Und nun soll man sich nicht verbergen, was im Schoosse dieser

sokratischen Cultur verborgen liegt! Der unumschränkt sich wähnende

Optimismus! Nun soll man nicht erschrecken, wenn die Früchte dieses

Optimismus reifen, wenn die von einer derartigen Cultur bis in die

niedrigsten Schichten hinein durchsäuerte Gesellschaft allmählich

unter üppigen Wallungen und Begehrungen erzittert, wenn der Glaube an

das Erdenglück Aller, wenn der Glaube an die Möglichkeit einer solchen

allgemeinen Wissenscultur allmählich in die drohende Forderung eines

solchen alexandrinischen Erdenglückes, in die Beschwörung eines

Euripideischen deus ex machina umschlägt! Man soll es merken: die

alexandrinische Cultur braucht einen Sclavenstand, um auf die Dauer

existieren zu können: aber sie leugnet, in ihrer optimistischen

Betrachtung des Daseins, die Nothwendigkeit eines solchen Standes

und geht deshalb, wenn der Effect ihrer schönen Verführungs und

Beruhigungsworte von der "Würde des Menschen" und der "Würde der

Arbeit" verbraucht ist, allmählich einer grauenvollen Vernichtung

entgegen. Es giebt nichts Furchtbareres als einen barbarischen

Sclavenstand, der seine Existenz als ein Unrecht zu betrachten

gelernt hat und sich anschickt, nicht nur für sich, sondern für alle

Generationen Rache zu nehmen. Wer wagt es, solchen drohenden Stürmen

entgegen, sicheren Muthes an unsere blassen und ermüdeten Religionen

zu appelliren, die selbst in ihren Fundamenten zu Gelehrtenreligionen

entartet sind: so dass der Mythus, die nothwendige Voraussetzung jeder

Religion, bereits überall gelähmt ist, und selbst auf diesem Bereich

jener optimistische Geist zur Herrschaft gekommen ist, den wir als den

Vernichtungskeim unserer Gesellschaft eben bezeichnet haben.

Während das im Schoosse der theoretischen Cultur schlummernde Unheil

allmählich den modernen Menschen zu ängstigen beginnt, und er,

unruhig, aus dem Schatze seiner Erfahrungen nach Mitteln greift, um

die Gefahr abzuwenden, ohne selbst an diese Mittel recht zu glauben;

während er also seine eigenen Consequenzen zu ahnen beginnt:

haben grosse allgemein angelegte Naturen, mit einer unglaublichen

Besonnenheit, das Rüstzeug der Wissenschaft selbst zu benützen

gewusst, um die Grenzen und die Bedingtheit des Erkennens überhaupt

darzulegen und damit den Anspruch der Wissenschaft auf universale

Geltung und universale Zwecke entscheidend zu leugnen: bei welchem

Nachweise zum ersten Male jene Wahnvorstellung als solche erkannt

wurde, welche, an der Hand der Causalität, sich anmaasst, das innerste

Wesen der Dinge ergründen zu können. Der ungeheuren Tapferkeit und

Weisheit Kant's und Schopenhauer's ist der schwerste Sieg gelungen,

der Sieg über den im Wesen der Logik verborgen liegenden Optimismus,

der wiederum der Untergrund unserer Cultur ist. Wenn dieser an die

Erkennbarkeit und Ergründlichkeit aller Welträthsel, gestützt auf

die ihm unbedenklichen aeternae veritates, geglaubt und Raum, Zeit

und Causalität als gänzlich unbedingte Gesetze von allgemeinster

Gültigkeit behandelt hatte, offenbarte Kant, wie diese eigentlich nur

dazu dienten, die blosse Erscheinung, das Werk der Maja, zur einzigen

und höchsten Realität zu erheben und sie an die Stelle des innersten

und wahren Wesens der Dinge zu setzen und die wirkliche Erkenntniss

von diesem dadurch unmöglich zu machen, d.h., nach einem

Schopenhauer'schen Ausspruche, den Träumer noch fester einzuschläfern

(W. a. W. u. V. I, p. 498). Mit dieser Erkenntniss ist eine Cultur

eingeleitet, welche ich als eine tragische zu bezeichnen wage: deren

wichtigstes Merkmal ist, dass an die Stelle der Wissenschaft als

höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich, ungetäuscht durch

die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem

Blicke dem Gesammtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige

Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu

ergreifen sucht. Denken wir uns eine heranwachsende Generation mit

dieser Unerschrockenheit des Blicks, mit diesem heroischen Zug ins

Ungeheure, denken wir uns den kühnen Schritt dieser Drachentödter, die

stolze Verwegenheit, mit der sie allen den Schwächlichkeitsdoctrinen

jenes Optimismus den Rücken kehren, um im Ganzen und Vollen "resolut

zu leben": sollte es nicht nöthig sein, dass der tragische Mensch

dieser Cultur, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zum Schrecken,

