DIPLOMATEN

Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab es in Mexiko

weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. Porfirio Diaz

hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und gut

diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über

Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß der

Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte

Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und

Eisenbahnüberfälle berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er

für bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu

erhalten, guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen

Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so

begünstigten General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend

Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in der

Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die den

Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der Rechnungen

jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, daß der große

Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen mit eiserner

Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in Mexiko so sicher sei,

als läge es in den Gewölben der Bank von England. Einige Dutzend

Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die nicht Banditen

waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, um das

grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes hundert

Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden in den

Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der Rechnungen

zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten nur den

Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der Sekretär des

Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach ausgedacht

hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, Manager und

Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in Mexiko in die Berge

verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise zu Tode gehackt

würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von sechs Tagen zur

Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die Banditen, damit die

amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten und so das fremde

Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten Manne wurde noch ein

Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als Schmerzensgeld und

Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das Lösegeld und das

Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das getan, so hätte er

sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den Staatsschatz

außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er das verauslagte

Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen Kompanien ein, zu

deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten Angestellten jener

Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte jenen Kompanien für teures

schweres Geld besondere Konzessionen und Kommuneland, das er den

Indianern wegnahm. Dadurch gewann er zwei neue Freunde, die an seiner

Diktatorschaft interessiert waren. Der eine neue Freund war die

begünstigte amerikanische Kompanie, der andere neue Freund war ein

mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, daß den Indianern das

Kommuneland weggenommen wurde, einen neuen Trupp von Heloten bekam, die

für drei Centavos arbeiteten – „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang

bis Sonnenuntergang.

Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das

Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren

arbeiten nach demselben Rezept.

Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne

Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen jener

Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene

Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor dem

Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu wanken

beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von Geschichten

über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert jeden

schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es sich um

Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten

bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen –

täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der

Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen

Verbote, über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie

gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige

Pressefreiheit, jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der

kapitalistischen Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit

gestattet.

Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen

Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge vor, die

höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten Aufbau –

schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht hätte – in

Erschütterung zu bringen drohten.

* * * * *

Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten

Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. Bei

allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue

Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und man

den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand sich

immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war.

Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten

Handelsdiplomaten; denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als

eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den

Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in

Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste Land

für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa.

Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung gut

einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren zu

können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko sei und wie

reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein halb Prozent

des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete ein

luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten.

Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden hat

wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die

sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit

Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen

Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu

sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur

alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet

wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk

gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene

goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise

Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit

hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter

jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen Volkes

in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des Volkes keine

Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des Volkes nur von

Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, lebten mehr

als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht lesen, und mehr als

fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal ihren Namen

schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten Welt

ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein kleiner

mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber diesem großen

Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes von allen

Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen gehängt

wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht ausreichten,

jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein goldenes

Zeitalter aus.

Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. Und

das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen Diplomaten

gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung.

Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu Chapultepec

in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß ziemlich verödet.

Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil das mexikanische

Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende Feste zu feiern.

Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum für fremde

Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen und es

abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. Hier war

auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad noch zu

sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die offizielle

Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so wohnen doch

die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident Calles hat nie im

Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause in der Nähe.

Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß von

Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie

des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung bleiben zu

können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm halten, wenn die

Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter gehen, anfangen

einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. Zu dem Feste, das

zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur die Sahne der oberen

Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den Eindruck auf den Diplomaten

zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, wie kultiviert und wie reich

die Mexikaner seien. Es strotzte von glänzenden Generalsuniformen. Und

Porfirio Diaz selbst, über und über mit Goldtressen und

Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, sah aus wie ein

Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette spielt, deren

Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. Die

Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett in dem

Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten Straßen von

Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in allem gesagt, es

war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur aufbringen

konnte.

Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem Leben

von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge mit

fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige Zeit vorher

hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und England

geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, ohne daß er

oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren Bissen

erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen

immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese gute

Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, bis

der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten beider Länder

ratifiziert worden war, empfing ihn der König von England in

Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben konnte – ein guter

republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas nicht gefallen –, verlieh

er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit Brillanten gespickt und

versehen mit schellenläutender und ehrenvoller Widmung und mit dem

eingravierten Namenszug Edward VII., König von England und Kaiser von

Indien.

Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute

republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein

europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn es

kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen.

Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese Uhr Don

Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich geschmeichelt,

daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig hielt, einen so

bedeutenden Diplomaten, der vom König von England ausgezeichnet worden

war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit Don Porfirio, einen neuen

Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. Dadurch fühlte sich

Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso wichtig betrachtet wie

der König von England. Solches Gleichstellen mit Königen und Kaisern

machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, die den

Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten wohlbekannt war

und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen Volkes, von allen

Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn Porfirio Diaz war ja,

wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, der weder

durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, noch durch seine

Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen ein

begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes zu den Ihrigen

gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei ihm entwickelt

war, hieß Eitelkeit.

Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk

des Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle

Länder der Erde davon hören und berichten konnten.

Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet

und gebührend bewundert.

Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten

vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute Reden

über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten

Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern gehalten wurden

und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede dadurch

erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und besonders

den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich

war, und das war kein anderer als Don Porfirio.

Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball,

der im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn

Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar

indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch

oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung

reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus

in Mexiko.

Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat

plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie

ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie

auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher

zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie

gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie später

die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere.

Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so etwas

nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr handelt, die

bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest verlorengeht. Man

gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen Wink. Wird die Uhr

gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann kommt sie auf die

Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle sind viel häufiger, als

der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen hat, glauben würde;

denn auch Diplomaten sind, mehr als man glaubt, häufig in

Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise beheben lassen, die

sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf Gesandtschaftsbällen

erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten sind Menschen. Und wo der

ganze Beruf des Menschen darin besteht, einen anderen – meist ein ganzes

Volk – geschickt zu übervorteilen, schleicht sich leicht ein Manöver

ein, das rein persönlichen Zwecken dient. Es kommen auf diplomatischen

Empfängen genügend Perlenhalsbänder, Brillantenarmbänder und goldene

Uhren abhanden, daß die hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets

der Auswärtigen Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines

Diplomaten hat Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr

Perlenhalsband zu verschmerzen. Sie pfeift auf die Karriere ihres

Gatten, wenn das Halsband zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht

ernsthaft, Skandal zu machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was

bleibt dem Auswärtigen Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt.

Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das

eigenhändige Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er

das Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von

England. Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten.

Nun darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt

erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat

besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür

finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, eine

Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen

Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf

diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der

Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. Und

wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, mit

denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen

konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England gehabt

habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben oder

durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen.

Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann von jedem

Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt werden.

Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in

Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio zu

und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, der

Spanisch sprach.

„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir

aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine

Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier im Saal

gestohlen worden.“

Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht

möglich!“ oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine

Leute, und keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den

Zeitungsberichten ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte

ja zuerst einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister

und Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle

Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen,

die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre

wahrscheinlich kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte

regieren können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier

und die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger.

So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien Sie

nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner Scherz

vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb von

achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“

Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort

beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben ist, wer

alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so gut kannte

wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen solchen

Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl

handelte, der würde die Uhr schon entdecken.

Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde

Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei auch

nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde.

Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don

Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines

Diktators, dessen Schwindel vor der Entdeckung steht.

„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener

erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn

der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators waren

gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann bestialisch wie eine

alte verärgerte Wildkatze.

Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die

Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit

mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen.

Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt

bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem

von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war die

Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so waren die

Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr inzwischen

schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein Detektiv

konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die Detektive

nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen konnten. Porfirio

Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, Einbrecher und

Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben häufig bessere

Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen.

Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß das

Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr

stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde

wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher war

schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, ehe die

Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein kommt. Ohne

Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den Diplomaten. Eine

goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen Diamanten bespickt,

hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit dem Diplomaten hätte

gedient werden können. Aber wie die Dinge sich vorfanden, mußte es ganz

genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft werden mußte.

Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er

könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen,

betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein,

was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes.

Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer

seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der

gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein.

Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große

mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit

stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und so

dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in

irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. In

Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz in der

Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur Rechten und

einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde sitzend von einem

Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man an dem andern Ende

ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur Linken je einen Sack voll

Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, an dem man auszog. In

gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer Kapitalist, der mit

fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach Mexiko einreiste,

konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko wieder ausreisen mit

hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, den er mit Hilfe des

Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem mexikanischen Lande und Volke

herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen Sinne genommen, war es

unter Porfirio Diaz bei weitem unsicherer, mit Geld oder anderen Werten

beladen ohne militärische Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute.

Die militärische Bedeckung begann nicht selten auf dem Marsche

auszurechnen, daß es weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken,

das von ihnen bedeckt werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls

die Angelegenheit nicht von der Regierung auf privatem Wege zu aller

Zufriedenheit erledigt werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf

geraten oder von einem Erdrutsch verschüttet worden sei.

Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem

diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von

Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, daß

also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem

diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte

das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt

hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so nahe

waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall in die

amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die eiserne

Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war und daß die

fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig zu sein

mit Kapitalsanlagen.

Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, daß es

sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte der

Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil er ja nun

erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher Weise

Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, daß

nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts der

Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des

Diktators den Vorfall deckte.

Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, um

mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, ohne sich

der Zeitungsinserate zu bedienen.

Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, die

während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der

Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und

schlecht durch Stürme und Klippen ruderten.

Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit

gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist

wahrscheinlicher, denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan –

er würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und

vielleicht gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus

seinem Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen

wäre, ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er

hätte ihm das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit

der ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen.

Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe

Würdenträger ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau

wußte, daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden

konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer

Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, mit

Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen

konnte.

Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn der

Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er hätte

darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische

Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich denn der

Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er ist doch in

Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt sieht:

‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko nicht besser

kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen Vertrag mit

ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er gesagt haben: „Da

seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in Mexiko haben. Alles

aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde nun doch mal wieder mit

einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter dazwischenfahren!“ Dann

hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, ein Dutzend Staatsanwälte und

zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die Funken spritzten.

Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem

grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem

mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem

Presbyterianpfarrer alle die verschiedenen Marken von schottischem

Whisky so gut bekannt sind wie die vier Evangelien.

Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes nach

der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten.

Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große

Untersuchungsgefängnis in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen

Missetäter gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird.

Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten,

und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene Uhr

gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der Innenseite

des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. Die

Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. Es ist jetzt

sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um sieben Uhr bei dem

Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann werdet ihr alle heute

abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird verfolgt für die Tat,

derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der Überbringer der

Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei gehen, wie er

gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise er in den Besitz

der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen noch wegen

irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um sieben Uhr verübt

haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. Außerdem erhält er

vom Direktor eine Belohnung von zweihundert Pesos in Gold. Ihr alle

bekommt jetzt einen Briefbogen und einen Briefumschlag und Bleistifte.

Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr wollt. Die Briefe werden von

der Inspektion nicht gelesen. Und niemand von der Direktion darf die

Adressen lesen. Eine Stunde später kommen hier Briefträger, denen ihr

die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger werden die Briefe an

ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. Hier habe ich das

Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, von mir und dem Direktor des

Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft bis heute abend um

sieben Uhr dreißig.“

Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache

wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio

seine Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen

der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben Uhr

oder noch früher abgeliefert.

Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben und

Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle übrigen

kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren

Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo jene

zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von ihnen auf

dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt wieder eine

Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier verrechneten

sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit gegeben,

daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko City sowie

auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die Briefe, die von

den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen geschrieben werden, ohne

Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, was der Gefangene dem

draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen schon lange einmal gründlich

sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen etwa von dieser Art: „Höre

einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu dem Schuft von Hehler, dem

Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver in der Hand fragst, wo die Uhr ist

und daß er sie herzubringen hat, dann sage ich hier dem Staatsanwalt,

daß Du bei dem Einbruch bei Senjor Balsa mit dabei gewesen bist und das

meiste davon eingesackt hast. Ich sehe nicht ein, warum ich das alles

allein ausfressen soll, wo ich doch nur den einen lausigen Anzug

abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem Volador – dem sogenannten

Diebsmarkt – erwischt haben.“

Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du

weißt, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da

in der Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel

gehämmert, weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld

haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir

doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe

gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den

Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine solche

Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt gar

nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend schon

raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz

gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber das

macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der weiß

bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur gleich

sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann sage ich

hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, zwei

in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote noch immer im

Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt hat aber ich

sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht hat und er

kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. Wenn Emilio die Uhr

nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der Angelica die auch eine

kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich sagen wer die Uhr hat.“

Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr hat

die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil Du ja

auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst und

Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient hat

ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst ist nichts

mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten Knochen

ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt recht gut wo

die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch meiner

Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht hinter den

Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“

Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe

wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, von

den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert.

Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem größeren

Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde nicht

abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos

erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier.

Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem

Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle

Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden

war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur

verbreitet, um die Wahrheit zu verschleiern.

Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte

Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben

gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der

Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand

hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte,

daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war jemand,

der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine Zeit

abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt

nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war.

Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio

Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es

war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen

Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in ewigen

Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine Gelegenheit

bot.

Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen

Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen zu

beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der Generale,

die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle zur Audienz

kamen.

Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General.

Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die

Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst

handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte.

Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale:

„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die

der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden

gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer

der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die Uhr muß bis

morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die Uhr um die

angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, Caballeros, jeder

eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre Bemühungen. Ich

werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Es

ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, wie das nur

in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß auch nur ein leises

Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem Missetäter wollen

Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke Ihnen, Caballeros!“

Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren

Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders

in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler

ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt aber

nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen

anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in

seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in

seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird

von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine

Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern,

zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit auf seiten

der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen Truppen.

Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine Treue in

sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben eine

Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den Tyrannen und von

den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis die Revolte nur

verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute zu plündern,

und das geraubte Gut nach den Vereinigten Staaten in Sicherheit gebracht

haben, ehe die treu gebliebenen Truppen ihnen in den fernliegenden

Distrikten des weiten Landes auf den Fersen sein können. Unter solchen

Generalen ist der Mensch gezwungen, zu dienen und zu gehorchen, der als

der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste Soldat aller Armeen

der Erde angesehen werden darf.

Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten,

daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und

Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren:

Taschendiebe.

Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl

prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen

immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges

gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger

standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und

Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe

besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt,

nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und

entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der

Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann

ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen

Staatsmännern, den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner

und Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in

Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen

Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte

Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten,

die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die

Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer

Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben.

Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht

einen Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten

oder einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben

können. Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in

Wahrheit dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine

Generale von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße,

Fäuste und Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert.

Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio

Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet.

Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend

hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher

Angelegenheit außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte.

Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich.

Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und

sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des

amerikanischen Diplomaten.“

Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff

der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche

unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor.

Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die

Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren

hochgeschätzten Diensten.“

Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch.

Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario,

ich verstehe nicht – eh – warum?“

Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio,

daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser,

ich nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“

Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die

ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten

dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja

wohl auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem

Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den

letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig

wurde.

Aber eines muß doch gesagt werden.

Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in

freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. Denn

Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als mancher

europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen und vergnügt

zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des Handelsvertrages

Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische Volk zu bezahlen

hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, als einer der

geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet zu werden.

Der Busch · 第 16 / 42 题