Und dieses Leben zeigte der Mythus, um es vor uns damit zu verklären?

Wenn aber nicht, worin liegt dann die aesthetische Lust, mit der wir

auch jene Bilder an uns vorüberziehen lassen? Ich frage nach der

aesthetischen Lust und weiss recht wohl, dass viele dieser Bilder

ausserdem mitunter noch eine moralische Ergetzung, etwa unter der Form

des Mitleides oder eines sittlichen Triumphes, erzeugen können. Wer

die Wirkung des Tragischen aber allein aus diesen moralischen Quellen

ableiten wollte, wie es freilich in der Aesthetik nur allzu lange

üblich war, der mag nur nicht glauben, etwas für die Kunst damit

gethan zu haben: die vor Allem Reinheit in ihrem Bereiche verlangen

muss. Für die Erklärung des tragischen Mythus ist es gerade die erste

Forderung, die ihm eigenthümliche Lust in der rein aesthetischen

Sphäre zu suchen, ohne in das Gebiet des Mitleids, der Furcht, des

Sittlich - Erhabenen überzugreifen. Wie kann das Hässliche und das

Disharmonische, der Inhalt des tragischen Mythus, eine aesthetische

Lust erregen?

Hier nun wird es nöthig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine

Metaphysik der Kunst hinein zu schwingen, indem ich den früheren Satz

wiederhole, dass nur als ein aesthetisches Phänomen das Dasein und

die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der

tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst das Hässliche und

Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der

ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt. Dieses schwer zu

fassende Urphänomen der dionysischen Kunst wird aber auf directem

Wege einzig verständlich und unmittelbar erfasst in der wunderbaren

Bedeutung der musikalischen Dissonanz: wie überhaupt die Musik, neben

die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter

der Rechtfertigung der Welt als eines aesthetischen Phänomens zu

verstehen ist. Die Lust, die der tragische Mythus erzeugt, hat eine

gleiche Heimat, wie die lustvolle Empfindung der Dissonanz in der

Musik. Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz percipirten

Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschooss der Musik und des tragischen

Mythus.

Sollte sich nicht inzwischen dadurch, dass wir die Musikrelation der

Dissonanz zu Hülfe nahmen, jenes schwierige Problem der tragischen

Wirkung wesentlich erleichtert haben? Verstehen wir doch jetzt, was

es heissen will, in der Tragödie zugleich schauen zu wollen und sich

über das Schauen hinaus zu sehnen: welchen Zustand wir in Betreff der

künstlerisch verwendeten Dissonanz eben so zu charakterisiren hätten,

dass wir hören wollen und über das Hören uns zugleich hinaussehnen.

Jenes Streben in's Unendliche, der Flügelschlag der Sehnsucht, bei

der höchsten Lust an der deutlich percipirten Wirklichkeit, erinnern

daran, dass wir in beiden Zuständen ein dionysisches Phänomen zu

erkennen haben, das uns immer von Neuem wieder das spielende Aufhauen

und Zertrümmern der Individualwelt als den Ausfluss einer Urlust

offenbart, in einer ähnlichen Weise, wie wenn von Heraklit dem Dunklen

die weltbildende Kraft einem Kinde verglichen wird, das spielend

Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft.

Um also die dionysische Befähigung eines Volkes richtig abzuschätzen,

dürften wir nicht nur an die Musik des Volkes, sondern eben so

nothwendig an den tragischen Mythus dieses Volkes als den zweiten

Zeugen jener Befähigung zu denken haben. Es ist nun, bei dieser

engsten Verwandtschaft zwischen Musik und Mythus, in gleicher Weise

zu vermuthen, dass mit einer Entartung und Depravation des Einen eine

Verkümmerung der Anderen verbunden sein wird: wenn anders in der

Schwächung des Mythus überhaupt eine Abschwächung des dionysischen

Vermögens zum Ausdruck kommt. Ueber Beides dürfte uns aber ein Blick

auf die Entwicklung des deutschen Wesens nicht in Zweifel lassen: in

der Oper wie in dem abstracten Charakter unseres mythenlosen Daseins,

in einer zur Ergetzlichkeit herabgesunkenen Kunst, wie in einem vom

Begriff geleiteten Leben, hatte sich uns jene gleich unkünstlerische,

als am Leben zehrende Natur des sokratischen Optimismus enthüllt.

