Wer vermöchte in dieser Schilderung zu verkennen, dass hier die Lyrik

als eine unvollkommen erreichte, gleichsam im Sprunge und selten zum

Ziele kommende Kunst charakterisirt wird, ja als eine Halbkunst, deren

Wesen darin bestehen solle, dass das Wollen und das reine Anschauen

d.h. der unaesthetische und der aesthetische Zustand wundersam durch

einander gemischt seien? Wir behaupten vielmehr, dass der ganze

Gegensatz, nach dem wie nach einem Werthmesser auch noch Schopenhauer

die Künste eintheilt, der des Subjectiven und des Objectiven,

überhaupt in der Aesthetik ungehörig ist, da das Subject, das wollende

und seine egoistischen Zwecke fördernde Individuum nur als Gegner,

nicht als Ursprung der Kunst gedacht werden kann. Insofern aber das

Subject Künstler ist, ist es bereits von seinem individuellen Willen

erlöst und gleichsam Medium geworden, durch das hindurch das eine

wahrhaft seiende Subject seine Erlösung im Scheine feiert. Denn dies

muss uns vor allem, zu unserer Erniedrigung und Erhöhung, deutlich

sein, dass die ganze Kunstkomödie durchaus nicht für uns, etwa unsrer

Besserung und Bildung wegen, aufgeführt wird, ja dass wir ebensowenig

die eigentlichen Schöpfer jener Kunstwelt sind: wohl aber dürfen wir

von uns selbst annehmen, dass wir für den wahren Schöpfer derselben

schon Bilder und künstlerische Projectionen sind und in der Bedeutung

von Kunstwerken unsre höchste Würde haben - denn nur als aesthetisches

Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt: - während

freilich unser Bewusstsein über diese unsre Bedeutung kaum ein

andres ist als es die auf Leinwand gemalten Krieger von der auf ihr

dargestellten Schlacht haben. Somit ist unser ganzes Kunstwissen im

Grunde ein völlig illusorisches, weil wir als Wissende mit jenem Wesen

nicht eins und identisch sind, das sich, als einziger Schöpfer und

Zuschauer jener Kunstkomödie, einen ewigen Genuss bereitet. Nur soweit

der Genius im Actus der künstlerischen Zeugung mit jenem Urkünstler

der Welt verschmilzt, weiss er etwas über das ewige Wesen der Kunst;

denn in jenem Zustande ist er, wunderbarer Weise, dem unheimlichen

Bild des Mährchens gleich, das die Augen drehn und sich selber

anschaun kann; jetzt ist er zugleich Subject und Object, zugleich

Dichter, Schauspieler und Zuschauer.

6.

In Betreff des Archilochus hat die gelehrte Forschung entdeckt, dass

er das Volkslied in die Litteratur eingeführt habe, und dass ihm,

dieser That halber, jene einzige Stellung neben Homer, in der

allgemeinen Schätzung der Griechen zukomme. Was aber ist das Volkslied

im Gegensatz zu dem völlig apollinischen Epos? Was anders als das

perpetuum vestigium einer Vereinigung des Apollinischen und des

Dionysischen; seine ungeheure, über alle Völker sich erstreckende

und in immer neuen Geburten sich steigernde Verbreitung ist uns ein

Zeugniss dafür, wie stark jener künstlerische Doppeltrieb der Natur

ist: der in analoger Weise seine Spuren im Volkslied hinterlässt,

wie die orgiastischen Bewegungen eines Volkes sich in seiner Musik

verewigen. Ja es müsste auch historisch nachweisbar sein, wie jede

an Volksliedern reich productive Periode zugleich auf das Stärkste

durch dionysische Strömungen erregt worden ist, welche wir immer als

Untergrund und Voraussetzung des Volksliedes zu betrachten haben.

Das Volkslied aber gilt uns zu allernächst als musikalischer

Weltspiegel, als ursprüngliche Melodie, die sich jetzt eine parallele

Traumerscheinung sucht und diese in der Dichtung ausspricht. Die

Melodie ist also das Erste und Allgemeine, das deshalb auch mehrere

Objectivationen, in mehreren Texten, an sich erleiden kann. Sie

ist auch das bei weitem wichtigere und nothwendigere in der naiven

Schätzung des Volkes. Die Melodie gebiert die Dichtung aus sich und

zwar immer wieder von Neuem; nichts Anderes will uns die Strophenform

des Volksliedes sagen: welches Phänomen ich immer mit Erstaunen

betrachtet habe, bis ich endlich diese Erklärung fand. Wer eine

Sammlung von Volksliedern z.B. des Knaben Wunderhorn auf diese Theorie

hin ansieht, der wird unzählige Beispiele finden, wie die fortwährend

gebärende Melodie Bilderfunken um sich aussprüht: die in ihrer

Buntheit, ihrem jähen Wechsel, ja ihrem tollen Sichüberstürzen eine

dem epischen Scheine und seinem ruhigen Fortströmen wildfremde

Kraft offenbaren. Vom Standpunkte des Epos ist diese ungleiche und

unregelmässige Bilderwelt der Lyrik einfach zu verurtheilen: und dies

haben gewiss die feierlichen epischen Rhapsoden der apollinischen

Feste im Zeitalter des Terpander gethan.

In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das

Stärkste angespannt, die Musik nachzuahmen: deshalb beginnt mit

Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der homerischen in ihrem

tiefsten Grunde widerspricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche

Verhältniss zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das

Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen Ausdruck

und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne

dürfen wir in der Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei

Hauptströmungen unterscheiden, jenachdem die Sprache die Erscheinungs-

und Bilderwelt oder die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal

tiefer über die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen

Bau's, des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Bedeutung

dieses Gegensatzes zu begreifen; ja es wird Einem dabei handgreiflich

deutlich, dass zwischen Homer und Pindar die orgiastischen

Flötenweisen des Olympus erklungen sein müssen, die noch im Zeitalter

des Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu

trunkner Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen

Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen

zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes,

unserer Aesthetik nur anstössig dünkendes Phänomen unserer Tage.

Wir erleben es immer wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die

einzelnen Zuhörer zu einer Bilderrede nöthigt, sei es auch dass eine

Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück erzeugten

Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja widersprechend ausnimmt:

an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu üben und das doch

wahrlich erklärenswerthe Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art

jener Aesthetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine

Composition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pastorale

und einen Satz als "Scene am Bach", einen anderen als "lustiges

Zusammensein der Landleute" bezeichnet, so sind das ebenfalls nur

gleichnissartige, aus der Musik geborne Vorstellungen - und nicht etwa

die nachgeahmten Gegenstände der Musik - Vorstellungen, die über den

dionysischen Inhalt der Musik uns nach keiner Seite hin belehren

können, ja die keinen ausschliesslichen Werth neben anderen Bildern

haben. Diesen Prozess einer Entladung der Musik in Bildern haben wir

uns nun auf eine jugendfrische, sprachlich schöpferische Volksmenge

zu übertragen, um zur Ahnung zu kommen, wie das strophische Volkslied

entsteht, und wie das ganze Sprachvermögen durch das neue Princip der

Nachahmung der Musik aufgeregt wird.

Dürfen wir also die lyrische Dichtung als die nachahmende

Effulguration der Musik in Bildern und Begriffen betrachten, so

können wir jetzt fragen: "als was erscheint die Musik im Spiegel der

Bildlichkeit und der Begriffe?" Sie erscheint als Wille, das Wort

im Schopenhauerischen Sinne genommen, d.h. als Gegensatz der

aesthetischen, rein beschaulichen willenlosen Stimmung. Hier

unterscheide man nun so scharf als möglich den Begriff des Wesens von

dem der Erscheinung: denn die Musik kann, ihrem Wesen nach, unmöglich

Wille sein, weil sie als solcher gänzlich aus dem Bereich der Kunst

zu bannen wäre - denn der Wille ist das an sich Unaesthetische -;

aber sie erscheint als Wille. Denn um ihre Erscheinung in Bildern

auszudrücken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leidenschaft, vom

Flüstern der Neigung bis zum Grollen des Wahnsinns; unter dem Triebe,

in apollinischen Gleichnissen von der Musik zu reden, versteht er die

ganze Natur und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Begehrende,

Sehnende. Insofern er aber die Musik in Bildern deutet, ruht er selbst

in der stillen Meeresruhe der apollinischen Betrachtung, so sehr auch

alles, was er durch das Medium der Musik anschaut, um ihn herum in

drängender und treibender Bewegung ist. Ja wenn er sich selbst durch

dasselbe Medium erblickt, so zeigt sich ihm sein eignes Bild im

Zustande des unbefriedigten Gefühls: sein eignes Wollen, Sehnen,

Stöhnen, Jauchzen ist ihm ein Gleichniss, mit dem er die Musik sich

deutet. Dies ist das Phänomen des Lyrikers: als apollinischer Genius

interpretirt er die Musik durch das Bild des Willens, während er

selbst, völlig losgelöst von der Gier des Willens, reines ungetrübtes

Sonnenauge ist.