eine neue Kunst, die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie

als die ihm zugehörige Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:

Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,

In's Leben ziehn die einzigste Gestalt?

Nachdem aber die sokratische Cultur von zwei Seiten aus erschüttert

ist und das Scepter ihrer Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Händen

zu halten vermag, einmal aus Furcht vor ihren eigenen Consequenzen,

die sie nachgerade zu ahnen beginnt, sodann weil sie selbst von der

ewigen Gültigkeit ihres Fundamentes nicht mehr mit dem früheren naiven

Zutrauen überzeugt ist: so ist es ein trauriges Schauspiel, wie sich

der Tanz ihres Denkens sehnsüchtig immer auf neue Gestalten stürzt,

um sie zu umarmen, und sie dann plötzlich wieder, wie Mephistopheles

die verführerischen Lamien, schaudernd fahren lässt. Das ist ja das

Merkmal jenes "Bruches", von dem Jedermann als von dem Urleiden der

modernen Cultur zu reden pflegt, dass der theoretische Mensch vor

seinen Consequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt

sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich

läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch

mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das

optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Cultur,

die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde

gehen muss, wenn sie anfängt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren

Consequenzen zurück zu fliehen. Unsere Kunst offenbart diese

allgemeine Noth: umsonst dass man sich an alle grossen productiven

Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst dass man die ganze

"Weltlitteratur" zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt

und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten

hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er

bleibt doch der ewig Hungernde, der "Kritiker" ohne Lust und Kraft,

der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector

ist und an Bücherstaub und Druckfehlern elend erblindet.

19.

Man kann den innersten Gehalt dieser sokratischen Cultur nicht

schärfer bezeichnen, als wenn man sie die Cultur der Oper nennt: denn

auf diesem Gebiete hat sich diese Cultur mit eigener Naivetät über ihr

Wollen und Erkennen ausgesprochen, zu unserer Verwunderung, wenn wir

die Genesis der Oper und die Thatsachen der Opernentwicklung mit

den ewigen Wahrheiten des Apollinischen und des Dionysischen

zusammenhalten. Ich erinnere zunächst an die Entstehung des stilo

rappresentativo und des Recitativs. Ist es glaublich, dass diese

gänzlich veräusserlichte, der Andacht unfähige Musik der Oper von

einer Zeit mit schwärmerischer Gunst, gleichsam als die Wiedergeburt

aller wahren Musik, empfangen und gehegt werden konnte, aus der sich

soeben die unaussprechbar erhabene und heilige Musik Palestrina's

erhoben hatte? Und wer möchte andrerseits nur die zerstreuungssüchtige

Ueppigkeit jener Florentiner Kreise und die Eitelkeit ihrer

dramatischen Sänger für die so ungestüm sich verbreitende Lust an der

Oper verantwortlich machen? Dass in derselben Zeit, ja in demselben

Volke neben dem Gewölbebau Palestrinischer Harmonien, an dem das

gesammte christliche Mittelalter gebaut hatte, jene Leidenschaft für

eine halbmusikalisch Sprechart erwachte, vermag ich mir nur aus einer

im Wesen des Recitativs mitwirkenden ausserkünstlerischen Tendenz zu

erklären.

