In einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges
Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine
gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit
allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann.
Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz
nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer
verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr Vater
besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine
Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa Bravo war
das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die Erbschaft von
ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte alle Aussicht,
nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die beide gleichfalls
ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch reicher zu werden.
Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl ihrer auffallenden
Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, unter den jungen
Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, eine begehrte
Partie war.
Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner
der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er
auch das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte,
hielt lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten
Verlobung zu bringen.
Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld,
verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine
große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf;
Unbequemlichkeiten, von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen,
zwei vollauf genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken,
ein Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern.
Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei
Dutzend mehr.
Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das,
wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu
besänftigen war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern
in ewiger Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben –
obgleich sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig
Meilen hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen
und so verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden
ist, nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen
verhätschelt und verpäppelt wird.
Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und
weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von
ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die mit
ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von andern,
ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie
gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem zu
gehorchen habe.
Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem
Lebensende einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren
Verwandten hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er
einfach vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt
es auch hier Ausnahmefälle.
Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein
amerikanisches Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar
zu einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren
Grundcharakter auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im
Colegio, waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen
übrigen Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen
herabließ. Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie
alles doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war
widerspenstiger als zuvor.
Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten,
ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe zu
einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, die im
Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt ihres
Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause sehen
ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht selten,
daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und
einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten
an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und
Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging.
Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man
sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht
ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten
und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die
Jähzornsanfälle blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen
nicht die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein
Schaden angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und
durch verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko
gehören die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen
Familiengemeinschaft als in den meisten anderen Ländern.
Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden
können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie
wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in
ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die
Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun
hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie
ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in
einem Zustand der Beschwerde zu bleiben.
Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie auch
wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß sie sehr
generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen Menschen, der
niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und dort mit einem
abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid oder einem
aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien er endlich
müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude macht oder ihnen
aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle Untugenden und
Laster nach.
Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter der
jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. Sie
bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch aber wurde
sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen war. Sie
wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas über ein
Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über eine
Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß sie es
nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. Sie
war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie zweifelfrei zu
überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so bekam sie einen
ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich Schach,
aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu leicht geschehen,
daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett hinterher an den Kopf
flogen.
Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur
durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man ihr
lachend alles vergab, was sie je getan hatte.
Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum
jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch
so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig
war, sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko
sehr starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des
jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser dicht
an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten
Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der
geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis „der Tod
sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo die
katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere
Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. Wo
es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger
als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet.
Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So
leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so
oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt
waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren,
ob Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein
heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig
rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind.
Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer
und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon weiß,
daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, muß doch nun
schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig dazu
hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden.
Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel und
deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug sei,
und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen Heirat
sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. Das dachten
und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder zum zweiten
Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen waren, wenn sie
glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu sein und ein wenig mehr
vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben sie jene kühne Hoffnung auf.
Und hatten sie die Hoffnung erst einmal aufgegeben, so war es für immer.
Sie alle lernten sehr schnell, daß eine Zähmung der Widerspenstigen nur
versucht werden konnte mit dem sicheren und unausbleiblichen Tode des
Bändigers.
Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die
Erfahrung hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten,
alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen
Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte,
dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit den
wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen und
jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen dürfen. Und
es gab genügend junge und alte Männer, die willig und widerstandslos
bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan zu sein und sich,
ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe Messer, Beile,
Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig aufzufangen.
Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den Nasenlöchern kitzelte,
sondern denen es schon zehn Fuß über dem Scheitel stand, also Männer,
die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Schulden und ihre
Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das Mädchen zu heiraten, die
nichts anderes waren als Faulenzer oder Spieler, und wieder andere
Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der Gattung Patrote oder Zuhälter
angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit nie mit einem Mädchen, das
geschickt ihr Handtäschchen zu schwingen versteht, einlassen oder
eingelassen haben.
Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste
Aussicht, Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja
Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht
von der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr
und so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den
Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können.
So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie
wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine
Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu
verschaffen, was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so
wild darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein
älteres, unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur
darstellt, so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus
wirtschaftlichen Gründen jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus
anderen Gründen war sie auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt,
daß sie ohne Mann etwa nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt
nötig werden sollte, dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so
doch in Paris oder in Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit
finden, ohne die Verpflichtung zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu
verheiraten. Sie hatte ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College
studiert, wo man außer Geographie und Englisch auch noch andere Dinge
lernt, die im Leben von Wert und Nutzen sind.
Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte,
Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu
den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen
ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle
ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene Rippen
gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein Freier,
der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte sich
keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen
Tropfen nach.
Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in
Betracht kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch
ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach
einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja
Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen
Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen
gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets
eingeladen; und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so
lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder
Neuankommer, sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine
Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine Ecke
gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. Manche
dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß Eifersucht
vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, daß neben der
Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen sie sich durch
jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das Schlachtfeld,
aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und zerschunden
zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp der Warner
verstärkten.
Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren immer
älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein Alter, das
für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden muß, soweit
eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen
möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie kriegen
kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld und
Lendenkraft.
Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten
heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer
mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich
nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben
würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals
Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich deswegen
herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer mehr bewußt –
besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und Schulkolleginnen
ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das Leben bequemer und
angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet.
* * * * *
Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann,
nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren
Namen Juvencio Cosio.
Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in
der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don
Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand,
denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften.
Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal
gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie
Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf
irgendeinem Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich
auszusehen pflegen.
Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden.
Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später
recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei
hier gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja
Luisa vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand,
gegen sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen
war auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner
Schulzeit her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten
Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger Männer,
die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich
schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern ausgegeben
wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß er
wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder
getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit ihr
getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und mehr
mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr Freude an
ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, wenn er den
Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte.
Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen
schönen Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig
geworden war. Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem
Sattel kam er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der
Auslage die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien.
Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie
nicht den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So
hatte sie beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des
alten Meisters, der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater
gearbeitet hatte, und mit den beiden verheirateten Gehilfen, die
gleichfalls schon seit Jahren hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging
viel leichter, als sie gedacht hatte. Sie war im Laden tätig und hielt
die Bücher in Ordnung, während die Tante und die Großmutter das Haus
versorgten. Das Geschäft blühte, und weil die Arbeiten gleich gut
geblieben waren und die Kundschaft sich noch vermehrt hatte, waren die
Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, als sie zu Lebzeiten des
Vaters waren.
Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im
Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur Schau
ausgelegt und aufgehängt waren.
Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der
mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf
ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich
auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der
Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können,
warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn
nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die
drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und
sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist,
sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt.
Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas
verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita,
ich habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“
„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase,
Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im
Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn
die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub
verdorben werden können.“
„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den
Laden.
Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die
Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er
klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte die
Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich
bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, bezog
sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als ob
er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er
dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, daß
sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, ebenso
prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte.
Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war,
während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht geruht
hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein wenig.
Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und
beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den
Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte.
Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß
er jetzt nur fragte, um etwas zu sagen.
Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder
herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch so
einiges ohne Bedeutung.
Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er sagte
ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel
Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten
Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen
seien.
Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen.
Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze
Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch
wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu
erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier
nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber
ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in der
Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier bis
morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen und
bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana,
Senjorita.“
„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden.
Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es sich
um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein
Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort
zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem
guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung
hinsichtlich des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum
aufschob, um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht
getäuscht. Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft
hatte.
Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft
an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten
gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim.
Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. Und als
er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis zu völliger
Hilflosigkeit.
Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; aber
es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen davon
überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei und daß
alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige
Bekanntschaften.
Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden.
Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich aber
zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier
einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war,
wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“
„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht,
welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen
gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, und
sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“
Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam
Luisa heim.
Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte.
Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte,
wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in
gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –,
ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn sie
wollte mit ihm allein sein.
Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf
zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen
Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem
Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen
Dingen zu.
Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht
bald verheiraten werde.
„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe
keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“
„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und
keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“
„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und
klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und
sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“
„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio lachend.
Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er endlich
abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den Sattel
zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem er es
aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte.
Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun
abgeschlossen war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte:
„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich
werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“
„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie
sind immer gern gesehen.“
„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das
nur zugunsten des Geschäfts?“
„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit Sie
sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre
erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind gerade
beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann wäre ich nun
schon damit fertig.“
Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden und
sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur einen
Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann zwischen acht
und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück nieder, das den
doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. Darum ist das
Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die ohne besondere
Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe man damit völlig
durch ist.
Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, kamen,
schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück fertig
geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten wollen und
übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr gefiel, und
nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten.
Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange
sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche
Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das
Zimmer.
Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus.
* * * * *
Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don Juvencio
schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen.
Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen oder
etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer
Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen
mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er noch weitere
Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über den Mittag
hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. Und dann
geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt kommen konnte. Es
begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa war, und er blieb zum
Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und die Nacht war
undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. Was sollte
er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das Geld unnötig
ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe genügend freie
Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten könnte, auch nicht
gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall schlechter, als die
Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen langen Abend mit
Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft für die Nacht
bereitwillig an.
So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf
seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten mit
Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit zwei
seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, um das
Haus nicht allein zu lassen.
Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein
Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden
könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende zu
machen.
So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er
hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten
gehorchend, angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat
einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von
ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und
arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann
für Luisa zu machen.
Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon
zwei Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls
er fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange
Ziererei und mit Bestimmtheit.
Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit
einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon,
ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden,
daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand
irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand,
auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante,
durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es
diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger
Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr
verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren
bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen.
Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur Tante
zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie nicht
beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas daraus
wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch um sonst
etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der ganzen
Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“
Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller
berechtigter Zweifel wie die Großmutter.
Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten
sich, in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden
Wirkung gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in
jener Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch
erklärlich. Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und
dadurch geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur
gegeneinander entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe
machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch
Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken.
Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier zur
Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch gesagt
werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß ebenso
häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus dem Hause
warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht wiederkommen,
ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen werden würde.
Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann schon eine Woche nach dem
Gelöbnis.
Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine Weile
sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don Juvencio
sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, Licha, von
Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria hast,
weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig
glauben.“
Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über die
Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht haben
wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben konnte, weil
es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er genug mit
Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung zu
lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne und welches
sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise.
Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit
meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten,
Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen,
daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“
„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio
ruhig.
„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir
verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so
sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht.
Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und laß
dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, daß
du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, daß ich
der bin, der kommandiert.“
Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf wütend
die Tür hinter ihm zu.
Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt.
Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, und ich
will keinen.“
Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war ja
für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war es
ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie
wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob es
den beiden Frauen gefiel oder nicht.
* * * * *
Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. Er
zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen
Unterhaltungen dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier
Tagen war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa
nicht wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber,
als er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der
Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen aus
reiner Gewohnheit.
Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas
tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden
hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht
abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der
Höflichkeit, daß sie ihn zum Frühstück einlud.
Einige Tage ging es gut.
Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch
geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese
Tatsache in dem amerikanischen College gelernt zu haben.
Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt
hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel,
und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das du
dort erworben hast.“
„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die
Professoren, Bauer, der du bist!“ sagte sie.
„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß
ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, ob
du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da
kannst du keine rausmelken.“
„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine
dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will dir auch
gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: Hühner
können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“
„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier,
wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen
Maultierfüllen, und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren
werden, die keinen Vater haben.“
„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während du
die Schweine gefüttert hast!“
„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern,
dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“
Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß
ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte.