Unter solchen Stimmungen und Erkenntnissen jubelt die schwärmende

Schaar der Dionysusdiener: deren Macht sie selbst vor ihren eignen

Augen verwandelt, so dass sie sich als wiederhergestellte Naturgenien,

als Satyrn, zu erblicken wähnen. Die spätere Constitution des

Tragödienchors ist die künstlerische Nachahmung jenes natürlichen

Phänomens; bei der nun allerdings eine Scheidung von dionysischen

Zuschauern und dionysischen Verzauberten nöthig wurde. Nur muss

man sich immer gegenwärtig halten, dass das Publicum der attischen

Tragödie sich selbst in dem Chore der Orchestra wiederfand, dass es im

Grunde keinen Gegensatz von Publicum und Chor gab: denn alles ist nur

ein grosser erhabener Chor von tanzenden und singenden Satyrn oder

von solchen, welche sich durch diese Satyrn repräsentiren lassen.

Das Schlegel'sche Wort muss sich uns hier in einem tieferen Sinne

erschliessen. Der Chor ist der "idealische Zuschauer", insofern er

der einzige Schauer ist, der Schauer der Visionswelt der Scene.

Ein Publicum von Zuschauern, wie wir es kennen, war den Griechen

unbekannt: in ihren Theatern war es Jedem, bei dem in concentrischen

Bogen sich erhebenden Terrassenbau des Zuschauerraumes, möglich, die

gesammte Culturwelt um sich herum ganz eigentlich zu übersehen und

in gesättigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu wähnen. Nach dieser

Einsicht dürfen wir den Chor, auf seiner primitiven Stufe in der

Urtragödie, eine Selbstspiegelung des dionysischen Menschen nennen:

welches Phänomen am deutlichsten durch den Prozess des Schauspielers

zu machen ist, der, bei wahrhafter Begabung, sein von ihm

darzustellendes Rollenbild zum Greifen wahrnehmbar vor seinen Augen

schweben sieht. Der Satyrchor ist zu allererst eine Vision der

dionysischen Masse, wie wiederum die Welt der Bühne eine Vision dieses

Satyrchors ist: die Kraft dieser Vision ist stark genug, um gegen den

Eindruck der "Realität", gegen die rings auf den Sitzreihen gelagerten

Bildungsmenschen den Blick stumpf und unempfindlich zu machen. Die

Form des griechischen Theaters erinnert an ein einsames Gebirgsthal:

die Architektur der Scene erscheint wie ein leuchtendes Wolkenbild,

welches die im Gebirge herumschwärmenden Bacchen von der Höhe aus

erblicken, als die herrliche Umrahmung, in deren Mitte ihnen das Bild

des Dionysus offenbar wird.

Jene künstlerische Urerscheinung, die wir hier zur Erklärung des

Tragödienchors zur Sprache bringen, ist, bei unserer gelehrtenhaften

Anschauung über die elementaren künstlerischen Prozesse, fast

anstössig; während nichts ausgemachter sein kann, als dass der Dichter

nur dadurch Dichter ist, dass er von Gestalten sich umringt sieht,

die vor ihm leben und handeln und in deren innerstes Wesen er

hineinblickt. Durch eine eigenthümliche Schwäche der modernen Begabung

sind wir geneigt, uns das aesthetische Urphänomen zu complicirt und

abstract vorzustellen. Die Metapher ist für den ächten Dichter nicht

eine rhetorische Figur, sondern ein stellvertretendes Bild, das ihm

wirklich, an Stelle eines Begriffes, vorschwebt. Der Character ist für

ihn nicht etwas aus zusammengesuchten Einzelzügen componirtes Ganzes,

sondern eine vor seinen Augen aufdringlich lebendige Person, die

von der gleichen Vision des Malers sich nur durch das fortwährende

Weiterleben und Weiterhandeln unterscheidet. Wodurch schildert Homer

so viel anschaulicher als alle Dichter? Weil er um so viel mehr

anschaut. Wir reden über Poesie so abstract, weil wir alle schlechte

Dichter zu sein pflegen. Im Grunde ist das aesthetische Phänomen

einfach; man habe nur die Fähigkeit, fortwährend ein lebendiges Spiel

zu sehen und immerfort von Geisterschaaren umringt zu leben, so ist

man Dichter; man fühle nur den Trieb, sich selbst zu verwandeln und

aus anderen Leibern und Seelen herauszureden, so ist man Dramatiker.

