Jetzt öffnet sich uns gleichsam der olympische Zauberberg und zeigt

uns seine Wurzeln. Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und

Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt leben zu können, musste er

vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes

ungeheure Misstrauen gegen die titanischen Mächte der Natur, jene über

allen Erkenntnissen erbarmungslos thronende Moira jener Geier des

grossen Menschenfreundes Prometheus, jenes Schreckensloos des weisen

Oedipus, jener Geschlechtsfluch der Atriden, der Orest zum Muttermorde

zwingt, kurz jene ganze Philosophie des Waldgottes, sammt ihren

mythischen Exempeln, an der die schwermüthigen Etrurier zu Grunde

gegangen sind - wurde von den Griechen durch jene künstlerische

Mittelwelt der Olympier fortwährend von Neuem überwunden, jedenfalls

verhüllt und dem Anblick entzogen. Um leben zu können, mussten die

Griechen diese Götter, aus tiefster Nöthigung, schaffen: welchen

Hergang wir uns wohl so vorzustellen haben, dass aus der

ursprünglichen titanischen Götterordnung des Schreckens durch jenen

apollinischen Schönheitstrieb in langsamen Uebergängen die olympische

Götterordnung der Freude entwickelt wurde: wie Rosen aus dornigem

Gebüsch hervorbrechen. Wie anders hätte jenes so reizbar empfindende,

so ungestüm begehrende, zum Leiden so einzig befähigte Volk das Dasein

ertragen können, wenn ihm nicht dasselbe, von einer höheren Glorie

umflossen, in seinen Göttern gezeigt worden wäre. Derselbe Trieb,

der die Kunst in's Leben ruft, als die zum Weiterleben verführende

Ergänzung und Vollendung des Daseins, liess auch die olympische Welt

entstehn, in der sich der hellenische "Wille" einen verklärenden

Spiegel vorhielt. So rechtfertigen die Götter das Menschenleben, indem

sie es selbst leben - die allein genügende Theodicee! Das Dasein

unter dem hellen Sonnenscheine solcher Götter wird als das an

sich Erstrebenswerthe empfunden, und der eigentliche Schmerz der

homerischen Menschen bezieht sich auf das Abscheiden aus ihm, vor

allem auf das baldige Abscheiden: so dass man jetzt von ihnen, mit

Umkehrung der silenischen Weisheit, sagen könnte, "das Allerschlimmste

sei für sie, bald zu sterben, das Zweitschlimmste, überhaupt einmal

zu sterben". Wenn die Klage einmal ertönt, so klingt sie wieder vom

kurzlebenden Achilles, von dem blättergleichen Wechsel und Wandel

des Menschengeschlechts, von dem Untergang der Heroenzeit. Es ist

des grössten Helden nicht unwürdig, sich nach dem Weiterleben zu

sehnen, sei es selbst als Tagelöhner. So ungestüm verlangt, auf der

apollinischen Stufe, der "Wille" nach diesem Dasein, so eins fühlt

sich der homerische Mensch mit ihm, dass selbst die Klage zu seinem

Preisliede wird.

Hier muss nun ausgesprochen werden, dass diese von den neueren

Menschen so sehnsüchtig angeschaute Harmonie, ja Einheit des Menschen

mit der Natur, für die Schiller das Kunstwort "naiv" in Geltung

gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher, sich von selbst

ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem wir an der

Pforte jeder Cultur, als einem Paradies der Menschheit begegnen

müssten: dies konnte nur eine Zeit glauben, die den Emil Rousseau's

sich auch als Künstler zu denken suchte und in Homer einen solchen am

Herzen der Natur erzogenen Künstler Emil gefunden zu haben wähnte.

Wo uns das "Naive" in der Kunst begegnet, haben wir die höchste

Wirkung der apollinischen Cultur zu erkennen: welche immer erst ein

Titanenreich zu stürzen und Ungethüme zu tödten hat und durch kräftige

Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über eine schreckliche

Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidensfähigkeit Sieger

geworden sein muss. Aber wie selten wird das Naive, jenes völlige

Verschlungensein in der Schönheit des Scheines, erreicht! Wie

unaussprechbar erhaben ist deshalb Homer, der sich, als Einzelner,

zu jener apollinischen Volkscultur verhält, wie der einzelne

Traumkünstler zur Traumbefähigung des Volks und der Natur überhaupt.