Diese ganze Erörterung hält daran fest, dass die Lyrik eben so

abhängig ist vom Geiste der Musik als die Musik selbst, in ihrer

völligen Unumschränktheit, das Bild und den Begriff nicht braucht,

sondern ihn nur neben sich erträgt. Die Dichtung des Lyrikers kann

nichts aussagen, was nicht in der ungeheuersten Allgemeinheit und

Allgültigkeit bereits in der Musik lag, die ihn zur Bilderrede

nöthigte. Der Weltsymbolik der Musik ist eben deshalb mit der Sprache

auf keine Weise erschöpfend beizukommen, weil sie sich auf den

Urwiderspruch und Urschmerz im Herzen des Ur-Einen symbolisch bezieht,

somit eine Sphäre symbolisirt, die über alle Erscheinung und vor aller

Erscheinung ist. Ihr gegenüber ist vielmehr jede Erscheinung nur

Gleichniss: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol der

Erscheinungen, nie und nirgends das tiefste Innere der Musik nach

Aussen kehren, sondern bleibt immer, sobald sie sich auf Nachahmung

der Musik einlässt, nur in einer äusserlichen Berührung mit der Musik,

während deren tiefster Sinn, durch alle lyrische Beredsamkeit, uns

auch keinen Schritt näher gebracht werden kann.

7.

Alle die bisher erörterten Kunstprincipien müssen wir jetzt zu Hülfe

nehmen, um uns in dem Labyrinth zurecht zu finden, als welches wir den

Ursprung der griechischen Tragödie bezeichnen müssen. Ich denke nichts

Ungereimtes zu behaupten, wenn ich sage, dass das Problem dieses

Ursprungs bis jetzt noch nicht einmal ernsthaft aufgestellt,

geschweige denn gelöst ist, so oft auch die zerflatternden Fetzen der

antiken Ueberlieferung schon combinatorisch an einander genäht und

wieder aus einander gerissen sind. Diese Ueberlieferung sagt uns mit

voller Entschiedenheit, dass die Tragödie aus dem tragischen Chore

entstanden ist und ursprünglich nur Chor und nichts als Chor war:

woher wir die Verpflichtung nehmen, diesem tragischen Chore als dem

eigentlichen Urdrama in's Herz zu sehen, ohne uns an den geläufigen

Kunstredensarten - dass er der idealische Zuschauer sei oder das

Volk gegenüber der fürstlichen Region der Scene zu vertreten habe

- irgendwie genügen zu lassen. Jener zuletzt erwähnte, für manchen

Politiker erhaben klingende Erläuterungsgedanke - als ob das

unwandelbare Sittengesetz von den demokratischen Athenern in

dem Volkschore dargestellt sei, der über die leidenschaftlichen

Ausschreitungen und Ausschweifungen der Könige hinaus immer Recht

behalte - mag noch so sehr durch ein Wort des Aristoteles nahegelegt

sein: auf die ursprüngliche Formation der Tragödie ist er ohne

Einfluss, da von jenen rein religiösen Ursprüngen der ganze Gegensatz

von Volk und Fürst, überhaupt jegliche politisch-sociale Sphäre

ausgeschlossen ist; aber wir möchten es auch in Hinsicht auf die uns

bekannte classische Form des Chors bei Aeschylus und Sophokles für

Blasphemie erachten, hier von der Ahnung einer "constitutionellen

Volksvertretung" zu reden, vor welcher Blasphemie Andere nicht

zurückgeschrocken sind. Eine constitutionelle Volksvertretung

kennen die antiken Staatsverfassungen in praxi nicht und haben sie

hoffentlich auch in ihrer Tragödie nicht einmal "geahnt".

Viel berühmter als diese politische Erklärung des Chors ist der

Gedanke A. W. Schlegel's, der uns den Chor gewissermaassen als den

Inbegriff und Extract der Zuschauermenge, als den "idealischen

Zuschauer" zu betrachten anempfiehlt. Diese Ansicht, zusammengehalten

mit jener historischen Ueberlieferung, dass ursprünglich die Tragödie

nur Chor war, erweist sich als das was sie ist, als eine rohe,

unwissenschaftliche, doch glänzende Behauptung, die ihren Glanz

aber nur durch ihre concentrirte Form des Ausdrucks, durch die echt

germanische Voreingenommenheit für Alles, was "idealisch" genannt wird

und durch unser momentanes Erstauntsein erhalten hat. Wir sind nämlich

erstaunt, sobald wir das uns gut bekannte Theaterpublicum mit jenem

Chore vergleichen und uns fragen, ob es wohl möglich sei, aus diesem

Publicum je etwas dem tragischen Chore Analoges herauszuidealisiren.

