In Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen
war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein neuer
Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich mit den
kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen Spitzbuben war das
nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen Familie des
Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die genügend
Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen. Und weil
Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren konnte, schob er sich
für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko City, wo er noch
unbekannt war.
Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er
hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden,
einen andern Beruf ergreifen zu müssen.
In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich
über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine besten
Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig, mit vielen
geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und inbrünstig betende
Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den knienden Männern zog er
die Börsen aus den hinteren Hosentaschen und erleichterte sie um ihre
Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt er für unkatholisch und
schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten, die geschickter waren
als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten, falls er versuchen
sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg betrachteten,
hineinzumanschen.
Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er eine
größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider, goldene
Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben will.
Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie, die
in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß,
sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen. Er
besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er sich im Hause
um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren.
* * * * *
Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige
befinden, die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben,
Spitzbuben, Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich
gesinnt zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen,
vorausgesetzt natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen
und andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem
erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da der
ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat, solche
Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten, so ist
der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem
Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen,
dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief
offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer
Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken.
Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin
angetroffen, der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren,
welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten
gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre sie
sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und den Namen
des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage käme, sagte
ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er aussehe und
wieviel er für seine Mitwirkung erwarte.
Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel
in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und
Spitzbubenstadtviertel in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist.
Es gilt als verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New
York, Chikago, San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen,
die nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes
Stadtviertel weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr
Geld und ihre Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben
so gut wie nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für
politische und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden,
laut Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den
Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren eigenen
Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls laut
Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft und
gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die Menschen, die
hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein von dem Pfaffen
geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden Tag, ohne einen
auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn Minuten in eine der
zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser zu besprengen
und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und ihre Pflichtbekreuzigungen
zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft, damit die Touristen es
nicht finden sollen; denn alle Reiseführer tragen noch die frühere
richtige Benennung. Ein Mann in Würden in Mexiko, der den mexikanischen
Proletariern und ihrem heldenhaften Kampf um ihre geistige und
wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht freundlich gesinnt ist, hat der
Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel jetzt offiziell den Namen
„Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem schmutzigsten Stadtviertel, in
dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo weder Kanalisation noch
Wasserspülung ist und wo infolgedessen der widerwärtigste Unrat offen in
den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten Männern und Frauen
und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt wird, weil jede andere
Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen „Colony der Arbeiter“ gab. Durch
eine Veränderung des Namens allein kann man aber aus einem Mädchen
keinen Jungen machen. Und so, wenn heute neugierige Touristen in Mexiko
fragen: Wo ist denn das verrufenste Verbrecherviertel hier?, so wird
ihnen wahrheitsgemäß geantwortet: Das ist die Avenue der Arbeit. Und
fragen die Touristen: Wo ist hier das schmutzigste, das verwahrloseste
und das stinkigste Stadtviertel?, so heißt die wahrheitsgetreue Antwort:
Das ist die Colony der Arbeiter. Damit ist erreicht, was jener
Straßenumtaufer in seinem Haß und in seiner Verachtung gegen das
mexikanische Proletariat erreichen wollte; und er bewies dadurch, daß es
viele wirksame Methoden gibt, mit denen selbst unter einer ehrlich
arbeiterfreundlichen Regierung konservative Bürokraten erfolgreich
arbeiten können.
* * * * *
Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen
Heiligen anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm
seinen himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder,
sagte andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut
Gebetbuch zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form
er die Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut
herauskomme und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen
opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente, im
Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe Gebete
hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar, bekreuzigte
sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den geplanten
Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten vor dem
Hause stehen sollten.
Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die
Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer
Geburtstagsfeier nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften
ganz bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das
Hauspersonal habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor
zwölf Uhr.
Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe.
Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa
zweitausendvierhundert Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen
Zigarettenbehälter und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem
solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen.
Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen,
aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so
vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war,
erinnerte sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben
hatte.
Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo
Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der
Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen
Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der
Evangelist berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte,
weil das Band zweiteilig war, einen Peso extra.
Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine
Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte
sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener Kirche
hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch seinem Freunde,
dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung.
Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner
Pflicht gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen
mit seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet
hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent
vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in den
Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert
Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab, dann war es
morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem Mädchen. Er kam
zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer Güte sei und von einem
großen Verständnis für die Schwächen der Menschen, und daß er sich gewiß
mit zweihundert Pesos, vielleicht mit hundertfünfzig Pesos durchaus
begnügen werde.
Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete
nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot
und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos, je ein
silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des
Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile.
Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es
gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben
hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten
freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für
die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in
das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt
hatte, gehört hätte.
Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig
darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und
beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk
zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich die
Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe alle
gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt war,
und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah ferner,
daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz
steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst und
mit unzähligen Bekreuzigungen.
Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte noch
einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil es ihm
zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so
hineinzuschieben.
Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten. Er
zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte,
daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte, was
ihm gerade in diesem Augenblick einfiel.
Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend seine
Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan hatte,
kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er
machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und ging
hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der dort
gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock
trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen sollte,
denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn in der
Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann kratzte
er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm hinter den
Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock machen
kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein Spazierstock
nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und schnell
auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann. Also so
war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er rauchte
eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig gleich.
Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie leichter
als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß, ob sie
von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue
Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden
sollen.
Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte,
auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht alle
Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt werden,
viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des
besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß doch
wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten,
was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der Heilige ja
gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder und
die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten zahlt
und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten
mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist. Die
Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und wenn
der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten
Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube wurde
nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den Volador, auf den
Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt werden. Ein zweiter
Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine Heiligen alle kennt.
Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt er sich beim Heiligen
bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Aber er kommt,
denn er ist ein guter Katholik, der an die Hilfsbereitschaft seiner
Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet ist.
Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die
Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht
nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört, jemandem,
der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann das Haus
verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird.
Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in
roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich
küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir einen
so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der Ch...r Pancho
L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn zu schützen und mit
Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –. Selbst wenn die Polizei
gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben gefangen werden oder
nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so kann sie doch nicht,
wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat, sich einen
derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann sagen: wir
bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben Irrtum begangen
zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer. Wenn jemand
hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er unschuldig
hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum hatte er sich
so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig. Wo ein
Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man nie
unschuldig verhaftet werden.
Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen
Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt
noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden beim
nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe an den
Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien.
Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte.
Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte
den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher.
„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so ganz
und gar im Stich gelassen hat.“
„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend aus
dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große
Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent
versprochen. Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig
Pesos, und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die
zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“
„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum
wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen
nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es
dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo
erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht
gesehen.“