Dem Zuhörer, der das Wort unter dem Gesange deutlich vernehmen will,

entspricht der Sänger dadurch, dass er mehr spricht als singt und dass

er den pathetischen Wortausdruck in diesem Halbgesange verschärft:

durch diese Verschärfung des Pathos erleichtert er das Verständniss

des Wortes und überwindet jene übrig gebliebene Hälfte der Musik. Die

eigentliche Gefahr, die ihm jetzt droht, ist die, dass er der Musik

einmal zur Unzeit das Obergewicht ertheilt, wodurch sofort Pathos

der Rede und Deutlichkeit des Wortes zu Grunde gehen müsste: während

er andrerseits immer den Trieb zu musikalischer Entladung und zu

virtuosenhafter Präsentation seiner Stimme fühlt. Hier kommt ihm

der "Dichter" zu Hülfe, der ihm genug Gelegenheiten zu lyrischen

Interjectionen, Wort- und Sentenzenwiederholungen u.s.w. zu bieten

weiss: an welchen Stellen der Sänger jetzt in dem rein musikalischen

Elemente, ohne Rücksicht auf das Wort, ausruhen kann. Dieser Wechsel

affectvoll eindringlicher, doch nur halb gesungener Rede und ganz

gesungener Interjection, der im Wesen des stilo rappresentativo

liegt, dies rasch wechselnde Bemühen, bald auf den Begriff und

die Vorstellung, bald auf den musikalischen Grund des Zuhörers zu

wirken, ist etwas so gänzlich Unnatürliches und den Kunsttrieben des

Dionysischen und des Apollinischen in gleicher Weise so innerlich

Widersprechendes, dass man auf einen Ursprung des Recitativs zu

schliessen hat, der ausserhalb aller künstlerischen Instincte liegt.

Das Recitativ ist nach dieser Schilderung zu definiren als die

Vermischung des epischen und des lyrischen Vortrags und zwar

keinesfalls die innerlich beständige Mischung, die bei so gänzlich

disparaten Dingen nicht erreicht werden konnte, sondern die

äusserlichste mosaikartige Conglutination, wie etwas Derartiges im

Bereich der Natur und der Erfahrung gänzlich vorbildlos ist. Dies war

aber nicht die Meinung jener Erfinder des Recitativs: vielmehr glauben

sie selbst und mit ihnen ihr Zeitalter, dass durch jenen stilo

rappresentativo das Geheimniss der antiken Musik gelöst sei, aus dem

sich allein die ungeheure Wirkung eines Orpheus, Amphion, ja auch

der griechischen Tragödie erklären lasse. Der neue Stil galt als die

Wiedererweckung der wirkungsvollsten Musik, der altgriechischen:

ja man durfte sich, bei der allgemeinen und ganz volksthümlichen

Auffassung der homerischen Welt als der Urwelt, dem Traume

überlassen, jetzt wieder in die paradiesischen Anfänge der Menschheit

hinabgestiegen zu sein, in der nothwendig auch die Musik jene

unübertroffne Reinheit, Macht und Unschuld gehabt haben müsste,

von der die Dichter in ihren Schäferspielen so rührend zu erzählen

wussten. Hier sehen wir in das innerlichste Werden dieser recht

eigentlich modernen Kunstgattung, der Oper: ein mächtiges Bedürfniss

erzwingt sich hier eine Kunst, aber ein Bedürfniss unaesthetischer

Art: die Sehnsucht zum Idyll, der Glaube an eine urvorzeitliche

Existenz des künstlerischen und guten Menschen. Das Recitativ galt

als die wiederentdeckte Sprache jenes Urmenschen; die Oper als das

wiederaufgefundene Land jenes idyllisch oder heroisch guten Wesens,

das zugleich in allen seinen Handlungen einem natürlichen Kunsttriebe

folgt, das bei allem, was es zu sagen hat, wenigstens etwas singt, um,

bei der leisesten Gefühlserregung, sofort mit voller Stimme zu singen.

Es ist für uns jetzt gleichgültig, dass mit diesem neugeschaffnen

Bilde des paradiesischen Künstlers die damaligen Humanisten gegen

die alte kirchliche Vorstellung vom an sich verderbten und verlornen

Menschen ankämpften: so dass die Oper als das Oppositionsdogma vom

guten Menschen zu verstehen ist, mit dem aber zugleich ein Trostmittel

gegen jenen Pessimismus gefunden war, zu dem gerade die Ernstgesinnten

jener Zeit, bei der grauenhaften Unsicherheit aller Zustände, am

stärksten gereizt waren. Genug, wenn wir erkannt haben, wie der

eigentliche Zauber und damit die Genesis dieser neuen Kunstform in der

Befriedigung eines gänzlich unaesthetischen Bedürfnisses liegt, in der

optimistischen Verherrlichung des Menschen an sich, in der Auffassung

des Urmenschen als des von Natur guten und künstlerischen Menschen:

welches Princip der Oper sich allmählich in eine drohende und

entsetzliche Forderung umgewandelt hat, die wir, im Angesicht der

socialistischen Bewegungen der Gegenwart, nicht mehr überhören

können. Der "gute Urmensch" will seine Rechte: welche paradiesischen

Aussichten!

