Wer jenen innersten Kern der Prometheussage versteht - nämlich die dem

titanisch strebenden Individuum gebotene Nothwendigkeit des Frevels

- der muss auch zugleich das Unapollinische dieser pessimistischen

Vorstellung empfinden; denn Apollo will die Einzelwesen gerade dadurch

zur Ruhe bringen, dass er Grenzlinien zwischen ihnen zieht und dass

er immer wieder an diese als an die heiligsten Weltgesetze mit seinen

Forderungen der Selbsterkenntniss und des Maasses erinnert. Damit

aber bei dieser apollinischen Tendenz die Form nicht zu ägyptischer

Steifigkeit und Kälte erstarre, damit nicht unter dem Bemühen, der

einzelnen Welle ihre Bahn und ihr Bereich vorzuschreiben, die Bewegung

des ganzen See's ersterbe, zerstörte von Zeit zu Zeit wieder die hohe

Fluth des Dionysischen alle jene kleinen Zirkel, in die der einseitig

apollinische "Wille" das Hellenenthum zu bannen suchte. Jene plötzlich

anschwellende Fluth des Dionysischen nimmt dann die einzelnen kleinen

Wellenberge der Individuen auf ihren Rücken, wie der Bruder des

Prometheus, der Titan Atlas, die Erde. Dieser titanische Drang,

gleichsam der Atlas aller Einzelnen zu werden und sie mit breitem

Rücken höher und höher, weiter und weiter zu tragen, ist das

Gemeinsame zwischen dem Prometheischen und dem Dionysischen. Der

aeschyleische Prometheus ist in diesem Betracht eine dionysische

Maske, während in jenem vorhin erwähnten tiefen Zuge nach

Gerechtigkeit Aeschylus seine väterliche Abstammung von Apollo,

dem Gotte der Individuation und der Gerechtigkeitsgrenzen, dem

Einsichtigen verräth. Und so möchte das Doppelwesen des aeschyleischen

Prometheus, seine zugleich dionysische und apollinische Natur in

begrifflicher Formel so ausgedrückt werden können: "Alles Vorhandene

ist gerecht und ungerecht und in beidem gleich berechtigt."

Das ist deine Welt! Das heisst eine Welt! -

10.

Es ist eine unanfechtbare Ueberlieferung, dass die griechische

Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum

Gegenstand hatte und dass der längere Zeit hindurch einzig vorhandene

Bühnenheld eben Dionysus war. Aber mit der gleichen Sicherheit darf

behauptet werden, dass niemals bis auf Euripides Dionysus aufgehört

hat, der tragische Held zu sein, sondern dass alle die berühmten

Figuren der griechischen Bühne Prometheus, Oedipus u.s.w. nur Masken

jenes ursprünglichen Helden Dionysus sind. Dass hinter allen diesen

Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund für

die so oft angestaunte typische "Idealität" jener berühmten Figuren.

Es hat ich weiss nicht wer behauptet, dass alle Individuen als

Individuen komisch und damit untragisch seien: woraus zu entnehmen

wäre, dass die Griechen überhaupt Individuen auf der tragischen

Bühne nicht ertragen konnten. In der That scheinen sie so empfunden

zu haben: wie überhaupt jene platonische Unterscheidung und

Werthabschätzung der "Idee" im Gegensatze zum "Idol", zum Abbild tief

im hellenischen Wesen begründet liegt. Um uns aber der Terminologie

Plato's zu bedienen, so wäre von den tragischen Gestalten der

hellenischen Bühne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus

erscheint in einer Vielheit der Gestalten, in der Maske eines

kämpfenden Helden und gleichsam in das Netz des Einzelwillens

verstrickt. So wie jetzt der erscheinende Gott redet und handelt,

ähnelt er einem irrenden strebenden leidenden Individuum: und dass er

überhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit und Deutlichkeit erscheint,

ist die Wirkung des Traumdeuters Apollo, der dem Chore seinen

dionysischen Zustand durch jene gleichnissartige Erscheinung deutet.

