Euripides selbst hat am Abend seines Lebens die Frage nach dem Werth

und der Bedeutung dieser Tendenz in einem Mythus seinen Zeitgenossen

auf das Nachdrücklichste vorgelegt. Darf überhaupt das Dionysische

bestehn? Ist es nicht mit Gewalt aus dem hellenischen Boden

auszurotten? Gewiss, sagt uns der Dichter, wenn es nur möglich wäre:

aber der Gott Dionysus ist zu mächtig; der verständigste Gegner - wie

Pentheus in den "Bacchen" - wird unvermuthet von ihm bezaubert und

läuft nachher mit dieser Verzauberung in sein Verhängniss. Das Urtheil

der beiden Greise Kadmus und Tiresias scheint auch das Urtheil des

greisen Dichters zu sein: das Nachdenken der klügsten Einzelnen werfe

jene alten Volkstraditionen, jene sich ewig fortpflanzende Verehrung

des Dionysus nicht um, ja es gezieme sich, solchen wunderbaren Kräften

gegenüber, mindestens eine diplomatisch vorsichtige Theilnahme zu

zeigen: wobei es aber immer noch möglich sei, dass der Gott an einer

so lauen Betheiligun; Anstoss nehme und den Diplomaten - wie hier

den Kadmus - schliesslich in einen Drachen verwandle. Dies sagt uns

ein Dichter, der mit heroischer Kraft ein langes Leben hindurch

dem Dionysus widerstanden hat - um am Ende desselben mit einer

Glorification seines Gegners und einem Selbstmorde seine Laufhahn zu

schliessen, einem Schwindelnden gleich, der, um nur dem entsetzlichen,

nicht mehr erträglichen Wirbel zu entgehn, sich vom Thurme

herunterstürzt. Jene Tragödie ist ein Protest gegen die Ausführbarkeit

seiner Tendenz; ach, und sie war bereits ausgeführt! Das Wunderbare

war geschehn: als der Dichter widerrief, hatte bereits seine Tendenz

gesiegt. Dionysus war bereits von der tragischen Bühne verscheucht und

zwar durch eine aus Euripides redende dämonische Macht. Auch Euripides

war in gewissem Sinne nur Maske: die Gottheit, die aus ihm redete, war

nicht Dionysus, auch nicht Apollo, sondern ein ganz neugeborner Dämon,

genannt Sokrates. Dies ist der neue Gegensatz: das Dionysische und

das Sokratische, und das Kunstwerk der griechischen Tragödie ging an

ihm zu Grunde. Mag nun auch Euripides uns durch seinen Widerruf zu

trösten suchen, es gelingt ihm nicht: der herrlichste Tempel liegt

in Trümmern; was nützt uns die Wehklage des Zerstörers und sein

Geständniss, dass es der schönste aller Tempel gewesen sei? Und selbst

dass Euripides zur Strafe von den Kunstrichtern aller Zeiten in

einen Drachen verwandelt worden ist - wen möchte diese erbärmliche

Compensation befriedigen?

Nähern wir uns jetzt jener sokratischen Tendenz, mit der Euripides die

aeschyleische Tragödie bekämpfte und besiegte.

Welches Ziel - so müssen wir uns jetzt fragen - konnte die

euripideische Absicht, das Drama allein auf das Undionysische zu

gründen, in der höchsten Idealität ihrer Durchführung überhaupt haben?

Welche Form des Drama's blieb noch übrig, wenn es nicht aus dem

Geburtsschoosse der Musik, in jenem geheimnissvollen Zwielicht des

Dionysischen geboren werden sollte? Allein das dramatisirte Epos:

in welchem apollinischen Kunstgebiete nun freilich die tragische

Wirkung unerreichbar ist. Es kommt hierbei nicht auf den Inhalt der

dargestellten Ereignisse an; ja ich möchte behaupten, dass es Goethe

in seiner projectirten "Nausikaa" unmöglich gewesen sein würde, den

Selbstmord jenes idyllischen Wesens - der den fünften Act ausfüllen

sollte - tragisch ergreifend zu machen; so ungemein ist die Gewalt des

Episch-Apollinischen, dass es die schreckensvollsten Dinge mit jener

Lust am Scheine und der Erlösung durch den Schein vor unseren Augen

verzaubert. Der Dichter des dramatisirten Epos kann eben so wenig wie

der epische Rhapsode mit seinen Bildern völlig verschmelzen: er ist

immer noch ruhig unbewegte, aus weiten Augen blickende Anschauung, die

die Bilder vorsich sieht. Der Schauspieler in diesem dramatisirten

Epos bleibt im tiefsten Grunde immer noch Rhapsode; die Weihe des

inneren Träumens liegt auf allen seinen Actionen, so dass er niemals

ganz Schauspieler ist.

Wie verhält sich nun diesem Ideal des apollinischen Drama's gegenüber

das euripideische Stück? Wie zu dem feierlichen Rhapsoden der alten

Zeit jener jüngere, der sein Wesen im platonischen "Jon" also

beschreibt: "Wenn ich etwas Trauriges sage, füllen sich meine Augen

mit Thränen; ist aber das, was ich sage, schrecklich und entsetzlich,

dann stehen die Haare meines Hauptes vor Schauder zu Berge, und

mein Herz klopft." Hier merken wir nichts mehr von jenem epischen

Verlorensein im Scheine, von der affectlosen Kühle des wahren

Schauspielers, der gerade in seiner höchsten Thätigkeit, ganz Schein

und Lust am Scheine ist. Euripides ist der Schauspieler mit dem

klopfenden Herzen, mit den zu Berge stehenden Haaren; als sokratischer

Denker entwirft er den Plan, als leidenschaftlicher Schauspieler

führt er ihn aus. Reiner Künstler ist er weder im Entwerfen noch im

Ausführen. So ist das euripideische Drama ein zugleich kühles und

feuriges Ding, zum Erstarren und zum Verbrennen gleich befähigt; es

ist ihm unmöglich, die apollinische Wirkung des Epos zu erreichen,

während es andererseits sich von den dionysischen Elementen möglichst

gelöst hat, und jetzt, um überhaupt zu wirken, neue Erregungsmittel

braucht, die nun nicht mehr innerhalb der beiden einzigen Kunsttriebe,

des apollinischen und des dionysischen, liegen können. Diese

Erregungsmittel sind kühle paradoxe Gedanken - an Stelle der

apollinischen Anschauungen - und feurige Affecte - an Stelle der

dionysischen Entzückungen - und zwar höchst realistisch nachgemachte,

keineswegs in den Aether der Kunst getauchte Gedanken und Affecte.

Haben wir demnach so viel erkannt, dass es Euripides überhaupt nicht

gelungen ist, das Drama allein auf das Apollinische zu gründen, dass

sich vielmehr seine undionysische Tendenz in eine naturalistische

und unkünstlerische verirrt hat, so werden wir jetzt dem Wesen des

aesthetischen Sokratismus schon näher treten dürfen; dessen oberstes

Gesetz ungefähr so lautet: "alles muss verständig sein, um schön zu

sein"; als Parallelsatz zu dem sokratischen "nur der Wissende ist

tugendhaft." Mit diesem Kanon in der Hand maass Euripides alles

Einzelne und rectificirte es gemäss diesem Princip: die Sprache, die

Charaktere, den dramaturgischen Aufbau, die Chormusik. Was wir im

Vergleich mit der sophokleischen Tragödie so häufig dem Euripides als

dichterischen Mangel und Rückschritt anzurechnen pflegen, das ist

zumeist das Product jenes eindringenden kritischen Prozesses, jener

verwegenen Verständigkeit. Der euripideische Prolog diene uns als

Beispiel für die Productivität jener rationalistischen Methode. Nichts

kann unserer Bühnentechnik widerstrebender sein als der Prolog im

Drama des Euripides. Dass eine einzelne auftretende Person am Eingange

des Stückes erzählt, wer sie sei, was der Handlung vorangehe, was bis

jetzt geschehen, ja was im Verlaufe des Stückes geschehen werde, das

würde ein moderner Theaterdichter als ein muthwilliges und nicht zu

verzeihendes Verzichtleisten auf den Effect der Spannung bezeichnen.