Die dionysische Erregung ist im Stande, einer ganzen Masse diese

künstlerische Begabung mitzutheilen, sich von einer solchen

Geisterschaar umringt zu sehen, mit der sie sich innerlich eins weiss.

Dieser Prozess des Tragödienchors ist das dramatische Urphänomen: sich

selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu handeln, als ob man

wirklich in einen andern Leib, in einen andern Charakter eingegangen

wäre. Dieser Prozess steht an dem Anfang der Entwickelung des Dramas.

Hier ist etwas Anderes als der Rhapsode, der mit seinen Bildern nicht

verschmilzt, sondern sie, dem Maler ähnlich, mit betrachtendem Auge

ausser sich sieht; hier ist bereits ein Aufgeben des Individuums

durch Einkehr in eine fremde Natur. Und zwar tritt dieses Phänomen

epidemisch auf: eine ganze Schaar fühlt sich in dieser Weise

verzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich von jedem anderen

Chorgesange unterschieden. Die Jungfrauen, die, mit Lorbeerzweigen

in der Hand, feierlich zum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein

Prozessionslied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihren

bürgerlichen Namen: der dithyrambische Chor ist ein Chor von

Verwandelten, bei denen ihre bürgerliche Vergangenheit, ihre sociale

Stellung völlig vergessen ist: sie sind die zeitlosen, ausserhalb

aller Gesellschaftssphären lebenden Diener ihres Gottes geworden. Alle

andere Chorlyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure Steigerung des

apollinischen Einzelsängers; während im Dithyramb eine Gemeinde

von unbewussten Schauspielern vor uns steht, die sich selbst unter

einander als verwandelt ansehen.

Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller dramatischen Kunst. In

dieser Verzauberung sieht sich der dionysische Schwärmer als Satyr,

und als Satyr wiederum schaut er den Gott d.h. er sieht in seiner

Verwandlung eine neue Vision ausser sich, als apollinische Vollendung

seines Zustandes. Mit dieser neuen Vision ist das Drama vollständig.

Nach dieser Erkenntniss haben wir die griechische Tragödie als den

dionysischen Chor zu verstehen, der sich immer von neuem wieder

in einer apollinischen Bilderwelt entladet. Jene Chorpartien, mit

denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermaassen der

Mutterschooss des ganzen sogenannten Dialogs d.h. der gesammten

Bühnenwelt, des eigentlichen Dramas. In mehreren auf einander

folgenden Entladungen strahlt dieser Urgrund der Tragödie jene Vision

des Dramas aus: die durchaus Traumerscheinung und insofern epischer

Natur ist, andrerseits aber, als Objectivation eines dionysischen

Zustandes, nicht die apollinische Erlösung im Scheine, sondern im

Gegentheil das Zerbrechen des Individuums und sein Einswerden mit dem

Ursein darstellt. Somit ist das Drama die apollinische Versinnlichung

dionysischer Erkenntnisse und Wirkungen und dadurch wie durch eine

ungeheure Kluft vom Epos abgeschieden.

Der Chor der griechischen Tragödie, das Symbol der gesammten

dionysisch erregten Masse, findet an dieser unserer Auffassung seine

volle Erklärung. Während wir, mit der Gewöhnung an die Stellung eines

Chors auf der modernen Bühne, zumal eines Opernchors, gar nicht

begreifen konnten, wie jener tragische Chor der Griechen älter,

ursprünglicher, ja wichtiger sein sollte, als die eigentliche

"Action", - wie dies doch so deutlich überliefert war - während

wir wiederum mit jener überlieferten hohen Wichtigkeit und

Ursprünglichkeit nicht reimen konnten, warum er doch nur aus niedrigen

dienenden Wesen, ja zuerst nur aus bocksartigen Satyrn zusammengesetzt

worden sei, während uns die Orchestra vor der Scene immer ein Räthsel

blieb, sind wir jetzt zu der Einsicht gekommen, dass die Scene sammt

der Action im Grunde und ursprünglich nur als Vision gedacht wurde,

dass die einzige "Realität" eben der Chor ist, der die Vision aus sich

erzeugt und von ihr mit der ganzen Symbolik des Tanzes, des Tones und

des Wortes redet. Dieser Chor schaut in seiner Vision seinen Herrn und

Meister Dionysus und ist darum ewig der dienende Chor: er sieht, wie

dieser, der Gott, leidet und sich verherrlicht, und handelt deshalb

selbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenüber durchaus dienenden