In Wahrheit aber ist jener Held der leidende Dionysus der Mysterien,

jener die Leiden der Individuation an sich erfahrende Gott, von

dem wundervolle Mythen erzählen, wie er als Knabe von den Titanen

zerstückelt worden sei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt

werde: wobei angedeutet wird, dass diese Zerstückelung, das eigentlich

dionysische Leiden, gleich einer Umwandlung in Luft, Wasser, Erde und

Feuer sei, dass wir also den Zustand der Individuation als den Quell

und Urgrund alles Leidens, als etwas an sich Verwerfliches, zu

betrachten hätten. Aus dem Lächeln dieses Dionysus sind die

olympischen Götter, aus seinen Thränen die Menschen entstanden. In

jener Existenz als zerstückelter Gott hat Dionysus die Doppelnatur

eines grausamen verwilderten Dämons und eines milden sanftmüthigen

Herrschers. Die Hoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt

des Dionysus, die wir jetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll

zu begreifen haben: diesem kommenden dritten Dionysus erscholl der

brausende Jubelgesang der Epopten. Und nur in dieser Hoffnung giebt

es einen Strahl von Freude auf dem Antlitze der zerrissenen, in

Individuen zertrümmerten Welt: wie es der Mythus durch die in ewige

Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Male wieder

sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysus nocheinmal

gebären. In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle

Bestandtheile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung

und zugleich damit die Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die

Grunderkenntniss von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung

der Individuation als des Urgrundes des Uebels, die Kunst als die

freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu zerbrechen sei,

als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. -

Es ist früher angedeutet worden, dass das homerische Epos die Dichtung

der olympischen Cultur ist, mit der sie ihr eignes Siegeslied über

die Schrecken des Titanenkampfes gesungen hat. Jetzt, unter dem

übermächtigen Einflusse der tragischen Dichtung, werden die

homerischen Mythen von Neuem umgeboren und zeigen in dieser

Metempsychose, dass inzwischen auch die olympische Cultur von einer

noch tieferen Weltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan

Prometheus hat es seinem olympischen Peiniger angekündigt, dass einst

seiner Herrschaft die höchste Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten

Zeit sich mit ihm verbinden werde. In Aeschylus erkennen wir das

Bündniss des erschreckten, vor seinem Ende bangenden Zeus mit dem

Titanen. So wird das frühere Titanenzeitalter nachträglich wieder aus

dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie der wilden und nackten

Natur schaut die vorübertanzenden Mythen der homerischen Welt mit der

unverhüllten Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, sie zittern vor

dem blitzartigen Auge dieser Göttin - bis sie die mächtige Faust

des dionysischen Künstlers in den Dienst der neuen Gottheit zwingt.

Die dionysische Wahrheit übernimmt das gesammte Bereich des Mythus

als Symbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese theils in dem

öffentlichen Cultus der Tragödie, theils in den geheimen Begehungen

dramatischer Mysterienfeste, aber immer unter der alten mythischen

Hülle aus. Welche Kraft war dies, die den Prometheus von seinen Geiern

befreite und den Mythus zum Vehikel dionysischer Weisheit umwandelte?

Dies ist die heraklesmässige Kraft der Musik: als welche, in der

Tragödie zu ihrer höchsten Erscheinung gekommen, den Mythus mit neuer

tiefsinnigster Bedeutsamkeit zu interpretiren weiss; wie wir dies als

das mächtigste Vermögen der Musik früher schon zu charakterisiren

hatten. Denn es ist das Loos jedes Mythus, allmählich in die Enge

einer angeblich historischen Wirklichkeit hineinzukriechen und von

irgend einer späteren Zeit als einmaliges Factum mit historischen

Ansprüchen behandelt zu werden: und die Griechen waren bereits völlig

auf dem Wege, ihren ganzen mythischen Jugendtraum mit Scharfsinn und

Willkür in eine historisch-pragmatische Jugendgeschichte umzustempeln.

