Erinnern wir uns sodann, wie dem aus gleichen Quellen strömenden

Geiste der deutschen Philosophie, durch Kant und Schopenhauer, es

ermöglicht war, die zufriedne Daseinslust der wissenschaftlichen

Sokratik, durch den Nachweis ihrer Grenzen, zu vernichten, wie durch

diesen Nachweis eine unendlich tiefere und ernstere Betrachtung der

ethischen Fragen und der Kunst eingeleitet wurde, die wir geradezu als

die in Begriffe gefasste dionysische Weisheit bezeichnen können: wohin

weist uns das Mysterium dieser Einheit zwischen der deutschen Musik

und der deutschen Philosophie, wenn nicht auf eine neue Daseinsform,

über deren Inhalt wir uns nur aus hellenischen Analogien ahnend

unterrichten können? Denn diesen unausmessbaren Werth behält für uns,

die wir an der Grenzscheide zweier verschiedener Daseinsformen stehen,

das hellenische Vorbild, dass in ihm auch alle jene Uebergänge und

Kämpfe zu einer classisch-belehrenden Form ausgeprägt sind: nur dass

wir gleichsam in umgekehrter Ordnung die grossen Hauptepochen des

hellenischen Wesens analogisch durcherleben und zum Beispiel jetzt

aus dem alexandrinischen Zeitalter rückwärts zur Periode der Tragödie

zu schreiten scheinen. Dabei lebt in uns die Empfindung, als ob die

Geburt eines tragischen Zeitalters für den deutschen Geist nur eine

Rückkehr zu sich selbst, ein seliges Sichwiederfinden zu bedeuten

habe, nachdem für eine lange Zeit ungeheure von aussen her

eindringende Mächte den in hülfloser Barbarei der Form dahinlebenden

zu einer Knechtschaft unter ihrer Form gezwungen hatten. Jetzt endlich

darf er, nach seiner Heimkehr zum Urquell seines Wesens, vor allen

Völkern kühn und frei, ohne das Gängelband einer romanischen

Civilisation, einherzuschreiten wagen: wenn er nur von einem Volke

unentwegt zu lernen versteht, von dem überhaupt lernen zu können

schon ein hoher Ruhm und eine auszeichnende Seltenheit ist, von den

Griechen. Und wann brauchten wir diese allerhöchsten Lehrmeister mehr

als jetzt, wo wir die Wiedergeburt der Tragödie erleben und in Gefahr

sind, weder zu wissen, woher sie kommt, noch uns deuten zu können,

wohin sie will?

20.

Es möchte einmal, unter den Augen eines unbestochenen Richters,

abgewogen werden, in welcher Zeit und in welchen Männern bisher der

deutsche Geist von den Griechen zu lernen am kräftigsten gerungen hat;

und wenn wir mit Zuversicht annehmen, dass dem edelsten Bildungskampfe

Goethe's, Schiller's und Winckelmann's dieses einzige Lob zugesprochen

werden müsste, so wäre jedenfalls hinzuzufügen, dass seit jener

Zeit und den nächsten Einwirkungen jenes Kampfes, das Streben auf

einer gleichen Bahn zur Bildung und zu den Griechen zu kommen, in

unbegreiflicher Weise schwächer und schwächer geworden ist. Sollten

wir, um nicht ganz an dem deutschen Geist verzweifeln zu müssen, nicht

daraus den Schluss ziehen dürfen, dass in irgend welchem Hauptpunkte

es auch jenen Kämpfern nicht gelungen sein möchte, in den Kern des

hellenischen Wesens einzudringen und einen dauernden Liebesbund

zwischen der deutschen und der griechischen Cultur herzustellen? So

dass vielleicht ein unbewusstes Erkennen jenes Mangels auch in den

ernsteren Naturen den verzagten Zweifel erregte, ob sie, nach solchen

Vorgängern, auf diesem Bildungswege noch weiter wie jene und überhaupt

zum Ziele kommen würden. Deshalb sehen wir seit jener Zeit das Urtheil

über den Werth der Griechen für die Bildung in der bedenklichsten

Weise entarten; der Ausdruck mitleidiger Ueberlegenheit ist in den

verschiedensten Feldlagern des Geistes und des Ungeistes zu hören;

anderwärts tändelt eine gänzlich wirkungslose Schönrednerei mit

der "griechischen Harmonie", der "griechischen Schönheit", der

"griechischen Heiterkeit". Und gerade in den Kreisen, deren Würde

es sein könnte, aus dem griechischen Strombett unermüdet, zum Heile

deutscher Bildung, zu schöpfen, in den Kreisen der Lehrer an den

höheren Bildungsanstalten hat man am besten gelernt, sich mit den

Griechen zeitig und in bequemer Weise abzufinden, nicht selten bis zu

einem sceptischen Preisgeben des hellenischen Ideals und bis zu einer

gänzlichen Verkehrung der wahren Absicht aller Alterthumsstudien.