Wir leugnen dies im Stillen und wundern uns jetzt eben so über die

Kühnheit der Schlegel'schen Behauptung wie über die total verschiedene

Natur des griechischen Publicums. Wir hatten nämlich doch immer

gemeint, dass der rechte Zuschauer, er sei wer er wolle, sich immer

bewusst bleiben müsse, ein Kunstwerk vor sich zu haben, nicht eine

empirische Realität: während der tragische Chor der Griechen in den

Gestalten der Bühne leibhafte Existenzen zu erkennen genöthigt ist.

Der Okeanidenchor glaubt wirklich den Titan Prometheus vor sich zu

sehen und hält sich selbst für eben so real wie den Gott der Scene.

Und das sollte die höchste und reinste Art des Zuschauers sein, gleich

den Okeaniden den Prometheus für leiblich vorhanden und real zu

halten? Und es wäre das Zeichen des idealischen Zuschauers, auf die

Bühne zu laufen und den Gott von seinen Martern zu befreien? Wir

hatten an ein aesthetisches Publicum geglaubt und den einzelnen

Zuschauer für um so befähigter gehalten, je mehr er im Stande war,

das Kunstwerk als Kunst d.h. aesthetisch zu nehmen; und jetzt deutete

uns der Schlegel'sche Ausdruck an, dass der vollkommne idealische

Zuschauer die Welt der Scene gar nicht aesthetisch, sondern leibhaft

empirisch auf sich wirken lasse. O über diese Griechen! seufzen wir;

sie werfen uns unsre Aesthetik um! Daran aber gewöhnt, wiederholten

wir den Sdllegel'schen Spruch, so oft der Chor zur Sprache kam.

Aber jene so ausdrückliche Ueberlieferung redet hier gegen Schlegel:

der Chor an sich, ohne Bühne, also die primitive Gestalt der Tragödie

und jener Chor idealischer Zuschauer vertragen sich nicht mit

einander. Was wäre das für eine Kunstgattung, die aus dem Begriff

des Zuschauers herausgezogen wäre, als deren eigentliche Form der

"Zuschauer an sich" zu gelten hätte. Der Zuschauer ohne Schauspiel ist

ein widersinniger Begriff. Wir fürchten, dass die Geburt der Tragödie

weder aus der Hochachtung vor der sittlichen Intelligenz der Masse,

noch aus dem Begriff des schauspiellosen Zuschauers zu erklären

sei und halten dies Problem für zu tief, um von so flachen

Betrachtungsarten auch nur berührt zu werden.

Eine unendlich werthvollere Einsicht über die Bedeutung des Chors

hatte bereits Schiller in der berühmten Vorrede zur Braut von Messina

verrathen, der den Chor als eine lebendige Mauer betrachtete, die die

Tragödie um sich herum zieht, um sich von der wirklichen Welt rein

abzuschliessen und sich ihren idealen Boden und ihre poetische

Freiheit zu bewahren.

Schiller kämpft mit dieser seiner Hauptwaffe gegen den gemeinen

Begriff des Natürlichen, gegen die bei der dramatischen Poesie

gemeinhin geheischte Illusion. Während der Tag selbst auf dem Theater

nur ein künstlicher, die Architektur nur eine symbolische sei und die

metrische Sprache einen idealen Charakter trage, herrsche immer noch

der Irrthum im Ganzen: es sei nicht genug, dass man das nur als eine

poetische Freiheit dulde, was doch das Wesen aller Poesie sei. Die

Einführung des Chores sei der entscheidende Schritt, mit dem jedem

Naturalismus in der Kunst offen und ehrlich der Krieg erklärt werde.

