Mag der aufmerksame Freund sich die Wirkung einer wahren

musikalischen Tragödie rein und unvermischt, nach seinen Erfahrungen

vergegenwärtigen. Ich denke das Phänomen dieser Wirkung nach beiden

Seiten hin so beschrieben zu haben, dass er sich seine eignen

Erfahrungen jetzt zu deuten wissen wird. Er wird sich nämlich

erinnern, wie er, im Hinblick auf den vor ihm sich bewegenden Mythus,

zu einer Art von Allwissenheit sich gesteigert fühlte, als ob jetzt

die Sehkraft seiner Augen nicht nur eine Flächenkraft sei, sondern

in's Innere zu dringen vermöge, und als ob er die Wallungen des

Willens, den Kampf der Motive, den anschwellenden Strom der

Leidenschaften, jetzt, mit Hülfe der Musik, gleichsam sinnlich

sichtbar, wie eine Fülle lebendig bewegter Linien und Figuren vor sich

sehe und damit bis in die zartesten Geheimnisse unbewusster Regungen

hinabtauchen könne. Während er so einer höchsten Steigerung seiner auf

Sichtbarkeit und Verklärung gerichteten Triebe bewusst wird, fühlt

er doch eben so bestimmt, dass diese lange Reihe apollinischer

Kunstwirkungen doch nicht jenes beglückte Verharren in willenlosem

Anschauen erzeugt, das der Plastiker und der epische Dichter, also

die eigentlich apollinischen Künstler, durch ihre Kunstwerke bei

ihm hervorbringen: das heisst die in jenem Anschauen erreichte

Rechtfertigung der Welt der individuatio, als welche die Spitze und

der Inbegriff der apollinischen Kunst ist. Er schaut die verklärte

Welt der Bühne und verneint sie doch. Er sieht den tragischen Helden

vor sich in epischer Deutlichkeit und Schönheit und erfreut sich doch

an seiner Vernichtung. Er begreift bis in's Innerste den Vorgang

der Scene und flüchtet sich gern in's Unbegreifliche. Er fühlt die

Handlungen des Helden als gerechtfertigt und ist doch noch mehr

erhoben, wenn diese Handlungen den Urheber vernichten. Er schaudert

vor den Leiden, die den Helden treffen werden und ahnt doch bei ihnen

eine höhere, viel übermächtigere Lust. Er schaut mehr und tiefer als

je und wünscht sich doch erblindet. Woher werden wir diese wunderbare

Selbstentzweiung, dies Umbrechen der apollinischen Spitze, abzuleiten

haben, wenn nicht aus dem dionysischen Zauber, der, zum Schein die

apollinischen Regungen auf's Höchste reizend, doch noch diesen

Ueberschwang der apollinischen Kraft in seinen Dienst zu zwingen

vermag. Der tragische Mythus ist nur zu verstehen als eine

Verbildlichung dionysischer Weisheit durch apollinische Kunstmittel;

er führt die Welt der Erscheinung an die Grenzen, wo sie sich selbst

verneint und wieder in den Schooss der wahren und einzigen Realität

zurückzuflüchten sucht; wo sie dann, mit Isolden, ihren metaphysischen

Schwanengesang also anzustimmen scheint:

In des Wonnemeeres

wogendem Schwall,

in der Duft - Wellen

tönendem Schall,

in des Weltathems

wehendem All

ertrinken - versinken

unbewusst - höchste Lust!