Wer überhaupt in jenen Kreisen sich nicht völlig in dem Bemühen, ein

zuverlässiger Corrector von alten Texten oder ein naturhistorischer

Sprachmikroskopiker zu sein, erschöpft hat, der sucht vielleicht

auch das griechische Alterthum, neben anderen Alterthümern, sich

"historisch" anzueignen, aber jedenfalls nach der Methode und mit den

überlegenen Mienen unserer jetzigen gebildeten Geschichtsschreibung.

Wenn demnach die eigentliche Bildungskraft der höheren Lehranstalten

wohl noch niemals niedriger und schwächlicher gewesen ist, wie in

der Gegenwart, wenn der "Journalist", der papierne Sclave des Tages,

in jeder Rücksicht auf Bildung den Sieg über den höheren Lehrer

davongetragen hat, und Letzterem nur noch die bereits oft erlebte

Metamorphose übrig bleibt, sich jetzt nun auch in der Sprechweise des

Journalisten, mit der "leichten Eleganz" dieser Sphäre, als heiterer

gebildeter Schmetterling zu bewegen - in welcher peinlichen Verwirrung

müssen die derartig Gebildeten einer solchen Gegenwart jenes

Phänomen anstarren, das nur etwa aus dem tiefsten Grunde des bisher

unbegriffnen hellenischen Genius analogisch zu begreifen wäre, das

Wiedererwachen des dionysischen Geistes und die Wiedergeburt der

Tragödie? Es giebt keine andere Kunstperiode, in der sich die

sogenannte Bildung und die eigentliche Kunst so befremdet und

abgeneigt gegenübergestanden hätten, als wir das in der Gegenwart mit

Augen sehn. Wir verstehen es, warum eine so schwächliche Bildung die

wahre Kunst hasst; denn sie fürchtet durch sie ihren Untergang. Aber

sollte nicht eine ganze Art der Cultur, nämlich jene sokratisch-

alexandrinische, sich ausgelebt haben, nachdem sie in eine so

zierlich-schmächtige Spitze, wie die gegenwärtige Bildung ist,

auslaufen konnte! Wenn es solchen Helden, wie Schiller und Goethe,

nicht gelingen durfte, jene verzauberte Pforte zu erbrechen, die in

den hellenischen Zauberberg führt, wenn es bei ihrem muthigsten Ringen

nicht weiter gekommen ist als bis zu jenem sehnsüchtigen Blick, den

die Goethische Iphigenie vom barbarischen Tauris aus nach der Heimat

über das Meer hin sendet, was bliebe den Epigonen solcher Helden zu

hoffen, wenn sich ihnen nicht plötzlich, an einer ganz anderen, von

allen Bemühungen der bisherigen Cultur unberührten Seite die Pforte

von selbst aufthäte - unter dem mystischen Klange der wiedererweckten

Tragödienmusik.

Möge uns Niemand unsern Glauben an eine noch bevorstehende

Wiedergeburt des hellenischen Alterthums zu verkümmern suchen; denn in

ihm finden wir allein unsre Hoffnung für eine Erneuerung und Läuterung

des deutschen Geistes durch den Feuerzauber der Musik. Was wüssten wir

sonst zu nennen, was in der Verödung und Ermattung der jetzigen Cultur

irgend welche tröstliche Erwartung für die Zukunft erwecken könnte?

