DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG

Eine amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko,

hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein kleines Hospital

eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen

ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital zu

interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer

Vorsichtsmaßregeln zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum

nennenswerter Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages

machte aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für

die beiden Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden

konnte.

Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag,

den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt

und die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der

Arbeiter, und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen

erheblichen Nebengewinn.

Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das

Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe der

Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das Hospital

nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so ging keiner

von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch früher, zu ihren

„weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern, die das Handwerk

besser verstanden als die Doktoren, deren Hände immer nach Gift stanken.

Um aber dem Hospital nichts zu schenken, wurden die Frauen und Kinder

hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“. Und da sie mit wichtigen

Krankheiten nicht kamen, so kamen sie mit solchen Fällen, die von den

Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen ausgeheckt waren.

Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und wünscht,

einen Zahn gezogen zu haben.

Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so

gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes.

„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“

„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“

„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“

„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“

„Aber warum denn?“

„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau.

„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht

verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein

Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“

„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen

Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken Sie

vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in

Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts?

Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum

Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu

lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich von

unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“

Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine

Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital

ausgeheckt werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar,

wobei er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit

„absolutester Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht

keine Miene und läßt nicht das leiseste Wimmern hören.

Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken

hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und

geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten jener

Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor, dann haben

Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“

Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen ihrer

prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt aus

politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen

Zahn zu ziehen.

Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen

Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne zu

zeigen.

Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des

Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam, als er

nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche

Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem Ergebnis.

Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden war,

erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen und ohne

mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann, den ersten

Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig am Arm

packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir machen?

Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes auch noch

schänden.“

Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um

wieder einen Zahn gezogen zu haben?“

„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den

Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir den

Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich kann

doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“

Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden

war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber nicht

wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische

Wissenschaft noch nicht gebracht.

„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die Zähne

nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und Sie nennen

sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der Veranda?

Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so seid ihr

verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)! Pfui

Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie Hurensohn, mir

meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu sagen, Sie könnten sie

nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“

Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des

Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ

die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker,

die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat.

Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein

modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen

Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die

Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm

verblieben war.

In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der

Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt.

Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die Gringos

wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit der liebe

Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute hatten ganz

recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die Arbeiter von

ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das sich nicht

scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und sie für den

Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann sie nicht mehr

ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte sich die

unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser Unhold

der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben.

Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten

Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte

sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren.

Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da.

Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und

gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand

niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein.

Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein Hospital!

Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen! Doktor

bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen! Alles bezahlen!“

Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um

das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den

Bergdistrikten sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt

haben.

Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die

Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das

Wesentliche des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie

alles gut und richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren

oder deren legitime Vertreter, so reimten sie sich die Schreie

entsprechend ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Stellung

zusammen. In ihrem Report an die Zentralverwaltung der Company kam es

später heraus, was sie sich zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu

lesen hatten die Arbeiter geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so

viel, daß wir in ein Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß

wir zu einem Doktor gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts

zwischen die Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß

unsere Frauen zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen

haben. Und unsere Schwestern wollen Kleider haben!“

Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und

Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts

der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und

hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin

gipfelte: „Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält

fünfundzwanzig Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an

die Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“

Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen.

Der Busch · 第 9 / 42 题