So vergegenwärtigen wir uns, an den Erfahrungen des wahrhaft

aesthetischen Zuhörers, den tragischen Künstler selbst, wie er, gleich

einer üppigen Gottheit der individuatio, seine Gestalten schafft, in

welchem Sinne sein Werk kaum als "Nachahmung der Natur" zu begreifen

wäre - wie dann aber sein ungeheurer dionysischer Trieb diese ganze

Welt der Erscheinungen verschlingt, um hinter ihr und durch ihre

Vernichtung eine höchste künstlerische Urfreude im Schoosse des

Ur-Einen ahnen zu lassen. Freilich wissen von dieser Rückkehr zur

Urheimat, von dem Bruderbunde der beiden Kunstgottheiten in der

Tragödie und von der sowohl apollinischen als dionysischen Erregung

des Zuhörers unsere Aesthetiker nichts zu berichten, während sie nicht

müde werden, den Kampf des Helden mit dem Schicksal, den Sieg der

sittlichen Weltordnung oder eine durch die Tragödie bewirkte Entladung

von Affecten als das eigentlich Tragische zu charakterisiren: welche

Unverdrossenheit mich auf den Gedanken bringt, sie möchten überhaupt

keine aesthetisch erregbaren Menschen sein und beim Anhören der

Tragödie vielleicht nur als moralische Wesen in Betracht kommen. Noch

nie, seit Aristoteles, ist eine Erklärung der tragischen Wirkung

gegeben worden, aus der auf künstlerische Zustände, auf eine

aesthetische Thätigkeit der Zuhörer geschlossen werden dürfte. Bald

soll Mitleid und Furchtsamkeit durch die ernsten Vorgänge zu einer

erleichternden Entladung gedrängt werden, bald sollen wir uns bei dem

Sieg guter und edler Principien, bei der Aufopferung des Helden im

Sinne einer sittlichen Weltbetrachtung erhoben und begeistert fühlen;

und so gewiss ich glaube, dass für zahlreiche Menschen gerade das und

nur das die Wirkung der Tragödie ist, so deutlich ergiebt sich daraus,

dass diese alle, sammt ihren interpretirenden Aesthetikern, von

der Tragödie als einer höchsten Kunst nichts erfahren haben. Jene

pathologische Entladung, die Katharsis des Aristoteles, von der die

Philologen nicht recht wissen, ob sie unter die medicinischen oder die

moralischen Phänomene zu rechnen sei, erinnert an eine merkwürdige

Ahnung Goethe's. "Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse", sagt

er, "ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation

zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht.

Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der Alten gewesen sein,

dass das höchste Pathetische auch nur aesthetisches Spiel bei ihnen

gewesen wäre, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muss, um ein

solches Werk hervorzubringen?" Diese so tiefsinnige letzte Frage

dürfen wir jetzt, nach unseren herrlichen Erfahrungen, bejahen,

nachdem wir gerade an der musikalischen Tragödie mit Staunen erlebt

haben, wie wirklich das höchste Pathetische doch nur ein aesthetisches

Spiel sein kann: weshalb wir glauben dürfen, dass erst jetzt das

Urphänomen des Tragischen mit einigem Erfolg zu beschreiben ist.

Wer jetzt noch nur von jenen stellvertretenden Wirkungen aus

ausseraesthetischen Sphären zu erzählen hat und über den pathologisch

- moralischen Prozess sich nicht hinausgehoben fühlt, mag nur

an seiner aesthetischen Natur verzweifeln: wogegen wir ihm die

Interpretation Shakespeare's nach der Manier des Gervinus und das

fleissige Aufspüren der "poetischen Gerechtigkeit" als unschuldigen

Ersatz anempfehlen.

