Von Erde bist du gemacht

Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und es

kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde von

Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte

ausgesetzt sei.

Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen

und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht

ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da

lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese

Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel

Seelenlosigkeit in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte

mich. Ich sah meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt,

sah mich am Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die

Briefe von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um

Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu

bestimmen, sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen Fund

kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür stehen und

mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen auf den ersten

Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen.

Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl, und

sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur

zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß mein

Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so

mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein können.

Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher Art und

Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte.

Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um

die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich

hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben.

Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon

zusammenklatschten, als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen

meinen Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von

ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es

zusammenscharrte, nicht größer war als eine Faust.

Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper

abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie

Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes

und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte

Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit

und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt.

Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines

Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle gefallen

war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit Gewißheit

sagen können, was Sand und was jene Asche war.

Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein Traum

äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und ruhig auf

ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die mich

herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, krank

zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, ebenso

drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen Feindin

gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend. Die Menschen

hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich hatten sie vergessen

zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im Busch war, weil sie mich

tot geglaubt hatten.

Aber ...

Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, um

aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen Füßen

funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll und

so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen nicht zu

Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig da,

denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der Indianer

dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue. Ich eile

zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte Leben

betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses Studium

erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den Künstlern, die

so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen nicht zurückließen.

Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen,

das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich

oben auf das Bücherbrett stellte.

Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie mit

Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich

herumtreibende Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen

und dann hilflos darin liegenbleiben sollten.

Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der letzten

Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen und sie

zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. Denn da ich

niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen Teil meiner

Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle Widersprüche,

Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen mich allein zu führen,

um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen.

Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein

Kind am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der

harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig

Stunden, fiel ich sofort in Schlaf.

Der Busch · 第 38 / 42 题