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Antiqua: ~Tilden~
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Adelaide.
Wahrscheinlich
nur ein Roman.
Von
der Verfasserin
von
Kollmar und Klaire.
[Illustration]
Berlin,
bei Friedrich Braunes.
1807.
Adelaide.
„Ein Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit
den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang
und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ -- sagte
ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar
dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche
in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen
Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und
mehr dergleichen -- das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel
dekorirten.
„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu
fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die
Landräthin.
„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher
Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr
war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der
Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen
sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen
wohlgefällige Tagesordnung an.“
„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“
flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren
Freundinnen zu.
„Ach ja, -- gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir
uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und
sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und
rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten
Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön
genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder
wenigstens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden.
Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit
fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters
-- nun auch ihr erklärter Verlobter -- sie in die Censur nahm, und den
Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so
viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten
Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.
Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von
Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant,
er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen
mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und
Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter
beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder
zu besiegeln. -- Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl
den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Sonnenburg
empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens
die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das
Herz seiner schönen Cousine bewerben. -- In ein Fenster gelehnt,
erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung
der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.
„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath -- und sechs
Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors.
„Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“
Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als
die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der
Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte
Stufe der Treppe betrat.
„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn
erlauben sollten“, -- flötete Adelaidens Stimme -- „aber ich bin die
Sünderin, lieber Herr Landrath! -- ich allein habe den Aufenthalt zu
verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“
„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer
willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“
erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus
dem Wagen. -- Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender
Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. -- Das Geräusch der
Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht
Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen
einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen
Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.
„Zynthio Camillo“ -- lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des
Hauses zu -- „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als
einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige
Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und
Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um
mich gekämpft.“
„Das ist brav, Signor Camillo! -- sagte der Landrath und schüttelte ihm
treuherzig die Hand -- ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse
aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“
Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste
und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser
Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von
Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem
ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er
beklommen.
„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! -- ich
werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen,
Frau Landräthin!“ -- setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau
von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.
Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last
der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths
und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits
komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert,
sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen,
säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar
anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil
wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber.
Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde
führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“
Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio
wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden.
Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin
Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. -- So natürlich, und
doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! -- So zart, so
kränklich, und doch so viel Leben! -- Sonst hatten sie wohl irgend in
einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten
Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen
Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten
-- als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden -- und, sich
dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen
gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. -- Um so weniger glich diesen
üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur
ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne
aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und
Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue
Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels
für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für
ein Jenseits zu haben. Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen
ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem
Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte
sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus
Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle
schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste
Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton
einer Titania -- und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und
menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen
Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die
Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten
seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:
„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind
vortrefflich. Frau Landräthin! -- ich werde mich bei Ihrer Köchin in
die Lehre geben.“
„Siehst du, Mütterchen!“ -- fiel fröhlich der Landrath ein -- „der
lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige!
-- Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie
rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“
„Gräfin!“ -- sagte traurig Zynthio -- „es thut mir weh, Ihrem so
seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ -- er gab dem hinter ihren
Stuhl stehenden Jäger einen Wink -- „lieber eine leichtere Speise.“
Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden
den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst
etwas weniges zu genießen angefangen hatte.
„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd;
dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.
„Bin ich nicht zu bedauern?“ -- wendete sie sich mit komisch klagendem
Ton an den Landrath -- „diese Quälgeister wollen mir durchaus nicht
erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“
Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an.
„Wollte Gott!“ -- seufzte sie -- „diese guten Menschen hätten Unrecht!“
„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath,
ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke
Promenaden -- mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den
Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters
schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten
angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“
„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ -- sagte der
Landrath, und schlug fröhlich in die Hände -- „überlassen Sie sich der
natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken
Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien
Luft. Wir wollen zusammen fischen, jagen, Dohnen stellen, Schlitten
fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der
Aerzte auslachen.“
Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher
verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der
jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher
Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide
fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen
der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen
zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen --
seht den Himmel wie heiter -- und so mehrere mit fistulirender
Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem
dumpfen Klavier -- welches der Organist noch diesen Morgen zu der
heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide
versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer
Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden
geworden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu
bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen
Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.
Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze,
Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend -- zu
deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich -- und hinter
diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen
zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.