So ist mit der Wiedergeburt der Tragödie auch der aesthetische Zuhörer

wieder geboren, an dessen Stelle bisher in den Theaterräumen ein

seltsames Quidproquo, mit halb moralischen und halb gelehrten

Ansprüchen, zu sitzen pflegte, der "Kritiker". In seiner bisherigen

Sphäre war Alles künstlich und nur mit einem Scheine des Lebens

übertüncht. Der darstellende Künstler wusste in der That nicht mehr,

was er mit einem solchen, kritisch sich gebärdenden Zuhörer zu

beginnen habe und spähte daher, sammt dem ihn inspirirenden Dramatiker

oder Operncomponisten, unruhig nach den letzten Resten des Lebens

in diesem anspruchsvoll öden und zum Geniessen unfähigen Wesen. Aus

derartigen "Kritikern" bestand aber bisher das Publicum; der Student,

der Schulknabe, ja selbst das harmloseste weibliche Geschöpf war wider

sein Wissen bereits durch Erziehung und Journale zu einer gleichen

Perception eines Kunstwerks vorbereitet. Die edleren Naturen unter

den Künstlern rechneten bei einem solchen Publicum auf die Erregung

moralisch - religiöser Kräfte, und der Anruf der "sittlichen

Weltordnung" trat vikarirend ein, wo eigentlich ein gewaltiger

Kunstzauber den ächten Zuhörer entzücken sollte. Oder es wurde vom

Dramatiker eine grossartigere, mindestens aufregende Tendenz der

politischen und socialen Gegenwart so deutlich vorgetragen, dass der

Zuhörer seine kritische Erschöpfung vergessen und sich ähnlichen

Affecten überlassen konnte, wie in patriotischen oder kriegerischen

Momenten, oder vor der Rednerbühne des Parlaments oder bei der

Verurtheilung des Verbrechens und des Lasters: welche Entfremdung der

eigentlichen Kunstabsichten hier und da geradezu zu einem Cultus der

Tendenz führen musste. Doch hier trat ein, was bei allen erkünstelten

Künsten von jeher eingetreten ist, eine reissend schnelle Depravation

jener Tendenzen, so dass zum Beispiel die Tendenz, das Theater

als Veranstaltung zur moralischen Volksbildung zu verwenden, die

zu Schiller's Zeit ernsthaft genommen wurde, bereits unter die

unglaubwürdigen Antiquitäten einer überwundenen Bildung gerechnet

wird. Während der Kritiker in Theater und Concert, der Journalist in

der Schule, die Presse in der Gesellschaft zur Herrschaft gekommen

war, entartete die Kunst zu einem Unterhaltungsobject der niedrigsten

Art, und die aesthetische Kritik wurde als das Bindemittel einer

eiteln, zerstreuten, selbstsüchtigen und überdies ärmlich -

unoriginalen Geselligkeit benutzt, deren Sinn jene Schopenhauerische

Parabel von den Stachelschweinen zu verstehen giebt; so dass zu keiner

Zeit so viel über Kunst geschwatzt und so wenig von der Kunst gehalten

worden ist. Kann man aber mit einem Menschen noch verkehren, der im

Stande ist, sich über Beethoven und Shakespeare zu unterhalten? Mag

Jeder nach seinem Gefühl diese Frage beantworten: er wird mit der

Antwort jedenfalls beweisen, was er sich unter "Bildung" vorstellt,

vorausgesetzt dass er die Frage überhaupt zu beantworten sucht und

nicht vor Ueberraschung bereits verstummt ist.

Dagegen dürfte mancher edler und zarter von der Natur Befähigte,

ob er gleich in der geschilderten Weise allmählich zum kritischen

Barbaren geworden war, von einer eben so unerwarteten als gänzlich

unverständlichen Wirkung zu erzählen haben, die etwa eine glücklich

gelungene Lohengrinaufführung auf ihn ausübte: nur dass ihm vielleicht

jede Hand fehlte, die ihn mahnend und deutend anfasste, so dass auch

jene unbegreiflich verschiedenartige und durchaus unvergleichliche

Empfindung, die ihn damals erschütterte, vereinzelt blieb und wie ein

räthselhaftes Gestirn nach kurzem Leuchten erlosch. Damals hatte er

geahnt, was der aesthetische Zuhörer ist.

23.