Vergebens spähen wir nach einer einzigen kräftig geästeten Wurzel,

nach einem Fleck fruchtbaren und gesunden Erdbodens: überall Staub,

Sand, Erstarrung, Verschmachten. Da möchte sich ein trostlos

Vereinsamter kein besseres Symbol wählen können, als den Ritter mit

Tod und Teufel, wie ihn uns Dürer gezeichnet hat, den geharnischten

Ritter mit dem erzenen, harten Blicke, der seinen Schreckensweg,

unbeirrt durch seine grausen Gefährten, und doch hoffnungslos, allein

mit Ross und Hund zu nehmen weiss. Ein solcher Dürerscher Ritter war

unser Schopenhauer: ihm fehlte jede Hoffnung, aber er wollte die

Wahrheit. Es giebt nicht Seinesgleichen. -

Aber wie verändert sich plötzlich jene eben so düster geschilderte

Wildniss unserer ermüdeten Cultur, wenn sie der dionysische Zauber

berührt! Ein Sturmwind packt alles Abgelebte, Morsche, Zerbrochne,

Verkümmerte, hüllt es wirbelnd in eine rothe Staubwolke und trägt es

wie ein Geier in die Lüfte. Verwirrt suchen unsere Blicke nach dem

Entschwundenen: denn was sie sehen, ist wie aus einer Versenkung

an's goldne Licht gestiegen, so voll und grün, so üppig lebendig,

so sehnsuchtsvoll unermesslich. Die Tragödie sitzt inmitten dieses

Ueberflusses an Leben, Leid und Lust, in erhabener Entzückung, sie

horcht einem fernen schwermüthigen Gesange - er erzählt von den

Müttern des Seins, deren Namen lauten: Wahn, Wille, Wehe. - Ja,

meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die

Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist

vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und

wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren

Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn

ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien

nach Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt

an die Wunder eures Gottes!

21.

Von diesen exhortativen Tönen in die Stimmung zurückgleitend, die

dem Beschaulichen geziemt, wiederhole ich, dass nur von den Griechen

gelernt werden kann, was ein solches wundergleiches plötzliches

Aufwachen der Tragödie für den innersten Lebensgrund eines Volkes

zu bedeuten hat. Es ist das Volk der tragischen Mysterien, das die

Perserschlachten schlägt: und wiederum braucht das Volk, das jene

Kriege geführt hat, die Tragödie als nothwendigen Genesungstrank. Wer

würde gerade bei diesem Volke, nachdem es durch mehrere Generationen

von den stärksten Zuckungen des dionysischen Dämon bis in's Innerste

erregt wurde, noch einen so gleichmässig kräftigen Erguss des

einfachsten politischen Gefühls, der natürlichsten Heimatsinstincte,

der ursprünglichen männlichen Kampflust vermuthen? Ist es doch bei

jedem bedeutenden Umsichgreifen dionysischer Erregungen immer zu

spüren, wie die dionysische Lösung von den Fesseln des Individuums

sich am allerersten in einer bis zur Gleichgültigkeit, ja

Feindseligkeit gesteigerten Beeinträchtigung der politischen Instincte

fühlbar macht, so gewiss andererseits der staatenbildende Apollo auch

der Genius des principii individuationis ist und Staat und Heimatssinn

nicht ohne Bejahung der individuellen Persönlichkeit leben können.

Von dem Orgiasmus aus führt für ein Volk nur ein Weg, der Weg zum

indischen Buddhaismus, der, um überhaupt mit seiner Sehnsucht in's

Nichts ertragen zu werden, jener seltnen ekstatischen Zustände mit

ihrer Erhebung über Raum, Zeit und Individuum bedarf: wie diese

wiederum eine Philosophie fordern, die es lehrt, die unbeschreibliche

Unlust der Zwischenzustände durch eine Vorstellung zu überwinden.

Eben so nothwendig geräth ein Volk, von der unbedingten Geltung der

politischen Triebe aus, in eine Bahn äusserster Verweltlichung, deren

grossartigster, aber auch erschrecklichster Ausdruck das römische

imperium ist.

