Der Nachtbesuch

Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen

erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau

zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich hatte das

Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß ich seit

einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde.

Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein

handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen

hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich während

meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten.

Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde stärker

mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine

Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas

aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne. Immerhin

lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend klar im

Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das Rufen des

inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen, die sich

nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich endlich

doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall zerbrach

er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem zähen Ruf.

Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein

Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf

meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn

anreden möchte.

In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu

zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten

hatte.

Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte,

heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.

Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu

betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar

gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser,

die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben,

werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur

bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte,

würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit

bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben. Dieser Mann

hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf

sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium war, hatte ich es

nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann

zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen

mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen.

Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er

ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die

Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit

dieser Geste stand er gleichzeitig auf.

Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie

ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.

„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch.

„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich.

Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit

heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und

bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die

Schweine. Schweine sind das Grauen.“

Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.

Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht

verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um

einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in

Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht

ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung

befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches

Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so

durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden,

wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.

Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die

Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden

Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“

Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.

Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine

Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen

vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen

und gesprochen hatte.

Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im bleichen

Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten,

schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt,

schlank gebaut, reines unvermischtes Indianerblut.

Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu

erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und

es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine

Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn

vollkommen verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der

Zusammenhang fehlte mir.

War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten

indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger

Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt.

Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: Er

war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die

Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum.

Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein

richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten

ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren uralten

Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum

erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum.

Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die Enkel

seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine

Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer

Künstler war.

Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis

zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen

hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer

lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal

jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich

zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den

Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die

Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen

werden, zurückzukehren.

Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.

Der Busch · 第 33 / 42 题