FAMILIENEHRE

Konsul Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter einer

europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn. Aus

hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung

in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher

Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen unter den

Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug.

Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf

eine unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu

kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde.

Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß die

seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste

herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten

geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde.

Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht

betrachtete Stellung hatte jetzt Teofilia inne.

Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die

Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet

hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres

kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante in die

Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen lebten,

die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen werden,

fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und Tante und

deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte. Mit

dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen

Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur

höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur

unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei

Senjora Revelsen.

Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am Glanze

ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und die

Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes

fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten.

Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand

Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend.

Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes

eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin

zu Füßen.

„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der

Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem

Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie – oh,

heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh, warum

haben diese mir das angetan!“

Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob sie

in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um von

ihrer Qual erlöst zu werden.

Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen

wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern

wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig

beigebrachte Schnittwunde am Finger behandelt.

„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich

eine andere genommen?“

„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen.

Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“

Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht.

„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht

kann ich helfen.“

In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine

effektvolle Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas

Grausiges vorbereitet, das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt.

Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher

Ursprünglichkeit Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia

richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz

vollpumpen müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf

in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“

Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest

gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen an

den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in seinen

Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie rasch

nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes dumpfes

Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen sein. Denn

der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die Gefühle und

Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln.

Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung

Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer

Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit

vorgetäuschten Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder

Gefühlsgeschäfte, haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre

Äußerungen des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns

auch manchmal gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern

Instinkten wurzeln.

Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und

angemessen unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des

Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen

beerdigt.

Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes

war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen,

modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen,

Lotterielosen und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen

anlegte.

Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen

Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es auch

sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder wenigstens

abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an die Heilige

Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht mochten, dann an

Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts tun konnte, dann

wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger war als alles,

was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Und das war – kein

Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es gab nur einen Fall im

Erdendasein jener Indianer, die in naher oder ferner, oft in nebelhaft

ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo auch Senjor Revelsen nicht

mehr helfen konnte, und das war, wenn ein Indianer tot war, so tot war,

daß man es bereits zwei Straßen weit roch. Solange er noch nicht roch,

konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich eingreifen.

Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber

kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn er

hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das Dach

gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann

runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.

Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon

wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen

herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen.

„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend.

Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte

Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben können,

meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele

verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja

niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir müßten

uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten Onkel, der

immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das würde er mir in

der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber eine solche

Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich begraben, ohne daß

alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine Ruhe finden in seinem

Grabe.“

Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht

festzustellen. Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in

ihrer Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu

jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von deren

Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen,

das sie zu der Küche trieb.

Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die

verzweifelnde Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem

Gemahl, mit dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn

Minuten, da war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren

zehn Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das

Haus, als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das

rauhe Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer

Seligkeit getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die

Wiedererweckung des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich

gemacht. Unter ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch

neuen Frackanzug des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch

zu eng wurden. Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug,

sondern alles, was dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein

seidenes Frackhemd, einen blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen

Schlips und weiße Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur

einen Gedanken: Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur

für zwei Minuten die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich

schöne Leiche zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia

für ihn getan hat! Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen

Menschen denken.

Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und

verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der

Nachwehen des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte

mitleidig zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente

Ruhe, Gott wird ihm seinen Frieden geben!“

Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur

Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die

man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen

kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie

hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem

wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja so

sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen

Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden.

Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken können und

immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen Peso

Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt,

aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen

Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen

können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen, weil

wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen haben.“

Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch

kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt

hätte.

Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen

sitzend, schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da

auch der Allmächtigste der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte,

bestand für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen

früh erfolgen würde.

Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer

Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch

als Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche

erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle

sie in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen

versäumt hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene

kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte.

Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien

sie zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und

huldreichste Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein –

Begräbnis! Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der

herrliche Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große

Undankbarkeit gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle

verfluchen. Am nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht

wußten, was wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel

angefangen hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden

Tage war er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß

ihm der Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir

alle Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer

gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben

gesagt, so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle,

die Onkel sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und

wenn man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man

wahrhaftig meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da

aufgebahrt liege.“

Der Busch · 第 12 / 42 题