Zwischen Indien und Rom hingestellt und zu verführerischer Wahl

gedrängt, ist es den Griechen gelungen, in classischer Reinheit

eine dritte Form hinzuzuerfinden, freilich nicht zu langem eigenen

Gebrauche, aber eben darum für die Unsterblichkeit. Denn dass die

Lieblinge der Götter früh sterben, gilt in allen Dingen, aber eben so

gewiss, dass sie mit den Göttern dann ewig leben. Man verlange doch

von dem Alleredelsten nicht, dass es die haltbare Zähigkeit des

Leders habe; die derbe Dauerhaftigkeit, wie sie z.B. dem römischen

Nationaltriebe zu eigen war, gehört wahrscheinlich nicht zu den

nothwendigen Prädicaten der Vollkommenheit. Wenn wir aber fragen, mit

welchem Heilmittel es den Griechen ermöglicht war, in ihrer grossen

Zeit, bei der ausserordentlichen Stärke ihrer dionysischen und

politischen Triebe, weder durch ein ekstatisches Brüten, noch

durch ein verzehrendes Haschen nach Weltmacht und Weltehre sich zu

erschöpfen, sondern jene herrliche Mischung zu erreichen, wie sie

ein edler, zugleich befeuernder und beschaulich stimmender Wein

hat, so müssen wir der ungeheuren, das ganze Volksleben erregenden,

reinigenden und entladenden Gewalt der Tragödie eingedenk sein; deren

höchsten Werth wir erst ahnen werden, wenn sie uns, wie bei den

Griechen, als Inbegriff aller prophylaktischen Heilkräfte, als die

zwischen den stärksten und an sich verhängnissvollsten Eigenschaften

des Volkes waltende Mittlerin entgegentritt.

Die Tragödie saugt den höchsten Musikorgiasmus in sich hinein, so dass

sie geradezu die Musik, bei den Griechen, wie bei uns, zur Vollendung

bringt, stellt dann aber den tragischen Mythus und den tragischen

Helden daneben, der dann, einem mächtigen Titanen gleich, die ganze

dionysische Welt auf seinen Rücken nimmt und uns davon entlastet:

während sie andrerseits durch denselben tragischen Mythus, in der

Person des tragischen Helden, von dem gierigen Drange nach diesem

Dasein zu erlösen weiss, und mit mahnender Hand an ein anderes Sein

und an eine höhere Lust erinnert, zu welcher der kämpfende Held

durch seinen Untergang, nicht durch seine Siege sich ahnungsvoll

vorbereitet. Die Tragödie stellt zwischen die universale Geltung

ihrer Musik und den dionysisch empfänglichen Zuhörer ein erhabenes

Gleichniss, den Mythus, und erweckt bei jenem den Schein, als ob die

Musik nur ein höchstes Darstellungsmittel zur Belebung der plastischen

Welt des Mythus sei. Dieser edlen Täuschung vertrauend darf sie jetzt

ihre Glieder zum dithyrambischen Tanze bewegen und sich unbedenklich

einem orgiastischen Gefühle der Freiheit hingeben, in welchem sie als

Musik an sich, ohne jene Täuschung, nicht zu schwelgen wagen dürfte.

Der Mythus schützt uns vor der Musik, wie er ihr andrerseits erst die

höchste Freiheit giebt. Dafür verleiht die Musik, als Gegengeschenk,

dem tragischen Mythus eine so eindringliche und überzeugende

metaphysische Bedeutsamkeit, wie sie Wort und Bild, ohne jene einzige

Hülfe, nie zu erreichen vermögen; und insbesondere überkommt durch sie

den tragischen Zuschauer gerade jenes sichere Vorgefühl einer höchsten

Lust, zu der der Weg durch Untergang und Verneinung führt, so dass

er zu hören meint, als ob der innerste Abgrund der Dinge zu ihm

vernehmlich spräche.