Zu unserem Troste aber gab es Anzeichen dafür, dass trotzdem der

deutsche Geist in herrlicher Gesundheit, Tiefe und dionysischer Kraft

unzerstört, gleich einem zum Schlummer niedergesunknen Ritter, in

einem unzugänglichen Abgrunde ruhe und träume: aus welchem Abgrunde

zu uns das dionysische Lied emporsteigt, um uns zu verstehen zu

geben, dass dieser deutsche Ritter auch jetzt noch seinen uralten

dionysischen Mythus in selig - ernsten Visionen träumt. Glaube

Niemand, dass der deutsche Geist seine mythische Heimat auf ewig

verloren habe, wenn er so deutlich noch die Vogelstimmen versteht, die

von jener Heimat erzählen. Eines Tages wird er sich wach finden, in

aller Morgenfrische eines ungeheuren Schlafes: dann wird er Drachen

tödten, die tückischen Zwerge vernichten und Brünnhilde erwecken - und

Wotan's Speer selbst wird seinen Weg nicht hemmen können!

Meine Freunde, ihr, die ihr an die dionysische Musik glaubt, ihr

wisst auch, was für uns die Tragödie bedeutet. In ihr haben wir,

wiedergeboren aus der Musik, den tragischen Mythus - und in ihm dürft

ihr Alles hoffen und das Schmerzlichste vergessen! Das Schmerzlichste

aber ist für uns alle - die lange Entwürdigung, unter der der deutsche

Genius, entfremdet von Haus und Heimat, im Dienst tückischer Zwerge

lebte. Ihr versteht das Wort - wie ihr auch, zum Schluss, meine

Hoffnungen verstehen werdet.

25.

Musik und tragischer Mythus sind in gleicher Weise Ausdruck der

dionysischen Befähigung eines Volkes und von einander untrennbar.

Beide entstammen einem Kunstbereiche, das jenseits des Apollinischen

liegt; beide verklären eine Region, in deren Lustaccorden die

Dissonanz eben so wie das schreckliche Weltbild reizvoll verklingt;

beide spielen mit dem Stachel der Unlust, ihren überaus mächtigen

Zauberkünsten vertrauend; beide rechtfertigen durch dieses Spiel

die Existenz selbst der "schlechtesten Welt." Hier zeigt sich

das Dionysische, an dem Apollinischen gemessen, als die ewige

und ursprüngliche Kunstgewalt, die überhaupt die ganze Welt

der Erscheinung in's Dasein ruft: in deren Mitte ein neuer

Verklärungsschein nöthig wird, um die belebte Welt der Individuation

im Leben festzuhalten. Könnten wir uns eine Menschwerdung der

Dissonanz denken - und was ist sonst der Mensch? - so würde diese

Dissonanz, um leben zu können, eine herrliche Illusion brauchen, die

ihr einen Schönheitsschleier über ihr eignes Wesen decke. Dies ist die

wahre Kunstabsicht des Apollo: in dessen Namen wir alle jene zahllosen

Illusionen des schönen Scheins zusammenfassen, die in jedem Augenblick

das Dasein überhaupt lebenswerth machen und zum Erleben des nächsten

Augenblicks drängen.

Dabei darf von jenem Fundamente aller Existenz, von dem dionysischen

Untergrunde der Welt, genau nur soviel dem menschlichen Individuum

in's Bewusstsein treten, als von jener apollinischen Verklärungskraft

wieder überwunden werden kann, so dass diese beiden Kunsttriebe ihre

Kräfte in strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetze ewiger

Gerechtigkeit, zu entfalten genöthigt sind. Wo sich die dionysischen

Mächte so ungestüm erheben, wie wir dies erleben, da muss auch bereits

Apollo, in eine Wolke gehüllt, zu uns herniedergestiegen sein; dessen

üppigste Schönheitswirkungen wohl eine nächste Generation schauen

wird.

Dass diese Wirkung aber nöthig sei, dies würde Jeder am sichersten,

durch Intuition, nachempfinden, wenn er einmal, sei es auch im Traume,

in eine althellenische Existenz sich zurückversetzt fühlte: im

Wandeln unter hohen ionischen Säulengängen, aufwärtsblickend zu einem

Horizont, der durch reine und edle Linien abgeschnitten ist, neben

sich Wiederspiegelungen seiner verklärten Gestalt in leuchtendem

Marmor, rings um sich feierlich schreitende oder zart bewegte

Menschen, mit harmonisch tönenden Lauten und rhythmischer

Gebärdensprache - würde er nicht, bei diesem fortwährenden Einströmen

der Schönheit, zu Apollo die Hand erhebend ausrufen müssen: "Seliges

Volk der Hellenen! Wie gross muss unter euch Dionysus sein, wenn der

delische Gott solche Zauber für nöthig hält, um euren dithyrambischen

Wahnsinn zu heilen!" - Einem so Gestimmten dürfte aber ein greiser

Athener, mit dem erhabenen Auge des Aeschylus zu ihm aufblickend,

entgegnen: "Sage aber auch dies, du wunderlicher Fremdling: wie

viel musste dies Volk leiden, um so schön werden zu können! Jetzt

aber folge mir zur Tragödie und opfere mit mir im Tempel beider

Gottheiten!"

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 12 / 12 段