Denn dies ist die Art, wie Religionen abzusterben pflegen: wenn

nämlich die mythischen Voraussetzungen einer Religion unter den

strengen, verstandesmässigen Augen eines rechtgläubigen Dogmatismus

als eine fertige Summe von historischen Ereignissen systematisirt

werden und man anfängt, ängstlich die Glaubwürdigkeit der Mythen

zu vertheidigen, aber gegen jedes natürliche Weiterleben und

Weiterwuchern derselben sich zu sträuben, wenn also das Gefühl für

den Mythus abstirbt und an seine Stelle der Anspruch der Religion auf

historische Grundlagen tritt. Diesen absterbenden Mythus ergriff jetzt

der neugeborne Genius der dionysischen Musik: und in seiner Hand

blühte er noch einmal, mit Farben, wie er sie noch nie gezeigt, mit

einem Duft, der eine sehnsüchtige Ahnung einer metaphysischen Welt

erregte. Nach diesem letzten Aufglänzen fällt er zusammen, seine

Blätter werden welk, und bald haschen die spöttischen Luciane des

Alterthums nach den von allen Winden fortgetragnen, entfärbten und

verwüsteten Blumen. Durch die Tragödie kommt der Mythus zu seinem

tiefsten Inhalt, seiner ausdrucksvollsten Form; noch einmal erhebt er

sich, wie ein verwundeter Held, und der ganze Ueberschuss von Kraft,

sammt der weisheitsvollen Ruhe des Sterbenden, brennt in seinem Auge

mit letztem, mächtigem Leuchten.

Was wolltest du, frevelnder Euripides, als du diesen Sterbenden

noch einmal zu deinem Frohndienste zu zwingen suchtest? Er starb

unter deinen gewaltsamen Händen: und jetzt brauchtest du einen

nachgemachten, maskirten Mythus, der sich wie der Affe des Herakles

mit dem alten Prunke nur noch aufzuputzen wusste. Und wie dir der

Mythus starb, so starb dir auch der Genius der Musik: mochtest du

auch mit gierigem Zugreifen alle Gärten der Musik plündern, auch

so brachtest du es nur zu einer nachgemachten maskirten Musik. Und

weil du Dionysus verlassen, so verliess dich auch Apollo; jage alle

Leidenschaften von ihrem Lager auf und banne sie in deinen Kreis,

spitze und feile dir für die Reden deiner Helden eine sophistische

Dialektik zurecht - auch deine Helden haben nur nachgeahmte maskirte

Leidenschaften und sprechen nur nachgeahmte maskirte Reden.

11.

Die griechische Tragödie ist anders zu Grunde gegangen als sämmtliche

ältere schwesterliche Kunstgattungen: sie starb durch Selbstmord, in

Folge eines unlösbaren Conflictes, also tragisch, während jene alle in

hohem Alter des schönsten und ruhigsten Todes verblichen sind. Wenn

es nämlich einem glücklichen Naturzustande gemäss ist, mit schöner

Nachkommenschaft und ohne Krampf vom Leben zu scheiden, so zeigt

uns das Ende jener älteren Kunstgattungen einen solchen glücklichen

Naturzustand: sie tauchen langsam unter, und vor ihren ersterbenden

Blicken steht schon ihr schönerer Nachwuchs und reckt mit muthiger

Gebärde ungeduldig das Haupt. Mit dem Tode der griechischen Tragödie

dagegen entstand eine ungeheure, überall tief empfundene Leere; wie

einmal griechische Schiffer zu Zeiten des Tiberius an einem einsamen

Eiland den erschütternden Schrei hörten "der grosse Pan ist todt": so

klang es jetzt wie ein schmerzlicher Klageton durch die hellenische

Welt: "die Tragödie ist todt! Die Poesie selbst ist mit ihr verloren

gegangen! Fort, fort mit euch verkümmerten, abgemagerten Epigonen!