- Eine solche Betrachtungsart ist es, scheint mir, für die unser

sich überlegen wähnendes Zeitalter das wegwerfende Schlagwort

"Pseudoidealismus" gebraucht. Ich fürchte, wir sind dagegen mit

unserer jetzigen Verehrung des Natürlichen und Wirklichen am

Gegenpol alles Idealismus angelangt, nämlich in der Region der

Wachsfigurencabinette. Auch in ihnen giebt es eine Kunst, wie bei

gewissen beliebten Romanen der Gegenwart: nur quäle man uns nicht

mit dem Anspruch, dass mit dieser Kunst der Schiller-Goethesche

"Pseudoidealismus" überwunden sei.

Freilich ist es ein "idealer" Boden, auf dem, nach der richtigen

Einsicht Schillers, der griechische Satyrchor, der Chor der

ursprünglichen Tragödie, zu wandeln pflegt, ein Boden hoch

emporgehoben über die wirkliche Wandelbahn der Sterblichen. Der

Grieche hat sich für diesen Chor die Schwebegerüste eines fingirten

Naturzustandes gezimmert und auf sie hin fingirte Naturwesen gestellt.

Die Tragödie ist auf diesem Fundamente emporgewachsen und freilich

schon deshalb von Anbeginn an einem peinlichen Abkonterfeien der

Wirklichkeit enthoben gewesen. Dabei ist es doch keine willkürlich

zwischen Himmel und Erde hineinphantasirte Welt; vielmehr eine Welt

von gleicher Realität und Glaubwürdigkeit wie sie der Olymp sammt

seinen Insassen für den gläubigen Hellenen besass. Der Satyr als der

dionysische Choreut lebt in einer religiös zugestandenen Wirklichkeit

unter der Sanction des Mythus und des Cultus. Dass mit ihm die

Tragödie beginnt, dass aus ihm die dionysische Weisheit der Tragödie

spricht, ist ein hier uns eben so befremdendes Phänomen wie überhaupt

die Entstehung der Tragödie aus dem Chore. Vielleicht gewinnen

wir einen Ausgangspunkt der Betrachtung, wenn ich die Behauptung

hinstelle, dass sich der Satyr, das fingirte Naturwesen, zu dem

Culturmenschen in gleicher Weise verhält, wie die dionysische Musik

zur Civilisation. Von letzterer sagt Richard Wagner, dass sie von

der Musik aufgehoben werde wie der Lampenschein vom Tageslicht. In

gleicher Weise, glaube ich, fühlte sich der griechische Culturmensch

im Angesicht des Satyrchors aufgehoben: und dies ist die nächste

Wirkung der dionysischen Tragödie, dass der Staat und die

Gesellschaft, überhaupt die Klüfte zwischen Mensch und Mensch einem

übermächtigen Einheitsgefühle weichen, welches an das Herz der Natur

zurückführt. Der metaphysische Trost, - mit welchem, wie ich schon

hier andeute, uns jede wahre Tragödie entlässt - dass das Leben im

Grunde der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar

mächtig und lustvoll sei, dieser Trost erscheint in leibhafter

Deutlichkeit als Satyrchor, als Chor von Naturwesen, die gleichsam

hinter aller Civilisation unvertilgbar leben und trotz allem Wechsel

der Generationen und der Völkergeschichte ewig dieselben bleiben.

Mit diesem Chore tröstet sich der tiefsinnige und zum zartesten und

schwersten Leiden einzig befähigte Hellene, der mit schneidigem

Blicke mitten in das furchtbare Vernidhtungstreiben der sogenannten

Weltgeschichte, eben so wie in die Grausamkeit der Natur geschaut hat

und in Gefahr ist, sich nach einer buddhaistischen Verneinung des

Willens zu sehnen. Ihn rettet die Kunst, und durch die Kunst rettet

ihn sich - das Leben.

Die Verzückung des dionysischen Zustandes mit seiner Vernichtung der

gewöhnlichen Schranken und Grenzen des Daseins enthält nämlich während

seiner Dauer ein lethargisches Element, in das sich alles persönlich

in der Vergangenheit Erlebte eintaucht. So scheidet sich durch diese

Kluft der Vergessenheit die Welt der alltäglichen und der dionysischen

Wirklichkeit von einander ab. Sobald aber jene alltägliche

Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als

solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die

Frucht jener Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch

Aehnlichkeit mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in

das Wesen der Dinge gethan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu

handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge

ändern, sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, dass ihnen

zugemuthet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten.