Die homerische "Naivetät" ist nur als der vollkommene Sieg der

apollinischen Illusion zu begreifen: es ist dies eine solche Illusion,

wie sie die Natur, zur Erreichung ihrer Absichten, so häufig

verwendet. Das wahre Ziel wird durch ein Wahnbild verdeckt: nach

diesem strecken wir die Hände aus, und jenes erreicht die Natur durch

unsre Täuschung. In den Griechen wollte der "Wille" sich selbst,

in der Verklärung des Genius und der Kunstwelt, anschauen; um

sich zu verherrlichen, mussten seine Geschöpfe sich selbst als

verherrlichenwerth empfinden sie mussten sich in einer höheren Sphäre

wiedersehn, ohne dass diese vollendete Welt der Anschauung als

Imperativ oder als Vorwurf wirkte Dies ist die Sphäre der Schönheit,

in der sie ihre Spiegelbilder, die Olympischen, sahen. Mit dieser

Schönheitsspiegelung kämpfte der hellenische "Wille" gegen das dem

künstlerischen correlative Talent zum Leiden und zur Weisheit des

Leidens und als Denkmal seines Sieges steht Homer vor uns, der naive

Künstler.

4.

Ueber diesen naiven Künstler giebt uns die Traumanalogie einige

Belehrung Wenn wir uns den Träumenden vergegenwärtigen, wie er, mitten

in der Illusion der Traumwelt und ohne sie zu stören, sich zuruft "es

ist ein Traum, ich will ihn weiter träumen", wenn wir hieraus auf eine

tiefe innere Lust des Traumanschauens zu schliessen haben, wenn wir

andererseits, um überhaupt mit dieser inneren Lust am Schauen träumen

zu können, den Tag und seine schreckliche Zudringlichkeit völlig

vergessen haben müssen so dürfen wir uns alle diese Erscheinungen

etwa in folgender Weise, unter der Leitung des traumdeutenden Apollo,

interpretiren. So gewiss von den beiden Hälften des Lebens, der

wachen und der träumenden Hälfte, uns die erstere als die ungleich

bevorzugtere, wichtigere, würdigere, lebenswerthere, ja allein gelebte

dünkt so möchte ich doch, bei allem Anscheine einer Paradoxie, für

jenen geheimnissvollen Grund unseres Wesens, dessen Erscheinung

wir sind, gerade die entgegengesetzte Werthschätzung des Traumes

behaupten. Je mehr ich nämlich hin der Natur jene allgewaltigen

Kunsttriebe und in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum

Erlöstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich

zu der metaphysischen Annahme gedrängt, dass das Wahrhaft-Seiende und

Ur-Eine, als das ewig Leidende und Widerspruchsvolle, zugleich die

entzückende Vision, den lustvollen Schein, zu seiner steten Erlösung

braucht: welchen Schein wir, völlig in ihm befangen und aus ihm

bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende d.h. als ein fortwährendes

Werden in Zeit, Raum und Causalität, mit anderen Worten, als

empirische Realität zu empfinden genöthigt sind. Sehen wir also einmal

von unsrer eignen "Realität" für einen Augenblick ab, fassen wir unser

empirisches Dasein, wie das der Welt überhaupt, als eine in jedem

Moment erzeugte Vorstellung des Ur-Einen, so muss uns jetzt der Traum

als der Schein des Scheins, somit als eine noch höhere Befriedigung

der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus diesem selben Grunde

hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust an dem

naiven Künstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichlfalls nur

"Schein des Scheins" ist. Rafael, selbst einer jener unsterblichen

"Naiven", hat uns in einem gleichnissartigen Gemälde jenes

Depotenziren des Scheins zum Schein, den Urprozess des naiven

Künstlers und zugleich der apollinischen Cultur, dargestellt. In

seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hälfte, mit dem besessenen

Knaben, den verzweifelnden Trägern, den rathlos geängstigten Jüngern,

die Wiederspiegelung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der

Welt der "Schein" ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des

Vaters der Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer

Duft, eine visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im

ersten Schein Befangenen nichts sehen - ein leuchtendes Schweben

in reinster Wonne und schmerzlosem, aus weiten Augen strahlenden

Anschauen. Hier haben wir, in höchster Kunstsymbolik, jene

apollinische Schönheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche

Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch

Intuition, ihre gegenseitige Nothwendigkeit Apollo aber tritt uns

wiederum als die Vergöttlichung des principii individuationis

entgegen, in dem allein das ewig erreichte Ziel des Ur-Einen, seine

Erlösung durch den Schein, sich vollzieht: er zeigt uns, mit erhabenen

Gebärden, wie die ganze Welt der Qual nöthig ist, damit durch sie der

Einzelne zur Erzeugung der erlösenden Vision gedrängt werde und dann,

ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden

Kahne, inmitten des Meeres, sitze.

