen Friedenstifter Antonius! -- denn
wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses
Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er
sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ -- --
„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug;
nahm Signora Prospero das Wort -- o möchte er auch diesem lieblichen
Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ --
Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen
nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf.
Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge
sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der
Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“
Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu
Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon
bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen
Träumerei.
„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser -- „hier ist wohl eine Schlafstätte
für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ --
„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet
und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir
aufgethan -- Giuliane in den Glanz einer Verklärten! -- wahrlich,
Prospero! -- säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie
heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer
Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“
Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte
ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden
Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.
„Die -- die Nachtluft -- Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem
Entsetzen -- „die übermäßige Betrübniß -- hat Ihr Bewußtseyn, Ihre
gesunden Sinne umnebelt. -- Heilige Mutter Gottes! -- glaube mir
Zynthio -- Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“
„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn
lächelnd Alexis. -- Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen
freilich nicht anders verständlich machen konnte.“
Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein
Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen
bestimmt sind -- in meiner Verwahrung?“ --
„Nach ihrem Ableben erst, Madame! -- Bis dahin würdigen Sie das
Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst
ein desto heiligeres Kleinod seyn.“
„Nicht also, Herr Graf! -- und verzeihen Sie, auch nichts weniger als
rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken.
Seraphine ist“ -- --
„Graf Wallersee’s Tochter -- nahm imponirend der General das Wort, --
diese Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“
„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen?
-- Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die
Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben
gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück
und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. -- Solche Attribute
des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die
Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten
Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre
Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ --
„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von
behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. -- Jedoch diese
Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück.
-- Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von
einem portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer
alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige
in Vorrath haben.“
„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des
Schleichhandels bedienen?“ --
„Warum nicht, Signora? -- giftigen Insekten wird man nie unverfälschten
Honig auftischen. -- Weg mit jener kleinen neidischen Brut;
schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. -- Morgen
trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl
der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der
Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung
seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu
feiern!“ --
„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier
in Kummer verwandeln. -- Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen
Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ --
„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange
dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. -- Doch
an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens
bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt -- den die der
arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die
Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. -- Ich
werde es machen wie die Schulknaben, welche -- mit einem verklagenden
Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und
nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend
ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch
wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“
Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich
mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche
Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt
fast überall bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen
Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit
seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim --
im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als
er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen
der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach
theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie
dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung
mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum
Gegenstand.
„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen
zitternd -- ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia
verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim
mich öfters führte.“
„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem
Vertrauen lieben.“
„Meine Schwester? -- ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher
Zynthio! -- oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine.
Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein,
es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that
mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! -- Nun ist’s eben so
gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“
„Sie hört gern Musik.“
„Die Engel lieben auch Musik -- Adelaide wird nicht hassen was diese
lieben.“
„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht
artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet
ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd
vervollkommnen. -- Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die
ihrige.“
„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner
Guitarre.“
„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“
„Das Letztere, Signor! -- Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten,
zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit,
das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende
Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in
Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ -- frug Alexis.
„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der
Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde,
wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“
„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch
harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du
mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen,
oder euch wieder trennen könnte.“
„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! -- Ich habe schon
etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es
sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn --
genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es
sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen
bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte
sie sehr freundlich -- es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden
besitze, darfst du sie Schwester nennen. -- Und dies Traumbild verläßt
mich nimmer.“
„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem
Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein
Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der
Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen
Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr -- und dies
würde ihnen weh thun.“
„Weh? -- ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? -- dafür bewahre mich
St. Franzesko.“
Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die
Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den
Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings
anbot, war ihm daher sehr willkommen.
* * * * *
Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde
wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die
ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten
hatte -- versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen
Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich
gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte,
unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise
wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide
Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende
machte.
Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.
„Herr Graf,“ begann der Mann -- „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein
Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und
dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu
Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube
und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“
„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch
machen zu dürfen.“
„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie
besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem
Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt.
Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser, mit Thränen angelegen, Sie
bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“
„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! -- aber kurz zur Sache;
wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? -- Worinnen bedürften Sie
die Hülfe eines Menschenfreundes?“ --
„Ich für mich in nichts, Herr Graf! -- Aber dieser Bube hier, dem
könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus
Düsseldorf gebürtig.“
„Eine Waise?“ --
„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“
„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“
„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine
Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im
Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater --
dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine
Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in Elend, und ich erbte
seinen Sohn, diesen Buben hier.“
„Aha! -- Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber
noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu
den Großeltern schaffen?“ --
„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch
im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber
soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“
„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil
für ihn, wenn er“ -- --
„Lassen wir das dahin gestellt seyn. -- Oder hätten Sie Lust sich
mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher
machen.“
„Er gefällt mir, und -- Zynthio, möchtest du ihn wohl zum
Reisegefährten? -- wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ --
„~Si, Signore!~“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen
Brust und Hände mit Küssen überströmte. -- „Bravo, Amico! du gehst
mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester
Adelaiden“ --
„Holla! einen Engel? -- begann der alte Schweitzer -- das klingt wohl
tröstlich für meinen Georg; -- aber wird dieser Engel auch ihm ein
Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ --
„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens
gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich
meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen
Umständen, wieder.“
„Nun dann -- mit Erlaubniß Herr Graf! -- Georg bitte den jungen Herrn,
daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig
ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“
--
Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.
„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter
nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde,
um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht
auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. --
Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts
besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein
eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und
-- einen Kopf, Herr! -- einen Kopf! -- Länder hätte er damit regieren,
Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz
manchen -- Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern,
als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes
unterliegen kann. -- Sie war die einzige Tochter des Inspektors von
der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. -- Den
schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen,
und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in
Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das
Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm
der Bube Georg geboren wurde -- da merkte er bereits, daß Madam
sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und -- als er einst nach
achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche
Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen
-- seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später
die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah -- da wurde
es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein
verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte
er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf
Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in
einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine
Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden
Baron unter die Nase. -- Schießen Sie, oder ich schieße. -- Der Baron
drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß --
und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. -- Rellmann, auf
diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten
getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem
Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete
zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch
die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe
erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums
seiner Jesabell zu versehen. -- So lange der Kummer seine Gesundheit
nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch.
Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen
ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem
Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. -- Was Christenpflicht
mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten
Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja,
aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das
beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum
Garnaufspulen zu brauchen.“
„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.
„Hm! -- sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen?
Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in
den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und
Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in
die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über
mein Bett hängt. -- Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann
aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen -- huch!
wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ --
„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen
tüchtigen Oberförster -- und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“
-- --
„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“
„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“
„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann
mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns
Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft
nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die
Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen
Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den
kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste
geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und
so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch
nicht aus meinem letzten Willen.“
Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver
Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs
zweiter Pflegevater wird -- das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann
-- eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“
„Dann, Herr Graf! -- dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns
sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute
Menschen erfüllt.“
Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so
sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.
„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater
hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich
nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du
Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn,
so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten.
Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst
verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater
in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur
mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden
bist.“
* * * * *
Wie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens
schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen
Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges
umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte
so süß, auch sie -- das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde --
aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung
auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen
Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen
überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen
Freundes sang. -- Wann er sich aber dem Zauber einer Aufopferung für
Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend
und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte -- o dann haftete
sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war
sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck
seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme
Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie
mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung
bewahren würde -- so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen,
das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen
Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste
Aufmerksamkeit lindern zu können.
Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich
unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und
Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je
unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine Stimmung erhalten, die
-- wiewohl um vieles sanfter -- dennoch mit der Seinigen im schönsten
Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer
Gespielin alles zu seyn, was diese war -- und ohne die reichhaltige
Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der
Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen,
hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen
der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin
aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses
Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer
Genüsse -- die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß
zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen
West’s.
Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein
Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel,
den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden
Zukunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der
schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen
Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen
Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers,
und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch
Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien
gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen
bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah
man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten
aus der Hand des Schöpfers gehen -- Pracht-Ausgaben sind, an die sich
kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich
selbst das bitterste Pasquil zu machen. -- Man begnügte sich demnach
sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität
zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung --
hingegen der eingerißnen Wuth, singen, Guitarre spielen, und den
italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern
Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? -- kam
nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher
kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit
Arbeit.
