Jenes Urproblem möchten wir vielleicht mit dieser Frage berühren:

welche aesthetische Wirkung entsteht, wenn jene an sich getrennten

Kunstmächte des Apollinischen und des Dionysischen neben einander

in Thätigkeit gerathen? Oder in kürzerer Form: wie verhält sich

die Musik zu Bild und Begriff? - Schopenhauer, dem Richard Wagner

gerade für diesen Punkt eine nicht zu überbietende Deutlichkeit und

Durchsichtigkeit der Darstellung nachrühmt, äussert sich hierüber am

ausführlichsten in der folgenden Stelle, die ich hier in ihrer ganzen

Länge wiedergeben werde. Welt als Wille und Vorstellung I, p. 309:

"Diesem allen zufolge können wir die erscheinende Welt, oder die

Natur, und die Musik als zwei verschiedene Ausdrücke derselben Sache

ansehen, welche selbst daher das allein Vermittelnde der Analogie

beider ist, dessen Erkenntniss erfordert wird, um jene Analogie

einzusehen. Die Musik ist demnach, wenn als Ausdruck der Welt

angesehen eine im höchsten Grad allgemeine Sprache, die sich sogar

zur Allgemeinheit der Begriffe ungefähr verhält wie diese zu den

einzelnen Dingen. Ihre Allgemeinheit ist aber keineswegs jene leere

Allgemeinheit der Abstraction, sondern ganz anderer Art und ist

verbunden mit durchgängiger deutlicher Bestimmtheit. Sie gleicht

hierin den geometrischen Figuren und den Zahlen, welche als die

allgemeinen Formen aller möglichen Objecte der Erfahrung und auf alle

a priori anwendbar, doch nicht abstract, sondern anschaulich und

durchgängig bestimmt sind. Alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und

Aeusserungen des Willens, alle jene Vorgänge im Innern des Menschen,

welche die Vernunft in den weiten negativen Begriff Gefühl wirft, sind

durch die unendlich vielen möglichen Melodien auszudrücken, aber immer

in der Allgemeinheit blosser Form, ohne den Stoff, immer nur nach

dem Ansich, nicht nach der Erscheinung, gleichsam die innerste Seele

derselben, ohne Körper. Aus diesem innigen Verhältniss, welches die

Musik zum wahren Wesen aller Dinge hat, ist auch dies zu erklären,

dass, wenn zu irgend einer Scene, Handlung, Vorgang, Umgebung, eine

passende Musik ertönt, diese uns den geheimsten Sinn derselben

aufzuschliessen scheint und als der richtigste und deutlichste

Commentar dazu auftritt; imgleichen, dass es Dem, der sich dem

Eindruck einer Symphonie ganz hingiebt, ist, als sähe er alle

möglichen Vorgänge des Lebens und der Welt an sich vorüberziehen:

dennoch kann er, wenn er sich besinnt, keine Aehnlichkeit angeben

zwischen jenem Tonspiel und den Dingen, die ihm vorschwebten. Denn die

Musik ist, wie gesagt, darin von allen anderen Künsten verschieden,

dass sie nicht Abbild der Erscheinung, oder richtiger, der adäquaten

Objectität des Willens, sondern unmittelbar Abbild des Willens selbst

ist und also zu allem Physischen der Welt das Metaphysische, zu aller

Erscheinung das Ding an sich darstellt. Man könnte demnach die Welt

ebensowohl verkörperte Musik, als verkörperten Willen nennen: daraus

also ist es erklärlich, warum Musik jedes Gemälde, ja jede Scene des

wirklichen Lebens und der Welt, sogleich in erhöhter Bedeutsamkeit

hervortreten lässt; freilich um so mehr, je analoger ihre Melodie dem

innern Geiste der gegebenen Erscheinung ist. Hierauf beruht es, dass

man ein Gedicht als Gesang, oder eine anschauliche Darstellung als

Pantomime, oder beides als Oper der Musik unterlegen kann. Solche

einzelne Bilder des Menschenlebens, der allgemeinen Sprache der Musik

untergelegt, sind nie mit durchgängiger Nothwendigkeit ihr verbunden

oder entsprechend; sondern sie stehen zu ihr nur im Verhältniss eines

beliebigen Beispiels zu einem allgemeinen Begriff: sie stellen in

der Bestimmtheit der Wirklichkeit Dasjenige dar, was die Musik in

der Allgemeinheit blosser Form aussagt. Denn die Melodien sind

gewissermaassen, gleich den allgemeinen Begriffen, ein Abstractum

der Wirklichkeit. Diese nämlich, also die Welt der einzelnen Dinge,

liefert das Anschauliche, das Besondere und Individuelle, den

einzelnen Fall, sowohl zur Allgemeinheit der Begriffe, als zur

Allgemeinheit der Melodien, welche beide Allgemeinheiten einander aber

in gewisser Hinsicht entgegengesetzt sind; indem die Begriffe nur

die allererst aus der Anschauung abstrahirten Formen, gleichsam die

abgezogene äussere Schale der Dinge enthalten, also ganz eigentlich

Abstracta sind; die Musik hingegen den innersten aller Gestaltung

vorhergängigen Kern, oder das Herz der Dinge giebt. Dies Verhältniss

liesse sich recht gut in der Sprache der Scholastiker ausdrücken,

indem man sagte: die Begriffe sind die universalia post rem, die

Musik aber giebt die universalia ante rem, und die Wirklichkeit die

universalia in re. Dass aber überhaupt eine Beziehung zwischen einer

Composition und einer anschaulichen Darstellung möglich ist, beruht,

wie gesagt, darauf, dass beide nur ganz verschiedene Ausdrücke

desselben innern Wesens der Welt sind. Wann nun im einzelnen Fall

eine solche Beziehung wirklich vorhanden ist, also der Componist die

Willensregungen, welche den Kern einer Begebenheit ausmachen, in der

allgemeinen Sprache der Musik auszusprechen gewusst hat: dann ist

die Melodie des Liedes, die Musik der Oper ausdrucksvoll. Die vom

Componisten aufgefundene Analogie zwischen jenen beiden muss aber

aus der unmittelbaren Erkenntniss des Wesens der Welt, seiner

Vernunft unbewusst, hervorgegangen und darf nicht, mit bewusster

Absichtlichkeit, durch Begriffe vermittelte Nachahmung sein: sonst

spricht die Musik nicht das innere Wesen, den Willen selbst aus;

sondern ahmt nur seine Erscheinung ungenügend nach; wie dies alle

eigentlich nachbildende Musik thut". -

Wir verstehen also, nach der Lehre Schopenhauer's, die Musik als die

Sprache des Willens unmittelbar und fühlen unsere Phantasie angeregt,

jene zu uns redende, unsichtbare und doch so lebhaft bewegte

Geisterwelt zu gestalten und sie in einem analogen Beispiel uns zu

verkörpern. Andrerseits kommt Bild und Begriff, unter der Einwirkung

einer wahrhaft entsprechenden Musik, zu einer erhöhten Bedeutsamkeit.

Zweierlei Wirkungen pflegt also die dionysische Kunst auf das

apollinische Kunstvermögen auszuüben: die Musik reizt zum

gleichnissartigen Anschauen der dionysischen Allgemeinheit, die Musik

lässt sodann das gleichnissartige Bild in höchster Bedeutsamkeit

hervortreten. Aus diesen an sich verständlichen und keiner tieferen

Beobachtung unzugänglichen Thatsachen erschliesse ich die Befähigung

der Musik, den Mythus d.h. das bedeutsamste Exempel zu gebären und

gerade den tragischen Mythus: den Mythus, der von der dionysischen

Erkenntniss in Gleichnissen redet. An dem Phänomen des Lyrikers

habe ich dargestellt, wie die Musik im Lyriker darnach ringt, in

apollinischen Bildern über ihr Wesen sich kund zu geben: denken wir

uns jetzt, dass die Musik in ihrer höchsten Steigerung auch zu einer

höchsten Verbildlichung zu kommen suchen muss, so müssen wir für

möglich halten, dass sie auch den symbolischen Ausdruck für ihre

eigentliche dionysische Weisheit zu finden wisse; und wo anders werden

wir diesen Ausdruck zu suchen haben, wenn nicht in der Tragödie und

überhaupt im Begriff des Tragischen?

