Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“

„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine

Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und

Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich weder

auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“

„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“

„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben

keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man

auch nicht machen.“

Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das

ein aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte.

Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie

hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf.

Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don

Juvencio über das Gesicht.

In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen ihre

rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen

haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit zarten Händen

ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt und ihn mit

Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide zur Kirche

marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an für den Rest

ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es sich aber

hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so lachte Donja

Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, und schrie:

„So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner Rechthaberei und

mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du wirklich noch im Sinne

haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das jetzt ausgemacht einmal

für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. Wenn du damit

einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird nichts daraus, und du

kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem Rechthaben und mit deinem

Herumkommandieren. Such dir ein dummes Indianermädchen zur Frau, mit der

kannst du solche Dinge machen. Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“

Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Er ging zum Doktor.

* * * * *

Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt

geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt

geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, auch in

Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in ein Haus

gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, ohne daß

jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf Besuch geht.

Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt

gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat

gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei.

Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum.

„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten dir

doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie ein

Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das

Fegefeuer schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür

gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so

reinfallen! Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise

heimgeblasen hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie

kennt, läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie

durch. Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und

Hund nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen.

Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen

hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben wieder

zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, was dir in

den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und wie sie kommt;

aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis heute noch nicht

ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre Mutter erschlagen

hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und sie waren gar nicht

krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben hat, na, da weiß

man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, und er muß ja

auch leben und will keinen Gestank haben und mit den Gerichten seine

Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und noch zwanzigmal eine

hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie kennt, nimmt sie

nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“

* * * * *

Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. Er

hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu

haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden,

daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher angenommen

werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich gewesen wäre.

Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don

Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen die

Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse

sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde

wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung

gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer unüberlegten

Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen lassen, das

ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. Abermals andere

sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß er alles übrige

darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei vielleicht ein

wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und der brutalen

Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, die sagten, daß

er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf das, was dahinter

ist.

Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben

mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die sich

aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen

wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit ist, daß

niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen der Donja Luisa

gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich bedauerten,

daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen genommen hatten,

als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich und zu seinen Bekannten,

daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken möchte.

Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem Manne

gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger darf

angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie man, nach

dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in England zähmt.

Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, so war er doch

Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die Zähmung nicht nach

englischen Rezepten vorgenommen werden kann, um Wirkung zu haben,

sondern nach Erfahrungen, die einen hier der Busch lehrt.

Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem

niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei oder

nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer

recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der

langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den

anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem Hause

und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das wird getan,

wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden nicht nur die

Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch die Getränke,

fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke junge Frau und den

schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun eine neue Zeit auch in

Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau das Kommando übernehme.

Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen hart so dicht gingen, daß er

offen lächerlich gemacht wurde, blieb er gleichgültig wie eine

vertrocknete Speckkruste.

Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über

den ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die

Ambulance hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“

Es folgte ein brüllendes Gelächter.

Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in

Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei

einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort

gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren

Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten,

darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur durch

fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute der

Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, was

sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise eine

Neckerei aufgenommen werden wird.

Aber hier lief alles friedfertig ab.

Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im

Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet

angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert,

daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes

dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen.

Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen

hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging,

um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, wo

er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht

zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner

von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was die

beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden Stunden

verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem Eindruck voller

Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel mit sich selbst

zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er auf das Tun und

Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte.

Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die Tante und

die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel geredet. Die

beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, weil Luisa nun

das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige Worte über die

Art und Weise des Heimritts und was man in der Hazienda wohl zuerst tun

müßte, um sie für die neuen Verhältnisse einzurichten.

Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und mit den

Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste

aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten Tage

brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen

nachtransportiert werden.

* * * * *

Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich um

seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen Tagen

reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte.

Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den

Mädchen die Zimmer an.

Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche

neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen,

das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann.

Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß man

nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat in

jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, daß

sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig sei;

denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte Romane

gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, die

längst verheiratet waren und Kinder besaßen.

Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem

unverheirateten Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war

überzeugt gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein

auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den

Verhältnissen, die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie

begründet liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine

Wohlergehen nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt,

unerfreulich, langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder

pflichtschuldig sein kann.

Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in

welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und

Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der

folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein.

„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht

etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß

er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der

erste Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube

ich nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was

weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes,

allerreinstes Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären

müssen! Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante

herschicken! Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich

das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe,

er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen

verfluchten Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“

Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem

weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett.

Es war am folgenden Nachmittag.

Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er war

ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem

Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen

stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte.

Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag

Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem Kopfe,

und sie las in einem Buche.

Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht

müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung,

Umänderung und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem

mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches

Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen

läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten,

also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm

für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die Mexikaner sehr

gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, hat die Frau

genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in einem Hause

nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen Beruf oder eine

Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr mit seinen

Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also hierin nichts

besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der Hängematte ruhte

und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber etwas Nützlicheres

tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur dann, wenn er einen

deutschen Großvater gehabt haben sollte.