Habe ich dieser schwierigen Vorstellung mit den letzten Sätzen

vielleicht nur einen vorläufigen, für Wenige sofort verständlichen

Ausdruck zu geben vermocht, so darf ich gerade an dieser Stelle nicht

ablassen, meine Freunde zu einem nochmaligen Versuche anzureizen

und sie zu bitten, an einem einzelnen Beispiele unsrer gemeinsamen

Erfahrung sich für die Erkenntniss des allgemeinen Satzes

vorzubereiten. Bei diesem Beispiele darf ich mich nicht auf jene

beziehn, welche die Bilder der scenischen Vorgänge, die Worte und

Affecte der handelnden Personen benutzen, um sich mit dieser Hülfe

der Musikempfindung anzunähern; denn diese alle reden nicht Musik als

Muttersprache und kommen auch, trotz jener Hülfe, nicht weiter als in

die Vorhallen der Musikperception, ohne je deren innerste Heiligthümer

berühren zu dürfen; manche von diesen, wie Gervinus, gelangen auf

diesem Wege nicht einmal in die Vorhallen. Sondern nur an diejenigen

habe ich mich zu wenden, die, unmittelbar verwandt mit der Musik, in

ihr gleichsam ihren Mutterschooss haben und mit den Dingen fast nur

durch unbewusste Musikrelationen in Verbindung stehen. An diese ächten

Musiker richte ich die Frage, ob sie sich einen Menschen denken

können, der den dritten Act von "Tristan und Isolde" ohne alle

Beihülfe von Wort und Bild rein als ungeheuren symphonischen Satz zu

percipiren im Stande wäre, ohne unter einem krampfartigen Ausspannen

aller Seelenflügel zu verathmen? Ein Mensch, der wie hier das Ohr

gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt hat, der das

rasende Begehren zum Dasein als donnernden Strom oder als zartesten

zerstäubten Bach von hier aus in alle Adern der Welt sich ergiessen

fühlt, er sollte nicht jählings zerbrechen? Er sollte es ertragen,

in der elenden gläsernen Hülle des menschlichen Individuums, den

Wiederklang zahlloser Lust - und Weherufe aus dem "weiten Raum der

Weltennacht" zu vernehmen, ohne bei diesem Hirtenreigen der Metaphysik

sich seiner Urheimat unaufhaltsam zuzuflüchten? Wenn aber doch ein

solches Werk als Ganzes percipirt werden kann, ohne Verneinung der

Individualexistenz, wenn eine solche Schöpfung geschaffen werden

konnte, ohne ihren Schöpfer zu zerschmettern - woher nehmen wir die

Lösung eines solchen Widerspruches?

Hier drängt sich zwischen unsre höchste Musikerregung und jene Musik

der tragische Mythus und der tragische Held, im Grunde nur als

Gleichniss der alleruniversalsten Thatsachen, von denen allein die

Musik auf directem Wege reden kann. Als Gleichniss würde nun aber

der Mythus, wenn wir als rein dionysische Wesen empfänden, gänzlich

wirkungslos und unbeachtet neben uns stehen bleiben, und uns keinen

Augenblick abwendig davon machen, unser Ohr dem Wiederklang der

universalia ante rem zu bieten. Hier bricht jedoch die apollinische

Kraft, auf Wiederherstellung des fast zersprengten Individuums

gerichtet, mit dem Heilbalsam einer wonnevollen Täuschung hervor:

plötzlich glauben wir nur noch Tristan zu sehen, wie er bewegungslos

und dumpf sich fragt: "die alte Weise; was weckt sie mich?" Und was

uns früher wie ein hohles Seufzen aus dem Mittelpunkte des Seins

anmuthete, das will uns jetzt nur sagen, wie "öd und leer das

Meer." Und wo wir athemlos zu erlöschen wähnten, im krampfartigen

Sichausrecken aller Gefühle, und nur ein Weniges uns mit dieser

Existenz zusammenknüpfte, hören und sehen wir jetzt nur den zum

Tode verwundeten und doch nicht sterbenden Helden, mit seinem

verzweiflungsvollen Rufe: "Sehnen! Sehnen! Im Sterben mich zu sehnen,

vor Sehnsucht nicht zu sterben!" Und wenn früher der Jubel des Horns

nach solchem Uebermaass und solcher Ueberzahl verzehrender Qualen

fast wie der Qualen höchste uns das Herz zerschnitt, so steht jetzt

zwischen uns und diesem "Jubel an sich" der jauchzende Kurwenal, dem

Schiffe, das Isolden trägt, zugewandt. So gewaltig auch das Mitleiden

in uns hineingreift, in einem gewissen Sinne rettet uns doch das

Mitleiden vor dem Urleiden der Welt, wie das Gleichnissbild des Mythus

uns vor dem unmittelbaren Anschauen der höchsten Weltidee, wie der

Gedanke und das Wort uns vor dem ungedämmten Ergusse des unbewussten

Willens rettet. Durch jene herrliche apollinische Täuschung dünkt es

uns, als ob uns selbst das Tonreich wie eine plastische Welt gegenüber

träte, als ob auch in ihr nur Tristan's und Isoldens Schicksal, wie

in einem allerzartesten und ausdrucksfähigsten Stoffe, geformt und

bildnerisch ausgeprägt worden sei.

So entreisst uns das Apollinische der dionysischen Allgemeinheit

und entzückt uns für die Individuen; an diese fesselt es unsre

Mitleidserregung, durch diese befriedigt es den nach grossen

und erhabenen Formen lechzenden Schönheitssinn; es führt an uns

Lebensbilder vorbei und reizt uns zu gedankenhaftem Erfassen des in

ihnen enthaltenen Lebenskernes. Mit der ungeheuren Wucht des Bildes,

des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung

reisst das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen

Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über die Allgemeinheit des

dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein einzelnes

Weltbild, z.B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik,

nur noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der

heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung

aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des

Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermöchte, ja als ob die

Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen apollinischen

Inhalt sei?

