Eines Tages kam der Indianer Ascension zu mir und fragte mich, ob er
denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden haben könne. Ich hatte
fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte loswerden können.
„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie
denn?“
Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande.
„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir
einen, welchen Sie wollen, Senjor.“
Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension.
Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja
nicht die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem
Wegschenken muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch
verstanden. Hätte ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe
Stunde darauf alle Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund
von mir geschenkt zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte
geben können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt
haben, warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro,
warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan
hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario
gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich
schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen
vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den
kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche
Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man
vorhat, klug zu überlegen.
„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension.
„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der
Indianer. „Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“
„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“,
ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur
achtzig Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“
Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso.
„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier
haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso.
„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal
billig. Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“
„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir
wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“
Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch
lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero,
aber er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller,
das sehe ich jetzt schon.“
Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios, Senjor!“
und wollte gehen.
„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe
Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“
Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz
richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“
„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können den
Hund nicht mitnehmen.“
„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund
niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie
ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch,
wie sehr der Hund mich liebt.“
Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich und
wollte wieder zurück zu seiner Mutter.
„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein
Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort
will?“
Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn ich
erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem
Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den
Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt.
„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun.
„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“
„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso bringen“,
sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab.
Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den
spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und
trottete dann seiner Wege.
Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir.
„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er.
„Die koche ich mir selbst.“
„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“
„Die mache ich mir auch selbst.“
Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt
gegenüber. Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben
konnte, daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst
wusch. Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen
in der Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle
mitgenommen werden.
Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut
aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres
Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie
können sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“
„Krank? Ich? Warum?“
Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen
sollte.
Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken
wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank
werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will
Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die
Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“
„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich.
„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen.
Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“
„Nein.“
„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen,
meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie
badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie
hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag
zweimal, und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“
„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“
Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die
Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel
mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden es
gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar
ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“
Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich
nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand
gehabt hatte.
„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen
wollen?“ fragte er nun.
„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen
Centavito weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“
„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund, und
die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er schon
bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor, einen
Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“
„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht
verkaufen“, sagte ich.
„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht
eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi.
Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut,
und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos
Lohn muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge
Ausgaben für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen,
dann schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“
„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die
Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn
Sie denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen
Monat zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen
bekommt sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei
Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den
ganzen Tag draußen auf meinem Acker.“
„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch
nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos
haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“
„Nein.“
„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch
einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines
Stückchen Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana
kann auch tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit
dem Fett, wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen
kochen. Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann
für einen Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen
kochen. Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges
Mittagessen verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau,
Jacinto hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen
fünfunddreißig Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf
Mittagessen kochen.“
Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir
während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn
gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine
ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf andere
Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So sagte ich
denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“
„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte
nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn
nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als
Vorausbezahlung für den Lohn?“
Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man
bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja
sogar, wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann
nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit
annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben
nötig.
„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso
vorausgeben auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana
nun auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen
für heute kochen kann.“
„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension
mit einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt
hätte; „aber gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen
soll. Ich werde ihr helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu
packen, damit sie auch ganz schnell kommen kann.“
Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso
Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf
und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld
vorher hinausgehe.“
Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den
Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit.
Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich
wieder um und kam zurück.
Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich
ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere
Beller, nicht wahr, Senjor?“
„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der
sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“
„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen
Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen kosten
soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“
„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“
„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich
das machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor,
ich will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß
er einen Peso wert ist.“
Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte
endlich meinen Peso hervor.
„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den
Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“
Und fort ging er, mit dem Hund im Arm.
Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa
fünfzehn Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei
Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja
inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause
antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf.
Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde.
„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich
trat näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte.
„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben
mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“
„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was ich
verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort
hinaufgeschickt zu Ihnen.“
„Sie ist aber nicht gekommen.“
„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die
Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt
mir dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da
machen! Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“
„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir
kommen will“, sagte ich.
„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin
ein grundehrlicher Mensch.“
Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein.
„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“
„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie
eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie
sofort hinaufgeschickt.“
„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben,
Ascension.“
„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber haben
Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso abgekauft
habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso von Ihnen
gekauft.“
„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen
vorausbezahlte auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich.
„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“
„Ja, den Peso meine ich.“
„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch
zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das
nicht mehr?“
Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir
auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana,
zurückgegeben.
Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in
meiner Hosentasche.