Ich stelle daneben noch eine eben so deutliche Bestätigung meiner

Ansicht, dass die Oper auf den gleichen Principien mit unserer

alexandrinischen Cultur aufgebaut ist. Die Oper ist die Geburt des

theoretischen Menschen, des kritischen Laien, nicht des Künstlers:

eine der befremdlichsten Thatsachen in der Geschichte aller Künste. Es

war die Forderung recht eigentlich unmusikalischer Zuhörer, dass man

vor allem das Wort verstehen müsse: so dass eine Wiedergeburt der

Tonkunst nur zu erwarten sei, wenn man irgend eine Gesangesweise

entdecken werde, bei welcher das Textwort über den Contrapunkt wie der

Herr über den Diener herrsche. Denn die Worte seien um so viel edler

als das begleitende harmonische System, um wie viel die Seele edler

als der Körper sei. Mit der laienhaft unmusikalischen Rohheit dieser

Ansichten wurde in den Anfängen der Oper die Verbindung von Musik,

Bild und Wort behandelt; im Sinne dieser Aesthetik kam es auch in den

vornehmen Laienkreisen von Florenz, durch hier patronisirte Dichter

und Sänger, zu den ersten Experimenten. Der kunstohnmächtige Mensch

erzeugt sich eine Art von Kunst, gerade dadurch, dass er der

unkünstlerische Mensch an sich ist. Weil er die dionysische Tiefe

der Musik nicht ahnt, verwandelt er sich den Musikgenuss zur

verstandesmässigen Wort- und Tonrhetorik der Leidenschaft im stilo

rappresentativo und zur Wohllust der Gesangeskünste; weil er

keine Vision zu schauen vermag, zwingt er den Maschinisten und

Decorationskünstler in seinen Dienst; weil er das wahre Wesen

des Künstlers nicht zu erfassen weiss, zaubert er vor sich den

"künstlerischen Urmenschen" nach seinem Geschmack hin d.h. den

Menschen, der in der Leidenschaft singt und Verse spricht. Er träumt

sich in eine Zeit hinein, in der die Leidenschaft ausreicht, um

Gesänge und Dichtungen zu erzeugen: als ob jeder Affect im Stande

gewesen sei, etwas Künstlerisches zu schaffen. Die Voraussetzung der

Oper ist ein falscher Glaube über den künstlerischen Prozess und zwar

jener idyllische Glaube, dass eigentlich jeder empfindende Mensch

Künstler sei. Im Sinne dieses Glaubens ist die Oper der Ausdruck des

Laienthums in der Kunst, das seine Gesetze mit dem heitern Optimismus

des theoretischen Menschen dictirt.