Man weiss ja alles, was geschehen wird; wer wird abwarten wollen,

dass dies wirklich geschieht? - da ja hier keinesfalls das aufregende

Verhältniss eines wahrsagenden Traumes zu einer später eintretenden

Wirklichkeit stattfindet. Ganz anders reflectirte Euripides. Die

Wirkung der Tragödie beruhte niemals auf der epischen Spannung, auf

der anreizenden Ungewissheit, was sich jetzt und nachher ereignen

werde: vielmehr auf jenen grossen rhetorisch-lyrischen Scenen, in

denen die Leidenschaft und die Dialektik des Haupthelden zu einem

breiten und mächtigen Strome anschwoll. Zum Pathos, nicht zur Handlung

bereitete Alles vor: und was nicht zum Pathos vorbereitete, das galt

als verwerflich. Das aber, was die genussvolle Hingabe an solche

Scenen am stärksten erschwert, ist ein dem Zuhörer fehlendes Glied,

eine Lücke im Gewebe der Vorgeschichte; so lange der Zuhörer noch

ausrechnen muss, was diese und jene Person bedeute, was dieser und

jener Conflict der Neigungen und Absichten für Voraussetzungen habe,

ist seine volle Versenkung in das Leiden und Thun der Hauptpersonen,

ist das athemlose Mitleiden und Mitfürchten noch nicht möglich. Die

aeschyleisch-sophokleische Tragödie verwandte die geistreichsten

Kunstmittel, um dem Zuschauer in den ersten Scenen gewissermaassen

zufällig alle jene zum Verständniss nothwendigen Fäden in die Hand zu

geben: ein Zug, in dem sich jene edle Künstlerschaft bewährt, die das

nothwendige Formelle gleichsam maskirt und als Zufälliges erscheinen

lässt. Immerhin aber glaubte Euripides zu bemerken, dass während

jener ersten Scenen der Zuschauer in eigenthümlicher Unruhe sei,

um das Rechenexempel der Vorgeschichte auszurechnen, so dass die

dichterischen Schönheiten und das Pathos der Exposition für ihn

verloren ginge. Deshalb stellte er den Prolog noch vor die Exposition

und legte ihn einer Person in den Mund, der man Vertrauen schenken

durfte: eine Gottheit musste häufig den Verlauf der Tragödie dem

Publicum gewissermaassen garantieren und jeden Zweifel an der Realität

des Mythus nehmen: in ähnlicher Weise, wie Descartes die Realität

der empirischen Welt nur durch die Appellation an die Wahrhaftigkeit

Gottes und seine Unfähigkeit zur Lüge zu beweisen vermochte. Dieselbe

göttliche Wahrhaftigkeit braucht Euripides noch einmal am Schlusse

seines Drama's, um die Zukunft seiner Helden dem Publicum sicher

zu stellen; dies ist die Aufgabe des berüchtigten deux ex

machina. Zwischen der epischen Vorschau und Hinausschau liegt die

dramatischlyrische Gegenwart, das eigentliche "Drama."

So ist Euripides als Dichter vor allem der Wiederhall seiner bewussten

Erkenntnisse; und gerade dies verleiht ihm eine so denkwürdige

Stellung in der Geschichte der griechischen Kunst.