Die Erkenntniss tödtet das Handeln, zum Handeln gehört das

Umschleiertsein durch die Illusion - das ist die Hamletlehre, nicht

jene wohlfeile Weisheit von Hans dem Träumer, der aus zu viel

Reflexion, gleichsam aus einem Ueberschuss von Möglichkeiten nicht zum

Handeln kommt; nicht das Reflectiren, nein! - die wahre Erkenntniss,

der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln

antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei dem dionysischen

Menschen. Jetzt verfängt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht über eine

Welt nach dem Tode, über die Götter selbst hinaus, das Dasein wird,

sammt seiner gleissenden Wiederspiegelung in den Göttern oder in

einem unsterblichen Jenseits, verneint. In der Bewusstheit der

einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch überall nur das

Entsetzliche oder Absurde des Seins, jetzt versteht er das Symbolische

im Schicksal der Ophelia, jetzt erkennt er die Weisheit des Waldgottes

Silen: es ekelt ihn.

Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende,

heilkundige Zauberin, die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken

über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen

umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als

die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als

die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden. Der Satyrchor des

Dithyrambus ist die rettende That der griechischen Kunst; an der

Mittelwelt dieser dionysischen Begleiter erschöpften sich jene vorhin

beschriebenen Anwandlungen.

8.

Der Satyr wie der idyllische Schäfer unserer neueren Zeit sind Beide

Ausgeburten einer auf das Ursprüngliche und Natürliche gerichteten

Sehnsucht; aber mit welchem festen unerschrocknen Griffe fasste der

Grieche nach seinem Waldmenschen, wie verschämt und weichlich tändelte

der moderne Mensch mit dem Schmeichelbild eines zärtlichen flötenden

weichgearteten Hirten! Die Natur, an der noch keine Erkenntniss

gearbeitet, in der die Riegel der Cultur noch unerbrochen sind - das

sah der Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nicht mit dem

Affen zusammenfiel. Im Gegentheil: es war das Urbild des Menschen,

der Ausdruck seiner höchsten und stärksten Regungen, als begeisterter

Schwärmer, den die Nähe des Gottes entzückt, als mitleidender Genosse,

in dem sich das Leiden des Gottes wiederholt, als Weisheitsverkünder

aus der tiefsten Brust der Natur heraus, als Sinnbild der

geschlechtlichen Allgewalt der Natur, die der Grieche gewöhnt ist mit

ehrfürchtigem Staunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenes und

Göttliches: so musste er besonders dem schmerzlich gebrochnen Blick

des dionysischen Menschen dünken. Ihn hätte der geputzte, erlogene

Schäfer beleidigt: auf den unverhüllten und unverkümmert grossartigen

Schriftzügen der Natur weilte sein Auge in erhabener Befriedigung;

hier war die Illusion der Cultur von dem Urbilde des Menschen

weggewischt, hier enthüllte sich der wahre Mensch, der bärtige Satyr,

der zu seinem Gotte aufjubelt. Vor ihm schrumpfte der Culturmensch zur

lügenhaften Caricatur zusammen. Auch für diese Anfänge der tragischen

Kunst hat Schiller Recht: der Chor ist eine lebendige Mauer gegen

die anstürmende Wirklichkeit, weil er - der Satyrchor - das Dasein

wahrhaftiger, wirklicher, vollständiger abbildet als der gemeinhin

sich als einzige Realität achtende Culturmensch. Die Sphäre der Poesie

liegt nicht ausserhalb der Welt, als eine phantastische Unmöglichkeit

eines Dichterhirns: sie will das gerade Gegentheil sein, der

ungeschminkte Ausdruck der Wahrheit und muss eben deshalb den

lügenhaften Aufputz jener vermeinten Wirklichkeit des Culturmenschen

von sich werfen. Der Contrast dieser eigentlichen Naturwahrheit und

der sich als einzige Realität gebärdenden Culturlüge ist ein ähnlicher

wie zwischen dem ewigen Kern der Dinge, dem Ding an sich, und

der gesammten Erscheinungswelt: und wie die Tragödie mit ihrem

metaphysischen Troste auf das ewige Leben jenes Daseinskernes, bei

dem fortwährenden Untergange der Erscheinungen, hinweist, so spricht

bereits die Symbolik des Satyrchors in einem Gleichniss jenes

Urverhältniss zwischen Ding an sich und Erscheinung aus. Jener

idyllische Schäfer des modernen Menschen ist nur ein Konterfei der

ihm als Natur geltenden Summe von Bildungsillusionen; der dionysische

Grieche will die Wahrheit und die Natur in ihrer höchsten Kraft - er

sieht sich zum Satyr verzaubert.

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 3 / 12 段