Aus dem Wesen der Kunst, wie sie gemeinhin nach der einzigen Kategorie

des Scheines und der Schönheit begriffen wird, ist das Tragische in

ehrlicher Weise gar nicht abzuleiten; erst aus dem Geiste der Musik

heraus verstehen wir eine Freude an der Vernichtung des Individuums.

Denn an den einzelnen Beispielen einer solchen Vernichtung wird uns

nur das ewige Phänomen der dionysischen Kunst deutlich gemacht,

die den Willen in seiner Allmacht gleichsam hinter dem principio

individuationis, das ewige Leben jenseit aller Erscheinung und trotz

aller Vernichtung zum Ausdruck bringt. Die metaphysische Freude

am Tragischen ist eine Uebersetzung der instinctiv unbewussten

dionysischen Weisheit in die Sprache des Bildes: der Held, die höchste

Willenserscheinung, wird zu unserer Lust verneint, weil er doch

nur Erscheinung ist, und das ewige Leben des Willens durch seine

Vernichtung nicht berührt wird. "Wir glauben an das ewige Leben", so

ruft die Tragödie; während die Musik die unmittelbare Idee dieses

Lebens ist. Ein ganz verschiednes Ziel hat die Kunst des Plastikers:

hier überwindet Apollo das Leiden des Individuums durch die leuchtende

Verherrlichung der Ewigkeit der Erscheinung, hier siegt die Schönheit

über das dem Leben inhärirende Leiden, der Schmerz wird in einem

gewissen Sinne aus den Zügen der Natur hinweggelogen. In der

dionysischen Kunst und in deren tragischer Symbolik redet uns dieselbe

Natur mit ihrer wahren, unverstellten Stimme an: "Seid wie ich

bin! Unter dem unaufhörlichen Wechsel der Erscheinungen die

ewig schöpferische, ewig zum Dasein zwingende, an diesem

Erscheinungswechsel sich ewig befriedigende Urmutter!"

17.

Auch die dionysische Kunst will uns von der ewigen Lust des Daseins

überzeugen: nur sollen wir diese Lust nicht in den Erscheinungen,

sondern hinter den Erscheinungen suchen. Wir sollen erkennen, wie

alles, was entsteht, zum leidvollen Untergange bereit sein muss,

wir werden gezwungen in die Schrecken der Individualexistenz

hineinzublicken - und sollen doch nicht erstarren: ein metaphysischer

Trost reisst uns momentan aus dem Getriebe der Wandelgestalten heraus.

Wir sind wirklich in kurzen Augenblicken das Urwesen selbst und fühlen

dessen unbändige Daseinsgier und Daseinslust; der Kampf, die Qual, die

Vernichtung der Erscheinungen dünkt uns jetzt wie nothwendig, bei dem

Uebermaass von unzähligen, sich in's Leben drängenden und stossenden

Daseinsformen, bei der überschwänglichen Fruchtbarkeit des

Weltwillens; wir werden von dem wüthenden Stachel dieser Qualen

in demselben Augenblicke durchbohrt, wo wir gleichsam mit der

unermesslichen Urlust am Dasein eins geworden sind und wo wir die

Unzerstörbarkeit und Ewigkeit dieser Lust in dionysischer Entzückung

ahnen. Trotz Furcht und Mitleid sind wir die glücklich-Lebendigen,

nicht als Individuen, sondern als das eine Lebendige, mit dessen

Zeugungslust wir verschmolzen sind.