Wer recht genau sich selber prüfen will, wie sehr er dem wahren

aesthetischen Zuhörer verwandt ist oder zur Gemeinschaft der

sokratisch - kritischen Menschen gehört, der mag sich nur aufrichtig

nach der Empfindung fragen, mit der er das auf der Bühne dargestellte

Wunder empfängt: ob er etwa dabei seinen historischen, auf strenge

psychologische Causalität gerichteten Sinn beleidigt fühlt, ob er

mit einer wohlwollenden Concession gleichsam das Wunder als ein der

Kindheit verständliches, ihm entfremdetes Phänomen zulässt oder

ob er irgend etwas Anderes dabei erleidet. Daran nämlich wird er

messen können, wie weit er überhaupt befähigt ist, den Mythus, das

zusammengezogene Weltbild, zu verstehen, der, als Abbreviatur der

Erscheinung, das Wunder nicht entbehren kann. Das Wahrscheinliche

ist aber, dass fast Jeder, bei strenger Prüfung, sich so durch den

kritisch - historischen Geist unserer Bildung zersetzt fühle, um nur

etwa auf gelehrtem Wege, durch vermittelnde Abstractionen, sich die

einstmalige Existenz des Mythus glaublich zu machen. Ohne Mythus aber

geht jede Cultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig:

erst ein mit Mythen umstellter Horizont schliesst eine ganze

Culturbewegung zur Einheit ab. Alle Kräfte der Phantasie und des

apollinischen Traumes werden erst durch den Mythus aus ihrem wahllosen

Herumschweifen gerettet. Die Bilder des Mythus müssen die unbemerkt

allgegenwärtigen dämonischen Wächter sein, unter deren Hut die junge

Seele heranwächst, an deren Zeichen der Mann sich sein Leben und

seine Kämpfe deutet: und selbst der Staat kennt keine mächtigeren

ungeschriebnen Gesetze als das mythische Fundament, das seinen

Zusammenhang mit der Religion, sein Herauswachsen aus mythischen

Vorstellungen verbürgt.

Man stelle jetzt daneben den abstracten, ohne Mythen geleiteten

Menschen, die abstracte Erziehung, die abstracte Sitte, das abstracte

Recht, den abstracten Staat: man vergegenwärtige sich das regellose,

von keinem heimischen Mythus gezügelte Schweifen der künstlerischen

Phantasie: man denke sich eine Cultur, die keinen festen und heiligen

Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und von allen

Culturen sich kümmerlich zu nähren verurtheilt ist - das ist die

Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus

gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig

hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und wühlend

nach Wurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alterthümern

nach ihnen graben müsste. Worauf weist das ungeheure historische

Bedürfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln

zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht

auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des

mythischen Mutterschoosses? Man frage sich, ob das fieberhafte und so

unheimliche Sichregen dieser Cultur etwas Anderes ist, als das gierige

Zugreifen und Nach-Nahrung- Haschen des Hungernden - und wer möchte

einer solchen Cultur noch etwas geben wollen, die durch alles, was sie

verschlingt, nicht zu sättigen ist und bei deren Berührung sich die

kräftigste, heilsamste Nahrung in "Historie und Kritik" zu verwandeln

pflegt?

