DER AUFGEFANGENE BLITZ

Der Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach der

Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention

angeordnet hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der

Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht

sehr anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur

nächsten Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete

er – wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene

Dienstreise gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner

schweren Tätigkeit als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß

redlich verdient hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen

dauern würde. Und nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit

während seiner Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte

halten könnte oder gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet

als Satanas, dessen Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich

erforscht hat – sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen

Kirchendiener herbei, um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit

allem, was drin und drum war, feierlichst zu übergeben.

Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde,

Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als Mensch

war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann des

Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und er

hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur zwei

wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der Pfarrer

könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener sei so

wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar seinen

Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht gar

noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen, weil das

sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen.

Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde

wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet

war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit

wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm

darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war auch

zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er kannte

alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert

Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie der

Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der Pfarrer, der

zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch die

Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig Jahre

Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem

jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen

andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den

zahlreichen Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und

jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und

jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder,

insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der Tat

Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche und

verzwickte Zeremonien als den Pfarrer.

So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie

etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die

Gemeindemitglieder immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer

wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis,

zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder

Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano,

um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es

nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das

oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei.

Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der

Vertraute aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es

der beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano

verhältnismäßig gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen, hier

einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte, bekam

er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden leben

konnte.

Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem

Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen.

Tags ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir

das immer machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch

abend, wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier

sage ich dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du

ja alle. Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer

sind. Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in

die Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal

alle die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel

draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist

fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du

neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du nicht.

Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem

Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird. Nein, kaufe

das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen, und du

holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage ich dir alle

Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme, haben wir

eine schöne reine Kirche.“

Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es machte

ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu bemalen.

Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach, daß er

ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben wolle, so daß

er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die ganze Zeit

hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne.

Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine

Städtchen, wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen

für die Anwendung der Farben erhielt.

Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu

beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion

und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim.

Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen

hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte.

Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung.

Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend

Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man nicht

–, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu sein. Er

war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum mußte er mit

dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe zu verlieren. Er

wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn die Anweisungen

des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen. So nahm er sich

zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot war ja eigentlich

nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem Herrn bis heute

nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den Herrn verraten

und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der Hölle seit beinahe

zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen aber, die

wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten, Judas

Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten; denn

hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der Herr nicht

gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen, so hätte er

nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht, mit den

Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen zu

erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig war, um

das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der Indianer als

einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am Kreuz als

Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel ein gutes

Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist überhaupt und

immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden, dessen Name in den

biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt wird. Denn man kann

nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes sind, auch wenn sie sich

scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen haben.

Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was

verbrochen hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand

sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In

der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke

herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die

Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser

Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte

der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach

vorhanden sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder

dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird,

die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen

zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo.

Man muß sich zu helfen wissen.

In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger

Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun

Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe

einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach

Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie

herauskommen auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am Judas

Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird wohl

kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot wird nach

der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke gestellt, und

bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann liegt

genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche des

Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist, daß

der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben, damit

man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun hat; denn

sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist geschehen

–, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem Joseph-Altar

aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen und Gaben

beschenkt wird.

Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt

behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort

einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort

wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht

bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm

trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur

ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen

muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr

traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas

Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet;

hätte er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in

den Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun

nicht mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten,

und Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu

fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich

nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen müßten

und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten. Dann

überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas Ischariot

beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden könnte, dann

den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen Joseph in die Hand

drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte, daß er das Aussehen

des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre Cipriano vielleicht in der

Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot einen Joseph zu machen, der

im Vordergrunde stehen darf, wo er von allen Leuten bewundert werden

kann. Aber er fürchtet doch, das könnte herauskommen; denn die grimmigen

Gesichtszüge des Judas Ischariot sind jedem einzelnen Mitgliede der

Gemeinde zu gut bekannt, und die Indianer haben ein zu gutes Auge für

solche Dinge, um nicht sofort den Tausch zu erkennen.

Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch

vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das jeder echte

Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art nicht schaffen

kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle Farben

angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er nun bei

keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht

auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr

Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der

Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas Gold

und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er sich

genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren auch

von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte geschehen,

daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein beim

Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er sich

sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine Talente

spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus und

bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen

ändern.

Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten

Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich nun

in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt, kann er

seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er schuf, nicht

mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder den Heiligen

Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind bei Judas

Ischariot.

Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller

Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein

Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte,

die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele

des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah,

konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano

seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in

einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot

ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano

nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse

Folgen hatten.

Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu

arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen.

Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige

Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er

wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden

werden konnte.

Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit dem

Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle

(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht

umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein großer

Unterschied.

Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und

Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst.

Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen Stand

herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert Aves. Er

machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die hölzerne

Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den nackten

Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter

aus.

Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein

neugeborenes Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften

Läppchen. Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen.

Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern.

Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls

Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person nichts

hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte schamrot

werden müssen.

Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen.

Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein wenig

anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig zu halten,

um Bruchstellen der Figuren auszuheilen.

An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee und

seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner

Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im Garten

der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten.

Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen

hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen, wie

sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne.

Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte.

Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern

sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin.

Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes

Kunstwerk, auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas

Ischariot. Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles

übrige in der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben

sollte, was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den

Farben umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er

dachte darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß

selbst der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden

könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu

erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren

Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer mehr

in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich und

überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden sei,

ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal dreißig

Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas sehr

Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin eines

kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet

worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen.

Überhaupt sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt

worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen

habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls verleugnete,

vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores anvertraut

wurden, und man ihn zum Heiligen machte.

In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem

selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten und

Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken

darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora Elodia und

mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach zwei

verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte Cipriano so

nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich nichts,

weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen konnte.

Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen Mann

und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den Senjor

Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in den

letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich

aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die sich

innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von

seinem Mahle übriggelassen hatte.

Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den

Kirchgarten gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere

Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die

Kirche eingedrungen.

Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die

Hunde hinaus.

Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht an

die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur der

Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere Male

genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte.

Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer

gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch

jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer

geworfen wird.

Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen.

Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt worden

waren, um jenes Unheil anzustiften.

Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave

zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer.

Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem

goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand

hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche

dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das häufig bei

segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt.

Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben.

Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt.

Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von

Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht

ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit

seiner Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden

werden möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang

nach. Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen

Erziehung stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem

solchen Ding, wie das, was hier geschehen war.

Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu

überlegen, was nun zu tun sei.

Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die

verehrt und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende

Gottesmutter in Person.

Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand

hereinkommen konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen

war. Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab.

Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge des

Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von

Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert.

Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das

wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel

ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos

bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts

oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von

Begräbnissen war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen

einzigen Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe

hier gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche

Last für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und

hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst

im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei,

Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen und

Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern

können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht zu

gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen

Medizinmänner und Medizinfrauen.

Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das

Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum besorgt,

daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren

könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht länger

mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er konnte nicht

länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste versorgen,

er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit des Pfarrers die

Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen, er konnte nicht länger

mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die Kerzen anzünden, dem Pfarrer

Waschbecken und Handtuch reichen, das Messebuch vorhalten, ihm die

Meßgewänder anlegen oder abnehmen. Niemand würde mehr seinen Rat

verlangen, und an seinem Namenstage würden die Hühnchen und Hähnchen

ausfallen, und das ganze Jahr hindurch würden alle die kleinen

Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein Gläschen Tequila und dort ein in

wildem Honig gekochter Kürbis. Das Leben wäre nicht länger mehr wert

gewesen, gelebt zu werden. Er war in den dreißig Jahren so eins geworden

mit der Kirche und dem Dienst in der Kirche, daß kein Mitglied der

Gemeinde sich die Kirche ohne ihn denken konnte; denn die gegenwärtige

Generation war geboren worden und aufgewachsen in dem Glauben an die

Unersetzlichkeit seiner Person. Er hätte nun vielleicht wacker beten

können, und es wäre vielleicht das große Wunder geschehen, daß der

Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen wäre. Aber soweit ging der

Glaube des Cipriano denn doch nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um

nicht zu wissen, daß totes Holz unter keinen Umständen nachwächst, auch

wenn man noch so viele Aves abbetet.

So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in

einem so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den

verkohlten Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand

zu schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann

alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch über

dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken.

Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch nehmen.

Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem alten

Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die Kirche

kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil das Beten

ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos gewesen

wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können, was sie

anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht

konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen

und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert.

Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet

war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er

ordnete die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die

verbrannte Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man

ziemlich dicht vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte

des Gewandes so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das

Gewand dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu

bemerken. Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt.

Obgleich Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er

sich vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten.

Er würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht

erinnert, braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo.

Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte

ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst

Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen

Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich

zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben werden muß

und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich mit

dem zu begnügen, was man bekommen kann.

Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend

geworden. Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um in

Andacht zu schwelgen.

Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging

heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht

bestimmt nichts herauskommen würde.

Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht

eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form einer

Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem

Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon

vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte ja

nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am Abend war

alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und bemalt. Es

ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet

hatte.

Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob

sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und

es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten

über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende

Fetzen auseinander.

Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort in

Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und der

Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja,

Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir.

Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“

Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß er

auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes

Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel zu

guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen

Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am frühen

Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit hinten am

Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als sie eine

Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut acht,

Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres Gewitter, wie

wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar Hütten brennen

werden.“

Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der

Gottesmutter die Hand verbrannt wurde.

Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu

wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles

vorausgewußt, was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter

rechtzeitig vorbereitet.“

Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si,

Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer darf

man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor

Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt

haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –,

ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das

alles vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor

Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen

schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird doch

das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten zu

bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und man findet

gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“

Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige

Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier Schaden

anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft, und daß

man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann hört es

von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina, die Frau

des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während sie den

Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen und

sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des

Unwetters anzusehen.

Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären

beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger

Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen

einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen.

Gleichzeitig sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie

er genau sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die

Dachziegeln deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick

die Kirche in hellem Feuer auflodern wird.

Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen

Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen

setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das

Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und

wieder ein Leuchten durch die Nacht.

Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige Männer

auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du das

gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm mit

den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht etwa

drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“

Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute

versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und Kinder. Sie

kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten Laternen. Alle

Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche einschlug, und alle

möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat.

Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie

irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der Blitz

ist offenbar kalt gewesen.

Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe Cipriano

die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle Männer

sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein

Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt. Und

alle gehen heim, um sich niederzulegen.

Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die

Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen an.

Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige Kinder mit

ihnen.

Schnell wird es heller Tag.

Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet zur

Gottesmutter hinaufzusenden.

Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken

nachzufüllen.

Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während

sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen.

Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck. Auch

er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell herunter.

Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch auf die

Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen Abschied

zu erhalten.

Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen Frauen,

die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen ist.

Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich.

Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern

Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter kann

er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht

hinhören, weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er

fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie

zusammenzureimen.

„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima!

Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges

Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“

Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür steht

bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun soll. Am

besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und sagt,

er ist todkrank.

Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie

kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar.

Ihm ist nun alles gleichgültig geworden.

Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf

ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das

große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen

Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die

durchgeschlagenen Dachziegel?“

Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt.

„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden. Der

Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand hat die

Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn in der

Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren. Ein

Wunder! Un gran milagro!“

Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert,

von Indianern, von Mestizen, von Weißen.

Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der

Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die

Geschicke auf Erden bestimmt.

Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie

heute noch.

Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas

sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch

schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche,

die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht hinein

sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe würden

ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt

geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer

wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und wo

gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren, die

große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem

Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen zu

reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß man die

Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine

Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch seine

Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet werden.

Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres

Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde. Cipriano

brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle mehr zu brennen;

und er brauchte sich nicht länger mehr mit den Aufkäufern der Holzkohle

herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der Waage fälschen und für ewig

an den Preisen heruntergeizen. Und daß Hartholzfällen im Busch und

Kohlebrennen in tropischer Glut eine große Freude sei und ein angenehmes

Schicksal für einen Indianer, von dieser Lebensauffassung war Cipriano

frühzeitig in seinem Dasein geheilt worden, viele, viele Jahre vorher,

ehe er ein leises Mitleid für Judas Ischariot zu fühlen begann.

Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise

entstanden sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte;

denn es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der

prophetischen Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten.

Der Busch · 第 5 / 42 题