Die Entstehungsgeschichte der griechischen Tragödie sagt uns jetzt mit

lichtvoller Bestimmtheit, wie das tragische Kunstwerk der Griechen

wirklich aus dem Geiste der Musik herausgeboren ist: durch welchen

Gedanken wir zum ersten Male dem ursprünglichen und so erstaunlichen

Sinne des Chors gerecht geworden zu sein glauben. Zugleich aber müssen

wir zugeben, dass die vorhin aufgestellte Bedeutung des tragischen

Mythus den griechischen Dichtern, geschweige den griechischen

Philosophen, niemals in begrifflicher Deutlichkeit durchsichtig

geworden ist; ihre Helden sprechen gewissermaassen oberflächlicher

als sie handeln, der Mythus findet in dem gesprochnen Wort durchaus

nicht seine adäquate Objectivation. Das Gefüge der Scenen und die

anschaulichen Bilder offenbaren eine tiefere Weisheit, als der Dichter

selbst in Worte und Begriffe fassen kann: wie das Gleiche auch bei

Shakespeare beobachtet wird, dessen Hamlet z.B. in einem ähnlichen

Sinne oberflächlicher redet als er handelt, so dass nicht aus den

Worten heraus, sondern aus dem vertieften Anschauen und Ueberschauen

des Ganzen jene früher erwähnte Hamletlehre zu entnehmen ist. In

Betreff der griechischen Tragödie, die uns freilich nur als Wortdrama

entgegentritt, habe ich sogar angedeutet, dass jene Incongruenz

zwischen Mythus und Wort uns leicht verführen könnte, sie für flacher

und bedeutungsloser zu halten, als sie ist, und demnach auch eine

oberflächlichere Wirkung für sie vorauszusetzen, als sie nach den

Zeugnissen der Alten gehabt haben muss: denn wie leicht vergisst

man, dass, was dem Wortdichter nicht gelungen war, die höchste

Vergeistigung und Idealität des Mythus zu erreichen, ihm als

schöpferischem Musiker in jedem Augenblick gelingen konnte! Wir

freilich müssen uns die Uebermacht der musikalischen Wirkung fast auf

gelehrtem Wege reconstruiren, um etwas von jenem unvergleichlichen

Troste zu empfangen, der der wahren Tragödie zu eigen sein muss.

Selbst diese musikalische Uebermacht aber würden wir nur, wenn wir

Griechen wären, als solche empfunden haben: während wir in der ganzen

Entfaltung der griechischen Musik - der uns bekannten und vertrauten,

so unendlich reicheren gegenüber - nur das in schüchternem

Kraftgefühle angestimmte Jünglingslied des musikalischen Genius zu

hören glauben. Die Griechen sind, wie die ägyptischen Priester sagen,

die ewigen Kinder, und auch in der tragischen Kunst nur die Kinder,

welche nicht wissen, welches erhabene Spielzeug unter ihren Händen

entstanden ist und - zertrümmert wird.

Jenes Ringen des Geistes der Musik nach bildlicher und mythischer

Offenbarung, welches von den Anfängen der Lyrik bis zur attischen

Tragödie sich steigert, bricht plötzlich, nach eben erst errungener

üppiger Entfaltung, ab und verschwindet gleichsam von der Oberfläche

der hellenischen Kunst: während die aus diesem Ringen geborne

dionysische Weltbetrachtung in den Mysterien weiterlebt und in den

wunderbarsten Metamorphosen und Entartungen nicht aufhört, ernstere

Naturen an sich zu ziehen Ob sie nicht aus ihrer mystischen Tiefe

einst wieder als Kunst emporsteigen wird?

Hier beschäftigt uns die Frage, ob die Macht, an deren Entgegenwirken

die Tragödie sich brach, für alle Zeit genug Stärke hat, um das

künstlerische Wiedererwachen der Tragödie und der tragischen

Weltbetrachtung zu verhindern. Wenn die alte Tragödie durch den

dialektischen Trieb zum Wissen und zum Optimismus der Wissenschaft

aus ihrem Gleise gedrängt wurde, so wäre aus dieser Thatsache auf

einen ewigen Kampf zwischen der theoretischen und der tragischen

Weltbetrachtung zu schliessen; und erst nachdem der Geist der

Wissenschaft bis an seine Grenze geführt ist, und sein Anspruch auf

universale Gültigkeit durch den Nachweis jener Grenzen vernichtet ist

dürfte auf eine Wiedergeburt der Tragödie zu hoffen sein: für welche

Culturform wir das Symbol des musiktreibenden Sokrates, in dem früher

erörterten Sinne, hinzustellen hätten. Bei dieser Gegenüberstellung

verstehe ich unter dem Geiste der Wissenschaft jenen zuerst in

der Person des Sokrates an's Licht gekommenen Glauben an die

Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens.