Fort in den Hades, damit ihr euch dort an den Brosamen der vormaligen

Meister einmal satt essen könnt!"

Als aber nun doch noch eine neue Kunstgattung aufblühte, die in der

Tragödie ihre Vorgängerin und Meisterin verehrte, da war mit Schrecken

wahrzunehmen, dass sie allerdings die Züge ihrer Mutter trage, aber

dieselben, die jene in ihrem langen Todeskampfe gezeigt hatte. Diesen

Todeskampf der Tragödie kämpfte Euripides; jene spätere Kunstgattung

ist als neue reattische Komödie bekannt. In ihr lebte die entartete

Gestalt der Tragödie fort, zum Denkmale ihres überaus mühseligen und

gewaltsamen Hinscheidens.

Bei diesem Zusammenhange ist die leidenschaftliche Zuneigung

begreiflich, welche die Dichter der neueren Komödie zu Euripides

empfanden; so dass der Wunsch des Philemon nicht weiter befremdet, der

sich sogleich aufhängen lassen mochte, nur um den Euripides in der

Unterwelt aufsuchen zu können: wenn er nur überhaupt überzeugt sein

dürfte, dass der Verstorbene auch jetzt noch bei Verstande sei.

Will man aber in aller Kürze und ohne den Anspruch, damit etwas

Erschöpfendes zu sagen, dasjenige bezeichnen, was Euripides mit

Menander und Philemon gemein hat und was für jene so aufregend

vorbildlich wirkte: so genügt es zu sagen, dass der Zuschauer von

Euripides auf die Bühne gebracht worden ist. Wer erkannt hat, aus

welchem Stoffe die prometheischen Tragiker vor Euripides ihre Helden

formten und wie ferne ihnen die Absicht lag, die treue Maske der

Wirklichkeit auf die Bühne zu bringen, der wird auch über die gänzlich

abweichende Tendenz des Euripides im Klaren sein. Der Mensch des

alltäglichen Lebens drang durch ihn aus den Zuschauerräumen auf die

Scene, der Spiegel, in dem früher nur die grossen und kühnen Züge

zum Ausdruck kamen, zeigte jetzt jene peinliche Treue, die auch die

misslungenen Linien der Natur gewissenhaft wiedergiebt. Odysseus, der

typische Hellene der älteren Kunst, sank jetzt unter den Händen der

neueren Dichter zur Figur des Graeculus herab, der von jetzt ab als

gutmüthigverschmitzter Haussclave im Mittelpunkte des dramatischen

Interesse's steht. Was Euripides sich in den aristophanischen

"Fröschen" zum Verdienst anrechnet, dass er die tragische Kunst durch

seine Hausmittel von ihrer pomphaften Beleibtheit befreit habe, das

ist vor allem an seinen tragischen Helden zu spüren. Im Wesentlichen

sah und hörte jetzt der Zuschauer seinen Doppelgänger auf der

euripideischen Bühne und freute sich, dass jener so gut zu reden

verstehe. Bei dieser Freude blieb es aber nicht: man lernte selbst

bei Euripides sprechen, und dessen rühmt er sich selbst im Wettkampfe

mit Aeschylus: wie durch ihn jetzt das Volk kunstmässig und mit

den schlausten Sophisticationen zu beobachten, zu verhandeln und

Folgerungen zu ziehen gelernt habe. Durch diesen Umschwung der

öffentlichen Sprache hat er überhaupt die neuere Komödie möglich

gemacht. Denn von jetzt ab war es kein Geheimniss mehr, wie und mit

welchen Sentenzen die Alltäglichkeit sich auf der Bühne vertreten