Ihm muss im Hinblick auf sein kritisch-productives Schaffen oft zu

Muthe gewesen sein als sollte er den Anfang der Schrift des Anaxagoras

für das Drama lebendig machen, deren erste Worte lauten: "im Anfang

war alles beisammen; da kam der Verstand und schuf Ordnung." Und wenn

Anaxagoras mit seinem "Nous" unter den Philosophen wie der erste

Nüchterne unter lauter Trunkenen erschien, so mag auch Euripides sein

Verhältniss zu den anderen Dichtern der Tragödie unter einem ähnlichen

Bilde begriffen haben. So lange der einzige Ordner und Walter des

Alls, der Nous, noch vom künstlerischen Schaffen ausgeschlossen war,

war noch alles in einem chaotischen Urbrei beisammen; so musste

Euripides urtheilen, so musste er die "trunkenen" Dichter als der

erste "Nüchterne" verurtheilen. Das, was Sophokles von Aeschylus

gesagt hat, er thue das Rechte, obschon unbewusst, war gewiss nicht im

Sinne des Euripides gesagt: der nur so viel hätte gelten lassen, dass

Aeschylus, weil er unbewusst schaffe, das Unrechte schaffe. Auch

der göttliche Plato redet vom schöpferischen Vermögen des Dichters,

insofern dies nicht die bewusste Einsicht ist, zu allermeist nur

ironisch und stellt es der Begabung des Wahrsagers und Traumdeuters

gleich; sei doch der Dichter nicht eher fähig zu dichten als bis

er bewusstlos geworden sei, und kein Verstand mehr in ihm wohne.

Euripides unternahm es, wie es auch Plato unternommen hat, das

Gegenstück des "unverständigen" Dichters der Welt zu zeigen; sein

aesthetischer Grundsatz "alles muss bewusst sein, um schön zu sein",

ist, wie ich sagte, der Parallelsatz zu dem sokratischen "alles muss

bewusst sein, um gut zu sein". Demgemäss darf uns Euripides als der

Dichter des aesthetischen Sokratismus gelten. Sokrates aber war jener

zweite Zuschauer, der die ältere Tragödie nicht begriff und deshalb

nicht achtete; mit ihm im Bunde wagte Euripides, der Herold eines

neuen Kunstschaffens zu sein. Wenn an diesem die ältere Tragödie zu

Grunde ging, so ist also der aesthetische Sokratismus das mörderische

Princip: insofern aber der Kampf gegen das Dionysische der älteren

Kunst gerichtet war, erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysus,

den neuen Orpheus, der sich gegen Dionysus erhebt und, obschon

bestimmt, von den Mänaden des athenischen Gerichtshofes zerrissen

zu werden, doch den übermächtigen Gott selbst zur Flucht nöthigt:

welcher, wie damals, als er vor dem Edonerkönig Lykurg floh, sich in

die Tiefen des Meeres rettete, nämlich in die mystischen Fluthen eines

die ganze Welt allmählich überziehenden Geheimcultus.

13.

Dass Sokrates eine enge Beziehung der Tendenz zu Euripides habe,

entging dem gleichzeitigen Alterthume nicht; und der beredteste

Ausdruck für diesen glücklichen Spürsinn ist jene in Athen umlaufende

Sage, Sokrates pflege dem Euripides im Dichten zu helfen. Beide

Namen wurden von den Anhängern der "guten alten Zeit" in einem Athem

genannt, wenn es galt, die Volksverführer der Gegenwart aufzuzählen:

von deren Einflusse es herrühre, dass die alte marathonische

vierschrötige Tüchtigkeit an Leib und Seele immer mehr einer

zweifelhaften Aufklärung, bei fortschreitender Verkümmerung der

leiblichen und seelischen Kräfte, zum Opfer falle. In dieser Tonart,

halb mit Entrüstung, halb mit Verachtung, pflegt die aristophanische

Komödie von jenen Männern zu reden, zum Schrecken der Neueren, welche

zwar Euripides gerne preisgeben, aber sich nicht genug darüber

wundern können, dass Sokrates als der erste und oberste Sophist,

als der Spiegel und Inbegriff aller sophistischen Bestrebungen bei

Aristophanes erscheine: wobei es einzig einen Trost gewährt, den

Aristophanes selbst als einen lüderlich lügenhaften Alcibiades der

Poesie an den Pranger zu stellen. Ohne an dieser Stelle die tiefen

Instincte des Aristophanes gegen solche Angriffe in Schutz zu nehmen,

fahre ich fort, die enge Zusammengehörigkeit des Sokrates und des

Euripides aus der antiken Empfindung heraus zu erweisen; in welchem

Sinne namentlich daran zu erinnern ist, dass Sokrates als Gegner der

tragischen Kunst sich des Besuchs der Tragödie enthielt, und nur,

wenn ein neues Stück des Euripides aufgeführt wurde, sich unter

den Zuschauern einstellte. Am berühmtesten ist aber die nahe

Zusammenstellung beider Namen in dem delphischen Orakelspruche,

welcher Sokrates als den Weisesten unter den Menschen bezeichnet,

zugleich aber das Urtheil abgab, dass dem Euripides der zweite Preis

im Wettkampfe der Weisheit gebühre.

Als der dritte in dieser Stufenleiter war Sophokles genannt; er, der

sich gegen Aeschylus rühmen durfte, er thue das Rechte und zwar,

weil er wisse, was das Rechte sei. Offenbar ist gerade der Grad der

Helligkeit dieses Wissens dasjenige, was jene drei Männer gemeinsam

als die drei "Wissenden" ihrer Zeit auszeichnet.

Das schärfste Wort aber für jene neue und unerhörte Hochschätzung des

Wissens und der Einsicht sprach Sokrates, als er sich als den Einzigen

vorfand, der sich eingestehe, nichts zu wissen; während er, auf seiner

kritischen Wanderung durch Athen, bei den grössten Staatsmännern,

Rednern, Dichtern und Künstlern vorsprechend, überall die Einbildung

des Wissens antraf. Mit Staunen erkannte er, dass alle jene

Berühmtheiten selbst über ihren Beruf ohne richtige und sichere

Einsicht seien und denselben nur aus Instinct trieben. "Nur aus

Instinct": mit diesem Ausdruck berühren wir Herz und Mittelpunkt der

sokratischen Tendenz. Mit ihm verurtheilt der Sokratismus eben so die

bestehende Kunst wie die bestehende Ethik: wohin er seine prüfenden

Blicke richtet, sieht er den Mangel der Einsicht und die Macht des

Wahns und schliesst aus diesem Mangel auf die innerliche Verkehrtheit

und Verwerflichkeit des Vorhandenen. Von diesem einen Punkte aus

glaubte Sokrates das Dasein corrigieren zu müssen: er, der Einzelne,

tritt mit der Miene der Nichtachtung und der Ueberlegenheit, als der

Vorläufer einer ganz anders gearteten Cultur, Kunst und Moral, in

eine Welt hinein, deren Zipfel mit Ehrfurcht zu erhaschen wir uns zum

grössten Glücke rechnen würden.

Dies ist die ungeheuere Bedenklichkeit, die uns jedesmal, Angesichts

des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder anreizt,

Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Alterthums

zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner das

griechische Wesen zu verneinen, das als Homer, Pindar und Aeschylus,

als Phidias, als Perikles, als Pythia und Dionysus, als der tiefste

Abgrund und die höchste Höhe unserer staunenden Anbetung gewiss ist?

Welche dämonische Kraft ist es, die diesen Zaubertrank in den Staub

zu schütten sich erkühnen darf? Welcher Halbgott ist es, dem der

Geisterchor der Edelsten der Menschheit zurufen muss: "Weh! Weh! Du

hast sie zerstört, die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt,

sie zerfällt!"

Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokrates bietet uns jene wunderbare

