DIE DYNAMIT-PATRONE

Eine Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken von Chihuahua

gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt herumtrieben,

stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen, die

beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die Mehrzahl stimmte

darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen Körper

unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten, die

Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen Ausdruck, während

sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe harmlos zu nennen sei.

Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der

Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die

Richtigkeit seiner Meinung zu beweisen.

Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde

aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für seine

Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden, daß er

Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die Majorität

recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht davon

überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres Leben daraus

eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er begab sich

mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen Eckhause.

Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung

zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete die

Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die

Hausecke.

Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung,

ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße.

Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die

auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in

seine ruhige Häuslichkeit zurück.

Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den

Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht

habe, denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf

Gesteinsmassen war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig,

nachdem sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig

und mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat,

hervor und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern.

Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar

nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die

rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er sich

aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch

suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei.

Aber von der Hand war nichts zu finden.

„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit,

„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen

sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die

nichtswürdigen Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind

alles Schwindler und Betrüger.“

Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte.

An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken. Er

arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der

gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an

Ehrfurcht grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte,

seine Wünsche erfüllen zu dürfen.

Der Busch · 第 8 / 42 题