könne. Die bürgerliche Mittelmässigkeit, auf die Euripides alle seine

politischen Hoffnungen aufbaute, kam jetzt zu Wort, nachdem bis dahin

in der Tragödie der Halbgott, in der Komödie der betrunkene Satyr

oder der Halbmensch den Sprachcharakter bestimmt hatten. Und so hebt

der aristophanische Euripides zu seinem Preise hervor, wie er das

allgemeine, allbekannte, alltägliche Leben und Treiben dargestellt

habe, über das ein Jeder zu urtheilen befähigt sei. Wenn jetzt die

ganze Masse philosophiere, mit unerhörter Klugheit Land und Gut

verwalte und ihre Prozesse führe, so sei dies sein Verdienst und der

Erfolg der von ihm dem Volke eingeimpften Weisheit.

An eine derartig zubereitete und aufgeklärte Masse durfte sich jetzt

die neuere Komödie wenden, für die Euripides gewissermaassen der

Chorlehrer geworden ist; nur dass diesmal der Chor der Zuschauer

eingeübt werden musste. Sobald dieser in der euripideischen Tonart

zu singen geübt war, erhob sich jene schachspielartige Gattung des

Schauspiels, die neuere Komödie mit ihrem fortwährenden Triumphe der

Schlauheit und Verschlagenheit. Euripides aber - der Chorlehrer -

wurde unaufhörlich gepriesen: ja man würde sich getödtet haben, um

noch mehr von ihm zu lernen, wenn man nicht gewusst hätte, dass die

tragischen Dichter eben so todt seien wie die Tragödie. Mit ihr aber

hatte der Hellene den Glauben an seine Unsterblichkeit aufgegeben,

nicht nur den Glauben an eine ideale Vergangenheit, sondern auch den

Glauben an eine ideale Zukunft. Das Wort aus der bekannten Grabschrift

"als Greis leichtsinnig und grillig" gilt auch vom greisen

Hellenenthume. Der Augenblick, der Witz, der Leichtsinn, die Laune

sind seine höchsten Gottheiten; der fünfte Stand, der des Sclaven,

kommt, wenigstens der Gesinnung nach, jetzt zur Herrschaft: und wenn

jetzt überhaupt noch von "griechischer Heiterkeit" die Rede sein

darf, so ist es die Heiterkeit des Sclaven, der nichts Schweres zu

verantworten, nichts Grosses zu erstreben, nichts Vergangenes oder

Zukünftiges höher zu schätzen weiss als das Gegenwärtige. Dieser

Schein der "griechischen Heiterkeit" war es, der die tiefsinnigen und

furchtbaren Naturen der vier ersten Jahrhunderte des Christenthums so

empörte: ihnen erschien diese weibische Flucht vor dem Ernst und dem

Schrecken, dieses feige Sichgenügenlassen am bequemen Genuss nicht nur

verächtlich, sondern als die eigentlich antichristliche Gesinnung.

Und ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass die durch Jahrhunderte

fortlebende Anschauung des griechischen Alterthums mit fast

unüberwindlicher Zähigkeit jene blassrothe Heiterkeitsfarbe festhielt

- als ob es nie ein sechstes Jahrhundert mit seiner Geburt der

Tragödie, seinen Mysterien, seinen Pythagoras und Heraklit gegeben

hätte, ja als ob die Kunstwerke der grossen Zeit gar nicht vorhanden

wären, die doch - jedes für sich - aus dem Boden einer solchen

greisenhaften und sclavenmässigen Daseinslust und Heiterkeit gar nicht

zu erklären sind und auf eine völlig andere Weltbetrachtung als ihren

Existenzgrund hinweisen.