Wer sich an die nächsten Folgen dieses rastlos vorwärtsdringenden

Geistes der Wissenschaft erinnert, wird sich sofort vergegenwärtigen,

wie durch ihn der Mythus vernichtet wurde und wie durch diese

Vernichtung die Poesie aus ihrem natürlichen idealen Boden, als eine

nunmehr heimathlose, verdrängt war. Haben wir mit Recht der Musik die

Kraft zugesprochen, den Mythus wieder aus sich gebären zu können, so

werden wir den Geist der Wissenschaft auch auf der Bahn zu suchen

haben, wo er dieser mythenschaffenden Kraft der Musik feindlich

entgegentritt. Dies geschieht in der Entfaltung des neueren attischen

Dithyrambus, dessen Musik nicht mehr das innere Wesen, den Willen

selbst aussprach, sondern nur die Erscheinung ungenügend, in einer

durch Begriffe vermittelten Nachahmung wiedergab: von welcher

innerlich entarteten Musik sich die wahrhaft musikalischen Naturen mit

demselben Widerwillen abwandten, den sie vor der kunstmörderischen

Tendenz des Sokrates hatten. Der sicher zugreifende Instinct des

Aristophanes hat gewiss das Rechte erfasst, wenn er Sokrates selbst,

die Tragödie des Euripides und die Musik der neueren Dithyrambiker

in dem gleichen Gefühle des Hasses zusammenfasste und in allen drei

Phänomenen die Merkmale einer degenerirten Cultur witterte. Durch

jenen neueren Dithyrambus ist die Musik in frevelhafter Weise zum

imitatorischen Conterfei der Erscheinung z.B. einer Schlacht, eines

Seesturmes gemacht und damit allerdings ihrer mythenschaffenden Kraft

gänzlich beraubt worden. Denn wenn sie unsere Ergetzung nur dadurch

zu erregen sucht, dass sie uns zwingt, äusserliche Analogien zwischen

einem Vorgange des Lebens und der Natur und gewissen rhythmischen

Figuren und charakteristischen Klängen der Musik zu suchen, wenn sich

unser Verstand an der Erkenntniss dieser Analogien befriedigen soll,

so sind wir in eine Stimmung herabgezogen, in der eine Empfängniss

des Mythischen unmöglich ist; denn der Mythus will als ein einziges

Exempel einer in's Unendliche hinein starrenden Allgemeinheit und

Wahrheit anschaulich empfunden werden. Die wahrhaft dionysische

Musik tritt uns als ein solcher allgemeiner Spiegel des Weltwillens

gegenüber: jenes anschauliche Ereigniss, das sich in diesem Spiegel

bricht, erweitert sich sofort für unser Gefühl zum Abbilde einer

ewigen Wahrheit. Umgekehrt wird ein solches anschauliches Ereigniss

durch die Tonmalerei des neueren Dithyrambus sofort jedes mythischen

Charakters entkleidet; jetzt ist die Musik zum dürftigen Abbilde der

Erscheinung geworden und darum unendlich ärmer als die Erscheinung

selbst: durch welche Armuth sie für unsere Empfindung die Erscheinung

selbst noch herabzieht, so dass jetzt z.B. eine derartig musikalisch

imitirte Schlacht sich in Marschlärm, Signalklängen u.s.w. erschöpft,

und unsere Phantasie gerade bei diesen Oberflächlichkeiten

festgehalten wird. Die Tonmalerei ist also in jeder Beziehung das

Gegenstück zu der mythenschaffenden Kraft der wahren Musik: durch

sie wird die Erscheinung noch ärmer als sie ist, während durch

die dionysische Musik die einzelne Erscheinung sich zum Weltbilde

bereichert und erweitert. Es war ein mächtiger Sieg des undionysischen

Geistes, als er, in der Entfaltung des neueren Dithyrambus, die

Musik sich selbst entfremdet und sie zur Sclavin der Erscheinung

herabgedrückt hatte. Euripides, der in einem höhern Sinne eine

durchaus unmusikalische Natur genannt werden muss, ist aus eben

diesem Grunde leidenschaftlicher Anhänger der neueren dithyrambischen

Musik und verwendet mit der Freigebigkeit eines Räubers alle ihre

Effectstücke und Manieren.

Nach einer anderen Seite sehen wir die Kraft dieses undionysischen,

gegen den Mythus gerichteten Geistes in Thätigkeit, wenn wir unsere

Blicke auf das Ueberhandnehmen der Charakterdarstellung und des

psychologischen Raffinements in der Tragödie von Sophokles ab richten.