Erscheinung, die als "Dämonion des Sokrates" bezeichnet wird. In

besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand in's Schwanken

gerieth, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Momenten

sich äussernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn sie kommt,

immer ab. Die instinctive Weisheit zeigt sich bei dieser gänzlich

abnormen Natur nur, um dem bewussten Erkennen hier und da hindernd

entgegenzutreten. Während doch bei allen productiven Menschen der

Instinct gerade die schöpferisch-affirmative Kraft ist, und das

Bewusstsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei Sokrates

der Instinct zum Kritiker, das Bewusstsein zum Schöpfer - eine wahre

Monstrosität per defectum! Und zwar nehmen wir hier einen monstrosen

defectus jeder mystischen Anlage wahr, so dass Sokrates als der

specifische Nicht-Mystiker zu bezeichnen wäre, in dem die logische

Natur durch eine Superfötation eben so excessiv entwickelt ist wie im

Mystiker jene instinctive Weisheit. Andrerseits aber war es jenem in

Sokrates erscheinenden logischen Triebe völlig versagt, sich gegen

sich selbst zu kehren; in diesem fessellosen Dahinströmen zeigt er

eine Naturgewalt, wie wir sie nur bei den allergrössten instinctiven

Kräften zu unsrer schaudervollen Ueberraschung antreffen. Wer

nur einen Hauch von jener göttlichen Naivetät und Sicherheit der

sokratischen Lebensrichtung aus den platonischen Schriften gespürt

hat, der fühlt auch, wie das ungeheure Triebrad des logischen

Sokratismus gleichsam hinter Sokrates in Bewegung ist, und wie dies

durch Sokrates wie durch einen Schatten hindurch angeschaut werden

muss. Dass er aber selbst von diesem Verhältniss eine Ahnung hatte,

das drückt sich in dem würdevollen Ernste aus, mit dem er seine

göttliche Berufung überall und noch vor seinen Richtern geltend

machte. Ihn darin zu widerlegen war im Grunde eben so unmöglich als

seinen die Instincte auflösenden Einfluss gut zu heissen. Bei diesem

unlösbaren Conflicte war, als er einmal vor das Forum des griechischen

Staates gezogen war, nur eine einzige Form der Verurtheilung geboten,

die Verbannung; als etwas durchaus Räthselhaftes, Unrubricirbares,

Unaufklärbares hätte man ihn über die Grenze weisen dürfen, ohne

dass irgend eine Nachwelt im Recht gewesen wäre, die Athener einer

schmählichen That zu zeihen. Dass aber der Tod und nicht nur die

Verbannung über ihn ausgesprochen wurde, das scheint Sokrates selbst,

mit völliger Klarheit und ohne den natürlichen Schauder vor dem Tode,

durchgesetzt zu haben: er ging in den Tod, mit jener Ruhe, mit der

er nach Plato's Schilderung als der letzte der Zecher im frühen

Tagesgrauen das Symposion verlässt, um einen neuen Tag zu beginnen;

indess hinter ihm, auf den Bänken und auf der Erde, die verschlafenen

Tischgenossen zurückbleiben, um von Sokrates, dem wahrhaften Erotiker,

zu träumen. Der sterbende Sokrates wurde das neue, noch nie sonst

geschaute Ideal der edlen griechischen Jugend: vor allen hat sich der

typische hellenische Jüngling, Plato, mit aller inbrünstigen Hingebung

seiner Schwärmerseele vor diesem Bilde niedergeworfen.

14.

Denken wir uns jetzt das eine grosse Cyklopenauge des Sokrates auf

die Tragödie gewandt, jenes Auge, in dem nie der holde Wahnsinn

künstlerischer Begeisterung geglüht hat - denken wir uns, wie es

jenem Auge versagt war, in die dionysischen Abgründe mit Wohlgefallen

zu schauen - was eigentlich musste es in der "erhabenen und

hochgepriesenen" tragischen Kunst, wie sie Plato nennt, erblicken?

Etwas recht Unvernünftiges, mit Ursachen, die ohne Wirkungen, und mit

Wirkungen, die ohne Ursachen zu sein schienen, dazu das Ganze so bunt

und mannichfaltig, dass es einer besonnenen Gemüthsart widerstreben

müsse, für reizbare und empfindliche Seelen aber ein gefährlicher

Zunder sei. Wir wissen, welche einzige Gattung der Dichtkunst von ihm

begriffen wurde, die aesopische Fabel: und dies geschah gewiss mit

jener lächelnden Anbequemung, mit welcher der ehrliche gute Gellert in

der Fabel von der Biene und der Henne das Lob der Poesie singt:

"Du siehst an mir, wozu sie nützt,

Dem, der nicht viel Verstand besitzt

Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen".