„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen
zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob
Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr -- wie der Westwind mit
einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß
Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden
Lilie beugte, wollte -- betroffen über die Kühnheit des Entführers im
ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender
Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien --
nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war
sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt,
die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft
aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst
in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. --
Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der
fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die -- so klein und schmal
sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug
an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie
ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und
sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm
zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den
suchenden Bedienten, unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden
Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer
solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht
aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt -- da
er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender
Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs
im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.
„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit
lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines
großen Familiensaals wiederhohlte -- „Unverkünstelt an Leib und
Seele -- ach lieber Gott! -- da sagte ich zu viel; leider blieb der
Körper nicht so gesund als der Geist! -- mit dem erstern geht’s wie
mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank --
zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor,
eine breite Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und
kommen nicht fort. -- Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten
Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne
führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“
* * * * *
Schon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und
Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis
im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu
feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend
eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest
verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden
Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein
halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu
ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die
seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten.
„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich
einst als Bürgerin eines andern Gestirns -- vielleicht des Syrius, mit
gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er
endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der
Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu
enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der
eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos -- eigentlich
aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. -- Optischer
Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde
ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite
dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten
Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte --
vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide:
„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche
Erscheinung? -- Prinz Louis!“ --
„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin
es wirklich, noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und
Leidenschaften“ -- antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch
eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden -- „diesen Kuß
von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu
überliefern -- selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden
werden.“
„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein -- „Sie ist doch heiter und
wohl?“
„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer
Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die
Aussicht auf diese Stunde!“
„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und
Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung
gewährte?“ --
„Zufall? -- O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der
Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte -- auch Zufall! -- Konnte Adelaide
glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als daß
ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“ -- --
„Also doch wieder auf der Reise nach ***? -- O mein Prinz, nun bin ich
beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig
und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu ***
gefallen lassen werden?“ --
„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. -- Sieh da, Signor Camillo!
fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“ --
„Hier Graf Hochberg“ -- nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie
den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur
Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte,
und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen.
Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin,
zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden,
und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht.
Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen
Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander
stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors
Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam -- als fürchteten sie,
eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken.
Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an -- denn tanzen wollte und
konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus,
und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu
lassen. -- „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ -- dachte
er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr.
Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden.
Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen -- „~Mon
Prince~. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew.
Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr
edlen Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron -- und Engel beneiden
dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur
mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen
englischen Tanz abschlagen -- aber Wahrheit und Treue für seinen
Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“
Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen,
und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen
Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden
Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für
Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem
Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte
er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff
Adelaide des Ritters Arm und sagte:
„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit
unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen. Kommen Sie Graf --
Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“
„Meine Braut?“ -- wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer
rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger
Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual,
mit seiner Verlobten zu tanzen.
Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch
nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte -- besorgt um
den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich
seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der
Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und
vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten,
daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. --
Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten
Hoffnungen, und -- Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft
übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwartet, und schneller
als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der
lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen.
„~Vous êtes servi, Monseigneur!~“ meldete die Generalin mit
etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das
Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich
glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren.
Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den
Damens aufzuwarten.“
„~Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son
Aise~“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die
Tafelrunde -- und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr.
Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel.
„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese -- „einige
~Refraichissements à la Campagne~, so gut man sie auf der Reise
haben kann.“
„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er
sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen
Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln
ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden
Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten
Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den
Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten
zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen
Oberförsterdienst?“
Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel
über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit
Brillanten gesetzt war, und erwiederte:
„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines
Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das
Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“
Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg.
„Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“
„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer
Adelaide mit mir gemein“ -- nahm der Prinz das Wort -- „und der Himmel
lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“
Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können,
knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller
Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen.
„Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine
Wagenburg schlagen?“ -- frug er bei sich selbst -- „Fürst, ausländische
Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich
rasend zu machen.“
Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.
„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.
„O meine Brieftasche wird erst morgen eröffnet. Ein großes Paket, das
ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde
führt große Beschwerden über mich! -- Versprechen Sie mir in voraus
Generalpardon.“
Adelaide sah ihn bedeutend an.
„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt
es, so wahr ein Gott lebt“ --
Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen
beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden
Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche
das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen
Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde
Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte
herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen
täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag,
so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich
zu nehmen. Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern --
aber, o Himmel! -- wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in
Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von
ihrer Hand triefte.
Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um
so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und
Caroline -- deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit
Thränen füllte, -- und Adelaide lachten nicht.
„In der That“ -- sagte Letztere -- „so etwas kann jedem begegnen.
Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine
Ananas -- weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf
meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war -- und
da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen
wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von
dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu
verzehren, so wenig diese Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte.
Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau
wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“
In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet,
welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte,
und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held
dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen
hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens
demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein
Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens
Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn
weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen
sey, als sie.
„Adelaide“ -- sagte der Prinz -- „Sie sind wahrlich ein Engel! -- Ich
möchte niederfallen und anbeten -- diese himmlische Güte, diese sanfte
Schonung“ -- --
„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ --
unterbrach sie ihn ernst -- „Sie sprachen von einem Entschluß“ --
„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt!
-- Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen
nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen -- werden Sie die Verlobte
eines Andern -- gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich
will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben
entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an
das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! -- Aber nein, so
inconsequent kann Adelaide nie seyn!“
„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen -- „was hat mein Vorsatz unvermählt
zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? -- Kann Ihnen die
Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen -- ohne
alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen Prinzessin Mathilde äußerte
-- daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter
uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte
-- kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder
wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten
eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der
Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“
„Adelaide! -- Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten,
sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste
und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende
Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten,
auch nur Chimäre! -- so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann.
-- Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten
heut Ihr achtzehntes an; -- o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und
Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den bedenklichen
Gesundheitsumständen des Fürsten -- ein Rezitiv des neulichen
Schlagflusses, und er ist dahin.“ --
„Sie werden fürchterlich! -- So sollte die Liebe ein großes edles Herz
verunstalten können? -- Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung
für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das
Sie und mich herabwürdigt.“
„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir
scheiden. Denke an meinen Schwur. -- Heut übers Jahr an diesem Tage
kehre ich wieder zurück und finde dich -- nein Adelaide, nicht als
Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ --
„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck
einer Prophetin ein. -- „Ich habe Ihr Wort, Prinz! -- übers Jahr an
dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und
begleiten mich in die Brautkammer.“
„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft
verwirren? -- was sollen diese Räthsel? -- Ich kann mich damit nicht
beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ --
„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften
schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal
zum Ländern zu kommen. -- Für diesmal bitte ich, nichts mehr über
jenes Kapitel! -- Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl
schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“
„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand
selbst hoffen?“
„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht
die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ --
„Adelaide! -- Adelaide! was machen Sie aus mir?“ -- seufzte noch der
Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das
Flüstern seiner letzten Worte.
Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit
entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr.
Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio
einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen
geballter Faust vor Kopf und Brust -- befahl stürmisch: vorzufahren
-- und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin
gekommen.
* * * * *
Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften
und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang
und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in
irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im
Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch
immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des
Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste --
während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges,
einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch
Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit
sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde
furchtbaren Corps -- welches dieser aus eigenen Kosten errichtet,
mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte -- nun seinen
Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach
den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen
pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen
Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten
Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den
Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht
gewonnen -- Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten
auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige
Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den
aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien
-- zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus
erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner
ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu
erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.
Doch -- zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe
unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis
in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich
ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt,
Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen
-- Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht
des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig -- zerrissen bald die
Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete
nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn,
und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. --
Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser
Hinsicht aus. -- Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag
seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen
und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner
Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines
großen Nebenbuhlers war. -- Leichter französischer Spott -- wiewohl
nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden
Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen
an diesen Werth, an diese Tugenden -- kurz, mancherlei und mehrere
Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend
blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen
oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn
zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht
gewesen wäre. --
Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so
gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst
fand -- jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund
der Römer -- daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten
konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis
Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.
Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s
Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder
über dessen Meinungen geäußert hatte -- ja selbst den Tadel der Pläne,
die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph
nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. -- Alexis war nicht der
Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im
Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren
und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein
Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und
durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem
Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich
wiederholte -- und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das
Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde,
auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that,
und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu
fechten, zurückzog.
„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph -- „diesen Querkopf los zu seyn. Der
Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten
Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? -- haben wir das Terrain,
haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ --
„Und sind +wir+ Römer?“ -- hätte er noch hinzusetzen sollen.
Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese
Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene
nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen
Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier
nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu
belächeln.
Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen
Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes
Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen.
Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei
deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph
im Bunde. --
„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres
Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche
Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des
Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. -- Soll die
Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich
selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf,
ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst
der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß
sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und
die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb
mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und
fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! -- Läutere die
Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner
edelsten Söhne mich umschwebt. -- Kraftvoll, aber nicht stürmisch
will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt.
-- Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer
Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein
milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an
höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte
Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen
Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf
Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen
Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf
die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner
Verlobten -- nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und
der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer
Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt
hatte -- und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn
die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin
wieder zurück rief.
Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im
zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie
seine Gemahlin werden.
Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise
ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft
fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge
wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden
Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen!
-- Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher
freundlicher Gatte. -- Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der
sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar
gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren
Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher
Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie
ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder
geliebt würde. -- Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt,
indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre
Bildung vollendeten.
Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts --
in welchem die junge Gräfin erzogen worden -- die Einführung solches
üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches
den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht
gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf
der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig
verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden
traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle
die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden
Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet,
daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte -- wenigstens sie schon dem
Nahmen nach verabscheute. -- Und so war auch die unerfahrne Ludmilla
weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen
aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden
Leidenschaft, dessen sein Herz -- vielleicht für einen andern
Gegenstand wohl fähig war -- zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück,
ihre Ruhe zu stören.
Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der
Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.
* * * * *
Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel
ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun
gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen
unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle
auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein,
daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte
Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.
Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete
es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes,
wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste
Frühjahr einzuschiffen dachte -- durch Anwerbung der tapfersten
vielversprechensten Männer -- um welche Monarchen sich beneideten, für
die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen
könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten
Aussichten auf Größe und Ruhm -- der sich selbst in fremde Welttheile
erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. -- Vergebens umfaßte
Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor
seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden
Vaters.
„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste -- und ich heiße
Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme
zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens --
im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath
rufen sollte -- so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und
des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee
zu machen Willens bin -- das Benöthigte schon verfügt und bei der
Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten
Willens. -- Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen war, deine
Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“
Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie
auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen,
und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege
nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte,
um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen
Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.
Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der
nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher
zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern
Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur
See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage,
Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem
Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer
Beobachtung werth zu seyn. -- Weder Posthäuser noch Gastwirthe,
weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder
zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache -- so andern
Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl
zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte
beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und
Unterhaltung gewähren -- nichts dergleichen bietet sich uns auf der
übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. -- Genug, man
ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so
wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln
häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird -- so wie
bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze
bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so
bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen
Spielraum spatzieren Launen, Meinungen, gute und böse Gedanken ohne
allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die
übrigen Personen eben so auffallend, als diese -- welche sich einer
gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden
Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich
zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.
Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart
bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen
gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann
es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig,
wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz
verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder
andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth,
der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und
der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung
jeder Bequemlichkeit des Lebens bewies -- keiner andern zu bedürfen,
um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete
er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder
wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die
eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich
befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt --
geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen
-- hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag
auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes
Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem
ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei
Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich
der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu
Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger
Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es sich, daß er einen
Bedienten erschoß, dem -- als der Unglückliche das Nachtlicht putzen
wollte -- die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.
„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst -- „mit diesem
kleinen Tyrannen -- unter seiner Protection sollte ich +ein+
Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das
vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen
Kriegsheere der Welt ist? -- Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir
durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien --
einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht
werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? -- Nein, dabei kann es nicht
bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht
Sie -- mein Herr Generalissimus -- um einen Obersten ärmer.“
Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige
Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und
Alexis machte dem General die unerwartete Erklärung: daß er nicht
portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle.
L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem
Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend,
und der Streit endigte mit einem Zweikampf.
Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher,
wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet,
fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den
Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen
durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt -- im Begriff
von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden -- seiner mit
einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war.
Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. -- Maria Paluzzo
befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer
unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem
betrogenen Vater blieb nichts übrig, als seine Rache durch Enterbung
der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in
Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden
ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig
ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und
ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten,
verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der
gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer
Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.
„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ -- frug Paluzzo.
„Wo sonst hin? -- Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel
erbeten, daß ich hier umkehren soll -- und so will ich denn auch nicht
länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl
schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer
Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich nun werden, und keiner
Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“
„Schön, recht solid! -- Aber Freund -- dazu ist’s nach Jahren noch
Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in
Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr
kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung
eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können:
Ich litt ohne Murren. -- Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten
sanften Weiber.“
„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt!
ein treffliches edles tugendhaftes Weib! -- In vier Tagen breche ich
auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein
dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu
drücken.“
„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten.
Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe -- so nicht
die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“
„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben
so heilig wie den Weibern.“
„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in
ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! -- Früher ist Euch
die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“
„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? -- Thorheit habe ich mir
vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter
Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames
für sie ward? -- Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche
Kampf mir selbst daraus erwuchs? -- Basta! -- bei unsrer Freundschaft,
kein Wort mehr davon!“
„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen
nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt
wieder so gefallen mögte wie einst. -- Ihr kennt unsern Hof, auch so
ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch
Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste
machen würde. Herrlich! -- Verwerft Ihr sie -- gut; ihr sollt durch
Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“
„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich
habe in Messina nichts zu schaffen. Und -- den kommenden Frühling, will
ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“
Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen
des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten
Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s
Arme zurückeilte. -- Aber Messina -- hatte er dennoch besucht.
Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin;
heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der
Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten
Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward,
als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte,
selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male
als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für
sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien
des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche
in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt
hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio
Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.
Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe -- Alexis hingerissen von
der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen
Weibes, ihrer Zärtlichkeit -- Beide erwachten nach einer gefährlichen
Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen
ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen;
Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde
auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das
Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der
Abschied rückte heran.
„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen
Augenblick erhalte dich mir.“
Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh
getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.
* * * * *
„Ruhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte
der regierende Fürst von *** zu Ludmillen -- „Seine Unstätigkeit, sein
Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist
genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“
„Und kann er das nicht? -- Verzeihen Ew. Durchlaucht! -- Sind die
Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch
Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“
„Für jeden Andern -- ja, dem es löblicher und zugleich bequemer
dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches
Schloß zu setzen, und dann so ~en passant~ aus angebohrner
Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und
Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender
Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. -- Nur ihr Gemahl vermag
damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß
größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“
„Aber wie, ~Monseigneur~?“ --
„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu
seyn.“
„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu
werden -- der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäftigen, und dann
die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“
„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen
der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie
keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire
von sechs Wochen höchstens -- und wollte ich ihm dann eine Charge am
Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von
meiner Erkenntlichkeit geben -- er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber
ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir
der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“
„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut,
wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl
dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten
des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die
Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre
kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. -- Aber diesmal
wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das
Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth
vermischte.
„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und
kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche
jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte --
„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul
abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube,
meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons
eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und
dasselbe Grab deckte -- mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein
-- wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter
Blick nach Osten gerichtet ist.“
„Mir das? -- o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“
„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! -- Noch vor einigen Wochen war dein
heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt
zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt
dein Auge in Thränen.“
„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren -- Dank
zulächeln? -- Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein
bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib
zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen -- o so verlaß es! Darf
ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“
„Ludmilla! -- Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich
die mehr als weibliche Schwäche. -- In einem frommen Stift erzogen,
lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen --
aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du
keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei
dir nur tauben Ohren predigen.“
„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger
seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien
Glücks! -- Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser
Nothwendigkeit zu trösten.“
„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir -- eben
als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder
brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des
Fürsten nicht an -- und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“
„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! --
Aber der drohende böse Krieg“ -- --
„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in
Friedenszeiten! -- Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung
nicht betrogen haben.“
Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht
allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent -- so er zu dem
ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete -- Ehre einlegen,
sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand
setzen wollte. -- Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand.
Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete,
weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber
er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach
der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen,
ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte
die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles
in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem
Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl
aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur
die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.
Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen.
Krankheiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo
sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die
nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge
hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars
begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.
Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf
Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth
ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis
bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies
und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu
haben. --
Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich
wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so
baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die
schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die Vermählung
des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen
des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft.
General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als
fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing
ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu
schmeicheln zwiefach berauschend war -- unserm Alexis die vollkommenste
Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. -- Nicht allein
die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das
fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige
Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen,
und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.
Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen
überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis
von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande,
ihn -- der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt
werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über
sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus
gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.
* * * * *
Gräfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in
die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla,
sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar
machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen
Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der
Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer
eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht
nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben -- während er den Gefahren
des Krieges ausgesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.
Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der
Prinzessin Mathilde -- welche nur um 8 Monathe früher das Licht der
Welt erblickte -- bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte
er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei
seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.
Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so
Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr
und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die
duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst
dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten
Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für
keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre
Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als
ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der
fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier
schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und
Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß
zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern -- doch mehrere
Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen.
Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel;
er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den
feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie
gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres
angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle
glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer
fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen
anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere
Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne
Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide
wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher
Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval -- ihre Gouvernante -- wie
ihre Mutter.
Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des
Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so
statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. -- Und diesmal lag die Schuld
nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den
Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte.
Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz,
Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner
Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave
Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in
der Geburt erstickte.