Träume

Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem

schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner

meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber

jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war,

schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem

andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war

ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten

Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.

* * * * *

Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte

wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter

notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu

haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war.

Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte,

in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand

und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam mir zum

Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen wollen. Ich steckte

den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber

ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich

bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht

finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer

ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel.

Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als

Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die

Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir

in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die

sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat waren

Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren

Maul halb so weit offen war wie ihr Körper lang war, während hinter mir

die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger

auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen,

und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade

packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall

dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die

Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die

ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik

heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne

schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften.

Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf,

daß ich aufwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der

Mond, der in meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort

wieder ein.

* * * * *

Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken

nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu

werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest.

Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und

es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße zu werfen.

Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich

er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rockes

zurück, packte mich mit der linken Hand brutal am Kinn und riß mir den

Kopf zurück, während er mit der rechten Hand das Messer aus Obsidian in

meine Brust schlug, wobei ich aufwachte.

* * * * *

Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der

Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr

Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit

einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich

darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus

dem Bett hingen, waren eingeschlafen.

* * * * *

Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich

hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten

Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber

die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen

herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die

Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder

Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem

Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze

Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu

holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste

danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte

die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen

Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen

Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern

und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den

Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode

geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen,

schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in

wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum

Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und

Graspferdchen im Busch zirpen.

* * * * *

Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und

beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des

Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein

Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich

darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem

Zubettgehen, wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken

sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich

trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich,

wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das

Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt,

dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch Mond,

es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber nicht

dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur

verschleiern konnte.

Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah mich

lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht

bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu

bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich

nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich

fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Empfinden

brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen

Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der er

stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner

feierlichen Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem

Ernst, und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem

einzelnen Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend:

„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in

einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die

Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das

Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden

mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen,

die heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese

geringfügigen Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht.

Für Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe

wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren,

Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen mit der

Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle zu gehen

haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt

wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine

kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die

wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in

dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie

mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore

stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine Beglaubigungen?‘, ich sagen

kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in meinen Händen halte ich meine

Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich

sie tragen durfte auf meiner Wanderung ist das Zeichen, daß auch ich

einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.‘“

Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.

Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen,

in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos

befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich

notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett.

Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die goldene Kette über den

Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich vor

ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als ich

mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war

verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich kehrte zu meinem Bett

zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, so gesund, so

traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er war wie der

erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren Krankheit.

Der Busch · 第 39 / 42 题