Nun aber schien Sokrates die tragische Kunst nicht einmal "die

Wahrheit zu sagen": abgesehen davon, dass sie sich an den wendet, der

"nicht viel Verstand besitzt", also nicht an den Philosophen: ein

zweifacher Grund, von ihr fern zu bleiben. Wie Plato, rechnete er

sie zu den schmeichlerischen Künsten, die nur das Angenehme, nicht

das Nützliche darstellen und verlangte deshalb bei seinen Jüngern

Enthaltsamkeit und strenge Absonderung von solchen unphilosophischen

Reizungen; mit solchem Erfolge, dass der jugendliche Tragödiendichter

Plato zu allererst seine Dichtungen verbrannte, um Schüler des

Sokrates werden zu können. Wo aber unbesiegbare Anlagen gegen die

sokratischen Maximen ankämpften, war die Kraft derselben, sammt der

Wucht jenes ungeheuren Charakters, immer noch gross genug, um die

Poesie selbst in neue und bis dahin unbekannte Stellungen zu drängen.

Ein Beispiel dafür ist der eben genannte Plato: er, der in der

Verurtheilung der Tragödie und der Kunst überhaupt gewiss nicht hinter

dem naiven Cynismus seines Meisters zurückgeblieben ist, hat doch aus

voller künstlerischer Nothwendigkeit eine Kunstform schaffen müssen,

die gerade mit den vorhandenen und von ihm abgewiesenen Kunstformen

innerlich verwandt ist. Der Hauptvorwurf, den Plato der älteren Kunst

zu machen hatte, - dass sie Nachahmung eines Scheinbildes sei, also

noch einer niedrigeren Sphäre als die empirische Welt ist, angehöre

- durfte vor allem nicht gegen das neue Kunstwerk gerichtet werden:

und so sehen wir denn Plato bestrebt über die Wirklichkeit hinaus

zu gehn und die jener Pseudo-Wirklichkeit zu Grunde liegende Idee

darzustellen. Damit aber war der Denker Plato auf einem Umwege

ebendahin gelangt, wo er als Dichter stets heimisch gewesen war und

von wo aus Sophokles und die ganze ältere Kunst feierlich gegen jenen

Vorwurf protestirten. Wenn die Tragödie alle früheren Kunstgattungen

in sich aufgesaugt hatte, so darf dasselbe wiederum in einem

excentrischen Sinne vom platonischen Dialoge gelten, der, durch

Mischung aller vorhandenen Stile und Formen erzeugt, zwischen

Erzählung, Lyrik, Drama, zwischen Prosa und Poesie in der Mitte

schwebt und damit auch das strenge ältere Gesetz der einheitlichen

sprachlichen Form durchbrochen hat; auf welchem Wege die cynischen

Schriftsteller noch weiter gegangen sind, die in der grössten

Buntscheckigkeit des Stils, im Hin- und Herschwanken zwischen

prosaischen und metrischen Formen auch das litterarische Bild des

"rasenden Sokrates", den sie im Leben darzustellen pflegten, erreicht

haben. Der platonische Dialog war gleichsam der Kahn, auf dem sich die

schiffbrüchige ältere Poesie sammt allen ihren Kindern rettete: auf

einen engen Raum zusammengedrängt und dem einen Steuermann Sokrates

ängstlich unterthänig fuhren sie jetzt in eine neue Welt hinein, die

an dem phantastischen Bilde dieses Aufzugs sich nie satt sehen konnte.

Wirklich hat für die ganze Nachwelt Plato das Vorbild einer neuen

Kunstform gegeben, das Vorbild des Roman's: der als die unendlich

gesteigerte aesopische Fabel zu bezeichnen ist, in der die Poesie in

einer ähnlichen Rangordnung zur dialektischen Philosophie lebt, wie

viele Jahrhunderte hindurch dieselbe Philosophie zur Theologie:

nämlich als ancilla. Dies war die neue Stellung der Poesie, in die sie

Plato unter dem Drucke des dämonischen Sokrates drängte.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 6 / 12 段