Sollten wir wünschen, die beiden eben geschilderten, bei der

Entstehung der Oper wirksamen Vorstellungen unter einen Begriff zu

vereinigen, so würde uns nur übrig bleiben, von einer idyllischen

Tendenz der Oper zu sprechen: wobei wir uns allein der Ausdrucksweise

und Erklärung Schillers zu bedienen hätten. Entweder, sagt dieser,

ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als

verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beide sind ein

Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das

erste giebt die Elegie in engerer, das andere die Idylle in weitester

Bedeutung. Hier ist nun sofort auf das gemeinsame Merkmal jener beiden

Vorstellungen in der Operngenesis aufmerksam zu machen, dass in ihnen

das Ideal nicht als unerreicht, die Natur nicht als verloren empfunden

wird. Es gab nach dieser Empfindung eine Urzeit des Menschen, in der

er am Herzen der Natur lag und bei dieser Natürlichkeit zugleich das

Ideal der Menschheit, in einer paradiesischen Güte und Künstlerschaft,

erreicht hatte: von welchem vollkommnen Urmenschen wir alle abstammen

sollten, ja dessen getreues Ebenbild wir noch wären: nur müssten wir

Einiges von uns werfen, um uns selbst wieder als diesen Urmenschen zu

erkennen, vermöge einer freiwilligen Entäusserung von überflüssiger

Gelehrsamkeit, von überreicher Cultur. Der Bildungsmensch der

Renaissance liess sich durch seine opernhafte Imitation der

griechischen Tragödie zu einem solchen Zusammenklang von Natur und

Ideal, zu einer idyllischen Wirklichkeit zurückgeleiten, er benutzte

diese Tragödie, wie Dante den Virgil benutzte, um bis an die Pforten

des Paradieses geführt zu werden: während er von hier aus selbständig

noch weiter schritt und von einer Imitation der höchsten griechischen

Kunstform zu einer "Wiederbringung aller Dinge", zu einer Nachbildung

der ursprünglichen Kunstwelt des Menschen überging. Welche

zuversichtliche Gutmüthigkeit dieser verwegenen Bestrebungen, mitten

im Schoosse der theoretischen Cultur! - einzig nur aus dem tröstenden

Glauben zu erklären, dass "der Mensch an sich" der ewig tugendhafte

Opernheld, der ewig flötende oder singende Schäfer sei, der sich

endlich immer als solchen wiederfinden müsse, falls er sich selbst

irgendwann einmal wirklich auf einige Zeit verloren habe, einzig

die Frucht jenes Optimismus, der aus der Tiefe der sokratischen

Weltbetrachtung hier wie eine süsslich verführerische Duftsäule

emporsteigt.

Es liegt also auf den Zügen der Oper keinesfalls jener elegische

Schmerz eines ewigen Verlustes, vielmehr die Heiterkeit des ewigen

Wiederfindens, die bequeme Lust an einer idyllischen Wirklichkeit, die

man wenigstens sich als wirklich in jedem Augenblicke vorstellen kann:

wobei man vielleicht einmal ahnt, dass diese vermeinte Wirklichkeit

nichts als ein phantastisch läppisches Getändel ist, dem jeder, der

es an dem furchtbaren Ernst der wahren Natur zu messen und mit den

eigentlichen Urscenen der Menschheitsanfänge zu vergleichen vermöchte,

mit Ekel zurufen müsste: Weg mit dem Phantom! Trotzdem würde man sich

täuschen, wenn man glaubte, ein solches tändelndes Wesen, wie die

Oper ist, einfach durch einen kräftigen Anruf, wie ein Gespenst,

verscheuchen zu können. Wer die Oper vernichten will, muss den Kampf

gegen jene alexandrinische Heiterkeit aufnehmen, die sich in ihr so

naiv über ihre Lieblingsvorstellung ausspricht, ja deren eigentliche

Kunstform sie ist. Was ist aber für die Kunst selbst von dem Wirken

einer Kunstform zu erwarten, deren Ursprünge überhaupt nicht im

aesthetischen Bereiche liegen, die sich vielmehr aus einer halb

moralischen Sphäre auf das künstlerische Gebiet hinübergestohlen

hat und über diese hybride Entstehung nur hier und da einmal

hinwegzutäuschen vermochte? Von welchen Säften nährt sich dieses

parasitische Opernwesen, wenn nicht von denen der wahren Kunst?

Wird nicht zu muthmaassen sein, dass, unter seinen idyllischen

Verführungen, unter seinen alexandrinischen Schmeichelkünsten, die

höchste und wahrhaftig ernst zu nennende Aufgabe der Kunst - das Auge

vom Blick in's Grauen der Nacht zu erlösen und das Subject durch den

heilenden Balsam des Scheins aus dem Krampfe der Willensregungen zu

retten - zu einer leeren und zerstreuenden Ergetzlichkeitstendenz

entarten werde? Was wird aus den ewigen Wahrheiten des Dionysischen

und des Apollinischen, bei einer solchen Stilvermischung, wie ich sie

am Wesen des stilo rappresentativo dargelegt habe? wo die Musik als

Diener, das Textwort als Herr betrachtet, die Musik mit dem Körper,

das Textwort mit der Seele verglichen wird? wo das höchste Ziel

bestenfalls auf eine umschreibende Tonmalerei gerichtet sein wird,

ähnlich wie ehedem im neuen attischen Dithyrambus? wo der Musik ihre

wahre Würde, dionysischer Weltspiegel zu sein, völlig entfremdet

ist, so dass ihr nur übrig bleibt, als Sclavin der Erscheinung, das

Formenwesen der Erscheinung nachzuahmen und in dem Spiele der Linien

und Proportionen eine äusserliche Ergetzung zu erregen. Einer strengen

Betrachtung fällt dieser verhängnissvolle Einfluss der Oper auf die

Musik geradezu mit der gesammten modernen Musikentwicklung zusammen;

