DER AUSGEWANDERTE ANTONIO

Der Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem Leben

endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte. Die

Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war eine

gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden. In

Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der

Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie

auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr

gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für

vierundzwanzig Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf

seine Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen

Nachbarkolonnen der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die

Mine brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern

zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der

Nachbarkolonnen gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu

einer wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer

wichtigen Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie

in der Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den

Staub der Erze leiden sollte.

Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie

verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie

gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte

auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft

werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt

gekauft hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren

lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der

Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den Staaten

war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung dringend

angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen Gravierung so

überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine Uhr ohne

Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen sein würde.

Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch

nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit

Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die

Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene Mittel

nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche blieb.

Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder er

hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von

selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort.

Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht

wieder, und sie war nirgends zu sehen.

Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu

warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen in

Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer,

recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die

Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für

verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio

derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand

befindet.

So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die

hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte

sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr

wiederzubringen. Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger

Erfahrung, daß in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum

versprach er dem San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes

Zehn-Centavos-Händchen, wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde,

spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder

zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen für ihn

erwirkt hat.

Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er am

nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch

alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in

einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter

dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war.

Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze,

seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe.

Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen;

denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen

wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt und

verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit

Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom

Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde zu

gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der inneren

Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art

christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich

dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe,

von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen,

Bekreuzigungen und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die

Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt!

Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder

für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch so

schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte weder

Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen und

Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten.

Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San

Antonio, kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu

beten. Er hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte

es ihm nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt,

aus dem Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte.

Das Wort Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür

fehlte, und in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein

solches Vergehen nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem

Gewissen und mit seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische

Gesetzgeber und der mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in

die unerforschlichen Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen

Urteilsvermögen und ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen.

Wenn Gott im Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist,

Beleidigungen und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum

soll der kleine irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben,

wieviel Monate diese Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist?

Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht besser.

Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich

wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm

nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte die

Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die

Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen, wenn

es so weit ist.

Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San

Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter

Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich

bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe

ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht

verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch

nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und ich habe

dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa denken, daß ich

das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum. Ich muß verflucht

kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie du, hier faul

herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen. Der Spaß hat auch

einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst du auch meine Uhr

suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein lieber San Antonio.

Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann nicht da ist, stecke

ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen ins Wasser, und ich

lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder herbeigeschafft hast

oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt nun Bescheid, und

meine Geduld ist fertig.“

Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem

Altar und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in

Erfüllung gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch

gegeben, und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom.

Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein.

Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig

verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn er

hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich nicht

die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch wenn er

noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige Mittel,

um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte er jetzt

an.

Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken.

Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones

angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch nicht

den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen.

Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und

trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster.

Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom

Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau

stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen

verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und

jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von

niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde,

warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch

herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur

nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn

Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem

Minenarbeiterdorfe, wo er lebte.

Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern

noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und

wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen,

denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein.

Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich eine

Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber doch

noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in dieser

Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der

Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden sein

mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen.

Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner im

Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen stand,

war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und Wurzeln.

Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern, Moskitos,

Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das in einem verlassenen

Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage, seines uralten Aussehens

und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte, wegen war der Brunnen

der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes, die zu dem Brunnen

kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen wollten, und er war der

Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten der erwachsenen

Indianer der Gegend.

Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten

Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte er,

daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um ihm

etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß vielleicht

Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen würde, um ihn

für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte, zu bestrafen.

Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut, daß an einem

Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen indianischen

Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben möchte. Samstag ist

großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß und Vorbereitung für den

Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum hatte Silvestre ja auch gerade den

Samstagabend für seine ruchlose Tat gewählt. Man möge doch nie

vergessen, daß auch ein indianischer Arbeiter Intelligenz hat.

Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel

Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der

Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über

den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von

Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte

geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter der

nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann liegt,

schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem Zimmer

eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein

Selbstmord hätte ereignen können.

Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich

zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie

Spukgestalten. Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein

Mensch sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so

bitter enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man

nicht mit der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in

ihrem hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht

hilft, wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den

paar Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem

Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran

wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den Pfarrer

für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man bezahlt

den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu taufen, ob

ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem San Antonio eine

Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann braucht er auch

keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete anzunehmen, wenn er

gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles verlangt und annimmt wie

ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann hat er dafür auch zu zeigen,

was er kann. Silvestre kann sich in der Erzmine auch nicht damit

herausreden, daß er es heute einmal in seinem Ratschluß anders

beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten werde, aber den

Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es nicht. Und bei dem

Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung, die er vorzunehmen

gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an Spukgestalten, die in der

Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten.

Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so

unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine

Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine

Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte

sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte, die

San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt

hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr

deutliches Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der

verlorenging, wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es

gesagt. Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir

genügend versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die

dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich

nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist

nicht angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto!

Lagarto! –“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin,

schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst,

kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr

herbeigeschafft hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich

habe andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich.

Und ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir

meine.“

Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem

San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den

Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln.

„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre.

San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu

öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr

gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr

befand, verraten haben würde.

Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben

gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ,

als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter

hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser

berührten.

„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich San

Antonio zu erhaben, zu antworten.

Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf

und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den

Brunnenrand.

„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich

gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn du

dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich

dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich

deine Widerspenstigkeit aufgeben.“

Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den

Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche Faulheit

ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber beklagen,

daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen je verhütet

hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig getan wurde. Und

es darf als sicher angenommen werden, würde man an allen Göttern,

Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an Arbeitern tut, ganz

gleich ob es indianische oder europäische sind, so würde die Religion,

die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu verhüten vermochte,

wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt man unzufriedene

Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den Brunnen, und in Europa hängt

man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste oder hinter

Gefängnisgitter.

Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn

herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und

verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte

des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches

Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn in

der nassen Kutte frieren.

Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die

Folterung seines Heiligen fortzusetzen.

Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio

inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht zur

Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich

liegen, und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte

war die Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in

seiner Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er

bestimmt gehofft hatte.

Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor.

„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte nur,

ich werde dich schon kriegen.“

Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den

Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen

auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem

Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest, um

den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn er die

Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde.

Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder

wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu

erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt

würde.

Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu

gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er zu

müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem

Heiligen ginge.

Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein

Arbeitskamerad Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir

Findervergütung für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel

gefunden habe?“

„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern

einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“

„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine

Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist

gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich

vorsichtig, und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich,

daß es deine Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch

allen gesagt, daß du die Uhr verloren hast.“

Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es

billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr.

Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun

keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern.

Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der Bindfaden,

an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen worden

und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den Heiligen nicht mehr

heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den Brunnen zu klettern, war

der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht wert.

„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den

Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden

hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich

brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit

versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts

an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut

verdientes Los.“

Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes,

Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem

grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische

Kohlenbrenner zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem

Brunnen nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich

eine Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette.

Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten,

sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe

seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“

Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du,

Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“

Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den

Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer

Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen zu

ziehen.

Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war,

der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem

Altar fort auf die Wanderung gegangen war.

Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf eine

so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr

geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung,

die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe.

Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche Deutung

und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung des Heiligen

geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der sich besonders unter

den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen breit zu machen suchte,

von Grund auf und mit energischen Mitteln zu zerstören. Denn das war

seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war er ausgesiebt worden

aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten.

Der Busch · 第 11 / 42 题