Stellung ist er doch der höchste, nämlich dionysische Ausdruck der

Natur und redet darum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und

Weisheitssprüche: als der mitleidende ist er zugleich der weise, aus

dem Herzen der Welt die Wahrheit verkündende. So entsteht denn jene

phantastische und so anstössig scheinende Figur des weisen und

begeisterten Satyrs, der zugleich "der tumbe Mensch" im Gegensatz zum

Gotte ist: Abbild der Natur und ihrer stärksten Triebe, ja Symbol

derselben und zugleich Verkünder ihrer Weisheit und Kunst: Musiker,

Dichter, Tänzer, Geisterseher in einer Person.

Dionysus, der eigentliche Bühnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist

gemäss dieser Erkenntniss und gemäss der Ueberlieferung, zuerst, in

der allerältesten Periode der Tragödie, nicht wahrhaft vorhanden,

sondern wird nur als vorhanden vorgestellt: d.h. ursprünglich ist die

Tragödie nur "Chor" und nicht "Drama". Später wird nun der Versuch

gemacht, den Gott als einen realen zu zeigen und die Visionsgestalt

sammt der verklärenden Umrahmung als jedem Auge sichtbar darzustellen;

damit beginnt das "Drama" im engeren Sinne. Jetzt bekommt der

dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung der Zuhörer bis zu dem

Grade dionysisch anzuregen, dass sie, wenn der tragische Held auf

der Bühne erscheint, nicht etwa den unförmlich maskirten Menschen

sehen, sondern eine gleichsam aus ihrer eignen Verzückung geborene

Visionsgestalt. Denken wir uns Admet mit tiefem Sinnen seiner jüngst

abgeschiedenen Gattin Alcestis gedenkend und ganz im geistigen

Anschauen derselben sich verzehrend - wie ihm nun plötzlich ein

ähnlich gestaltetes, ähnlich schreitendes Frauenbild in Verhüllung

entgegengeführt wird: denken wir uns seine plötzliche zitternde

Unruhe, sein stürmisches Vergleichen, seine instinctive Ueberzeugung

- so haben wir ein Analogon zu der Empfindung, mit der der dionysisch

erregte Zuschauer den Gott auf der Bühne heranschreiten sah, mit

dessen Leiden er bereits eins geworden ist. Unwillkürlich übertrug

er das ganze magisch vor seiner Seele zitternde Bild des Gottes auf

jene maskirte Gestalt und löste ihre Realität gleichsam in eine

geisterhafte Unwirklichkeit auf. Dies ist der apollinische

Traumeszustand, in dem die Welt des Tages sich verschleiert und eine

neue Welt, deutlicher, verständlicher, ergreifender als jene und doch

schattengleicher, in fortwährendem Wechsel sich unserem Auge neu

gebiert. Demgemäss erkennen wir in der Tragödie einen durchgreifenden

Stilgegensatz: Sprache, Farbe, Beweglichkeit, Dynamik der Rede

treten in der dionysischen Lyrik des Chors und andrerseits in der

apollinischen Traumwelt der Scene als völlig gesonderte Sphären des

Ausdrucks aus einander. Die apollinischen Erscheinungen, in denen sich

Dionysus objectivirt, sind nicht mehr "ein ewiges Meer, ein wechselnd

Weben, ein glühend Leben", wie es die Musik des Chors ist, nicht mehr

jene nur empfundenen, nicht zum Bilde verdichteten Kräfte, in denen

der begeisterte Dionysusdiener die Nähe des Gottes spürt: jetzt

spricht, von der Scene aus, die Deutlichkeit und Festigkeit der

epischen Gestaltung zu ihm, jetzt redet Dionysus nicht mehr durch

Kräfte, sondern als epischer Held, fast mit der Sprache Homers.

9.