Man müsste auch an unserem deutschen Wesen schmerzlich verzweifeln,

wenn es bereits in gleicher Weise mit seiner Cultur unlösbar

verstrickt, ja eins geworden wäre, wie wir das an dem civilisirten

Frankreich zu unserem Entsetzen beobachten können; und das, was lange

Zeit der grosse Vorzug Frankreichs und die Ursache seines ungeheuren

Uebergewichts war, eben jenes Einssein von Volk und Cultur, dürfte

uns, bei diesem Anblick, nöthigen, darin das Glück zu preisen, dass

diese unsere so fragwürdige Cultur bis jetzt mit dem edeln Kerne

unseres Volkscharakters nichts gemein hat. Alle unsere Hoffnungen

strecken sich vielmehr sehnsuchtsvoll nach jener Wahrnehmung aus,

dass unter diesem unruhig auf und nieder zuckenden Culturleben und

Bildungskrampfe eine herrliche, innerlich gesunde, uralte Kraft

verborgen liegt, die freilich nur in ungeheuren Momenten sich

gewaltig einmal bewegt und dann wieder einem zukünftigen Erwachen

entgegenträumt. Aus diesem Abgrunde ist die deutsche Reformation

hervorgewachsen: in deren Choral die Zukunftsweise der deutschen Musik

zuerst erklang. So tief, muthig und seelenvoll, so überschwänglich

gut und zart tönte dieser Choral Luther's, als der erste dionysische

Lockruf, der aus dichtverwachsenem Gebüsch, im Nahen des Frühlings,

hervordringt. Ihm antwortete in wetteiferndem Wiederhall jener

weihevoll übermüthige Festzug dionysischer Schwärmer, denen wir die

deutsche Musik danken - und denen wir die Wiedergeburt des deutschen

Mythus danken werden!

Ich weiss, dass ich jetzt den theilnehmend folgenden Freund auf einen

hochgelegenen Ort einsamer Betrachtung führen muss, wo er nur wenige

Gefährten haben wird, und rufe ihm ermuthigend zu, dass wir uns an

unseren leuchtenden Führern, den Griechen, festzuhalten haben. Von

ihnen haben wir bis jetzt, zur Reinigung unserer aesthetischen

Erkenntniss, jene beiden Götterbilder entlehnt, von denen jedes ein

gesondertes Kunstreich für sich beherrscht und über deren gegenseitige

Berührung und Steigerung wir durch die griechische Tragödie zu einer

Ahnung kamen. Durch ein merkwürdiges Auseinanderreissen beider

künstlerischen Urtriebe musste uns der Untergang der griechischen

Tragödie herbeigeführt erscheinen: mit welchem Vorgange eine

Degeneration und Umwandlung des griechischen Volkscharakters im

Einklang war, uns zu ernstem Nachdenken auffordernd, wie nothwendig

und eng die Kunst und das Volk, Mythus und Sitte, Tragödie und Staat,

in ihren Fundamenten verwachsen sind. Jener Untergang der Tragödie

war zugleich der Untergang des Mythus. Bis dahin waren die Griechen

unwillkürlich genöthigt, alles Erlebte sofort an ihre Mythen

anzuknüpfen, ja es nur durch diese Anknüpfung zu begreifen: wodurch

auch die nächste Gegenwart ihnen sofort sub specie aeterni und in

gewissem Sinne als zeitlos erscheinen musste. In diesen Strom des

Zeitlosen aber tauchte sich eben so der Staat wie die Kunst, um in ihm

vor der Last und der Gier des Augenblicks Ruhe zu finden. Und gerade

nur so viel ist ein Volk - wie übrigens auch ein Mensch - werth, als

es auf seine Erlebnisse den Stempel des Ewigen zu drücken vermag:

denn damit ist es gleichsam entweltlicht und zeigt seine unbewusste

innerliche Ueberzeugung von der Relativität der Zeit und von der

wahren, d.h. der metaphysischen Bedeutung des Lebens. Das Gegentheil

davon tritt ein, wenn ein Volk anfängt, sich historisch zu begreifen

und die mythischen Bollwerke um sich herum zu zertrümmern: womit

gewöhnlich eine entschiedene Verweltlichung, ein Bruch mit der

unbewussten Metaphysik seines früheren Daseins, in allen ethischen

Consequenzen, verbunden ist. Die griechische Kunst und vornehmlich die

griechische Tragödie hielt vor Allem die Vernichtung des Mythus auf:

man musste sie mit vernichten, um, losgelöst von dem heimischen Boden,

ungezügelt in der Wildniss des Gedankens, der Sitte und der That leben

zu können. Auch jetzt noch versucht jener metaphysische Trieb, sich

eine, wenngleich abgeschwächte Form der Verklärung zu schaffen, in

dem zum Leben drängenden Sokratismus der Wissenschaft: aber auf den

niederen Stufen führte derselbe Trieb nur zu einem fieberhaften

Suchen, das sich allmählich in ein Pandämonium überallher

zusammengehäufter Mythen und Superstitionen verlor: in dessen Mitte

der Hellene dennoch ungestillten Herzens sass, bis er es verstand, mit

griechischer Heiterkeit und griechischem Leichtsinn, als Graeculus,

jenes Fieber zu maskiren oder in irgend einem orientalisch dumpfen

Aberglauben sich völlig zu betäuben.