Diese Vergöttlichung der Individuation kennt, wenn sie überhaupt

imperativisch und Vorschriften gebend gedacht wird, nur Ein Gesetz,

das Individuum d.h. die Einhaltung der Grenzen des Individuums,

das Maass im hellenischen Sinne. Apollo, als ethische Gottheit,

fordert von den Seinigen das Maass und, um es einhalten zu können,

Selbsterkenntniss. Und so läuft neben der ästhetischen Nothwendigkeit

der Schönheit die Forderung des "Erkenne dich selbst" und des "Nicht

zu viel!" her, während Selbstüberhebung und Uebermaass als die

eigentlich feindseligen Dämonen der nicht-apollinischen Sphäre, daher

als Eigenschaften der vor-apollinischen Zeit, des Titanenzeitalters,

und der ausser-apollinischen Welt d.h. der Barbarenwelt, erachtet

wurden. Wegen seiner titanenhaften Liebe zu den Menschen musste

Prometheus von den Geiern zerrissen werden, seiner übermässigen

Weisheit halber, die das Räthsel der Sphinx löste, musste Oedipus in

einen verwirrenden Strudel von Unthaten stürzen: so interpretirte der

delphische Gott die griechische Vergangenheit.

"Titanenhaft" und "barbarisch" dünkte dem apollinischen Griechen auch

die Wirkung, die das Dionysische erregte: ohne dabei sich verhehlen

zu können, dass er selbst doch zugleich auch innerlich mit jenen

gestürzten Titanen und Heroen verwandt sei. Ja er musste noch mehr

empfinden: sein ganzes Dasein mit aller Schönheit und Mässigung ruhte

auf einem verhüllten Untergrunde des Leidens und der Erkenntniss,

der ihm wieder durch jenes Dionysische aufgedeckt wurde. Und siehe!

Apollo konnte nicht ohne Dionysus leben! Das "Titanische" und das

"Barbarische" war zuletzt eine eben solche Nothwendigkeit wie das

Apollinische! Und nun denken wir uns, wie in diese auf den Schein und

die Mässigung gebaute und künstlich gedämmte Welt der ekstatische

Ton der Dionysusfeier in immer lockenderen Zauberweisen hineinklang,

wie in diesen das ganze Uebermaass der Natur in Lust, Leid und

Erkenntniss, bis zum durchdringenden Schrei, laut wurde: denken wir

uns, was diesem dämonischen Volksgesange gegenüber der psalmodirende

Künstler des Apollo, mit dem gespensterhaften Harfenklange, bedeuten

konnte! Die Musen der Künste des "Scheins" verblassten vor einer

Kunst, die in ihrem Rausche die Wahrheit sprach, die Weisheit

des Silen rief Wehe! Wehe! aus gegen die heiteren Olympier. Das

Individuum, mit allen seinen Grenzen und Maassen, ging hier in der

Selbstvergessenheit der dionysischen Zustände unter und vergass die

apollinischen Satzungen. Das Uebermaass enthüllte sich als Wahrheit,

der Widerspruch, die aus Schmerzen geborene Wonne sprach von sich

aus dem Herzen der Natur heraus. Und so war, überall dort, wo das

Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet.

Aber eben so gewiss ist, dass dort, wo der erste Ansturm ausgehalten

wurde, das Ansehen und die Majestät des delphischen Gottes starrer und

drohender als je sich äusserte. Ich vermag nämlich den dorischen Staat

und die dorische Kunst mir nur als ein fortgesetztes Kriegslager des

Apollinischen zu erklären: nur in einem unausgesetzten Widerstreben

gegen das titanisch-barbarische Wesen des Dionysischen konnte

eine so trotzig-spröde, mit Bollwerken umschlossene Kunst, eine

so kriegsgemässe und herbe Erziehung, ein so grausames und

rücksichtsloses Staatswesen von längerer Dauer sein.