dem in der Genesis der Oper und im Wesen der durch sie repräsentirten

Cultur lauernden Optimismus ist es in beängstigender Schnelligkeit

gelungen, die Musik ihrer dionysischen Weltbestimmung zu entkleiden

und ihr einen formenspielerischen, vergnüglichen Charakter

aufzuprägen: mit welcher Veränderung nur etwa die Metamorphose des

aeschyleischen Menschen in den alexandrinischen Heiterkeitsmenschen

verglichen werden dürfte.

Wenn wir aber mit Recht in der hiermit angedeuteten Exemplification

das Entschwinden des dionysischen Geistes mit einer höchst

auffälligen, aber bisher unerklärten Umwandlung und Degeneration

des griechischen Menschen in Zusammenhang gebracht haben - welche

Hoffnungen müssen in uns aufleben, wenn uns die allersichersten

Auspicien den umgekehrten Prozess, das allmähliche Erwachen des

dionysischen Geistes in unserer gegenwärtigen Welt, verbürgen! Es ist

nicht möglich, dass die göttliche Kraft des Herakles ewig im üppigen

Frohndienste der Omphale erschlafft. Aus dem dionysischen Grunde

des deutschen Geistes ist eine Macht emporgestiegen, die mit den

Urbedingungen der sokratischen Cultur nichts gemein hat und aus

ihnen weder zu erklären noch zu entschuldigen ist, vielmehr

von dieser Cultur als das Schrecklich Unerklärliche, als das

Uebermächtig-Feindselige empfunden wird, die deutsche Musik, wie wir

sie vornehmlich in ihrem mächtigen Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven,

von Beethoven zu Wagner zu verstehen haben. Was vermag die

erkenntnisslüsterne Sokratik unserer Tage günstigsten Falls mit diesem

aus unerschöpflichen Tiefen emporsteigenden Dämon zu beginnen? Weder

von dem Zacken- und Arabeskenwerk der Opernmelodie aus, noch mit Hülfe

des arithmetischen Rechenbretts der Fuge und der contrapunktischen

Dialektik will sich die Formel finden lassen, in deren dreimal

gewaltigem Licht man jenen Dämon sich unterwürfig zu machen und zum

Reden zu zwingen vermöchte. Welches Schauspiel, wenn jetzt unsere

Aesthetiker, mit dem Fangnetz einer ihnen eignen "Schönheit", nach

dem vor ihnen mit unbegreiflichem Leben sich tummelnden Musikgenius

schlagen und haschen, unter Bewegungen, die nach der ewigen Schönheit

ebensowenig als nach dem Erhabenen beurtheilt werden wollen. Man mag

sich nur diese Musikgönner einmal leibhaft und in der Nähe besehen,

wenn sie so unermüdlich Schönheit! Schönheit! rufen, ob sie sich

dabei wie die im Schoosse des Schönen gebildeten und verwöhnten

Lieblingskinder der Natur ausnehmen oder ob sie nicht vielmehr für

die eigne Rohheit eine lügnerisch verhüllende Form, für die eigne

empfindungsarme Nüchternheit einen aesthetischen Vorwand suchen: wobei

ich z.B. an Otto Jahn denke. Vor der deutschen Musik aber mag sich

der Lügner und Heuchler in Acht nehmen: denn gerade sie ist, inmitten

aller unserer Cultur, der einzig reine, lautere und läuternde

Feuergeist, von dem aus und zu dem hin, wie in der Lehre des grossen

Heraklit von Ephesus, sich alle Dinge in doppelter Kreisbahn bewegen:

alles, was wir jetzt Cultur, Bildung, Civilisation nennen, wird einmal

vor dem untrüglichen Richter Dionysus erscheinen müssen.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 9 / 12 段