* * * * *

Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden

Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich

gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei

Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war wohl

nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes

Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. Sie

aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun drei

Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur ein

gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich keine

Gedanken darüber hätte machen sollen.

Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam,

gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich

bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen

und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort darüber zu

verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit Anita

aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit

entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem

die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben

wolle, so müsse er es ihr sagen.

Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im

Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen

weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine

lastende unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man

stillsaß oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte,

ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch von

einem Tier zu unterscheiden.

Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig

ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen

sie allzusehr belästigten.

Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der

Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder

rasselte einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm

niemand eine Antwort gab.

Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, lag

schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe

völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der heißen

Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen irdischen

Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und um die

Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen.

Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im

Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. Der

Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio von den

Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe kleine

Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze sein

Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später noch einmal zu

seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten.

Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze

seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase

beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden

berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd

sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den Kopf

hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen

nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es

die Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll

herunterzusinken.

Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof

übersehen konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig

aus, gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem

Tischchen lag. Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung

wieder hin.

Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte.

„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne mit

Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“

Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, kratzte

sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter auf seiner

Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes

Dröseln wieder aufzunehmen.

Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, zielte

auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es flogen

Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen,

die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des Portico,

schlug ein paarmal um sich und war tot.

Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn

einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht prüfen

wolle.

Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht

einmal im Traume schnurrte.

„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der

Küche, ich habe Durst.“

Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei

angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so

angenommen, als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte

darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte

sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht.

Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß

Juvencio ihn erschossen hatte.

„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“

Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm

herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee

bringt?“

„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich

Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll,

dann rufe ich die Katze.“

„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder in

ihre Hängematte ein.

„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte

Don Juvencio seine Anordnung.

Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle

Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe,

ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine

Verpflichtung zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen;

denn selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich

eine Maus zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine

Gefälligkeit zu erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst

eine Katze ein Recht darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu

genießen, das im gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist.

Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf

seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle

nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder den

Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, aber sie

brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot.

„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof.

„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor.

„Hier bin ich, was ist zu tun?“

Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute

in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und führe

es hierher, hier dicht an die Stufen.“

„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche.

„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio.

Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich.

Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier

an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute

Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so

verbunden fühlen kann wie mit einem guten Freunde.

Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts

von ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln,

wieder den Schatten des Baumes aufsuchend.

„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen die

Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und

bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“

Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es die

Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören pflegte.

Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den Hof trat,

wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. Es

machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten.

„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja

Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt und

halb erbost klang.

„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich

verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner

Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, was

ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was du

willst.“

„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche

weiterzulesen begann.

„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der

Kaffee? Bist du noch nicht fort?“

Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und auf

den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen sah,

wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. Don

Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den Tisch, um

einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß.

Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still auf

einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich

zusammen wie gefällt.

„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre

Erbostheit war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher

Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das man

Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt

hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der Freunde des

Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt geritten wäre, um

die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital zu mieten.

Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen

Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern

auseinanderflog. Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu

können.

Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem

Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet

saß.

Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn einige

Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf hauchte er

auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel sauber.

Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte

springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don

Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole

mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“

Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und

blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig

höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder.

Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte

springen wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam

aus der Hängematte wie von selbst herauszurutschen.

Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und

Selbstverständlichkeit, wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere

geschossen hatte.

Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit

einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“

Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf

den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines

Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt

bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der

Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er

liest. Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee

und begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er

zum erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte.

„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will

zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“

Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den

Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte

es auf den Hals.

Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht

mehr in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf

einen Stuhl gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es

schien, daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu

werden, was geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten

so vollständig geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen

Selbst verlor und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen

keine Verwandtschaft mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später

klar geworden. Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf

Befehle wartet und die auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit

blitzgleicher Schnelligkeit auszuführen.

Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um.

Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er

sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch

da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“

Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien

rutschend, suchte sie die Blätter zusammen.

* * * * *

Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit jenem

Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser kritische

Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter

Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios gelernt

hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln der Blätter

in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ einschwingen

ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen Frau noch eine

andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es war diese zweite

Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem Ruck unerwarteten

Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie nie vorher gefühlt

hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio bald

zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein.

Beim Abendessen sprachen sie nicht viel.

Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später

Don Juvencio an ihre Tür.

„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt.

Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen weichen

breiten Bettes und streichelte ihr Haar.

Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem

Hause?“

„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen

kuschelnd. „Du!“

„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“

Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen

Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung –

für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause oder in einer

Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, dann aber doch

in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander liegen, die

Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, nicht erörtert wird,

weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur nicht durch höhere

Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort kann ein

zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn der Mann

befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll

unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner Ehe die

Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die Fähigkeit

fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der Frau nichts

anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß sie die

Untergebene und Unterliegende ist.

Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich

gesättigten neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb,

vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte.

Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben

mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas auf

sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im

allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen,

um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst zu

sein.

Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir

den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner

Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“

Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon

dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder

aufgescheucht wurde.

Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier zu

bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer

Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa

Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und

erschossen worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen

müssen, ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd,

gewesen ist, das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im

Ernst war. Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“

Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann,

wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß dies

das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur machen

kann.

Der Busch · 第 18 / 42 题