Der Charakter soll sich nicht mehr zum ewigen Typus erweitern lassen,

sondern im Gegentheil so durch künstliche Nebenzüge und Schattirungen,

durch feinste Bestimmtheit aller Linien individuell wirken, dass

der Zuschauer überhaupt nicht mehr den Mythus, sondern die mächtige

Naturwahrheit und die Imitationskraft des Künstlers empfindet. Auch

hier gewahren wir den Sieg der Erscheinung über das Allgemeine und

die Lust an dem einzelnen gleichsam anatomischen Präparat, wir

athmen bereits die Luft einer theoretischen Welt, welcher die

wissenschaftliche Erkenntniss höher gilt als die künstlerische

Wiederspiegelung einer Weltregel. Die Bewegung auf der Linie des

Charakteristischen geht schnell weiter: während noch Sophokles ganze

Charactere malt und zu ihrer raffinirten Entfaltung den Mythus

ins Joch spannt, malt Euripides bereits nur noch grosse einzelne

Charakterzüge, die sich in heftigen Leidenschaften zu äussern wissen;

in der neuern attischen Komödie giebt es nur noch Masken mit einem

Ausdruck, leichtsinnige Alte, geprellte Kuppler, verschmitzte Sclaven

in unermüdlicher Wiederholung. Wohin ist jetzt der mythenbildende

Geist der Musik? Was jetzt noch von Musik übrig ist, das ist entweder

Aufregungs- oder Erinnerungsmusik d.h. entweder ein Stimulanzmittel

für stumpfe und verbrauchte Nerven oder Tonmalerei. Für die erstere

kommt es auf den untergelegten Text kaum noch an: schon bei Euripides

geht es, wenn seine Helden oder Chöre erst zu singen anfangen, recht

lüderlich zu; wohin mag es bei seinen frechen Nachfolgern gekommen

sein?

Am allerdeutlichsten aber offenbart sich der neue undionysische Geist

in den Schlüssen der neueren Dramen. In der alten Tragödie war der

metaphysische Trost am Ende zu spüren gewesen, ohne den die Lust

an der Tragödie überhaupt nicht zu erklären ist; am reinsten tönt

vielleicht im Oedipus auf Kolonos der versöhnende Klang aus einer

anderen Welt. Jetzt, als der Genius der Musik aus der Tragödie

entflohen war, ist, im strengen Sinne, die Tragödie todt: denn woher

sollte man jetzt jenen metaphysischen Trost schöpfen können? Man

suchte daher nach einer irdischen Lösung der tragischen Dissonanz;

der Held, nachdem er durch das Schicksal hinreichend gemartert war,

erntete in einer stattlichen Heirat, in göttlichen Ehrenbezeugungen

einen wohlverdienten Lohn. Der Held war zum Gladiator geworden, dem

man, nachdem er tüchtig geschunden und mit Wunden überdeckt war,

gelegentlich die Freiheit schenkte. Der deus ex machina ist an Stelle

des metaphysischen Trostes getreten. Ich will nicht sagen, dass die

tragische Weltbetrachtung überall und völlig durch den andrängenden

Geist des Undionysischen zerstört wurde: wir wissen nur, dass sie

sich aus der Kunst gleichsam in die Unterwelt, in einer Entartung

zum Geheimcult, flüchten musste. Aber auf dem weitesten Gebiete der

Oberfläche des hellenischen Wesens wüthete der verzehrende Hauch jenes

Geistes, welcher sich in jener Form der "griechischen Heiterkeit"

kundgiebt, von der bereits früher, als von einer greisenhaft

unproductiven Daseinslust, die Rede war; diese Heiterkeit ist ein

Gegenstück zu der herrlichen "Naivetät" der älteren Griechen, wie sie,

nach der gegebenen Charakteristik, zu fassen ist als die aus einem

düsteren Abgrunde hervorwachsende Blüthe der apollinischen Cultur, als

der Sieg, den der hellenische Wille durch seine Schönheitsspiegelung

über das Leiden und die Weisheit des Leidens davonträgt. Die

edelste Form jener anderen Form der "griechischen Heiterkeit", der

alexandrinischen, ist die Heiterkeit des theoretischen Menschen:

sie zeigt dieselben charakteristischen Merkmale, die ich soeben aus

dem Geiste des Undionysischen ableitete - dass sie die dionysische

Weisheit und Kunst bekämpft, dass sie den Mythus aufzulösen trachtet,

dass sie an Stelle eines metaphysischen Trostes eine irdische

Consonanz, ja einen eigenen deus ex machina setzt, nämlich den Gott

der Maschinen und Schmelztiegel, d.h. die im Dienste des höheren

Egoismus erkannten und verwendeten Kräfte der Naturgeister, dass

sie an eine Correctur der Welt durch das Wissen, an ein durch die

Wissenschaft geleitetes Leben glaubt und auch wirklich im Stande

ist, den einzelnen Menschen in einen allerengsten Kreis von lösbaren

Aufgaben zu bannen, innerhalb dessen er heiter zum Leben sagt: "Ich

will dich: du bist werth erkannt zu werden".

18.

Es ist ein ewiges Phänomen: immer findet der gierige Wille ein Mittel,

durch eine über die Dinge gebreitete Illusion seine Geschöpfe im

Leben festzuhalten und zum Weiterleben zu zwingen. Diesen fesselt die

sokratische Lust des Erkennens und der Wahn, durch dasselbe die ewige

Wunde des Daseins heilen zu können, jenen umstrickt der vor seinen

Augen wehende verführerische Schönheitsschleier der Kunst, jenen

wiederum der metaphysische Trost, dass unter dem Wirbel der

Erscheinungen das ewige Leben unzerstörbar weiterfliesst: um von den

gemeineren und fast noch kräftigeren Illusionen, die der Wille in

jedem Augenblick bereithält, zu schweigen. Jene drei Illusionsstufen

sind überhaupt nur für die edler ausgestatteten Naturen, von denen die

Last und Schwere des Daseins überhaupt mit tieferer Unlust empfunden

wird und die durch ausgesuchte Reizmittel über diese Unlust

hinwegzutäuschen sind. Aus diesen Reizmitteln besteht alles, was wir

Cultur nennen: je nach der Proportion der Mischungen haben wir eine

vorzugsweise sokratische oder künstlerische oder tragische Cultur:

oder wenn man historische Exemplificationen erlauben will: es giebt

entweder eine alexandrinische oder eine hellenische oder eine

buddhaistische Cultur.

Unsere ganze moderne Welt ist in dem Netz der alexandrinischen Cultur

befangen und kennt als Ideal den mit höchsten Erkenntnisskräften

ausgerüsteten, im Dienste der Wissenschaft arbeitenden theoretischen

Menschen, dessen Urbild und Stammvater Sokrates ist. Alle unsere

Erziehungsmittel haben ursprünglich dieses Ideal im Auge: jede andere

Existenz hat sich mühsam nebenbei emporzuringen, als erlaubte, nicht

als beabsichtigte Existenz. In einem fast erschreckenden Sinne ist

hier eine lange Zeit der Gebildete allein in der Form des Gelehrten

gefunden worden; selbst unsere dichterischen Künste haben sich aus

gelehrten Imitationen entwickeln müssen, und in dem Haupteffect des

Reimes erkennen wir noch die Entstehung unserer poetischen Form aus

künstlichen Experimenten mit einer nicht heimischen, recht eigentlich

gelehrten Sprache. Wie unverständlich müsste einem ächten Griechen der

an sich verständliche moderne Culturmensch Faust erscheinen, der durch

alle Facultäten unbefriedigt stürmende, aus Wissenstrieb der Magie und

dem Teufel ergebene Faust, den wir nur zur Vergleichung neben Sokrates

zu stellen haben, um zu erkennen, dass der moderne Mensch die Grenzen

jener sokratischen Erkenntnisslust zu ahnen beginnt und aus dem weiten

wüsten Wissensmeere nach einer Küste verlangt. Wenn Goethe einmal zu

Eckermann, mit Bezug auf Napoleon, äussert: "Ja mein Guter, es giebt

auch eine Productivität der Thaten", so hat er, in anmuthig naiver

Weise, daran erinnert, dass der nicht theoretische Mensch für den

modernen Menschen etwas Unglaubwürdiges und Staunenerregendes ist,

so dass es wieder der Weisheit eines Goethe bedarf, um auch eine so

befremdende Existenzform begreiflich, ja verzeihlich zu finden.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 8 / 12 段