So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre
liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie
von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen,
und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem
zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor
nachsetzten -- so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen
weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden
nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten
Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die
wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen können; wenn
nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld
sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen
Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen
Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und
verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle,
diese glühende Mittheilung des Wohlwollens -- das mit unverständlicher
Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und
sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge
mit fortreißen ließ -- bald wieder in die Gränzen wahrer schöner
Menschengefühle zu führen.
* * * * *
„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr.
Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten,
welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der
Jagdchaise gelangt worden.
„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken
dürfen -- so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ --
erwiederte Alexis --
„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre
Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete
Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. -- Wie?“ --
Alexis, welcher die betonten Wie’s? -- Sr. Durchlaucht schon aus
Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte
gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja
schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn?
-- Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin;
ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren -- wann und wo ich
mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem,
noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt
allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr
ein.“
„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie
jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat
in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ -- „Wie nun so jeder
seine Ansicht der Dinge hat“ -- warf Alexis dem mit gespitzten Ohr
ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein
~Couteau de Chasse~ in der Scheide.
„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser
Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr
seht in mir den Freiwerber -- um die liebenswürdige Adelaide für den
jungen Graf Bendheim.“
„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht.
-- Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen
hierüber bekannt zu machen.“
„Wohl! -- Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe
Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des
zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet
sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath -- so verlobt man die jungen
Leute, oder -- um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner
Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten -- nicht
zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich -- indem er
ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines
Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück;
und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen
steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der
auswärtigen Affairen Posseß. -- ~Eh bien mon General!~ -- wie
gefällt Ihnen die Idee?“ --
„Als Idee betrachtet -- fürstlich und lachend.“
„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh
an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. -- Wir
wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das
Zeichen zum ~Rendez vous~ auf dem Jagdschlosse geben, damit die
Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“
„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache -- ich
wiederhole es noch einmal -- wenigstens unter den nächsten anderthalb
Jahren nicht kommen.“
„Wallersee! -- Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber --
doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine
gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein
herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. -- Und
warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. -- Zwar ist mir die alte
Animosität unter Euch Herren bekannt.“ -- --
„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder
handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es
nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich
selbst zu wenden.“
„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung
durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu
ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und
Absicht.“ -- --
„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der
Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“
„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“
„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der
anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch
Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach
Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch
dieselben -- und was die Hauptbedingung ist -- sind alsdann die
Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn
erwacht -- in Gottes Namen dann.“
„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? -- Wie?“ --
„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“
„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“
„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ -- --
„Liegen, meine ich -- ziemlich klar am Tage.“
„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu
lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so
verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge
verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und
bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“
„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine
freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung
des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“
„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig
oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. -- Aber die
Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr
der Fürsten zu leiten -- wie der verheerende Wurm in den Kelch
der königlichsten Blume. -- Beweise müssen uns wenigstens die
Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung
dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“
„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem
übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung
nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist
die Losung in der Region liebender Wesen.“
„Der Erbprinz und meine Tochter?“ --
„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen --
zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je
herrschender und distinkter sie wird -- nicht führen.“
„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die
Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“
„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? -- Daß sie
schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung
unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“
„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung
der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß
diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben
werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen -- ja durch so
genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen -- Haß, oder was noch
schlimmer ist -- kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“
„Lieber Graf! -- Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner
Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen
rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren.
Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“
„Unstreitig, unstreitig!! -- Sie soll mit Argusaugen der väterlichen
Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen
dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt
Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen
werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe
und benutze.“
„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts
Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! -- wir bleiben die
Alten -- nicht wahr?“ --
„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ --
Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere
Respektsversicherung verbittenden: Basta! -- brach der Herzog das
Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der
entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung
des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim
Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ -- das Signal zum
neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.
* * * * *
Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden
russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der
wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin
unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie
Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide
durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des
beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft
des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.
Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur
Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese
furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich
zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und
leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen
von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt
für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der
Einimpfung unterwerfen.
„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin -- nur
laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“
Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst
-- wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer
Freundin trennte.
Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen
Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in
frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt
wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante
für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.
„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern
schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin
verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte -- wo
in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen
Mütter erwartete. -- „Meine edelste, treuste Freundin! -- daß wir uns
trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit
einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen
gebietenden Eheherrn! -- Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie
es jetzt ist -- dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen
Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“
Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle!
-- erwiederte lächelnd Ludmilla.