Alles, was im apollinischen Theile der griechischen Tragödie, im

Dialoge, auf die Oberfläche kommt, sieht einfach, durchsichtig, schön

aus. In diesem Sinne ist der Dialog ein Abbild des Hellenen, dessen

Natur sich im Tanze offenbart, weil im Tanze die grösste Kraft nur

potenziell ist, aber sich in der Geschmeidigkeit und Ueppigkeit der

Bewegung verräth. So überrascht uns die Sprache der sophokleischen

Helden durch ihre apollinische Bestimmtheit und Helligkeit, so dass

wir sofort bis in den innersten Grund ihres Wesens zu blicken wähnen,

mit einigem Erstaunen, dass der Weg bis zu diesem Grunde so kurz

ist. Sehen wir aber einmal von dem auf die Oberfläche kommenden und

sichtbar werdenden Charakter des Helden ab - der im Grunde nichts mehr

ist als das auf eine dunkle Wand geworfene Lichtbild d.h. Erscheinung

durch und durch - dringen wir vielmehr in den Mythus ein, der in

diesen hellen Spiegelungen sich projicirt, so erleben wir plötzlich

ein Phänomen, das ein umgekehrtes Verhältniss zu einem bekannten

optischen hat. Wenn wir bei einem kräftigen Versuch, die Sonne in's

Auge zu fassen, uns geblendet abwenden, so haben wir dunkle farbige

Flecken gleichsam als Heilmittel vor den Augen: umgekehrt sind

jene Lichtbilderscheinungen des sophokleischen Helden, kurz das

Apollinische der Maske, nothwendige Erzeugungen eines Blickes in's

Innere und Schreckliche der Natur, gleichsam leuchtende Flecken zur

Heilung des von grausiger Nacht versehrten Blickes. Nur in diesem

Sinne dürfen wir glauben, den ernsthaften und bedeutenden Begriff der

"griechischen Heiterkeit" richtig zu fassen; während wir allerdings

den falsch verstandenen Begriff dieser Heiterkeit im Zustande

ungefährdeten Behagens auf allen Wegen und Stegen der Gegenwart

antreffen.

Die leidvollste Gestalt der griechischen Bühne, der unglückselige

Oedipus, ist von Sophokles als der edle Mensch verstanden worden, der

zum Irrthum und zum Elend trotz seiner Weisheit bestimmt ist, der aber

am Ende durch sein ungeheures Leiden eine magische segensreiche Kraft

um sich ausübt, die noch über sein Verscheiden hinaus wirksam ist. Der

edle Mensch sündigt nicht, will uns der tiefsinnige Dichter sagen:

durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jede natürliche Ordnung, ja die

sittliche Welt zu Grunde gehen, eben durch dieses Handeln wird ein

höherer magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eine neue Welt auf

den Ruinen der umgestürzten alten gründen. Das will uns der Dichter,

insofern er zugleich religiöser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt

er uns zuerst einen wunderbar geschürzten Prozessknoten, den der

Richter langsam, Glied für Glied, zu seinem eigenen Verderben löst;

die echt hellenische Freude an dieser dialektischen Lösung ist so

gross, dass hierdurch ein Zug von überlegener Heiterkeit über das

ganze Werk kommt, der den schauderhaften Voraussetzungen jenes

Prozesses überall die Spitze abbricht. Im "Oedipus auf Kolonos"

treffen wir diese selbe Heiterkeit, aber in eine unendliche Verklärung

emporgehoben; dem vom Uebermaasse des Elends betroffenen Greise

gegenüber, der allem, was ihn betrifft, rein als Leidender

preisgegeben ist - steht die überirdische Heiterkeit, die aus

göttlicher Sphäre herniederkommt und uns andeutet, dass der Held in

seinem rein passiven Verhalten seine höchste Activität erlangt, die

weit über sein Leben hinausgreift, während sein bewusstes Tichten und

Trachten im früheren Leben ihn nur zur Passivität geführt hat. So wird

der für das sterbliche Auge unauflöslich verschlungene Prozessknoten

der Oedipusfabel langsam entwirrt - und die tiefste menschliche Freude

überkommt uns bei diesem göttlichen Gegenstück der Dialektik. Wenn wir

mit dieser Erklärung dem Dichter gerecht geworden sind, so kann doch

immer noch gefragt werden, ob damit der Inhalt des Mythus erschöpft

ist: und hier zeigt sich, dass die ganze Auffassung des Dichters

nichts ist als eben jenes Lichtbild, welches uns, nach einem Blick in

den Abgrund, die heilende Natur vorhält. Oedipus der Mörder seines

Vaters, der Gatte seiner Mutter, Oedipus der Räthsellöser der Sphinx!