Diesem Zustande haben wir uns, seit der Wiedererweckung des

alexandrinisch - römischen Alterthums im fünfzehnten Jahrhundert,

nach einem langen schwer zu beschreibenden Zwischenacte, in der

auffälligsten Weise angenähert. Auf den Höhen dieselbe überreiche

Wissenslust, dasselbe ungesättigte Finderglück, dieselbe ungeheure

Verweltlichung, daneben ein heimatloses Herumschweifen, ein gieriges

Sichdrängen an fremde Tische, eine leichtsinnige Vergötterung der

Gegenwart oder stumpf betäubte Abkehr, Alles sub specie saeculi, der

"Jetztzeit": welche gleichen Symptome auf einen gleichen Mangel im

Herzen dieser Cultur zu rathen geben, auf die Vernichtung des Mythus.

Es scheint kaum möglich zu sein, mit dauerndem Erfolge einen fremden

Mythus überzupflanzen, ohne den Baum durch dieses Ueberpflanzen

heillos zu beschädigen: welcher vielleicht einmal stark und gesund

genug ist, jenes fremde Element mit furchtbarem Kampfe wieder

auszuscheiden, für gewöhnlich aber siech und verkümmert oder in

krankhaftem Wuchern sich verzehren muss. Wir halten so viel von dem

reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens, dass wir gerade von

ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingepflanzter fremder Elemente zu

erwarten wagen und es für möglich erachten, dass der deutsche Geist

sich auf sich selbst zurückbesinnt. Vielleicht wird Mancher meinen,

jener Geist müsse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen

beginnen: wozu er eine äusserliche Vorbereitung und Ermuthigung in

der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges

erkennen dürfte, die innerliche Nöthigung aber in dem Wetteifer suchen

muss, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luther's ebensowohl

als unserer grossen Künstler und Dichter, stets werth zu sein. Aber

nie möge er glauben, ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne seine

mythische Heimat, ohne ein "Wiederbringen" aller deutschen Dinge,

kämpfen zu können! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem

Führer umblicken sollte, der ihn wieder in die längst verlorne Heimat

zurückbringe, deren Wege und Stege er kaum mehr kennt - so mag er nur

dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen Vogels lauschen, der über

ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten will.

24.

Wir hatten unter den eigenthümlichen Kunstwirkungen der musikalischen

Tragödie eine apollinische Täuschung hervorzuheben, durch die wir

vor dem unmittelbaren Einssein mit der dionysischen Musik gerettet

werden sollen, während unsre musikalische Erregung sich auf einem

apollinischen Gebiete und an einer dazwischengeschobenen sichtbaren

Mittelwelt entladen kann. Dabei glaubten wir beobachtet zu haben, wie

eben durch diese Entladung jene Mittelwelt des scenischen Vorgangs,

überhaupt das Drama, in einem Grade von innen heraus sichtbar und

verständlich wurde, der in aller sonstigen apollinischen Kunst

unerreichbar ist: so dass wir hier, wo diese gleichsam durch den Geist

der Musik beschwingt und emporgetragen war, die höchste Steigerung

ihrer Kräfte und somit in jenem Bruderbunde des Apollo und des

Dionysus die Spitze ebensowohl der apollinischen als der dionysischen

Kunstabsichten anerkennen mussten.