„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die
Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können.
Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten
aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns
arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. -- Ich habe -- allen
Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet -- des
blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche
Taube --!“
Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem
Herzen keine Gefahr drohte.
„Und Louis -- o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für
dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende
Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen
und Aufenthalt an jenem Hof -- welche künftigen Winter ihren Anfang
nehmen sollen -- werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison
bringen.“
Nichts gewisser als das.
„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder
mit Bitten bestürmt werden soll -- das Kommando über unsern Louis zu
führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten?
-- Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“
Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen,
innerer Kummer -- den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart
meines unglücklichen Sohnes verursacht -- machen mich öfters für einen
uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine
Kinder in Verzweiflung stürzen wird. -- Des ihm zugedachten so hoch
ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal
würdig machen können.
„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht
führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung
ihrer Zukunft.“
O mein Sohn Theodor! -- Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling,
mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte
schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge
meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche
Wort: Fluch dem Ungerathnen! -- des tief beleidigten, von ihm langsam
gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf
mit Zittern erwarten! --
„Allgerechter! -- So schlimm steht es mit dem Jüngling? -- Arme
Mutter!“ --
Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres
Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten
aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender
Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des
guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe,
den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn.
-- Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon
zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre
in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die
Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten
Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen
Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger
gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.
„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der
engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender
Ueberraschung herbeyführen? -- Der Hülfsleistung theilnehmender
verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß -- wo es nur
eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner
Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. -- Lassen Sie uns
raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne
daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr
opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“
Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen
sehen. -- Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu
der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee,
dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist
Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen
verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf
die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung
wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den
Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob
der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne
schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch
ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren
Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu
treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.
„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als
der leidenschaftlichste Ausbruch! -- Kalter höhnender Trotz pikirt
den General aufs höchste. -- Doch, nur nicht den Muth verloren!
-- Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig
entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform
auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann -- sodann wird sich
auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn,
Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die
Arme seiner langentbehrten Familie führen.“
Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein
gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt
sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den
traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte.
Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung
des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde,
bestätigt meine Vermuthung.
„Liebe Aengstliche! -- Ihre Träume sind ansteckend! -- Nein, lassen
Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem
Schatten Gespenster sehen -- nicht wahr machen.“
Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit
verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich
bedrohenden Unglücks.
„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also
mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen.
Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich
dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und
unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und
Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die
Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre
Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“
Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das
schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein
zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr
eröfnete Zukunft zu verwandeln.
* * * * *
Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk
und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche
der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen
Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben
sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker,
über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme
aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ
sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer
-- der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen
auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten -- deren
mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die
Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.
Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des
Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel
zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht
das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit
feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern
und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden
Zeit zu trotzen.
Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die
geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher
schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht
als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter
Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige
Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm
selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn,
untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die
Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war
seine Eitelkeit. -- Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein
Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer
ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.
Aber -- wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und
wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? -- Zynthio hatte
es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue
Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden
Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit.
Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust
mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die
Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges
Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern
widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag
allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des
Todes gerückt -- noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier
mit einem ~memento mori!~ seiner Existenz zu erwähnen beschließen
müssen. -- Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen
Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag
verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden
händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem
Hinscheiden entgegen starrte -- brach die Krisis; einem Harnisch
gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt
hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend
Wiederholungen zu: Er ist gerettet! -- Er wird nicht sterben! --
* * * * *
„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran
hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen
allergnädigsten Versucher -- den ich nicht erkennen mag -- gegen
Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“
donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor
des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen
Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde
dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten
entgegen.
Alter ehrlicher Paul! -- Mir wolltest du den Einlaß versagen? --
antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis
zum Auge lüftete.
„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung --
„unser junger Herr? -- das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so
einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit
der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen
Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu
locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“
So, so! -- noch immer die alte Jagd? -- murmelte Theodor -- Recht,
Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen
Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest --
hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht
wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.
„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte
pfiffig der Hellebardenträger -- „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht
kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in
Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“
Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s
besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.
„Das Gott erbarm!“
Was krächzt der alte Rabe? -- Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für
mich nicht zu Hause? --
„O ja, aber der Papa -- die arme Excellenz stöhnt und sieht dem
Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe
dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“