Was sagt uns die geheimnissvolle Dreiheit dieser Schicksalsthaten?

Es giebt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, dass ein

weiser Magier nur aus Incest geboren werden könne: was wir uns, im

Hinblick auf den räthsellösenden und seine Mutter freienden Oedipus,

sofort so zu interpretiren haben, dass dort, wo durch weissagende und

magische Kräfte der Bann von Gegenwart und Zukunft, das starre Gesetz

der Individuation, und überhaupt der eigentliche Zauber der Natur

gebrochen ist, eine ungeheure Naturwidrigkeit - wie dort der Incest -

als Ursache vorausgegangen sein muss; denn wie könnte man die Natur

zum Preisgeben ihrer Geheimnisse zwingen, wenn nicht dadurch,

dass man ihr siegreich widerstrebt, d.h. durch das Unnatürliche?

Diese Erkenntniss sehe ich in jener entsetzlichen Dreiheit der

Oedipusschicksale ausgeprägt: derselbe, der das Räthsel der Natur -

jener doppeltgearteten Sphinx - löst, muss auch als Mörder des Vaters

und Gatte der Mutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja, der

Mythus scheint uns zuraunen zu wollen, dass die Weisheit und gerade

die dionysische Weisheit ein naturwidriger Greuel sei, dass der,

welcher durch sein Wissen die Natur in den Abgrund der Vernichtung

stürzt, auch an sich selbst die Auflösung der Natur zu erfahren habe.

"Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den Weisen: Weisheit ist

ein Verbrechen an der Natur": solche schreckliche Sätze ruft uns der

Mythus zu: der hellenische Dichter aber berührt wie ein Sonnenstrahl

die erhabene und furchtbare Memnonssäule des Mythus, so dass er

plötzlich zu tönen beginnt - in sophokleischen Melodieen!

Der Glorie der Passivität stelle ich jetzt die Glorie der Activität

gegenüber, welche den Prometheus des Aeschylus umleuchtet. Was uns

hier der Denker Aeschylus zu sagen hatte, was er aber als Dichter

durch sein gleichnissartiges Bild uns nur ahnen lässt, das hat uns

der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines Prometheus zu

enthüllen gewusst:

"Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu geniessen und zu freuen sich

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!"

Der Mensch, in's Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine

Cultur und zwingt die Götter sich mit ihm zu verbinden, weil er in

seiner selbsteignen Weisheit die Existenz und die Schranken derselben

in seiner Hand hat. Das Wunderbarste an jenem Prometheusgedicht, das

seinem Grundgedanken nach der eigentliche Hymnus der Unfrömmigkeit

ist, ist aber der tiefe aeschyleische Zug nach Gerechtigkeit: das

unermessliche Leid des kühnen "Einzelnen" auf der einen Seite, und die

göttliche Noth, ja Ahnung einer Götterdämmerung auf der andern, die

zur Versöhnung, zum metaphysischen Einssein zwingende Macht jener

beiden Leidenswelten - dies alles erinnert auf das Stärkste an den

Mittelpunkt und Hauptsatz der aeschyleischen Weltbetrachtung, die über

Göttern und Menschen die Moira als ewige Gerechtigkeit thronen sieht.