Bis zu diesem Punkte ist des Weiteren ausgeführt worden, was ich am

Eingange dieser Abhandlung bemerkte: wie das Dionysische und das

Apollinische in immer neuen auf einander folgenden Geburten, und sich

gegenseitig steigernd das hellenische Wesen beherrscht haben: wie

aus dem "erzenen" Zeitalter, mit seinen Titanenkämpfen und seiner

herben Volksphilosophie, sich unter dem Walten des apollinischen

Schönheitstriebes die homerische Welt entwickelt, wie diese "naive"

Herrlichkeit wieder von dem einbrechenden Strome des Dionysischen

verschlungen wird, und wie dieser neuen Macht gegenüber sich

das Apollinische zur starren Majestät der dorischen Kunst und

Weltbetrachtung erhebt. Wenn auf diese Weise die ältere hellenische

Geschichte, im Kampf jener zwei feindseligen Principien, in vier

grosse Kunststufen zerfällt: so sind wir jetzt gedrängt, weiter nach

dem letzten Plane dieses Werdens und Treibens zu fragen, falls uns

nicht etwa die letzterreichte Periode, die der dorischen Kunst, als

die Spitze und Absicht jener Kunsttriebe gelten sollte: und hier

bietet sich unseren Blicken das erhabene und hochgepriesene Kunstwerk

der attischen Tragödie und des dramatischen Dithyrambus, als das

gemeinsame Ziel beider Triebe, deren geheimnissvolles Ehebündniss,

nach langem vorhergehenden Kampfe, sich in einem solchen Kinde - das

zugleich Antigone und Kassandra ist - verherrlicht hat.

5.

Wir nahen uns jetzt dem eigentlichen Ziele unsrer Untersuchung, die

auf die Erkenntniss des dionysisch-apollinischen Genius und seines

Kunstwerkes, wenigstens auf das ahnungsvolle Verständniss jenes

Einheitsmysteriums gerichtet ist. Hier fragen wir nun zunächst, wo

jener neue Keim sich zuerst in der hellenischen Welt bemerkbar macht,

der sich nachher bis zur Tragödie und zum dramatischen Dithyrambus

entwickelt. Hierüber giebt uns das Alterthum selbst bildlich

Aufschluss, wenn es als die Urväter und Fackelträger der griechischen

Dichtung Homer und Archilochus auf Bildwerken, Gemmen u.s.w. neben

einander stellt, in der sicheren Empfindung, dass nur diese Beiden

gleich völlig originalen Naturen, von denen aus ein Feuerstrom auf die

gesammte griechische Nachwelt fortfliesse, zu erachten seien. Homer,

der in sich versunkene greise Träumer, der Typus des apollinischen,

naiven Künstlers, sieht nun staunend den leidenschaftlichen Kopf

des wild durch's Dasein getriebenen kriegerischen Musendieners

Archilochus: und die neuere Aesthetik wusste nur deutend hinzuzufügen,

dass hier dem "objectiven" Künstler der erste "subjective" entgegen

gestellt sei. Uns ist mit dieser Deutung wenig gedient, weil wir den

subjectiven Künstler nur als schlechten Künstler kennen und in jeder

Art und Höhe der Kunst vor allem und zuerst Besiegung des Subjectiven,

Erlösung vom "Ich" und Stillschweigen jedes individuellen Willens und

Gelüstens fordern, ja ohne Objectivität, ohne reines interesseloses

Anschauen nie an die geringste wahrhaft künstlerische Erzeugung

glauben können. Darum muss unsre Aesthetik erst jenes Problem lösen,

wie der "Lyriker" als Künstler möglich ist: er, der, nach der

Erfahrung aller Zeiten, immer "ich" sagt und die ganze chromatische

Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt.

Gerade dieser Archilochus erschreckt uns, neben Homer, durch den

Schrei seines Hasses und Hohnes, durch die trunknen Ausbrüche seiner

Begierde; ist er, der erste subjectiv genannte Künstler, nicht damit

der eigentliche Nichtkünstler? Woher aber dann die Verehrung, die

ihm, dem Dichter, gerade auch das delphische Orakel, der Herd der

"objectiven" Kunst, in sehr merkwürdigen Aussprüchen erwiesen hat?