Bei jener prästabilirten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama

und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für

das Wortdrama sonst unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. Wie

alle lebendigen Gestalten der Scene in den selbständig bewegten

Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der geschwungenen Linie vor

uns vereinfachen, ertönt uns das Nebeneinander dieser Linien in

dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisirenden

Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in

sinnlich wahrnehmbarer, keinesfalls abstracter Weise, unmittelbar

vernehmbar werden, wie wir gleichfalls durch ihn erkennen, dass

erst in diesen Relationen das Wesen eines Charakters und einer

Melodienlinie sich rein offenbare. Und während uns so die Musik

zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen, und den Vorgang der

Scene wie ein zartes Gespinnst vor uns auszubreiten, ist für unser

vergeistigtes, in's Innere blickendes Auge die Welt der Bühne eben so

unendlich erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermöchte der

Wortdichter Analoges zu bieten, der mit einem viel unvollkommneren

Mechanismus, auf indirectem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene

innerliche Erweiterung der schaubaren Bühnenwelt und ihre innere

Erleuchtung zu erreichen sich abmüht? Nimmt nun zwar auch die

musikalische Tragödie das Wort hinzu, so kann sie doch zugleich den

Untergrund und die Geburtsstätte des Wortes danebenstellen und uns das

Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen.

Aber von diesem geschilderten Vorgang wäre doch eben so bestimmt

zu sagen, dass er nur ein herrlicher Schein, nämlich jene vorhin

erwähnte apollinische Täuschung sei, durch deren Wirkung wir von

dem dionysischen Andrange und Uebermaasse entlastet werden sollen.

Im Grunde ist ja das Verhältniss der Musik zum Drama gerade das

umgekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama

nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben.

Jene Identität zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt,

zwischen der Harmonie und den Charakterrelationen jener Gestalt ist

in einem entgegengesetzten Sinne wahr, als es uns, beim Anschauen der

musikalischen Tragödie, dünken möchte. Wir mögen die Gestalt uns auf

das Sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus beleuchten, sie

bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brücke giebt, die

in die wahre Realität, in's Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen

heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art

dürften an der gleichen Musik vorüberziehn, sie würden nie das Wesen

derselben erschöpfen, sondern immer nur ihre veräusserlichten Abbilder

sein. Mit dem populären und gänzlich falschen Gegensatz von Seele und

Körper ist freilich für das schwierige Verhältniss von Musik und Drama

nichts zu erklären und alles zu verwirren; aber die unphilosophische

Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Aesthetikern, wer

weiss aus welchen Gründen, zu einem gern bekannten Glaubensartikel

geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz der Erscheinung

und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls

unbekannten Gründen, nichts lernen mochten.

Sollte es sich bei unserer Analysis ergeben haben, dass das

Apollinische in der Tragödie durch seine Täuschung völlig den Sieg

über das dionysische Urelement der Musik davongetragen und sich diese

zu ihren Absichten, nämlich zu einer höchsten Verdeutlichung des

Drama's, nutzbar gemacht habe, so wäre freilich eine sehr wichtige

Einschränkung hinzuzufügen: in dem allerwesentlichsten Punkte ist jene

apollinische Täuschung durchbrochen und vernichtet. Das Drama, das in

so innerlich erleuchteter Deutlichkeit aller Bewegungen und Gestalten,

mit Hülfe der Musik, sich vor uns ausbreitet, als ob wir das Gewebe

am Webstuhl im Auf - und Niederzucken entstehen sehen - erreicht als

Ganzes eine Wirkung, die jenseits aller apollinischen Kunstwirkungen

liegt. In der Gesammtwirkung der Tragödie erlangt das Dionysische

wieder das Uebergewicht; sie schliesst mit einem Klange, der niemals

von dem Reiche der apollinischen Kunst her tönen könnte. Und damit

erweist sich die apollinische Täuschung als das, was sie ist, als

die während der Dauer der Tragödie anhaltende Umschleierung der

eigentlichen dionysischen Wirkung: die doch so mächtig ist, am Schluss

das apollinische Drama selbst in eine Sphäre zu drängen, wo es mit

dionysischer Weisheit zu reden beginnt und wo es sich selbst und seine

apollinische Sichtbarkeit verneint. So wäre wirklich das schwierige

Verhältniss des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie

durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisiren: Dionysus

redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schliesslich die Sprache des

Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt

erreicht ist.

22.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 10 / 12 段