Bei der erstaunlichen Kühnheit, mit der Aeschylus die olympische

Welt auf seine Gerechtigkeitswagschalen stellt, müssen wir uns

vergegenwärtigen, dass der tiefsinnige Grieche einen unverrückbar

festen Untergrund des metaphysischen Denkens in seinen Mysterien

hatte, und dass sich an den Olympiern alle seine skeptischen

Anwandelungen entladen konnten. Der griechische Künstler insbesondere

empfand im Hinblick auf diese Gottheiten ein dunkles Gefühl

wechselseitiger Abhängigkeit: und gerade im Prometheus des Aeschylus

ist dieses Gefühl symbolisirt. Der titanische Künstler fand in sich

den trotzigen Glauben, Menschen schaffen und olympische Götter

wenigstens vernichten zu können: und dies durch seine höhere Weisheit,

die er freilich durch ewiges Leiden zu büssen gezwungen war. Das

herrliche "Können" des grossen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu

gering bezahlt ist, der herbe Stolz des Künstlers - das ist Inhalt und

Seele der aeschyleischen Dichtung, während Sophokles in seinem Oedipus

das Siegeslied des Heiligen präludirend anstimmt. Aber auch mit jener

Deutung, die Aeschylus dem Mythus gegeben hat, ist dessen erstaunliche

Schreckenstiefe nicht ausgemessen: vielmehr ist die Werdelust des

Künstlers, die jedem Unheil trotzende Heiterkeit des künstlerischen

Schaffens nur ein lichtes Wolken- und Himmelsbild, das sich auf einem

schwarzen See der Traurigkeit spiegelt. Die Prometheussage ist ein

ursprüngliches Eigenthum der gesammten arischen Völkergemeinde und ein

Document für deren Begabung zum Tiefsinnig-Tragischen, ja es möchte

nicht ohne Wahrscheinlichkeit sein, dass diesem Mythus für das arische

Wesen eben dieselbe charakteristische Bedeutung innewohnt, die der

Sündenfallmythus für das semitische hat, und dass zwischen beiden

Mythen ein Verwandtschaftsgrad existiert, wie zwischen Bruder

und Schwester. Die Voraussetzung jenes Prometheusmythus ist der

überschwängliche Werth, den eine naive Menschheit dem Feuer beilegt

als dem wahren Palladium jeder aufsteigenden Cultur: dass aber der

Mensch frei über das Feuer waltet und es nicht nur durch ein Geschenk

vom Himmel, als zündenden Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand

empfängt, erschien jenen beschaulichen Ur-Menschen als ein Frevel,

als ein Raub an der göttlichen Natur. Und so stellt gleich das erste

philosophische Problem einen peinlichen unlösbaren Widerspruch

zwischen Mensch und Gott hin und rückt ihn wie einen Felsblock an die

Pforte jeder Cultur. Das Beste und Höchste, dessen die Menschheit

theilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muss nun

wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlich die ganze Fluth von Leiden

und von Kümmernissen mit denen die beleidigten Himmlischen das edel

emporstrebende Menschengeschlecht heimsuchen - müssen: ein herber

Gedanke, der durch die Würde, die er dem Frevel ertheilt, seltsam

gegen den semitischen Sündenfallmythus absticht, in welchem die

Neugierde, die lügnerische Vorspiegelung, die Verführbarkeit, die

Lüsternheit, kurz eine Reihe vornehmlich weiblicher Affectionen

als der Ursprung des Uebels angesehen wurde. Das, was die arische

Vorstellung auszeichnet, ist die erhabene Ansicht von der activen

Sünde als der eigentlich prometheischen Tugend: womit zugleich der

ethische Untergrund der pessimistischen Tragödie gefunden ist, als

die Rechtfertigung des menschlichen Uebels, und zwar sowohl der

menschlichen Schuld, als des dadurch verwirkten Leidens. Das Unheil

im Wesen der Dinge - das der beschauliche Arier nicht geneigt ist

wegzudeuteln -, der Widerspruch im Herzen der Welt offenbart sich ihm

als ein Durcheinander verschiedener Welten, z.B. einer göttlichen und

einer menschlichen, von denen jede als Individuum im Recht ist, aber

als einzelne neben einer andern für ihre Individuation zu leiden

hat. Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem

Versuche über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das

eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet er an sich den in den

Dingen verborgenen Urwiderspruch d.h. er frevelt und leidet. So wird

von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib

verstanden, so wie auch der Urfrevel vom Manne, die Ursünde vom Weibe

begangen wird. Uebrigens sagt der Hexenchor:

"Wir nehmen das nicht so genau:

Mit tausend Schritten macht's die Frau;

Doch wie sie auch sich eilen kann,

Mit einem Sprunge macht's der Mann".

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 4 / 12 段