Wenn zuletzt behauptet wurde, dass Euripides den Zuschauer auf die

Bühne gebracht habe, um zugleich damit den Zuschauer zum Urtheil über

das Drama erst wahrhaft zu befähigen, so entsteht der Schein, als ob

die ältere tragische Kunst aus einem Missverhältniss zum Zuschauer

nicht herausgekommen sei und man möchte versucht sein, die radicale

Tendenz des Euripides, ein entsprechendes Verhältniss zwischen

Kunstwerk und Publicum zu erzielen, als einen Fortschritt über

Sophokles hinaus zu preisen. Nun aber ist "Publicum" nur ein Wort und

durchaus keine gleichartige und in sich verharrende Grösse. Woher

soll dem Künstler die Verpflichtung kommen, sich einer Kraft zu

accomodieren, die ihre Stärke nur in der Zahl hat? Und wenn er sich,

seiner Begabung und seinen Absichten nach, über jeden einzelnen dieser

Zuschauer erhaben fühlt, wie dürfte er vor dem gemeinsamen Ausdruck

aller dieser ihm untergeordneten Capacitäten mehr Achtung empfinden

als vor dem relativ am höchsten begabten einzelnen Zuschauer? In

Wahrheit hat kein griechischer Künstler mit grösserer Verwegenheit

und Selbstgenugsamkeit sein Publicum durch ein langes Leben hindurch

behandelt als gerade Euripides: er, der selbst da noch, als die Masse

sich ihm zu Füssen warf, in erhabenem Trotze seiner eigenen Tendenz

öffentlich in's Gesicht schlug, derselben Tendenz, mit der er über die

Masse gesiegt hatte. Wenn dieser Genius die geringste Ehrfurcht vor

dem Pandämonium des Publicums gehabt hätte, so wäre er unter den

Keulenschlägen seiner Misserfolge längst vor der Mitte seiner Laufbahn

zusammengebrochen. Wir sehen bei dieser Erwägung, dass unser Ausdruck,

Euripides habe den Zuschauer auf die Bühne gebracht, um den Zuschauer

wahrhaft urtheilsfähig zu machen, nur ein provisorischer war, und dass

wir nach einem tieferen Verständniss seiner Tendenz zu suchen haben.

Umgekehrt ist es ja allerseits bekannt, wie Aeschylus und Sophokles

Zeit ihres Lebens, ja weit über dasselbe hinaus, im Vollbesitze der

Volksgunst standen, wie also bei diesen Vorgängern des Euripides

keineswegs von einem Missverhältniss zwischen Kunstwerk und Publicum

die Rede sein kann. Was trieb den reichbegabten und unablässig zum

Schaffen gedrängten Künstler so gewaltsam von dem Wege ab, über dem

die Sonne der grössten Dichternamen und der unbewölkte Himmel der

Volksgunst leuchteten? Welche sonderbare Rücksicht auf den Zuschauer

führte ihn dem Zuschauer entgegen? Wie konnte er aus zu hoher Achtung

vor seinem Publicum - sein Publicum missachten?

Euripides fühlte sich - das ist die Lösung des eben dargestellten

Räthsels - als Dichter wohl über die Masse, nicht aber über, zwei

seiner Zuschauer erhaben: die Masse brachte er auf die Bühne, jene

beiden Zuschauer verehrte er als die allein urtheilsfähigen Richter

und Meister aller seiner Kunst: ihren Weisungen und Mahnungen folgend

übertrug er die ganze Welt von Empfindungen, Leidenschaften und

Erfahrungen, die bis jetzt auf den Zuschauerbänken als unsichtbarer

Chor zu jeder Festvorstellung sich einstellten, in die Seelen seiner

Bühnenhelden, ihren Forderungen gab er nach, als er für diese neuen

Charaktere auch das neue Wort und den neuen Ton suchte, in ihren

Stimmen allein hörte er die gültigen Richtersprüche seines Schaffens

eben so wie die siegverheissende Ermuthigung, wenn er von der Justiz

des Publicums sich wieder einmal verurtheilt sah.