Ueber den Prozess seines Dichtens hat uns Schiller durch eine ihm

selbst unerklärliche, doch nicht bedenklich scheinende psychologische

Beobachtung Licht gebracht; er gesteht nämlich als den vorbereitenden

Zustand vor dem Actus des Dichtens nicht etwa eine Reihe von Bildern,

mit geordneter Causalität der Gedanken, vor sich und in sich gehabt zu

haben, sondern vielmehr eine musikalische Stimmung ("Die Empfindung

ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser

bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung

geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee").

Nehmen wir jetzt das wichtigste Phänomen der ganzen antiken Lyrik

hinzu, die überall als natürlich geltende Vereinigung, ja Identität

des Lyrikers mit dem Musiker - der gegenüber unsre neuere Lyrik wie

ein Götterbild ohne Kopf erscheint - so können wir jetzt, auf Grund

unsrer früher dargestellten aesthetischen Metaphysik, uns in folgender

Weise den Lyriker erklären. Er ist zuerst, als dionysischer Künstler,

gänzlich mit dem Ur-Einen, seinem Schmerz und Widerspruch, eins

geworden und producirt das Abbild dieses Ur-Einen als Musik, wenn

anders diese mit Recht eine Wiederholung der Welt und ein zweiter

Abguss derselben genannt worden ist; jetzt aber wird diese Musik

ihm wieder wie in einem gleichnissartige Traumbilde, unter der

apollinischen Traumeinwirkung sichtbar. Jener bild- und begrifflose

Wiederschein des Urschmerzes in der Musik, mit seiner Erlösung

im Scheine, erzeugt jetzt eine zweite Spiegelung, als einzelnes

Gleichniss oder Exempel. Seine Subjectivität hat der Künstler bereits

in dem dionysischen Prozess aufgegeben: das Bild, das ihm jetzt seine

Einheit mit dem Herzen der Welt zeigt, ist eine Traumscene, die

jenen Urwiderspruch und Urschmerz, sammt der Urlust des Scheines,

versinnlicht. Das "Ich" des Lyrikers tönt also aus dem Abgrunde des

Seins: seine "Subjectivität" im Sinne der neueren Aesthetiker ist eine

Einbildung. Wenn Archilochus, der erste Lyriker der Griechen, seine

rasende Liebe und zugleich seine Verachtung den Töchtern des Lykambes

kundgiebt, so ist es nicht seine Leidenschaft, die vor uns in

orgiastischem Taumel tanzt: wir sehen Dionysus und die Mänaden, wir

sehen den berauschten Schwärmer Archilochus zum Schlafe niedergesunken

- wie ihn uns Euripides in den Bacchen beschreibt, den Schlaf auf

hoher Alpentrift, in der Mittagssonne -: und jetzt tritt Apollo an ihn

heran und berührt ihn mit dem Lorbeer. Die dionysisch-musikalische

Verzauberung des Schläfers sprüht jetzt gleichsam Bilderfunken um

sich, lyrische Gedichte, die in ihrer höchsten Entfaltung Tragödien

und dramatische Dithyramben heissen.

