Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“

„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich an

und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen im

Busch und muß sie hereinschaffen.“

„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“

„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel.

„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den brauche

ich morgen selbst.“

Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel.

Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer

und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben

kann, den Esel stehlen wollen.“

„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos

gekauft.“

„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein

gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit,

ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und

belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat Ihnen

den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies mein Esel

ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas sagen,

Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige

Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht

wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er

ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher

niederträchtiger Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel

billig verkaufen, für zehn Pesos.“

„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“

„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den

Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“

Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal

genau festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit

nicht vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir

aber Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe

oder nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort

abladen und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls

anzeigen, und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das

Gefängnis.

Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, den

ich ebenfalls kannte.

Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein

Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“

„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann

ich gut beschwören.“

Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es

anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos

herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in

Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend

beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers

Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die

schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht

verteidigen.

Es vergingen wieder mehrere Tage.

Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters

vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer,

vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu

treten.

Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen

aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie

ist das eigentlich mit dem Esel?“

„Mit welchem Esel?“ fragte ich.

„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie

reiten und arbeiten lassen.“

„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend.

Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand

verkaufen. Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel

verkaufen kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“

Ich begann zu erstarren.

Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe

und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und

Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis

die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen.

Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde ich schon

schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein

Gesindel habe ich hier im Dorfe.“

„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel

dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz.

„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der

allergefährlichste Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich

auch erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie

können denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den

Gemeindeesel an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein

weißer Mann etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht

verkauft werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den

Esel gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der

Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit wir

etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den Esel, der

ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für zehn Pesos

verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld gegeben

haben.“

Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und

nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das

ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen

Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich

nichts wiederzukriegen.

Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins

Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten

Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der

vorbeiziehende Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen

pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine

Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und

schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit

Ihnen zu sprechen.“

Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen.

Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort meinen

Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die Soldaten

kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel gestohlen!“

„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“

„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder und

Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“

Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den

Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche

Unverschämtheit!“, und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn

seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel,

und sie gebrauchte ihn nie.

Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich

fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war

der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne

im vollen Recht war.

„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen Esel

nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort war

sie.

Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht

schneller als mit Telephon.

„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der

Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann

war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“

„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich

möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse

sind.“

„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der

Bürgermeister. „Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der

Gemeindekasse. Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“

Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet

oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit ich das

Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte.

Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: „Ich

brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder für

meine Sandalen.“

Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren

das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte.

Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar

Sandalen haben.

Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich

reinwäscht von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio

Grande einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez

aus, die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda

verkehre.

Der Busch · 第 15 / 42 题