Von diesen beiden Zuschauern ist der eine - Euripides selbst,

Euripides als Denker, nicht als Dichter. Von ihm könnte man sagen,

dass die ausserordentliche Fülle seines kritischen Talentes, ähnlich

wie bei Lessing, einen productiv künstlerischen Nebentrieb wenn nicht

erzeugt, so doch fortwährend befruchtet habe. Mit dieser Begabung,

mit aller Helligkeit und Behendigkeit seines kritischen Denkens

hatte Euripides im Theater gesessen und sich angestrengt, an den

Meisterwerken seiner grossen Vorgänger wie an dunkelgewordenen

Gemälden Zug um Zug, Linie um Linie wiederzuerkennen. Und hier nun war

ihm begegnet, was dem in die tieferen Geheimnisse der aeschyleischen

Tragödie Eingeweihten nicht unerwartet sein darf: er gewahrte etwas

Incommensurables in jedem Zug und in jeder Linie, eine gewisse

täuschende Bestimmtheit und zugleich eine räthselhafte Tiefe, ja

Unendlichkeit des Hintergrundes. Die klarste Figur hatte immer noch

einen Kometenschweif an sich, der in's Ungewisse, Unaufhellbare zu

deuten schien. Dasselbe Zwielicht lag über dem Bau des Drama's, zumal

über der Bedeutung des Chors. Und wie zweifelhaft blieb ihm die Lösung

der ethischen Probleme! Wie fragwürdig die Behandlung der Mythen! Wie

ungleichmässig die Vertheilung von Glück und Unglück! Selbst in der

Sprache der älteren Tragödie war ihm vieles anstössig, mindestens

räthselhaft; besonders fand er zu viel Pomp für einfache Verhältnisse,

zu viel Tropen und Ungeheuerlichkeiten für die Schlichtheit der

Charaktere. So sass er, unruhig grübelnd, im Theater, und er, der

Zuschauer, gestand sich, dass er seine grossen Vorgänger nicht

verstehe. Galt ihm aber der Verstand als die eigentliche Wurzel alles

Geniessens und Schaffens, so musste er fragen und um sich schauen,

ob denn Niemand so denke wie er und sich gleichfalls jene

Incommensurabilität eingestehe. Aber die Vielen und mit ihnen die

besten Einzelnen hatten nur ein misstrauisches Lächeln für ihn;

erklären aber konnte ihm Keiner, warum seinen Bedenken und

Einwendungen gegenüber die grossen Meister doch im Rechte seien. Und

in diesem qualvollen Zustande fand er den anderen Zuschauer, der die

Tragödie nicht begriff und deshalb nicht achtete. Mit diesem im Bunde

durfte er es wagen, aus seiner Vereinsamung heraus den ungeheuren

Kampf gegen die Kunstwerke des Aeschylus und Sophokles zu beginnen -

nicht mit Streitschriften, sondern als dramatischer Dichter, der seine

Vorstellung von der Tragödie der überlieferten entgegenstellt. -

12.

Bevor wir diesen anderen Zuschauer bei Namen nennen, verharren wir

hier einen Augenblick, um uns jenen früher geschilderten Eindruck

des Zwiespältigen und Incommensurabeln im Wesen der aeschyleischen

Tragödie selbst in's Gedächtniss zurückzurufen. Denken wir an unsere

eigene Befremdung dem Chore und dem tragischen Helden jener Tragödie

gegenüber, die wir beide mit unseren Gewohnheiten ebensowenig wie mit

der Ueberlieferung zu reimen wussten - bis wir jene Doppelheit selbst

als Ursprung und Wesen der griechischen Tragödie wiederfanden, als den

Ausdruck zweier in einander gewobenen Kunsttriebe, des Apollinischen

und des Dionysischen.

Jenes ursprüngliche und allmächtige dionysische Element aus der

Tragödie auszuscheiden und sie rein und neu auf undionysischer Kunst,

Sitte und Weltbetrachtung aufzubauen - dies ist die jetzt in heller

Beleuchtung sich uns enthüllende Tendenz des Euripides.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 5 / 12 段