Der Plastiker und zugleich der ihm verwandte Epiker ist in das reine

Anschauen der Bilder versunken. Der dionysische Musiker ist ohne jedes

Bild völlig nur selbst Urschmerz und Urwiederklang desselben. Der

lyrische Genius fühlt aus dem mystischen Selbstentäusserungs- und

Einheitszustande eine Bilder- und Gleichnisswelt hervorwachsen, die

eine ganz andere Färbung, Causalität und Schnelligkeit hat als jene

Welt des Plastikers und Epikers. Während der Letztgenannte in diesen

Bildern und nur in ihnen mit freudigem Behagen lebt und nicht müde

wird, sie bis auf die kleinsten Züge hin liebevoll anzuschauen,

während selbst das Bild des zürnenden Achilles für ihn nur ein Bild

ist, dessen zürnenden Ausdruck er mit jener Traumlust am Scheine

geniesst - so dass er, durch diesen Spiegel des Scheines, gegen das

Einswerden und Zusammenschmelzen mit seinen Gestalten geschützt ist

-, so sind dagegen die Bilder des Lyrikers nichts als er selbst und

gleichsam nur verschiedene Objectivationen von ihm, weshalb er als

bewegender Mittelpunkt jener Welt "ich" sagen darf: nur ist diese

Ichheit nicht dieselbe, wie die des wachen, empirisch- realen

Menschen, sondern die einzige überhaupt wahrhaft seiende und ewige, im

Grunde der Dinge ruhende Ichheit, durch deren Abbilder der lyrische

Genius bis auf jenen Grund der Dinge hindurchsieht. Nun denken wir uns

einmal, wie er unter diesen Abbildern auch sich selbst als Nichtgenius

erblickt d.h. sein "Subject", das ganze Gewühl subjectiver, auf ein

bestimmtes, ihm real dünkendes Ding gerichteter Leidenschaften und

Willensregungen; wenn es jetzt scheint als ob der lyrische Genius und

der mit ihm verbundene Nichtgenius eins wäre und als ob der Erstere

von sich selbst jenes Wörtchen "ich" spräche, so wird uns jetzt dieser

Schein nicht mehr verführen können, wie er allerdings diejenigen

verführt hat, die den Lyriker als den subjectiven Dichter bezeichnet

haben. In Wahrheit ist Archilochus, der leidenschaftlich entbrannte

liebende und hassende Mensch nur eine Vision des Genius, der bereits

nicht mehr Archilochus, sondern Weltgenius ist und der seinen

Urschmerz in jenem Gleichnisse vom Menschen Archilochus symbolisch

ausspricht: während jener subjectiv wollende und begehrende Mensch

Archilochus überhaupt nie und nimmer Dichter sein kann. Es ist aber

gar nicht nöthig, dass der Lyriker gerade nur das Phänomen des

Menschen Archilochus vor sich sieht als Wiederschein des ewigen Seins;

und die Tragödie beweist, wie weit sich die Visionswelt des Lyrikers

von jenem allerdings zunächst stehenden Phänomen entfernen kann.

Schopenhauer, der sich die Schwierigkeit, die der Lyriker für die

philosophische Kunstbetrachtung macht, nicht verhehlt hat, glaubt

einen Ausweg gefunden zu haben, den ich nicht mit ihm gehen kann,

während ihm allein, in seiner tiefsinnigen Metaphysik der Musik,

das Mittel in die Hand gegeben war, mit dem jene Schwierigkeit

entscheidend beseitigt werden konnte: wie ich dies, in seinem Geiste

und zu seiner Ehre, hier gethan zu haben glaube. Dagegen bezeichnet er

als das eigenthümliche Wesen des Liedes Folgendes (Welt als Wille und

Vorstellung I, S. 295): "Es ist das Subject des Willens, d.h. das

eigene Wollen, was das Bewusstsein des Singenden füllt, oft als ein

entbundenes, befriedigtes Wollen (Freude), wohl noch öfter aber als

ein gehemmtes (Trauer), immer als Affect, Leidenschaft, bewegter

Gemüthszustand. Neben diesem jedoch und zugleich damit wird durch den

Anblick der umgebenden Natur der Singende sich seiner bewusst als

Subjects des reinen, willenlosen Erkennens, dessen unerschütterliche,

selige Ruhe nunmehr in Contrast tritt mit dem Drange des immer

beschränkten, immer noch dürftigen Wollens: die Empfindung dieses

Contrastes, dieses Wechselspieles ist eigentlich, was sich im Ganzen

des Liedes ausspricht und was überhaupt den lyrischen Zustand

ausmacht. In diesem tritt gleichsam das reine Erkennen zu uns heran,

um uns vom Wollen und seinem Drange zu erlösen: wir folgen; doch nur

auf Augenblicke: immer von Neuem entreisst das Wollen, die Erinnerung

an unsere persönlichen Zwecke, uns der ruhigen Beschauung; aber auch

immer wieder entlockt uns dem Wollen die nächste schöne Umgebung, in

welcher sich die reine willenlose Erkenntniss uns darbietet. Darum

geht im Liede und der lyrischen Stimmung das Wollen (das persönliche

Interesse des Zwecks) und das reine Anschauen der sich darbietenden

Umgebung wundersam gemischt durch einander: es werden Beziehungen

zwischen beiden gesucht und imaginirt; die subjective Stimmung, die

Affection des Willens, theilt der angeschauten Umgebung und diese

wiederum jener ihre Farbe im Reflex mit: von diesem ganzen so

gemischten und getheilten Gemüthszustande ist das ächte Lied der

Abdruck".

Die Geburt der Tragödie: Versuch einer Selbstkritik · 第 2 / 12 段