Freilich erreichte das apollinische Lichtbild gerade bei der inneren

Beleuchtung durch die Musik nicht die eigenthümliche Wirkung der

schwächeren Grade apollinischer Kunst; was das Epos oder der beseelte

Stein vermögen, das anschauende Auge zu jenem ruhigen Entzücken an der

Welt der individuatio zu zwingen, das wollte sich hier, trotz einer

höheren Beseeltheit und Deutlichkeit, nicht erreichen lassen. Wir

schauten das Drama an und drangen mit bohrendem Blick in seine

innere bewegte Welt der Motive - und doch war uns, als ob nur ein

Gleichnissbild an uns vorüberzöge, dessen tiefsten Sinn wir fast

zu errathen glaubten und das wir, wie einen Vorhang, fortzuziehen

wünschten, um hinter ihm das Urbild zu erblicken. Die hellste

Deutlichkeit des Bildes genügte uns nicht: denn dieses schien eben

sowohl Etwas zu offenbaren als zu verhüllen; und während es mit seiner

gleichnissartigen Offenbarung zum Zerreissen des Schleiers, zur

Enthüllung des geheimnissvollen Hintergrundes aufzufordern schien,

hielt wiederum gerade jene durchleuchtete Allsichtbarkeit das Auge

gebannt und wehrte ihm, tiefer zu dringen.

Wer dies nicht erlebt hat, zugleich schauen zu müssen und zugleich

über das Schauen hinaus sich zu sehnen, wird sich schwerlich

vorstellen, wie bestimmt und klar diese beiden Prozesse bei der

Betrachtung des tragischen Mythus nebeneinander bestehen und

nebeneinander empfunden werden: während die wahrhaft aesthetischen

Zuschauer mir bestätigen werden, dass unter den eigenthümlichen

Wirkungen der Tragödie jenes Nebeneinander die merkwürdigste sei. Man

übertrage sich nun dieses Phänomen des aesthetischen Zuschauers in

einen analogen Prozess im tragischen Künstler, und man wird die

Genesis des tragischen Mythus verstanden haben. Er theilt mit der

apollinischen Kunstsphäre die volle Lust am Schein und am Schauen und

zugleich verneint er diese Lust und hat eine noch höhere Befriedigung

an der Vernichtung der sichtbaren Scheinwelt. Der Inhalt des

tragischen Mythus ist zunächst ein episches Ereigniss mit der

Verherrlichung des kämpfenden Helden: woher stammt aber jener an

sich räthselhafte Zug, dass das Leiden im Schicksale des Helden,

die schmerzlichsten Ueberwindungen, die qualvollsten Gegensätze der

Motive, kurz die Exemplification jener Weisheit des Silen, oder,

aesehetisch ausgedrückt, das Hässliche und Disharmonische, in so

zahllosen Formen, mit solcher Vorliebe immer von Neuem dargestellt

wird und gerade in dem üppigsten und jugendlichsten Alter eines

Volkes, wenn nicht gerade an diesem Allen eine höhere Lust percipirt

wird?

Denn dass es im Leben wirklich so tragisch zugeht, würde am wenigsten

die Entstehung einer Kunstform erklären; wenn anders die Kunst

nicht nur Nachahmung der Naturwirklichkeit, sondern gerade ein

metaphysisches Supplement der Naturwirklichkeit ist, zu deren

Ueberwindung neben sie gestellt. Der tragische Mythus, sofern er

überhaupt zur Kunst gehört, nimmt auch vollen Antheil an dieser

metaphysischen Verklärungsabsicht der Kunst überhaupt: was verklärt

er aber, wenn er die Erscheinungswelt unter dem Bilde des leidenden

Helden vorführt? Die "Realität". dieser Erscheinungswelt am wenigsten,

denn er sagt uns gerade: "Seht hin! Seht genau hin! Dies ist euer

Leben! Dies ist der Stundenzeiger an eurer Daseinsuhr!"

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 11 / 12 段